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	<title>Brigitte &#8211; gezeit</title>
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	<description>Zeitschrift der FV GEWI</description>
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		<title>Das Gewitter in der Wolke</title>
		<link>https://gewi.bagru.at/gezeit/archiv/2017/das-gewitter-in-der-wolke/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Brigitte]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 15 Jul 2017 15:00:39 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2017]]></category>
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					<description><![CDATA[Zum Verhältnis der Linken zu BDS, Antizionismus und dem Staat Israel. Jean Améry zufolge ist der Antisemitismus im Antizionismus enthalten, wie das Gewitter in der Wolke (Amery 1969, zitiert in Scheit 2002). Nach der Shoah schien sich die Linke einig,&#8230; <a href="https://gewi.bagru.at/gezeit/archiv/2017/das-gewitter-in-der-wolke/" class="more-link">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<h2>Zum Verhältnis der Linken zu BDS, Antizionismus und dem Staat Israel.</h2>
<p>Jean Améry zufolge ist der Antisemitismus im Antizionismus enthalten, wie das Gewitter in der Wolke (Amery 1969, zitiert in Scheit 2002). Nach der Shoah schien sich die Linke einig, dass das einzig richtige Verhältnis zum Staat Israel ein affirmatives sein kann. Doch dieses Verhältnis erwies sich (mit der Zeit) als äußerst brüchig – Antizionismus wird nicht nur von der extremen Rechten vertreten, sondern zieht sich von der Mitte der Gesellschaft bis hinein in die Linke. Der folgende Artikel soll, anhand des „Boycott, Divestment, Sanctions (BDS) Movement“, eine Bestandsaufnahme des linken Antizionismus liefern.</p>
<p>Ausgangspunkt dieser Überlegungen ist die Frage, wie es möglich sein kann, dass eine Linke, welche sich in ihrem politischen Selbstverständnis gegen Antisemitismus positioniert, dennoch eine Bewegung wie BDS unterstützen kann. Im Versuch, dieses scheinbare Paradoxon zu verstehen, werde ich zunächst auf BDS allgemein eingehen. In einem zweiten Schritt zeichne ich ausführlicher die Geschichte von Antisemitismus, Antizionismus und dem Verhältnis der Linken zu Israel nach der Shoah nach.</p>
<h3>BDS als Beispiel aktueller antizionistischer Bewegungen</h3>
<p>BDS versteht sich als Bewegung, welche durch internationalen Druck, ökonomische Isolierung und einem ausgedehnten Warenboykott, gezielt den Staat Israel „kritisiert“ und fragwürdige Forderungen durchsetzen will. BDS findet unter anderem in den USA und Europa großen Zuspruch, vor allem in Teilen linker Szenen.</p>
<p>Die Bewegung behauptet, Israel sei ein Kolonial- und Apartheidsstaat, angetrieben von Rassismus, der palästinensische Gebiete militärisch besetzt halte oder sogar ethnische Säuberungen durchführe. Die Israelis würden demnach auf besetztem „arabischem“ Land leben und Palästinenser_innen fundamentale Rechte und volle Gleichstellung verwehren.<sup>1</sup> Ziel der Bewegung ist es, dem entgegen zu treten, bis Israel palästinensische Rechte anerkennt und umsetzt.<sup>2</sup></p>
<p>Anhand dieser ahistorischen, oberflächlichen und undifferenzierten Vorstellungen wird das problematische Ausmaß der Gruppe deutlich. BDS muss als antisemitische Bewegung bezeichnet werden, welche sowohl in ihren Forderungen, ihrer Rhetorik, als auch ihren Handlungen antizionistisch agiert. Diese Einschätzung wird unter anderem von der <i>Anti-Defamation League</i><sup>3</sup> und dem <i>Simon Wiesenthal Center</i><sup>4</sup> geteilt. Klassisch lassen sich am Beispiel der BDS Bewegung die 3 D’s (Dämonisierung, Delegitimation, Doppelstandards), welche Nathan Scharansky einführte, anwenden, um deren antisemitischen Bezug auf den Staat Israel bloßzustellen. Die Dämonisierung erfolgt unter anderem in der Behauptung, Israel sei, als solcher, ein (besonders) rassistischer oder sogar faschistischer Staat. Auch die Gleichsetzung mit der, im Gegensatz zur einzigen Demokratie im Nahen Osten, tatsächlich rassistischen Apartheid in Südafrika, fällt in diese Kategorie. Doppel-Standards betreffen unter anderem die Aktivitäten palästinensischer Organisationen wie beispielsweise der Hamas. Über deren Verbrechen, deren Aufrufe zu und Verwirklichung von Terror und Mord an jüdischen Zivilist_innen wird von Seiten der BDS-Bewegung geschwiegen. Ebenso darüber, wie die arabischen Nachbarstaaten mit den palästinensischen Geflüchteten umgehen, welche zum Teil seit Jahrzehnten in Flüchtlingscamps leben, ohne Staatsbürgerschaft in den jeweiligen Ländern zugesprochen zu bekommen. BDS erzeugt so eine nicht nur einseitige Perspektive auf eine komplexe Situation, sondern eine darüber hinaus noch verzerrte und faktisch falsche. Am Ende kann nur das Fazit gezogen werden, dass eine derartige Politik weder emanzipatorisch sein kann, noch Palästinenser_innen hilft. Das einzige, was BDS vermag, ist, in antisemitischer Manier, durch die Verbreitung gezielter Falschmeldungen und Ressentiments den Staat der Shoah-Überlebenden zu delegitimieren und ihm das Existenzrecht abzusprechen. Die Notwendigkeit der Existenz dieses Staates als möglicher Zufluchtsort für Juden_Jüdinnen bestätigt sich vor allem an aktuell steigenden antisemitischen Vorfällen und Angriffen.</p>
<h3>Von Philosemitismus zu Antisemitismus</h3>
<p>Im Folgenden möchte ich einige Erklärungen geben, warum antisemitische Bewegungen wie BDS von Linken, die traditionell an Emanzipation und Befreiung orientiert waren, unterstützt werden. Exemplarisch gemacht werden soll das anhand der Geschichte der Linken der Nachkriegszeit.</p>
<p>Nach der Shoah war die Linke in Deutschland in ihrer Position gegenüber dem jungen Staat Israel zunächst solidarisch gestimmt. Dies änderte sich jedoch schlagartig, als in den späten Sechzigern der sogenannte Sechs-Tage-Krieg ausbricht. Das Besondere an diesem Krieg war, dass Israel erstmals in seiner Geschichte eine militärische Offensive initiierte, es sich also, bei oberflächlicher Betrachtung, nicht um einen „Defensivkrieg“ gehandelt hatte. Tatsächlich war dieser Krieg eine Reaktion auf die von Ägypten, Jordanien und Syrien angekündigte Vernichtung des Staates. Während die Linke zuvor noch größte Empathie und Sorge um das Wohlergehen des jungen Staates verlautbarte, es etwa zu „proisraelischen Demonstrationen und Spendensammlungen“ (Kloke 2010:79) kam, war nach dem Präventivschlag die Lage in der (deutschen) Linken gänzlich anders. Israel war nicht länger das passive Subjekt permanenter Vernichtungsbedrohung, vielmehr wurde der jüdische Staat fortan als „aggressive Besatzungsmacht [wahrgenommen], die die Lebensgrundlage der Palästinenser in den besetzten Gebieten zerstöre“ (Markl). Diese radikale Umkehr der linken Positionierung zu Israel lässt nur einen Schluss zu: Die vermeintliche „Israelsolidarität“ war mehr Farce mit einer gehörigen Portion Philosemitismus<sup>5</sup>, als sonst etwas. Tragisch an dem Aufbrechen der Farce kommt hinzu, dass sich, geknüpft an die Verurteilung der militärischen Vorgehensweise, auch „zunehmend Zweifel an der Legitimation Israels an sich“ (Kloke 2010:80) auftaten. Das heißt, es wurde die Existenz des Staates Israel insgesamt in Frage gestellt.</p>
<p>Dieser komplette Bruch der Linken mit Israel nahm in Teilen der Linken auch real gewalttätige Auswüchse an. An dieser Stelle sei beispielsweise die 1969 bis 1970 existierende linksterroristische Gruppe Tupamaros West-Berlin<sup>6</sup> zu nennen, eine Gruppe junger Deutscher, welche klar antisemitisch war. Diese haben sich einer paramilitärischen Ausbildung in einem palästinensischen Ausbildungslager unterzogen, nur um dann – glücklicherweise aufgrund einer Fehlfunktion erfolglos – am 9. November 1969 eine Bombe im jüdischen Gemeindehaus Westberlins zu legen. Das Datum<sup>7</sup> wurde bewusst gewählt und war der Auftakt einer Kampagne, um gegen Zionismus und Israel zu kämpfen. Ein weiteres Beispiel ist die Rote Armee Fraktion (RAF), ebenfalls eine linke antisemitische Terrorgruppe, welche sich in der Tradition der Tupamaros sah. Diese haben sich positiv in Bezug auf die Ermordung jüdischer Sportler_innen im Rahmen der olympischen Spiele 1972 geäußert. Sie wurde bekannt als Geiselnahme von München, bei welcher Mitglieder der palästinensischen Terrororganisation Schwarzer September elf israelische Sportler_innen als Geisel nahmen. Alle elf wurden ermordet. Einige Jahre später, 1976, wird ein französisches Flugzeug gewaltsam von Mitgliedern der sogenannten Revolutionären Zellen sowie der PFLP nach Entebbe, Uganda umgelenkt. Im Zuge dieser Entführung kam es zu einer Selektion von jüdischen und nichtjüdischen Menschen (Kloke 2010:83). Die Revolutionären Zellen reihen sich, wie die zuvor genannten, ebenfalls ins linksradikale terroristische Spektrum und waren zwischen den 70ern und 90ern aktiv.</p>
<p>Seit den 2000ern fallen auch globalisierungskritische Bewegungen als antizionistisch und zumindest strukturell antisemitisch auf – dies findet unter anderem in Boycottaufrufen Ausdruck. Parallelen zum Boycottaufruf gegen Juden_Jüdinnen während der Shoah („Kauft nicht bei Juden“) werden entweder nicht als solche aufgefasst oder in beeindruckender Aufklärungsresistenz verworfen. Die Hartnäckigkeit antisemitischer Ressentiments, welche sich heute nicht nur, aber verstärkt auch in antizionistischer Form ausdrückt, lässt sich mit folgendem Zitat Martin Klokes treffend auf den Punkt bringen:</p>
<p>„Der jahrhundertelange Antisemitismus hat sich 1945 nicht einfach verflüchtigt, sondern prägt nach wie vor das kollektive Unbewusste der Weltgemeinschaft. Außerdem hat diese Weltgemeinschaft immer noch ein schlechtes Gewissen: Sie verzeiht den Juden Auschwitz nicht – und giert nach Exkulpation und moralischer Kompensation wegen ihres Versagens in der Nazi-Zeit. Je „böser“ die Israelis gezeichnet werden, desto „besser“ können „wir“ uns fühlen – dann war der Holocaust, wenn wir ihn schon nicht leugnen können, wenigstens nicht einzigartig. […] Antisemitismus nicht trotz, sondern wegen Auschwitz“ (Kloke 2010:89).</p>
<p>Es kann hier von einem Antisemitismus gesprochen, der sich geopolitisch gegen Israel, als jüdischen Staat, in Form von Antizionismus ausdrückt. Ein Antisemitismus, welcher wie schon öfters festgestellt, trotz und wegen Auschwitz (fort-)besteht; ein Ausdruck „ein[es] spezifische[n] Bedürfnis nach vergangenheitspolitischer Entlastung ohne Aufarbeitung eigener Schuld […], eine Sehnsucht, die eigene (familiäre und/oder nationale) antisemitische Vergangenheit durch eine antisemitische Gegenwart zu tilgen“ (Salzborn 2013:6).</p>
<h3>Die Welt als „gut“ und „böse“</h3>
<p>Der Antizionismus, welcher von großen Teilen der Linken bis heute vertreten wird, lässt sich historisch vor allem anhand eines antiimperialistischen Weltbildes festmachen. Dieses lässt sich vordergründig durch seinen manichäischen Erklärungscharakter beschreiben. Das heißt, die Welt wird binär in Herrschende und Beherrschte, in Kolonialherren und Kolonialisierte, in „gut“ und „böse“ eingeteilt. Nachdem absehbar war, dass weder in der BRD, noch in der UdSSR die ersehnte Revolution stattfinden würde, wurde diese Sehnsucht auf „Befreiungsbewegungen“ der sogenannten 3. Welt projiziert. Dabei wurden jegliche Konflikte unabhängig den ihnen zugrunde liegenden Komplexitäten in eine „gute“ und eine „böse“ Partei unterteilt, wobei die jeweils als „gut“ klassifizierte Gruppe als Identifikationsobjekt diente.</p>
<p>„Das Modell war griffig: Ein Volk fordert seine Selbstbestimmung gegenüber fremder Herrschaft und imperialistischer Ausbeutung. Herrschaft wurde auf Fremdherrschaft, Kapitalismus auf fremde Ausbeutung reduziert. Die notwendige und richtige Parteinahme für die aufständische Bevölkerung mutierte zur unkritischen Pauschalidentifikation mit den jeweiligen Befreiungsbewegungen. […] Dieser unkritisch-identifikatorische Bezug auf die Kämpfe nationaler Befreiungsbewegungen unter Berufung auf die Pseudotheorie des Marxismus-Leninismus […] produzierte eine unhinterfragt positive Besetzung der Begriffe von Nation, Staat und Volk“ (Haury:9).</p>
<p>In dieser Unterteilung steckte allerdings schon die für den Antisemitismus so charakteristische Spaltung von Gut und Böse: „die Juden“ mussten immer schon als Projektionsfläche für alles herhalten, was an der Eigengruppe und modernen gesellschaftlichen Verhältnissen als bedrohlich und unbehaglich wahrgenommen wurde. Getragen von sekundärem Antisemitismus, als Abwehr der Schuld und der Erinnerung, wurde Israel nunmehr als das imperialistische „Böse“ identifiziert, während Palästinenser_innen das unterdrückte „gute“ Volk darstellten, welches es in seinem „Befreiungskampf“ zu unterstützen galt. Vergleichbar manichäische Erklärungsmuster weisen mitunter auch Vertreter_innen der postmodernen Theorie und postcolonial studies wie beispielsweise Frantz Fanon, Edward Said oder Jasbir Puar auf.<sup>8</sup><br />
Antisemitismus lässt sich darüber historisch auch immer wieder bei Sozialdemokrat_innen, Anarchist_innen, sowie autonomen Linken feststellen.</p>
<p>Unfähig und unwillig im Antisemitismus mehr als eine Spielart des Rassismus zu verstehen, bleibt es kein Wunder, dass Antisemitismus und Antizionismus in großen Teilen der Linken verbreitet sind und waren und antisemitische Gruppen wie BDS Unterstützung finden.</p>
<h3>Fußnoten</h3>
<p>1: Vgl. https://bdsmovement.net/bdsintro (Zugriff am 30.04.2016)</p>
<p>2: http://www.stopthewall.org/downloads/pdf/boycott%20factsheet%20updated.pdf (Zugriff am 30.04.2016)</p>
<p>3: (Zugriff am 10.05.2017).</p>
<p>4: http://www.wiesenthal.com/site/apps/nlnet/content2.aspx?c=lsKWLbPJLnF&amp;b=4441467&amp;ct=13047017 (Zugriff am 10.05.2017).</p>
<p>5: Philosemitismus kann, heruntergebrochen, als Überidentifizierung mit Juden_Jüdinnen verstanden werden, das heißt, dass dieser auch sehr schnell in sein Gegenteil Antisemitismus kippen kann.</p>
<p>6: Der Name der Gruppe bezieht sich auf die Tupamaros (Movimiento de Liberación Nacional – Tupamaros), eine kommunistische Guerillabewegung in Uruguay, welche von 1963 bis in die 70er Jahre als Untergrundbewegung aktiv war.</p>
<p>7: Am 9. November 1938 fand die sogenannte „Reichskristallnacht“ statt.</p>
<p>8: Dazu mehr in Tom Uhligs Artikel.</p>
<h3>Literatur</h3>
<p>Haury, Thomas: Zur Logik des deutschen Antizionismus. http://www.rote-ruhr-uni.com/cms/IMG/pdf/Haury_Logik.pdf (Zugriff: 09.05.2017).</p>
<p>Markl, Florian: Über die Israelsolidarität in Zeiten des Krieges. Online erschienen für Café Critique. http://www.cafecritique.priv.at/israelsolidaritaet.html (Zugriff: 11.05.2017).</p>
<p>Kloke, Martin (2010): Israelkritik und Antizionismus in der deutschen Linken. In: Schwarz-Friesel, Monika/ Friesel, Evyatar/ Reinharz, Jehuda (Hrsg.): Aktueller Antisemitismus – Ein Phänomen der Mitte. Walter de Gruyter GmbH &amp; Co. KG, Berlin/New York. 73-92.</p>
<p>Scheit, Gerhard (2002): Die Selbstzerstörung der Linken. Von Jean Améry zu Edward Said. Vortrag, gehalten auf der Konferenz „Es geht um Israel“.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Love parties &#8211; hate sexism!</title>
		<link>https://gewi.bagru.at/gezeit/archiv/2015/love-parties-hate-sexism/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Brigitte]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 26 May 2015 14:07:03 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2015]]></category>
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					<description><![CDATA[Feiern ohne Übergriffe Alle Menschen sollen voll am öffentlichen Leben Teil nehmen, ohne Angst vor Gewalt oder Übergriffen haben zu müssen. Tatsächlich aber leben wir in einer Gesellschaft, welche durchzogen ist von Sexismen, Rassismen, Homophobie, Transphobie und anderen Diskriminierungsverhältnissen, was&#8230; <a href="https://gewi.bagru.at/gezeit/archiv/2015/love-parties-hate-sexism/" class="more-link">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<section id="body">
<div class="inner">
<h2>Feiern ohne Übergriffe</h2>
<p>Alle Menschen sollen voll am öffentlichen Leben Teil nehmen, ohne Angst vor Gewalt oder Übergriffen haben zu müssen. Tatsächlich aber leben wir in einer Gesellschaft, welche durchzogen ist von Sexismen, Rassismen, Homophobie, Transphobie und anderen Diskriminierungsverhältnissen, was dazu führt, dass nicht alle Menschen gleich (sicher) den öffentlichen Raum nutzen können. In diesem Artikel schreibe ich von Parties, vor allem über Campus-Parties, beziehungsweise linke/queer-feminstische Parties, in welchen sich gesamtgesellschaftliche Verhältnisse fortsetzen 1 . Ich möchte aber auch über Strategien und Handlungsoptionen schreiben, die dazu führen können/sollen, Parties für Frauen* – und letztlich für alle Menschen – zu einem sicheren/sichereren Ort zu machen.</p>
<h3>ZUR RELEVANZ EINER AUSEINANDERSETZUNG MIT SPRACHE UND BEGRIFFEN</h3>
<p>Vorab möchte ich erklären, mit welchen Begriffen ich arbeiten werde und warum.<br />
Obwohl Gewalt von allen Menschen ausgehen kann, ist die Mehrzahl der Gewalt ausübenden Menschen männlich – deswegen werde ich auch im Folgenden von „Tätern“ sprechen. Die Anführungszeichen verwende ich um darauf hinzuweisen, dass dieser Begriff für mich nur einen „Hilfsbegriff“ darstellt, aus Ermangelung von, in meinen Augen, geeigneteren Begriffen. Das Sternchen steht für ein Bewusstsein um Konstruktion und Diskurse um den Begriff des „Täters“. Wenn ich von gewaltbetroffenen Personen schreibe, schreibe ich von „Betroffenen“, da für mich sowohl die Begriffe „Opfer“, als auch „Überlebende“ problematisch sind &#8211; damit schreibe ich aber Menschen nicht vor, wie sie sich selbst bezeichnen .</p>
<p>Durch Sprache (und Diskurse um bestimmte Begriffe) wird Wirklichkeit geformt und reproduziert Wirklichkeit, weswegen gerade bei einem derart sensiblen Thema wie (sexueller) Gewalt eine bewusste Reflexion der im jeweiligen Kontext verwendeten Begrifflichkeiten unabdingbar ist. Dabei gibt es nicht eine “richtige” oder “falsche” Verwendung bestimmter Bezeichnungen. Bei einer Auseinandersetzung mit (sexueller) Gewalt werden vielmehr unterschiedliche Begriffe verwendet, manchmal werden sogar Bezeichnungen eingeführt, da vorhandene Begriffe bereits zu stark konnotiert sind. Oder aber oftmals nicht geeignet sind, Situationen gerecht zu werden, in denen eine eindeutige Einteilung in “Täter” und “Opfer” nicht möglich ist, da zum Beispiel beide involvierte Gewalt angewandt haben oder von Gewalt betroffen sind. Für nicht eindeutige Situationen bietet die deutsche Sprache leider nur begrenzte Möglichkeiten, diesen gerecht zu werden und zu benennen.</p>
<p>Unter sexistischen Übergriffen bzw. sexueller Gewalt verstehe ich jede unerwünschte (sexuelle) Handlung, die ohne Konsens erfolgt und die dazu führt, dass die davon betroffene Person sich unwohl, ängstlich oder belästigt fühlt, und verletzt ist. Ein Zitat aus einem Forschungsbericht des CASA House zeigt nicht nur (weitreichende) Folgen sexueller Gewalt auf, sondern auch deren Komplexität:</p>
<p>“Sexual assault is both a consequence and a reinforcer of the power disparity existing between men and women. It is a violent act of power which in the main, is carried out by men against women and children. Sexual assault occurs along a continuum of violent behaviour which includes any sexual behaviour which makes the recipient feel uncomfortable, harassed or afraid. The impact of sexual assault on both the individual victim/survivor and society is multifaceted and complex. It includes emotional, social, psychological, legal, health and political consequences. The impact of sexual assault can be compounded by factors relating to the stratification of society on the basis of socio-economic class, age, ethnicity and race.” (s.Casa S. 3).</p>
<p>Ich werde hier nicht ausführlich auf Gewaltdiskurse eingehen, nur soweit, um die Wichtigkeit klarer und reflektierter Termini herauszustreichen. In einem Text von CARA, weisen diese etwa auf die Problematik um Diskurse bestimmter Begrifflichkeiten hin &#8211; „[s]urvivors are considered „damaged“, „pathologized beyond repair. Aggressors are perceived as „animals“, unable to be redeemed or transformed“ (vgl. CARA.: 64). Es gilt also nicht nur eine Sprachpraxis zu entwickeln, welche nicht in hegemonialen Herrschaftsverhältnissen verortet ist, sondern vielmehr auch auf bestehende Diskurse einzugehen und ein Wissen, beziehungsweise Bewusstsein um diese zu haben.</p>
<h3>KONSENS &#8211; ODER: NO MEANS NO AND YES MEANS YES</h3>
<p>Was heißt Konsens und wie sieht Konsens aus? Konsens heißt, dass zwei (oder mehrere) Personen zu einer sexuellen Interaktion zustimmen. Zustimmung sollte am besten durch Nachfragen eingeholt werden. Zustimmung kann dabei nicht nur in einem sexuellen Kontext praktiziert/eingeholt werden – auch in einer nicht direkt sexuellen Interaktion, wie etwa die Umarmung zur Begrüßung zwischen Freund_innen, Kuscheln und dergleichen, kann, eine konsensuale Praxis entwickelt werden. 2</p>
<p>Allgemein gilt, dass “Nein” auch “Nein” bedeutet und nicht “Vielleicht”, “Streng dich mehr an”, oder “Später”. Konsens (affirmative consent) soll zu der spezifischen sexuellen Handlung verbal eingeholt werden und eine bewusste und freiwillige Zustimmung sein. Schweigen, kein Widerspruch oder kein Widerstand heißen nicht, dass eine Person Konsens für die jeweilige Handlung gegeben hat.</p>
<p>Wenn Konsens gegeben wurde, heißt das nicht, dass andere sexuelle Praxen für diese Person in Ordnung sind. Sie kann den gegeben Konsens wieder zurücknehmen und selbst wenn für eine sexuelle Praxis einmal Konsens gegeben wurde, heißt das nicht, dass das nächste Mal für diese Handlung automatisch auch Konsens besteht. Sollte mensch mit einer Person in einer Beziehung sein oder gewesen sein, sollte nie davon ausgegangen werden, dass allein diese Tatsache Konsens ersetzt oder dafür steht.</p>
<p>Prinzipiell gilt, dass alle Menschen unterschiedliche Grenzen haben. Diese Grenzen sind nicht “objektiv” von außen wahrnehmbar oder erfassbar, dementsprechend ist es sinnlos nach immer gültigen Definitionen oder Begrifflichkeiten zu suchen, um diese quasi für alle immer und unabhängig vom jeweiligen Kontext anzuwenden.</p>
<p>Es ist wichtig, dass die Definitionsmacht bei Betroffenen liegt. Dass sie benennen können, wo eigene Grenzen liegen und ob sie überschritten wurden; und wann eine unerwünschte Handlung eine unerwünschte Handlung war.</p>
<h3>BEDEUTUNG VON ALKOHOL UND GESCHLECHTSSPEZIFISCHEN STEREOTYPEN</h3>
<p>Partys gehören für die meisten Studierenden zum Studium und sind genauso wie Alkohol ein normativer Bestandteil desselben. Alkohol ist in diesem Kontext relevant, da sexuelle Übergriffe und Alkoholkonsum oft in Zusammenhang stehen. Dazu gibt es zahlreiche Studien, die sich unter anderem mit Trinkmotivationen und deren Zusammenhängen mit sexuellen Übergriffen auseinandersetzen (vgl. Abbey, Novik et.al. 2011). Diese Studien weisen nach, dass die Wahrscheinlichkeit, dass Frauen* von Übergriffen betroffen sind, mit zunehmenden Alkoholkonsum oder dem Konsum anderer Drogen steigt. Es gibt zahlreiche Gründe, Alkohol zu konsumieren:</p>
<p>“Motivations ascribed to college drinking include the desire for power and assertion [&#8230;], a coping mechanism for emotional distress [&#8230;], or as a means of fitting in with others or easing social awkwardness [&#8230;]” (Novik et. al 2011:2).</p>
<p>An Alkohol sind geschlechtsspezifische Stereotype gebunden, welche nicht nur unterschiedliche Bilder von Frauen* und Männern* beinhalten, sondern in weiterer Konsequenz auch zu entsprechenden Umgängen mit tatsächlichen Übergriffen führt. Während Alkoholkonsum von Männern* als männlich gewertet wird, werden Frauen*, welche alkoholisiert sind als “leicht zu haben” bewertet. Kommt es zu einem Übergriff, dann wird die Handlung des “Täters” oft heruntergespielt, entschuldigt und verharmlost, während der Betroffenen die Schuld für den Übergriff gegeben wird. Trinkt eine Frau* Alkohol oder wird als alkoholisiert wahrgenommen, erhöht das wiederum die Wahrscheinlichkeit angemacht oder belästigt zu werden.</p>
<p>Wenn Männer* trinken und sich daneben benehmen, wird ihnen die Verantwortung für ihr Verhalten oft abgenommen &#8211; da sie alkoholisiert waren. Es heißt etwa, dass sie sonst “eh nett sind”, oder “voll coole Typen”. Frauen* aber wird die Verantwortung für das Handeln anderer gegeben. Sie haben dafür zu sorgen, dass nichts passiert und müssen in Kontrolle bleiben. Derartige Logiken sind wiederum vor einem gesamtgesellschaften Hintergrund zu sehen, in welchem “Täter”/”Opfer” Umkehr alltägliche Praxis ist, genauso wie Victim-Blaming und Verharmlosung von Übergriffen.</p>
<h3>WELCHE STRATEGIEN/MÖGLICHKEITEN GIBT ES, PARTIES SICHERER ZU MACHEN?</h3>
<p>Was heißt das jetzt und wie können konkrete Strategien und Strukturen aussehen, um Partys möglichst sicher für Frauen* (bzw. alle) zu machen? Es gibt bereits zahlreiche (pro-)aktive Strategien und Vorschläge, die auch mitunter in Wien (in bestimmten politischen Kontexten) angewendet werden und wurden. Allgemein können Strategien auf mehreren Ebenen angewandt werden – prinzipiell gilt, dass ALLE dafür verantwortlich sind, dass es allen gut geht.</p>
<p>Im Vorfeld der Party kann darauf geachtet werden, wie die Party beworben wird.<br />
Welche Bilder werden verwendet und wie werden Frauen* und Männer* darauf abgebildet? Welche Nachricht(en) wird (werden) mit dem Abgebildeten suggeriert? 3</p>
<p>Auf der Party selbst gibt es mehrere Möglichkeiten, einen sichereren Raum zu schaffen: die Organisation eines Awareness-Team, die zur Verfügungstellung eines Rückzugsortes, die Bereitstellung von selbstorganisierten Frauen*nachttaxis. Auch können Poster oder Schilder aufgehängt werden (z.B. zum Zustimmungskonzept 4 ), außerdem kann eine Einladungspolitik (oder eine “Hausordnung”) formuliert werden und sichtbar angebracht werden, in welcher klar gemacht wird, dass auf dieser Party kein Platz für Sexismus, oder jegliche Form von Diskriminierung oder Gewalt ist.</p>
<p>Die Organisation von Awareness Teams auf Partys ist eine gute Strategie, um vor Ort zu intervenieren, bzw. die Party zu “beobachten”. Auf (links-) feministischen Partys gehören Awareness Teams bereits zum Standard, sollten aber auf allen größeren Partys selbstverständlich sein. Das Awareness Team hat mehrere Funktionen bzw. Aufgaben. So sind sie Ansprechpersonen auf der Party, intervenieren, oder bieten Unterstützung 5 . Ebenso können präventive Strategien in der Kleingruppe erarbeitet werden &#8211; gerade wenn es um Alkoholkonsum geht. Gründe, warum aufeinander aufgepasst wird, sind verschieden. Wenn Männer etwa wissen, dass sie bei Alkoholkonsum zu übergriffigem oder aggressiven Verhalten neigen, können sie sich mit einer Freund*in absprechen, die nüchtern bleibt und aufpasst &#8211; oder sie verzichten einfach auf Alkohol. In Frauen*gruppen passen Frauen* aufeinander auf, damit nichts passiert.</p>
<p>Eine wichtige und längerfristige Strategie ist letztlich, eine proaktive Bewusstseinsbildung zu verfolgen (Vorträge, Zines, Plakate&#8230;), in welcher etwa über den Zusammenhang von Alkoholkonsum und Übergriffen, Geschlechterstereotypen und Alkohol aufgeklärt wird, beziehungsweise wie Konsens/Zustimmung aussieht.</p>
<h3>FAZIT</h3>
<p>Sexistische Erfahrungen von Frauen* auf Partys sind keine isolierten, auf den Raum Party beschränkten &#8211; vielmehr müssen diese Erfahrungen immer in einem gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang betrachtet und analyisiert werden. Angst vor Übergriffen kann das Leben beeinträchtigen, kann einschränken wie der öffentliche Raum benutzt wird und kann einem auch schlichtweg den Spaß an Partys verderben. Deswegen hoffe ich, dass zumindest in einem linken/feministischen Umfeld, welches den Anspruch auf eine antisexistisch/antihomophobe/antitransphobe/antirassistische Praxis hat, diese zukünftig konsequenter umgesetzt wird, dass Orga-Teams entsprechende Vorbereitungen treffen und dass generell in der Szene mehr für eine Bewusstseinsbildung und Prävention getan wird – damit auf Parties alle Spaß haben können.</p>
<h3>Fußnoten:</h3>
<p>1: Hier sei etwa an die Parties im Rahmen der Audimaxbesetzung 2009 gedacht, auf der es gehäuft zu übergriffigem/sexistischem Verhalten kam &#8211; zum Nachlesen z.B. http://www.oeh.ac.at/organisation/referate/referat-fuer-feministische-politik/archiv/feministisches-zur-audimaxbesetzung/, oder http://diestandard.at/1256255957984/Unibesetzung-in-Wien-Berichte-ueber-sexistische-Uebergriffe</p>
<p>2: Vergleiche dazu auch das Zustimmungsplakat der UG DEFMA: http://defma.blogsport.de/images/dt_v2_2_p.pdf ;oder das Zine Learning good consent: http://defma.blogsport.de/images/learninggoodconsent2.pdf</p>
<p>3: Siehe etwa diesen Flyer: http://fc05.deviantart.net/fs70/i/2013/301/3/8/glow_stick_party___flyer_template___fb_cover_by_louistwelve_design-d6s50cz.jpg</p>
<p>4: http://maedchenblog.blogsport.de/images/nein.png</p>
<p>5: Vergleiche dazu: http://afk.blogsport.de/images/Leitfaden.pdf</p>
<h3>QUELLEN</h3>
<ul>
<li>Abbey, Antonia (2002): Alcohol-Related Sexual Assault: A Common Problem among College Students (http://www.jsad.com/jsad/downloadarticle/AlcoholRelated_Sexual_Assault_A_Common_Problem_among_College_Students/1594.pdf)</li>
<li>Awareness Leitfaden für Partys (http://afk.blogsport.de/images/Leitfaden.pdf )</li>
<li>CARA: Taking risks:implementing grassroots community accountability strategies http://www.solidarity-us.org/files/Implementing%20Grassroots%20Accountability%20Strategies.pdf</li>
<li>Howard, Donna Elise et al. (2007): Staying Safe While Consuming Alcohol: A Qualitative Study of the Protective Strategies and Informational Needs of College Freshman (http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC2636553/pdf/nihms-89142.pdf)</li>
<li>Novik, Melinda G. et. al. (2011): Drinking Motivations and Experiences of Unwanted Sexual Advances Among Undergraduate Students. In: J Interpers Violence. 2011 Janurary; 26(1):34-49.</li>
</ul>
</div>
</section>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>„Der göttliche Trick“</title>
		<link>https://gewi.bagru.at/gezeit/archiv/2014/der-goettliche-trick/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Brigitte]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 24 Mar 2014 13:37:43 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2014]]></category>
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					<description><![CDATA[Feministische Wissenschaftskritik des hegemonialen Objektivitätsbegriffs In vielen Studiengängen ist der Objektivitätsbegriff früher oder später relevant – vor allem in jenen, in welchen auch empirische Forschung gelehrt wird. Dabei wird an der Uni Wien meist eine ganz bestimmte Art von Objektivität&#8230; <a href="https://gewi.bagru.at/gezeit/archiv/2014/der-goettliche-trick/" class="more-link">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<h2>Feministische Wissenschaftskritik des hegemonialen Objektivitätsbegriffs</h2>
<p>In vielen Studiengängen ist der Objektivitätsbegriff früher oder später relevant – vor allem in jenen, in welchen auch empirische Forschung gelehrt wird. Dabei wird an der Uni Wien meist eine ganz bestimmte Art von Objektivität vertreten, welche als unabdingbare Voraussetzung von „Wissenschaftlichkeit“ gilt [1]. In diesem Artikel werde ich zunächst kurz das vorherrschende Verständnis von der „Wichtigkeit“ von Objektivität am Beispiel der Psychologie darstellen, um dann auf feministische Wissenschaftskritik am hegemonialen Objektivitätsbegriff einzugehen. Dazu werde ich mich auf Donna Haraway beziehen, welche in der von ihr 1995 herausgegebenen Monographie Die Neuerfindung der Natur gängige Vorstellungen und Überzeugungen von Objektivität kritisiert hat und anhand des Begriffs des situiertes Wissens eine mögliche Alternative zeigt.</p>
<p>Der Objektivitätsbegriff in der Psychologie stellt einen der drei so genannten Gütekriterien dar, welche die „Wissenschaftlichkeit“ einer Forschung gewährleisten sollen. Diese drei sind die Validität, die Reliabilität sowie die Objektivität. Objektivität kommt die Funktion einer intersubjektiven Nachprüfbarkeit zu, es geht also um „eine Standardisierung des Vorgehens durch methodische Regeln [&#8230;] und die vollständige Dokumentation von Untersuchungen“ (Bortz, Döring 2006: 32). Das heißt konkret, dass einerseits zum Beispiel Forschungsmethoden oder Auswertungsverfahren nach genau festgelegten (standardisierten) Regeln angewandt werden, andererseits durch die Offenlegung des Forschungsprozesses Transparenz in die gewonnenen Ergebnisse gewährleistet werden soll.<br />
Dem Begriff der Objektivität kommt in der Psychologie vor allem in der quantitativen Forschung eine zentrale Rolle zu. Hier bedeutet Objektivität, dass ein Test oder ein Fragebogen dann objektiv ist, „wenn verschiedene Testanwender bei denselben Personen zu den gleichen Resultaten gelangen, d.h., ein objektiver Test ist vom konkreten Testanwender unabhängig“ (ebd.: S. 195). Charakteristisch für den hegemonialen Objektivitätsbegriff ist demnach, dass er verstanden wird „als eine Form der Erkenntnisgewinnung, die unabhängig von der forschenden Person ist“ (Brück et.al. 1997 : 24), sowie dass unabhängig von der untersuchenden Person, der untersuchten Sachverhalte, oder der angewandten Methoden die gleichen Ergebnisse gewonnen werden können.</p>
<p>Die beiden Schlagwörter, die im Zusammenhang mit Objektivität also zu nennen sind, heißen Standardisierung und Transparenz. Abgesehen von der nahe liegenden Frage, ob und inwieweit eine derartige Objektivität überhaupt umsetzbar oder realistisch ist, stellt sich die Frage, warum dieser Objektivitätsbegriff nun problematisch ist und von Feministinnen wie Sandra Harding oder Donna Haraway kritisch hinterfragt wird.</p>
<p>Die Gütekriterien und insbesondere jenes der Objektivität legen fest, was als Wissen gelten darf und was nicht. Durch diese (konstruierte) Grenzziehung wird also nicht nur ausschließlich ein ganz bestimmtes Wissen zugelassen, es wird auch immer Wissen verloren gehen, welches diesen Anforderungen nicht gerecht wird und somit als ‚Nichtwissen’ keine weitere Beachtung erfährt und keinen Eingang in den Diskurs findet. Somit hat ein derartiges Objektivitätsverständnis auch mit Macht zu tun, mit Hierarchien und Exklusion [2] .</p>
<p>Donna Haraway nennt darüber hinaus als weiteren grossen Kritikpunkt am gängigen Objektivitätsbegriff die damit verbundene Entkörperung, auf welche eingangs (Stichwort: theoretische Austauschbarkeit der forschenden Person) bereits eingegangen wurde. Um diese Kritik auszuführen, bedient sie sich der Metapher der Vision, welche wohl im Weitesten als Blick übersetzt werden kann. Dieser entkörperte Blick bezeichnet nach Haraway „die unmarkierte Position des Mannes und des Weißen“ (Haraway 1995: 80) und was ergänzend noch hinzuzufügen ist, des Heterosexuellen[3]. Dieser entkörperte und unmarkierte Blick „schreibt sich auf mythische Weise in alle markierten Körper ein und verleiht der unmarkierten Kategorie die Macht zu sehen, ohne gesehen zu werden sowie zu repräsentieren und zugleich der Repräsentation zu entgehen (ebd.: 80). Diese Entkörperung des Blicks wird durch Visualisierungsinstrumente noch weiter verstärkt. Am Beispiel der Psychologie wären das etwa Computertomographien oder fMRT. Diese Illusion, „alles von nirgendwo aus sehen zu können“ (ebd.: 81) bezeichnet Haraway als „göttlichen Trick“ (ebd.: 81).</p>
<p>Haraway geht es nun darum „die Körperlichkeit aller Vision“ (ebd.: 80) hervorzuheben. Ausgehend von dieser Betonung von Körperlichkeit des Blicks plädiert sie für eine Übersetzung feministischer Objektivität als das, was sie situiertes Wissen nennt. Dieses Verständnis von Objektivität hat „mit partikularer und spezifischer Verkörperung zu tun“ (ebd.: 82) oder, wie Haraway es ausdrückt: „Nur eine partiale Perspektive verspricht einen objektiven Blick“ (ebd.: 82).<br />
Eine derartige Auffassung von Objektivität würde sich durch seine spezifische Situierung auch nicht der Verantwortung für die Forschung entziehen, sondern sich ihr vielmehr stellen.</p>
<p>Für eine feministische Objektivität spielen demnach vor allem begrenzte Verortung und situiertes Wissen eine zentrale Rolle, im Gegensatz zu Standardisierung und Transparenz des hegemonialen Objektivitätsverständnisses. Es geht darum, dass Wissen immer verkörpert und somit eben auch verortet und lokalisierbar ist. Oder, um es anders zu formulieren: Jeder Mensch macht spezifische Erfahrungen und ist auf spezifische Art in der Welt/Gesellschaft/&#8230; situiert und verkörpert. Allein daraus ergibt sich ein bestimmter Blick auf das Forschungsthema. Dieser bestimmte Blick wird nun noch dadurch verstärkt, welche Vorannahmen im Vorfeld vorhanden sind, auf welche Theorien Bezug genommen wird, mit welchen Methoden gearbeitet wird und wie schließlich die vorhandenen Ergebnisse interpretiert werden. Insofern gibt es keinen „unschuldigen“ oder „neutralen“ Blick, vielmehr prägt der jeweils spezifische verkörperte Blick jede einzelne Entscheidung im Forschungsprozess und beeinflusst diese.</p>
<p>Um also abschließend nochmals mit Haraway zu sprechen: „Feministinnen brauchen keine Objektivitätslehre, die Tranzendenz verspricht, weder als Geschichte, die die Spur ihrer Vermittlungen immer dann verliert, wenn jemand für etwas verantwortlich gemacht werden könnte, noch als unbegrenzte instrumentelle Macht” (Haraway 1995: 79). Es gilt, eine Objektivität anzustreben, welche sich als situiert und partiell begreift, um so nicht nur unterschiedliches Wissen zu gewährleisten und zuzulassen, sondern auch die Illusion des „göttlichen Tricks“ aufzugeben und im Gegenzug Verantwortung für die eigene Forschung zu übernehmen. Dabei reicht es nicht aus, zu Beginn der vollendeten Forschungsarbeit schriftlich festzuhalten, aus welcher Position geforscht wurde – vielmehr gilt es, den Anspruch zu haben, dass das Bewusstsein um das eigene situierte Wissen während des gesamten Forschungsprozesses immer wieder mitreflektiert wird und auch für die Leser*innen nachvollziehbar gemacht wird, wie der eigene Blick die Forschung mitbestimmt hat.</p>
<p style="text-align: right;">Brigitte</p>
<h3>Fußnoten:</h3>
<p>1: Ich erhebe hier nicht den Anspruch, für alle Studienrichtungen zu sprechen. Meine Erfahrungen beziehen sich vor allem auf Sozialwissenschaften und Psychologie, weshalb ich in diesem Artikel aus einer von diesen Disziplinen geformten Perspektive über Objektivität schreiben werde.</p>
<p>2: Als konkretes Forschungsbeispiel aus der Psychologie wäre etwa die Studie von Singh, Devendra et.al. (1999) zu nennen, in welcher butch und femme Lesben* auf ganz spezifische Art und Weise aus einem heteronormativen Blick heraus konstruiert wurden. Eine fundierte Kritik zu dieser Studie liefert Bettina Bock von Wülfingen (2005).</p>
<p>3: Damit spricht Haraway an, dass es vor allem weiße (heterosexuelle) Männer* sind, welche in der Wissenschaft „tonangebend“ sind (hier knüpft etwa auch feministische Wissenschaftskritik an, wenn von gender bias in den Wissenschaften die Rede ist, um auf die Unterrepräsentanz von Frauen* in Forschung/Lehre hinzuweisen.</p>
<h3>Literatur:</h3>
<ul>
<li>Bortz, Jürgen/Döring, Nicola (2006): Forschungsmethoden und Evaluation für Human- und Sozialwissenschaftler. Springer Medizin Verlag Heidelberg</li>
<li>Brück, Brigitte et.al. (1997): Feministische Soziologie. Eine Einführung. Campus Verlag, Frankfurt am Main.</li>
<li>Haraway, Donna (1995): Die Neuerfindung der Natur. Primaten, Cyborgs und Frauen. Campus Verlag</li>
<li>Singh, Devendra et.al. Lesbian erotic role identification: behavioral, morphological, and hormonal correlates. In: Journal of Personality and Social Psychology, 1999, Vol. 76. S. 1035-1049.</li>
<li>Bock von Wülfingen, Bettina (2005): Geschlechtskörper – hormonell stabilisiert oder flexibilisiert? (Das Lesbenhormon). In: Bath, Corinna; Bauer, Yvonne; Bock von Wülfingen, Bettina; Saupe, Angelika; Weber Jutta (Hg.): Materialität denken. Studien zur technologischen Verkörperung – Hybride Artefakte, posthumane Körper. transcript: Bielefeld, 85-115.</li>
</ul>
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