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	<title>Yasemine Makineci &#8211; gezeit</title>
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	<description>Zeitschrift der FV GEWI</description>
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		<title>Eichmanns Schatten: Groschenromane des Traumas</title>
		<link>https://gewi.bagru.at/gezeit/archiv/2017/__trashed/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Yasemine Makineci]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 15 Jul 2017 15:06:39 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2017]]></category>
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					<description><![CDATA[Zum Verhältnis von Pornographie und Shoah. „For an Israeli child in the 1960s, these are Jews. He doesn‘t think of Poles or Frenchmen. For him, the inmates are all Jews. The victims of abuse are his parents. His grandparents. Potentially,&#8230; <a href="https://gewi.bagru.at/gezeit/archiv/2017/__trashed/" class="more-link">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<h2>Zum Verhältnis von Pornographie und Shoah.</h2>
<blockquote><p><em>„For an Israeli child in the 1960s, these are Jews. He doesn‘t think of Poles or Frenchmen. For him, the inmates are all Jews. The victims of</em><br />
<em>abuse are his parents. His grandparents. Potentially, himself. The only way not to be subject to such abuse is to be the abuser himself.“</em><br />
&#8211; Prof. Omer Bartov, in: „Pornographie und Holocaust“ (2008, Regie: Ari Libsker)</p></blockquote>
<h3>Neurotischer Despot, verführerische SS-Offizierin: Die Stalagliteratur</h3>
<p>In „Kitsch und Tod“ beschrieb Saul Friedländer 1984 die Faszination am Nazismus durch eine (vermeintliche) Gegensätzlichkeit:<br />
„[&#8230;] dem Hitler der Vergangenheit und dem Hitler, wie er heute gesehen wird, den historischen Fakten und der retrospektiven Interpretation, den wirklichen Ereignissen und ihrer Ästhetisierung und, nicht zuletzt, mit dem ‚humanen Menschen‘, der durchaus für sich einzunehmen weiß, mit dem Biedermann in seiner Welt aus Kitsch, und der blinden Energie, die alles vernichtet.“ 1 Kitsch als Moment des Eigenbrödler- und Spießertums, archetypisch am Deutschen, beschrieb auch Hannah Arendt in „Banalität des Bösen“ 2 , welche Adolf Eichmann verkörpere.<br />
Am 11. April begann, am 15. Dezember 1961 endete der Prozess gegen Adolf Eichmann mit der – als bisher einziger Delinquent in Israel – Verurteilung zum Tode. Er wurde am 1. Juni 1962 gehängt. Dreizehn Jahre nach der Gründung des Staates Israel trat erstmalig die traumatische Erfahrung der Shoah in die israelische Öffentlichkeit.</p>
<p>Doch begann der Prozess der Erinnerung an die Shoah nicht nur legal mit dem Eichmann-Prozess durch Zeugenaussagen vor Gericht, sondern während dieser Zeit auch verfemt von jugendlichen Nachkommen der Überlebenden in Gestalt pornographischer Groschenromane, der Stalags. Alle Stalags, angelehnt an die Bezeichnung der Kriegsgefangenenlager<br />
„Stammlager“, einte eine Handlungslinie, welche in immer der selben Art und Weise vom Trauma abstrahierte und damit Stalags mehr als nur zu obszöner Pornographie machte.</p>
<p>Stalags galten als erste, leicht zu erwerbende Pornographie in den 60er Jahren Israels. Die Geschichten handelten von amerikanischen oder britischen Piloten, welche von Deutschen in Gefangenschaft genommen und von vollbusigen SS-Aufseherinnen gefoltert und sexuell missbraucht wurden. Den Protagonisten gelang ihre Befreiung und sie rächten sich mit denselben<br />
Mitteln an ihren Foltererinnen. Das Genre der Sadiconazista ist in der Schundromanliteratur in den 60er, filmisch in den 70er Jahren in Italien bekannt geworden. Filme wie „Portiere di notte“ und „L‘Ultima Orgia della Gestapo“ sind hierfür als Beispiel zu nennen. Auch aktuelle Produktionen, wie beispielsweise „Inglorious Basterds“, lassen sich durch einige Merkmale in das Genre einfassen, wenn auch im Vergleich zu klassischen Sadiconazista mit nur schwach ausgeprägte sexuelle Referenzen, durch den Fußfetisch Tarantinos 3 (Hans Landa und der verlorene Schuh Brigitte von Hammersmarks). Das reißerische Rachemotiv (der Bärenjude und femme fatale Emanuelle Mimieux), mit dem sich die Zuschauerschaft gesellschaftlich verträglich fasziniert identifizieren kann und die damit einhergehende Enthistorisierung sind für das Genre konstitutiv.<br />
Neben neurotischen Despoten und sexualisierten SS-Aufseherinnen erscheint wichtig, die Figuren der passiven Opfer sowie die der Kapos, der Handlanger, auf die ich später noch zurückkommen werde, anzuführen. Die passiven Opfer sind dabei Figuren, die gefoltert und ermordet werden und beliebig ersetzbar sind. 4 Die Kapos hingegen, einst selbst Opfer, sind als zwischen Kitsch und Vernichtung verhaftete SS-Männer dargestellt, die „[&#8230;] Klavierstücke aus dem Repertoire der deutschen Klassik [spielen], während nebenan vielleicht gefoltert wird“. 5</p>
<h3>Neuer Jude, neuer Staat: Zur Krise der Männlichkeit und nationalen Identität</h3>
<p>Als Vorbild der Stalags fungierten amerikanische Männermagazine der späten 1950er Jahre 6 , deren Inhalte im Zuge des Beginns der Zweiten Welle der Frauenewegung 7 sich vom sexistischen<br />
Grundmotiv der Frau in Bedrängnis &#8211; eines vom Mann heroisch begangenen abenteuerlichen Weges zur Rettung des Dummchens aus der Patsche &#8211; zum misogynen Ressentiment offenbarte. In der realen Angst vor der sexuell befreiten Frau schuf sich, textlich und stark bebildert, das Motiv der Bestrafung der Frau als Verführerin und Monade autonomer Sexualität im neuen Genre der „Folterromane“. 8 In „Stalag 13“ ist der Protagonist des Romans Mike Baden das Porträt des Machismo, der, trotz Niederschuss der Franzosen in der Normandie, sich im feindlichen Gebiet behaupten könne, bis er von einem ansässigen Bauern verraten wird: „[he] arrives at the camp, all without losing his poise.“ 9<br />
Die Shoah, das Unaussprechliche, umkreiste als Tabu die Nachkommen der Überlebenden insofern, als dass das Erwachsenwerden untrennbar mit dem Beweis des Überlebens verbunden ist 10 , sodass das zionistische Identitätsmoment eines neuen Juden in der gedanklichen Figur des Sabra als Leitkultur fungierte 11 : als ein Jude, der sich trotz allumgebender Feindschaft dennoch aufrichtig am Leben hat halten können und nach der Alija 12 in <em>Eretz Israel</em> seine Wurzeln wieder schlug. Ein Sabra ist stolz, wehrhaft und männlich.</p>
<p>Yehiel Feiner veröffentlichte unter dem Pseudonym <em>Ka-Tzetnik 135633</em>[13] den semi-autobiografischen Roman „The House of Dolls“ („Freudenhaus“), welcher von eigen ausgewiesenen Baracken handelte, in denen in erster Linie Jüdinnen zum Sex gezwungen wurden. Sein Roman wurde teilweise als „unzulässige Holocaustliteratur“ geächtet, da die einzig zulässige eine halbfiktionale sei, in der die Handlung durch heldenhaften Widerstand und Aufopferung gekennzeichnet ist. 14 Die Metapher des Sabra ist als Symbol des Zionismus zu deuten, der im offenen Widerspruch zum Imperialismus steht: „Sabra“ trägt in sich das Moment des Zwangs, sich gegen die existenzielle Bedrohung in der Menschheitsgeschichte und in der Geschichte der Zivilisation wehren zu müssen.</p>
<p>Das erste Stalagheft wurde 80.000 Mal verkauft 15 – die Leserschaft setzte sich vor allem aus männlichen und heterosexuellen Nachkommen Holocaustüberlebender zusammen. 16 Nur wenige Jahre nach der Staatsgründung lag mit der Suezkrise 1956 die letzte militärische Auseinandersetzung mit einem direkten arabischen Nachbarstaat zurück. Die permanente Bedrohung und die dadurch entstandene Zerrissenheit spiegelt sich auch in der Gesetzgebung wider: der öffentliche Skandal an den Stalag war nicht etwa die Beschreibung und Darstellung nazistischer Bilder in der Pornographie, sondern der pornographische Anteil selbst. 17 So wurde der wohl mit Abstand skandalöseste aller Stalags „Ich war Oberst Schultzes Hündin“ 1962 aufgrund der obszönen sexuellen Darstellungen als einziger gerichtlich angeordnet verboten und der Autor mit der Höchststrafe von drei Monaten verurteilt. 18 Der israelische Rechtskreis lehnt sich am common law, eine Remineszenz des britischen Mandats, an und umfasst daher auch die praktisch-judikative Öffnung zum Präzedenzfall. Doch galt dieses Verbot nicht als ein Referenzpunkt für spätere richterliche Urteile, sondern die Produktion wurde mit der Hinrichtung Eichmanns Mitte 1962 so gut wie komplett eingestellt: „Ihr Verschwinden zeigt mehr eine Verlagerung vom Kollektiven in das Private“. 19 Das Erscheinen von Stalags, ihrer Gleichzeitigkeit zum Eichmann-Prozess und die Vergangenheit ihres Gegenstands müssen daher als Moment des zerrissenen Bewusstseins und des Traumas der Shoah verstanden werden; als versuchter Bruch des familiären Schweigens über das Unaussprechliche.</p>
<h3>Tagtraum Pornographie, Trauma Shoah: Zur Differenz von Erotik und Perversion</h3>
<p>Eli Keidar, Autor der ersten Stalags und Konsument, beschreibt in einem Interview mit dem Regisseur Ari Libsker seine Nervosität, einhergehend mit somatischen Symptomen, wenn er bei  seinen Eltern weilte: „Jeden zweiten Tag glaubte meine Mutter, dass sie oder ich sterben würde“. Er berichtet ebenfalls, dass, wann immer sie diskutierten, die Mutter sich bedroht sah zu sterben und ihm dafür die Schuld gab. 20 Keidar steht stellvertretend für eine Generation der Symptomträger 21 der Kinder Überlebender, die durch den Konsum der Stalags „ein Drehbuch agieren, das nicht ihr eigenes, sondern in Wahrheit Teil der Geschichte ihrer Familien und insbesondere jener Angehörigen ist, die den Holocaust überlebt hatten“. 22</p>
<p>In der Psychoanalyse lässt sich die Pornographie zu den Tagträumen zählen, die der „Befriedigungen ehrgeiziger, großsüchtiger, erotischer Wünsche [dienen], die um so üppiger gedeihen, je mehr die Wirklichkeit zur Bescheidung oder zur Geduldung mahnt.“ 23 Die Einbettung dieser Sehnsüchte im Stalag zur Vermeidung einer Retraumatisierung ermöglicht hierbei eine sekundäre Bearbeitung des Traumas. Der realhistorische Bezug durch die Darstellungen des Lagers und die meist englischen Pseudonyme der Autoren zum Eindruck einer nicht zu nah an der Realität<br />
erinnernden Authentizität offenbart sich &#8211; durch eine Verfremdung und Entstellung des individuellen Leides 24 &#8211; der Bezug auf die Judenvernichtung, ohne dass die Darstellungsfiguren Jüdinnen oder Juden sein müssten. „Um im Dienste eines lustvollen Erlebens einstiger Traumatisierung zu stehen, bedarf es in der Pornographie gewisser Rollenkonstellationen [&#8230;]: Neben<br />
der Rolle des Voyeurs in der sich der Konsument befindet, spielen Sadismus und Masochismus als Identifikationsangebote eine Rolle“. 25</p>
<p>Der Psychoanalytiker Robert Stoller beschreibt 1979 die Perversion als ein neurotisches Moment, dessen Rachebedürfnis aus der Frustration im ödipalen Konflikt entspringe. Zu betonen ist hier, dass sich nach Stoller als ‚pervers‘ nicht alles Abweichende zu verstehen ist, sondern erst, wenn „die Wahl des Objekts [&#8230;] dem Wunsch entspringt, dem Objekt zu schaden, und als ein Racheakt empfunden wird“. 26 Für den Traumatisierten und für die Traumatisierte gelten daher in der Regel zwei fragmentierte Introjekte, die sich in ihnen wiederfinden: das verfolgte Introjekt und das Täterintrojekt. 27 Sándor Ferenczi prägte den zur Projektion symmetrischen Begriff der Introjektion, eine psychische Operation der Einverleibung eines Objektes in das seelische Innere. Der primäre Narzissmus des Frühkindlichen würde damit gebrochen, indem das Kind realisiert, dass es nicht mit seiner Mutter eins ist. „Im Grunde genommen kann der Mensch eben nur sich<br />
selbst lieben; liebt er ein Objekt, so nimmt er es in sein Ich auf “ 28 und ermögliche eine identifikatorische Assimilation des Introjektes als Bereicherung. 29 Einverleibung bedeutet jedoch nicht zwangsläufig die Integration in das Ich: der Wiederholungszwang des ­Traumas wird sekundär bearbeitet und verbleibt damit eben nicht in das Ich integriert, sondern existiert im Subjekt als eine innere Realität, die durch die Motive in den Stalags szenisch reinszeniert wird. 30</p>
<p>Die Introjektion des Angreifers oder die Identifikation mit dem Aggressor, die „während der Traumatisierung als einzige Quelle narzisstischer Zufuhr“ 31 diente, erfüllt hier eine Doppelfunktion. Die Figur des Kapos decke sich „mit den inneren Anklagen der Opfer, die sich schuldig fühlen für die positiven Gefühle gegenüber den Tätern und ihrem introjizierten Strafbedürfnis“. 32 In diesem Sinne ist das Schlüsselmoment von Trauma zu Perversion die Rachephantasie: In der Perversion liegt „ein phantasierter Racheakt zugunde, in dem sich die sexuelle Lebensgeschichte des Betreffenden verdichtet – seine Erinnerungen und Phantasien, Traumen, Frustrationen und Freuden“. 33 Perversion ist die erotische Form von Hass. Die Geschlechterinversion von den vormeist Täter-Männern der Realität werden nun Frauen in der Phantasie, welche bewirkt, „dass die sexuellen Nötigungen durch den Verlust des Phallus und das Ausbleiben der Penetration von den zumeist heterosexuell ausgerichteten männlichen Konsumenten als weniger bedrohlich erlebt werden“ 34 . Während der neurotische Despot als Zerrbild der Täter dargestellt wird, bietet die verführerische SS-Offizierin eine Figur an, die den „aus narzisstischer Not ‚geliebte[n] Täter‘“ 35 chiffriert und legt somit das verinnerlichte Gegengewicht zu den stummen Nebenerscheinungen der Figuren ermordeter Mithäftlinge, den „Repräsentanten der Überlebensschuld“. 36</p>
<p>Die Bearbeitung der inneren Realität durch szenische Reinszenierung zeigt sich daher in den Stalags in der konkretistischen Form mit dem Schauplatz des Lagers als geschlossener Kosmos von Autorität; mit den verflachten Charakteren der Täter und Opfer: die Figuren in den Stalagromanen sind eindimensional, engstirnig und rachsüchtig – sie sind Abwürfe einer Zwangsphantasie, in der gefühlt werden kann, was nicht mehr gedacht werden darf. So flach wie die Charaktere der Figuren der Stalags sind, so unfassbar ist die Judenvernichtung. Erst durch die Inszenierung des Gerichtsprozesses, „[&#8230;] durch das Engagieren amerikanischer Filmteams zu Dokumentationszwecken, den Umbau eines Theaters zum Gerichtssaal und den untypischen Einstellungen der Kamera, die die Reaktionen des Verhandlungspublikums einfingen“ 37 , konnte Eichmann überhaupt „der Prozess gemacht“ werden. Bis kurz vor seiner eigenen Hinrichtung, für die<br />
Eichmann sich weigerte, eine Augenbinde zu tragen, 38 versprach er im Tode die Judenvernichtung erfolgreich zu beenden: „In einem kurzen Weilchen, meine Herren, sehen wir uns ohnehin alle wieder.“</p>
<blockquote><p><em>„Das perennierende Leiden hat soviel Recht auf Ausdruck wie der Gemarterte zu brüllen; darum mag falsch gewesen sein, nach Auschwitz ließe sich kein Gedicht mehr schreiben. Nicht falsch aber ist die minder kulturelle Frage, ob nach Auschwitz noch sich leben lasse, ob vollends es dürfe, wer zufällig entrann und rechtens hätte umgebracht werden müssen.“</em><br />
&#8211; &#8211; Theodor W. Adorno, in: Negative Dialektik</p></blockquote>
<h3>Fußnoten</h3>
<p>1: Saul Friedländer: Kitsch und Tod. Der Widerschein des Nazismus. Frankfurt/M: Fischer, 2007. S. 75</p>
<p>2: Hannah Arendt: Eichmann in Jerusalem.<br />
Ein Bericht von der Banalität des<br />
Bösen. München: Piper, 2011<br />
2<br />
Die zahlreichen Szenen der vielen Fil-<br />
me Tarantinos, für alle die sich Ta-<br />
rantino offen zum Fußfetischismus<br />
bekennen würde, hier aufzuzählen,<br />
würde den Rahmen völlig sprengen.<br />
3<br />
Marcus Stiglegger: Nazi-Chic und<br />
Nazi-Trash. Faschistische Ästhetik in<br />
der populären Kultur. Berlin: Bertz &amp;<br />
Fischer, 2011, S. 32<br />
4<br />
Rolf Grimminger: Terror in der Kunst.<br />
In: Merkur 2/1998, S. 116-127<br />
5<br />
Amit Pinchevski &amp; Roy Brand: Holocaust<br />
Perversions: The Stalags Pulp Fiction and<br />
the Eichmann Trial. In: Critical Studies<br />
in Media Communication. Vol. 24, No. 5,<br />
December 2007, pp. 387-407, S. 391<br />
6<br />
Für den Beginn der Zweiten Welle<br />
der Frauenbewegung in den USA ist<br />
die Executive Order zur Presidenti-<br />
al Commission on the Status of Women<br />
als zeitliche Zäsur zu verstehen. Diese<br />
Executive Order stützt sich dabei auf den<br />
unratifizierten, aber inhaltlich verkehrs-<br />
fähigen Verfassungszusatz zur recht-<br />
lichen Gleichstellung der Frau.<br />
7<br />
8 Pinchevski &amp; Brand, 2007: S. 391<br />
9 Pinchevski &amp; Brand, 2007: S. 394<br />
Pinchevski &amp; Brand, 2007: S. 388</p>
<p>11<br />
Jasmin Bleimling &amp; Adrian Kind:<br />
Stalag Holocaust-Pornographie. Eine psy-<br />
choanalytische Betrachtung der Trans-<br />
formationen des Traumas im Schatten<br />
des Eichmann-Prozesses in den 1960er<br />
Jahren in Israel. In: Psychosozial: Um-<br />
kämpfte Psyche – Zur Rekontextuali-<br />
sierung phsychischen Leids. 38. Jahr-<br />
gang, Nr. 142, 2015, Seite 71-83, S. 81<br />
„Alija“ bezeichnet im Judentum<br />
die Rückkehr in das Gelobte Land.<br />
12<br />
„Ka-Tzetnik“ steht als phonetisch aus-<br />
geschriebene, am Hebräischen angelehn-<br />
te Abkürzung für „Inhaftierter des KZ“.<br />
135633 war Feiners Häftlingsnummer.<br />
13<br />
14 Pinchevski &amp; Brand, 2007: S. 393<br />
15 Bleimling &amp; Kind, 2015: S. 72<br />
16 Bleimling &amp; Kind, 2015: S. 75<br />
17 Pinchevski &amp; Brand, 2007: S. 390<br />
18 Ebd.<br />
19 Bleimling &amp; Kind, 2015: S. 81<br />
Pornographie und Holocaust (2008,<br />
Regie: Ari Libsker)<br />
20<br />
21<br />
Bleimling &amp; Kind, 2015: S. 77<br />
Yolanda Gampel: Eine Tochter des<br />
Schweigens. S. 147 In: Bergmann,<br />
Jucovy &amp; Kestenberg (Hrsg.), Kinder der<br />
Opfer, Kinder der Täter. Psychoanalyse<br />
und Holocaust (S. 147-172). Frankfurt/M.:<br />
Fischer.<br />
Freud beschrieb in Jenseits des Lust-<br />
prinzips den unbewussten Auftrieb des<br />
Widerholungszwanges eines Traumas in<br />
ein Wiedererleben des Verdrängten. Die<br />
Reinszenierung unverarbeiteter und in<br />
der Wiederkehr aufscheinender Traumata<br />
und der dadurch entstehende Widerstand<br />
ist ein zentrales Moment in der psycho-<br />
analytischen Praxis: Widerstand und<br />
Übertragung als psychische Operationen<br />
sind Gegenstand des Analytiker-Analysa-<br />
nd-Verhältnisses. Die szenische Reinsze-<br />
nierung beschreibt hier die Wiederkehr<br />
des Verdrängten über den Konsum von<br />
Stalags, also auf ein nicht zur Gänze und<br />
damit nur sekundär zu bearbeitendes<br />
Trauma, da es nicht verbal, sondern nur<br />
phantastisch, in einer inneren Realität,<br />
„agiert“ wird &#8211; wenn davon denn hier noch<br />
die Rede sein darf, was zu bezweifeln ist.<br />
30<br />
Ilse Grubrich-Simitis (1979): Extrem-<br />
traumatisierung als kumulatives Trauma.<br />
Psychoanalytische Studien über seelische<br />
Nachwirkungen der Konzentrationslager-<br />
haft bei Überlebenden und ihren Kindern.<br />
Psyche, 33. Jahrgang, 991-1023, zitiert<br />
nach Bleimlinger &amp; Kind, S. 75<br />
31<br />
32 Bleimling &amp; Kind, 2015: S. 80<br />
33 Stoller, 1998: S. 94<br />
34 Bleimling &amp; Kind, 2015: S. 81<br />
35 Bleimling &amp; Kind, 2015: S. 80<br />
36 Ebd.<br />
37 Bleimling &amp; Kind, 2015: S. 74<br />
22<br />
Sigmund Freud:(1916-17a). Vorlesun-<br />
gen zur Einführung in die Psychoanalyse.<br />
GW XI<br />
23<br />
24 Bleimling &amp; Kind, 2015: S. 78<br />
25 Ebd.<br />
Der Spiegel 23/1962, http://www.spiegel.<br />
de/spiegel/print/d-45140452.html [zuletzt<br />
am 8.5.2017]<br />
38<br />
Robert J. Stoller: Perversion. Die eroti-<br />
sche Form von Haß. Gießen: Psychosozial.<br />
1998, S. 28<br />
26<br />
27<br />
Bleimling &amp; Kind, 2015: S. 76</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Editorial: Zum Menschenrecht auf Beleidigtsein</title>
		<link>https://gewi.bagru.at/gezeit/archiv/2017/editorial-zum-menschenrecht-auf-beleidigtsein/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Yasemine Makineci]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 15 Jul 2017 14:24:34 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2017]]></category>
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					<description><![CDATA[Eine Einleitung zu Antisemitismus und Geschlecht. Antisemitismus und Geschlecht sind zwei zentrale Elemente moderner Herrschaftsverhältnisse. Während alles eigene Weibliche &#8211; Passive, Sinnliche, Verletzliche etc. &#8211; zumeist verdrängt wird, soll es im Außen tendenziell absoluter Kontrolle und Verfügbarkeit unterliegen. Nur so&#8230; <a href="https://gewi.bagru.at/gezeit/archiv/2017/editorial-zum-menschenrecht-auf-beleidigtsein/" class="more-link">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<h2>Eine Einleitung zu Antisemitismus und Geschlecht.</h2>
<p>Antisemitismus und Geschlecht sind zwei zentrale Elemente moderner Herrschaftsverhältnisse. Während alles eigene <i>Weibliche</i> &#8211; Passive, Sinnliche, Verletzliche etc. &#8211; zumeist verdrängt wird, soll es im Außen tendenziell absoluter Kontrolle und Verfügbarkeit unterliegen. Nur so ist die strukturell-männliche Subjektform möglich. Funktional, instrumentell-rational, imaginär autonom und souverän. Real bleibt diese libidinös und reproduktiv vom <i>Weiblichen</i> abhängig und den gesellschaftlichen Zwängen und Prozessen gegenüber ohnmächtig.</p>
<p>Individueller und qua Identifikation kollektiver Narzissmus wird damit zu einem konstitutiven Moment. Sicherheit, Macht und Glück werden in imaginierten Kollektiven gesucht – im Postnazismus vor allem in Volksgemeinschaft und <i>Umma</i> sowie in ihren familiären und sonstigen Keimformen. Deren (verinnerlichte) Zwänge und Zumutungen passen nicht recht zum narzisstischen Ideal der harmonischen Gemeinschaft und werden dem ausgemachten Juden projektiv angelastet. Letztlich soll dann von der Vernichtung alles „Jüdischen“ das Glück der Welt abhängen.</p>
<p>Gelten in weiblichkeitsfeindlichen Projektionen deren Objekte als minderwertig, aber auch als verführerisch und damit moralisch zersetzend, wird Jüdinnen und Juden darüber hinaus eine globale Übermacht unterstellt. Sie steuern angeblich die weitgehend abstrakten und anonymen Herrschaftsverhältnisse der Moderne – vor allem Geld und Staaten, Krisen und Kriege. Die Herrschaftsverhältnisse selbst werden zumeist nicht in Frage gestellt, sondern im Abweichenden, Nicht-Identischen stellvertretend bekämpft.</p>
<p>Das Thema dieser Ausgabe ist also keineswegs beliebig gewählt, sondern für die Kritik der falschen und hochgradig widervernünftigen Gesellschaft wesentlich, was zugleich notwendige Voraussetzung für deren Überwindung ist: für eine Gesellschaft, die universale und damit individuelle Freiheit erst ermöglicht, wo man also mit allen Konsequenzen „ohne Angst verschieden sein kann“ (Adorno 2003: 116).</p>
<h3>I Kollektiver Narzissmus und Postnazismus</h3>
<p>Mit den historischen Niedergängen islamischer Imperien kommt es zu kolonialer und darauf aufbauend kapitalistischer Marginalisierung der Region. Diese Unterlegenheit ist auch abseits der realen Verheerungen offenkundig eine schwere Kränkung der ApologetInnen islamischer Herrschaft. Dabei werden auch die Ideale universeller Freiheit von der islamischen Reaktion und ihrer post-kolonialen Schützenhilfe auf den Müllhaufen der möglichen Menschwerdung geworfen.</p>
<p>Seinen vorläufigen Höhepunkt gewinnt dieser Kampf (<i>Djihad</i>) über die Allianz mit dem Nationalsozialismus. Letzterer liefert massive militärische und propagandistische Unterstützung – gegen den gemeinsamen Feind, also alles Westliche und Moderne, personalisiert im ewigen Juden. So sieht sich die verbliebene jüdische Bevölkerung nur drei Jahre nach dem formalen Ende des Nationalsozialismus erneut in ihrer schieren Existenz bedroht. Noch in der Gründungsnacht des israelischen Staates am 14. Mai 1948 leiten Ägypten, Syrien, Saudi-Arabien, Jordanien, der Libanon und der Irak einen als solchen erklärten Vernichtungskrieg gegen Israel ein. Als führende Experten für Propaganda, Folter und Vernichtung sind nationalsozialistische Veteranen daran maßgeblich beteiligt. Doch der Angriff kann bekanntlich unter schwierigsten Bedingungen zurückgeschlagen werden.</p>
<p>Die Niederlage gilt vielen Besiegten fortan als <i>Nakba</i> („<i>die Katastrophe</i>“). Dieser Mythos des „<i>Holocaust an den Palästinensern</i>“ dient als Relativierung der tatsächlichen Shoah und damit der Legitimierung ihrer Fortsetzung. So wird Antisemitismus vielfach konstitutiv für die Staaten im Nahen Osten. Auch nationale und/oder islamische Despotie sowie entsprechender Militarismus und Aufrüstung gewinnen dabei eine verschärfte Priorität vor reproduktiven Bedürfnissen. Die Ideologie des Opfers bleibt virulent, weitere Vernichtungsversuche folgen: 1956 (Suezkrise), 1967 (Sechstagekrieg), 1978 (Yom-Kippur-Krieg), die Intifadas und heute vor allem der Terrorexport des iranischen Regimes.</p>
<p>Deren Zurückschlagung erfolgt durch eine wehrhafte israelische Armee, die auch von Frauen, Homosexuellen und Transsexuellen getragen wird. Dies dürfte eine weitere Kränkung für die ApologetInnen des besonders brutalen islamischen Patriarchats darstellen. Auch diesem gilt letztlich alles <i>Weibliche</i> als minderwertig. Permanente Gängelung, ständige Todesdrohungen und statuierte Exempel an AbweichlerInnen bis hin zur systematischen und lebenslänglichen Qual durch <i>Female Genital Mutilitation</i> sind darin überwiegend Normalität.</p>
<p>Zentrales Feindbild des postnazistischen Selbst- und Weltverständnisses ist folglich alles, was individuelle und zumal sexuelle Selbstbestimmung ist oder zu sein scheint, was als „westlich“ gilt und die Kollektive erst zersetze.</p>
<h3>II Narzissmus und Gesellschaft</h3>
<p>Sigmund Freud schreibt in der Traumdeutung über den Narzissmus: „Für die uneingeschränkte Eigenliebe (den Narzissmus) des Kindes ist jede Störung ein <i>crimen laesae maiestatis</i>, und wie die drakonische Gesetzgebung setzt das Gefühl des Kindes auf alle solche Vergehen nur die eine nicht dosierbare Strafe“ (Freud GW II/III: 261, Fußnote).</p>
<p>Eine solche Strafsucht aus narzisstischer Kränkung findet sich nun keineswegs allein bei verzogenen Kindern, Staatsherren und IslamistInnen. Tatsächlich scheint der irrationale Hass, nicht selten in der präventiven Verteidigung imaginierter Gemeinschaften, demokratisiert worden zu sein. Das <i>crimen laesae maiestatis</i> – die Majestätsbeleidigung – wurde gewissermaßen zum <i>Menschenrecht auf Beleidigtsein</i> modifiziert.</p>
<p>Natürlich ist Aufklärung im falschen Ganzen letztlich nicht ohne narzisstische Kränkung zu haben. Die entsprechende Psychodynamik läuft daran zumeist vorbei: Ob von Rechts bis Links, ob von opfernarzisstischen Deutschen als Weltmeister der Herzen und der Aufarbeitung, fast alle sehen sich geeint in der sogenannten Israelkritik, die sich in der massiven finanziellen Unterstützung und politischen Legitimierung als Vernichtungswunsch offenbart.</p>
<p>Auch darüber hinaus fühlen sich die „vereinzelten Einzelnen“ (Marx) und gerne auch ganze Gruppen ständig entweder selbst oder stellvertretend für andere notorisch gekränkt und beleidigt: vor allem in ihren religiösen Gefühlen, ihrer Kultur und ihrer Männlichkeit.</p>
<p>„Sie fühlen sich verletzlich und benehmen sich wehleidig, auch wenn sie selbst heftig austeilen. Hinter der Lust an der Selbsterhöhung durch Erniedrigung und Beleidigung anderer steckt die Versagensangst. Das narzisstische Subjekt erfährt sein prekarisiertes Leben als Castingshow, in der es um das Auswählen und das Ausgewähltwerden geht. Es vergleicht sein Vermögen mit dem anderer und leidet an der Drohung des eigenen Unvermögens. Die Konsequenz daraus ist Nötigung zur Verhaltensauffälligkeit: Wer stumm und blass ist, kommt am Runway nicht weiter“ (Edlinger 2016).</p>
<p>Als Arbeitskraftbehältnis austauschbar und dem Verwertungsprozess ausgeliefert, neigen sie zur Identifizierung mit mächtigen Kollektiven, zu kompensatorisch-narzisstischem Größenwahn. Das geht regelmäßig, vor allem in politischen und ökonomischen Krisenzeiten, in regressive Massendynamik sowie damit in irrationalen Hass und Gewaltexzesse über. Hier phantasieren die „ewig Zukurzgekommenen“ (Leo Löwenthal) und die „verfolgende Unschuld“ (Karl Kraus) von politisch rechts bis links die Schuldigen zielsicher im „ewigen Juden“.</p>
<p>Der blanke antisemitische Hass wird im Postnazismus jedoch meist politisch korrekt codiert: es heißt nun „die da oben“, „der Westen“, „USrael“, sie heißen nun Banker und Spekulanten, sie sind nun der leere Signifikant <i>die Macht</i> – seien schuld an was auch immer. Dies wird nicht selten mühelos auf die Fremden, die lüsterne und verführerische Frau und nicht-reproduzierenden ZersetzerInnen komplementär erweitert, welche ebenfalls die heilige Familie und überhaupt die jeweilige imaginierte und reale Zwangsgemeinschaft erst „vergiften“ würden.</p>
<p>Schon weil der Mensch zunächst ein „unermüdlicher Lustsucher“ (Freud) und ein bedürftiges Wesen ohne beliebig ausdehnbare Schmerzgrenzen ist, kann es keine Herrschaft ohne Konflikte und Gewalt geben. Daran werden die nunmehr gespaltenen Subjekte oftmals wahnsinnig. Dieser Zustand ist schwer erträglich und bedarf der Abwehr. Das geht von mehr oder weniger harmlosen Ersatzhandlungen (Sublimierung) bis hin zur pathischen Projektion. Was die deformierten Subjekte und vor allem manifeste AntisemitInnen mehr oder weniger bewusst wollen, lässt sich entsprechend ziemlich genau an dem ablesen, was sie dem Juden unterstellen: Völkermord, Weltherrschaft, Rachsucht, Gier, Lüsternheit und Genussfähigkeit.</p>
<p>Innerhalb der Kollektive, die jene Ressentiments variierend forcieren, haben wir es offenbar mit Subjekten zu tun, die ihre reale Ohnmacht im falschen Ganzen durch narzisstische Großartigkeit, Reinheit und Einheit irrational zu überkommen suchen. Das kann bei Gelegenheit bis hin zur äußersten Gewalt gesteigert werden. Diese weist auch ein instrumentell-rationales Moment auf: vor allem die Opferung anderer aber auch ihrer selbst für den angeblich höheren Zweck – meist Kombinationen aus Ehre der Familie, Männlichkeit und Volksgemeinschaft oder <i>Umma</i>.</p>
<p>Die eigenen Zumutungen werden zu individueller Selbstknechtung, es entsteht ein sado-masochistischer, strukturell-männlicher Charakter. Dieser weist notwendig paranoide Elemente auf, weil er ständig die Wiederkehr des Verdrängten, speziell <i>weiblicher</i> Triebwünsche, fürchten muss und zu echtem menschlichen Kontakt, zu so etwas wie Hingabe ohne Märtyrium, fast unfähig ist. Die permanente Suche nach Objekten zur Abreaktion wird oft zur Obsession. Die Libido bleibt indes primär auf das (imaginäre Größen-)Selbst fixiert und verarmt dadurch.</p>
<p>Bei den maßgeblichen Entstehungsbedingungen solcher Subjekte haben wir es demnach – in Form abstrakter und konkreter Herr-schaft sowie der immer damit verbundenen Gewalt, Ideologie und materiellen Verknappung – exakt mit demjenigen zu tun, was letztlich unnötiges menschliches Leid bedeutet und für den Übergang in einen wahrhaft menschlichen Zustand aufzuheben wäre. Es bleibt die drängende ideologiekritische Frage, warum diese objektive Möglichkeit kaum angestrebt wird und die Menschheit stattdessen wiederkehrend in Formen der Barbarei versinkt (Adorno/Horkheimer 2000).</p>
<p>Wir möchten daher in dieser Ausgabe der <i>Gezeit</i> einen Beitrag zur Klärung der Interferenz von Antisemitismus und Geschlechterverhältnis leisten, wobei nicht alle Beiträge auf einer Rezeption der Kritischen Theorie beruhen. Entsprechend besteht innerhalb der Fakultätsvertretung Geisteswissenschaften, als Herausgeberin der <i>Gezeit</i>, keine Einigkeit über alle Inhalte der Beiträge.</p>
<h3>III Zu den Beiträgen</h3>
<p>Wir beginnen diese <i>Gezeit</i> mit dem Artikel von <b>Max Rigele</b>, der zur historischen Entstehung von Antisemitismus und Sexismus schreibt: „Wer die Hexen jagt, der jagt auch die Juden“.</p>
<p>Der zweite Beitrag ist ein Interview von <b>Sandra Jurdyga</b> mit Karin Stögner, in welchem grundsätzliche Aspekte der Interferenz von Sexismus und Antisemitismus anhand der Chancen und Probleme einer intersektionalen Herangehensweise angesprochen werden.</p>
<p>Im dritten Artikel skizziert <b>Colin Kaggl</b> die konstitutive Neigung der autoritären und speziell männlichen Persönlichkeit zu Antisemitismus und Misogynie. Die Kritische Theorie ist auch hierfür unverzichtbare Grundlage.</p>
<p><b>Brigitte Temel</b> schreibt über das Verhältnis der Linken zur „Boycott &#8211; Divestment &#8211; Sanctions“-Bewegung und zu Israel, wobei letzteres bekanntlich maßgeblich feindselig geprägt ist.</p>
<p>Dann widmet sich <b>Till Amelung </b>einem Aspekt linker Verschwörungstheorie namens <i>Pinkwashing</i>, wonach die israelische Politik Rechte für LGBT zur Kaschierung der vermeintlichen „Unterdrückung des palästinensichen Volkes“ nutze.</p>
<p>Der sechste Artikel ist eine psychoanalytische Abhandlung von <b>Yasemin Makineci</b> zum Trauma durch den Nationalsozialismus. Als Beispiel dienen hierzu in Israel verfasste pornographische Groschenromane, die als Bearbeitungsversuche jener Traumatisierungen untersucht werden.</p>
<p><b>Tom Uhlig</b> widmet sich in seinem Artikel dem Antisemitismus in queerfeministischen und postkolonialen Zusammenhängen, während <b>Frederike Schuh</b> anhand der Probleme und des Forschungsstandes der Erkenntnistheorie über die Entstehung wahnhafter Wahrnehmungsmuster schreibt.</p>
<p>Unsere GenossInnen aus Berlin <b>Bertolt Specht</b> und <b>Lilli Brandt </b>zeigen schließlich am Beispiel des Otto-Suhr-Instituts sehr eindrücklich, wie sich bürgerliche Subjekte durch den gemeinsamen Feind vereint finden.</p>
<p>Den Abschluss macht <b>Colin Kaggl </b>mit einem Kommentar zur inhärenten Menschenfeindlichkeit des Islam und dazu, wie diese speziell von der politischen Linken als revolutionäres Subjekt aufgeladen wird.</p>
<h3>Literatur</h3>
<p>Adorno, Theodor W. / Horkheimer, Max (2000). Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. Frankfurt am Main: Suhrkamp.</p>
<p>Adorno, Theodor W. (2003): Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben. Frankfurt am Main: Suhrkamp.</p>
<p>Edlinger, Thomas (2016): Ich bin beleidigt, also bin ich. http://www.zeit.de/kultur/2016-04/beleidigungen-jan-boehmermann-dieter-bohlen-recep-tayyip-erdogan/komplettansicht (20.6.2017)</p>
<p>Freud, Sigmund (1900): Die Traumdeutung. GW II/III, 3. Aufl. 1961. London: Imago Publishing.</p>
<p>Küntzel, Matthias (2003): Djihad und Judenhaß. Über den neuen antijüdischen Krieg. Freiburg: ça-ira.</p>
<p>Radonic, Ljiljana (2004): Die friedfertige Antisemitin? Kritische Theorie über Geschlechter verhältnis und Antisemitismus. Frankfurt am Main: Peter Lang.</p>
<p>Stögner, Karin (2014): Antisemitismus und Sexismus. Historisch-gesellschaftliche Konstellationen. Baden Baden: Nomos</p>
<p>Tenenbom, Tuvia (2014): Allein unter Juden. Eine Entdeckungsreise durch Israel. Frankfurt am Main: Suhrkamp.</p>
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