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	<title>antisemitismus &#8211; gezeit</title>
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	<description>Zeitschrift der FV GEWI</description>
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		<title>„Wer die Hexen jagt, der jagt auch die Juden“[1]</title>
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		<dc:creator><![CDATA[FV GEWI]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 15 Jul 2017 14:37:56 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2017]]></category>
		<category><![CDATA[antisemitismus]]></category>
		<category><![CDATA[hexen]]></category>
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					<description><![CDATA[Über Hexenwahn, Antisemitismus und den Untergang der magischen Welt. In der Vorstellung ihrer Bevölkerung war die mittelalterliche Welt durchdrungen von Geistern und Dämonen. Die Natur schien beseelt von allerlei transzendenten Gestalten. Diese zur Verwirklichung eigener Zwecke anzurufen, war gängige Praxis.&#8230; <a href="https://gewi.bagru.at/gezeit/archiv/2017/wer-die-hexen-jagt-der-jagt-auch-die-juden/" class="more-link">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<h2>Über Hexenwahn, Antisemitismus und den Untergang der magischen Welt.</h2>
<p>In der Vorstellung ihrer Bevölkerung war die mittelalterliche Welt durchdrungen von Geistern und Dämonen. Die Natur schien beseelt von allerlei transzendenten Gestalten. Diese zur Verwirklichung eigener Zwecke anzurufen, war gängige Praxis. Ob bei Krankheit, schlechtem Wetter oder anderen Problemen, es wurde auf zahlreiche Zauber zurückgegriffen. Das magische Weltbild war somit, neben der christlichen Lehre, prägend für die mittelalterliche Gesellschaft. Die magische Praxis baute auf einem gewissen Näheverhältnis zwischen Mensch und Natur auf. Die Menschen begriffen sich noch nicht als von der Natur getrennt, sondern als Teil dieser. So spielte bei der Ausübung von Magie Mimesis, das Nachahmen natürlicher Vorgänge, eine große Rolle.[<a href="#note_2" name="link_2">2</a>]</p>
<p>Trotz ihrer faktischen Machtlosigkeit innerhalb der feudalen Gesellschaft, spielten Frauen im magischen Weltbild eine wichtige Rolle. Naturverbundenheit und damit auch magische Fähigkeiten waren weiblich konnotiert. Diese Verknüpfung basiert ursprünglich auf Unkenntnis über Prozesse der Zeugung und Geburt. Die gebärende Frau wurde in Analogie zur fruchtbaren Natur gesetzt und eine Verbindung zwischen beiden imaginiert. Daher waren es primär Frauen, die im Zusammenhang mit Heilung und Geburt magische Praktiken ausübten.[<a href="#note_3" name="link_3">3</a>] Nachdem die empirische Wissenschaft noch nicht entwickelt war, konnte dabei keine qualitative Unterscheidung zwischen Geisterbeschwörung und der realen Wirkung, etwa von Heilkräutern gezogen werden. Entsprechend dem ambivalenten Naturverhältnis hatten im magischen Weltbild sowohl der gute wie der böse Zauber ihren Platz. Die Verfolgung magischer Praktiken richtete sich demgemäß nicht gegen die Magie schlechthin, sondern nur gegen die vermeintlich bösen Zauberkundigen. Wer durch Glück und Geschick mit der richtigen Dosis Kräuter hantierte, wurde als Heilerin aufgesucht, wer versehentlich eine Überdosis verabreichte, fiel der Lynchjustiz des Mobs zum Opfer.[<a href="#note_4" name="link_4">4</a>]</p>
<h3>Der kirchliche Angriff auf die Hexen</h3>
<p>Im Zuge des chaotischen Umbruchs zwischen feudaler und kapitalistischer Gesellschaft, sollte das magische Weltbild des Mittelalters gemeinsam mit tausenden Frauen seinen Untergang erfahren. Reform und Gegenreformation, zahlreiche Kriege und Epidemien, sowie die sogenannte ursprüngliche Akkumulation, die Herausbildung des Kapitals, rissen die feudale Gesellschaft aus ihren Fugen. Das kirchliche Weltbild einer einmaligen, göttlichen Ordnung geriet ins Wanken. Angesichts massiver sozialer Umwälzungen und Verwerfungen schien es nicht mehr auszureichen, um Gesellschaft adäquat zu erklären. Als Reaktion leitete die Kirche einen Angriff auf das mit ihr konkurrierende magische Weltbild und seine Vertreter_innen ein. Die unheilige Allianz zwischen Menschen und von Dämonen durchdrungener Natur sollte ein Ende haben.[<a href="#note_5" name="link_5">5</a>] Im Zuge dieses Angriffs durchlief die kirchliche Einstellung zur Hexerei einen Wandlungsprozess. War etwa der Hexensabbat, ein nächtliches Treffen hunderter Hexen, in frühere Zeit noch für Unsinn erklärt worden, erschien er jetzt als reale Gefahr. Ende des 15. Jahrhunderts waren bereits zahlreiche kirchlich autorisierte Werke erschienen, die sich der Beschreibung von Hexerei und Hexen widmeten. Der Hexenwahn war geboren.[<a href="#note_6" name="link_6">6</a>]</p>
<h3>Der Staat, die Wissenschaft und der grassierende Hexenwahn</h3>
<p>Im Verlauf des 16. Jahrhunderts ging die Initiative zur Hexenjagd von kirchlichen zu weltlichen Autoritäten über. Der Staat begann eine immer größere Rolle im Kampf gegen das Hexenwesen zu spielen.[<a href="#note_7" name="link_7">7</a>] Dabei wurde in der Natur der Grund für allerlei Übel gesehen. In den Frauen, als Ausdruck der Naturverbundenheit und des Sich-Einlassens mit der Natur, wurden diese bekämpft.<br />
Zudem setzte sich in der im Entstehen begriffenen, modernen Wissenschaft, eine Trennung von Mensch und Natur durch. An Stelle des bisher bestehenden Nahe­verhältnisses sollte ein distanzierter Umgang treten. Nur so ließe sich die angestrebte Beherrschung der inneren wie äußeren Natur bewerkstelligen.[<a href="#note_8" name="link_8">8</a>] Erstere fasst dabei den Trieb, letzterer die Umwelt und ihre Kräfte. Mit Silvia Bovenschen lässt sich zusammen­fassen: „Es war [&#8230;] der Vorwurf der Komplizenschaft mit den geheimnis­vollen Kräften der Natur (die den Menschen identisch erschienen mit jenen, die das Sozialgefüge sprengten), der im Zentrum des Verdachts gegen die Hexen stand“.[<a href="#note_8" name="link_9">9</a>] Als verderblich und fortschrittshemmend begriffen, sollte das magische Weltbild in den Flammen verschwinden.</p>
<p>Jede verbrannte Hexe rief dabei eine neue Welle der Verfolgung hervor. Die Individuen, in Folge der zerfallenden feudalen Gesellschaft auf sich selbst zurückgeworfen, waren zum Wahn bereit. Massenangst vor und Massenwut auf die Hexen machte sich breit.[<a href="#note_10" name="link_10">10</a>] „Dies ging so weit, dass im Zuge der Vermehrung der Scheiterhaufen jedes Mißgeschick und jeder Unfall, der sich irgendwo ereignete, den Hexen zugeschrieben wurde; die so erschreckten Christen verdächtigten sich gegenseitig Sklaven des Satans zu sein, dessen Hand man überall wahrzunehmen glaubte“.[<a href="#note_11" name="link_11">11</a>]</p>
<h3>Melange der Stereotype: Hexen, Teufel und „der Jude“</h3>
<p>Etwa gleichzeitig mit dem aufkommenden Hexenwahn, erlebte auch das antisemitische Ressentiment eine Konjunktur. Die stereotypen Bilder von Hexen und Juden sind sich dabei teils sehr ähnlich. Auch der Teufel, welcher im Vorfeld und Zusammenhang mit der Hexen­verfolgung einen Bedeutungszuwachs erfuhr, spielte hier eine Rolle. Poliakov schreibt: „Wenn man jetzt die Legenden, die im gleichen Zeitraums (dem der Hexen­verfolgung Anm. M.R.) über die Juden im Umlauf sind, einer Überprüfung unterzieht [&#8230;], dann kommt man zu der Feststellung, daß sie in ihrer Person die neuen Merkmale des Teufels und der Hexen miteinander vereinigen“.[<a href="#note_12" name="link_12">12</a>] So erschienen die Juden im antisemitischen Stereotyp als männlich und weiblich zugleich.</p>
<p>In ihrer imaginierten Ähnlichkeit zum Teufel besitzen sie Merkmale übersteigerter Männlichkeit. Sie sind dem (christlichen) Menschen in gewisser Weise überlegen und werden unbewusst gefürchtet und beneidet. Im Gegensatz dazu leiden die Juden auch an allerhand Schwächen. In Zeiten massenhafter, misogyner Raserei sind es weibliche Attribute, welche die verachtenswerte Seite des Bösen repräsentieren. So gingen die zeitgenössischen Antisemit_innen davon aus, jüdische Frauen und Männer würden monatliche Blutungen haben.[<a href="#note_13" name="link_13">13</a>] „Die Gesetze gegen die Hexenmeister gehören übrigens zu den Verordnungen, die die rechtliche Stellung der Juden regeln; es erscheint als ganz selbstverständlich, daß die Juden gleichzeitig Zauberer sind“.[<a href="#note_14" name="link_14">14</a>]</p>
<p>Abschließend lässt sich festhalten, dass der Hexenwahn als Antwort auf soziale Veränderungen im Übergang zwischen feudalen und kapitalistischen Verhältnissen verstanden werden muss. Eine zentrale Rolle spielt die sich neu herausbildende Beziehung von Mensch und Natur. An Stelle einer bisher angenommen Einheit, trat das Gebot des distanzierten Verhältnisses.<br />
„In seinem Verlauf (des Prozesses der Hexen­verfolgung Anm. M.R.) wurden die letzten Momente einer Koinzidenz von Ich und Natur, die den magischen Praktiken der Hexen inhärent gewesen waren, zerstört“.[<a href="#note_15" name="link_15">15</a>] Frauen, in der magischen Welt des Mittelalters noch Subjekt der Naturbeherrschung, wurden zum Gegenstand der Unterdrückung. Einst war ihnen die Beschwörung der Naturkräfte als nützliche Potenz angerechnet worden. Nun erschien ihre Kontrolle aufgrund eines vorgeblichen Näheverhältnisses zur Natur als notwendig. Die damals grassierende Misogynie spiegelte sich auch im Antisemitismus wieder. Es waren die weiblichen Eigenschaften, welche den Juden, neben der ihnen zugeschriebenen Gefährlichkeit und Macht, auch eine verachtenswerte Komponente zukommen ließen.</p>
<h3>Fußnoten</h3>
<p><a href="#link_1" name="note_1">1</a>: Léon Poliakov (1978): Geschichte des Antisemitismus. Bd. 2. Das Zeitalter der Verteufelung und des Ghettos. Worms: Verlag Georg Heintz, S. 53</p>
<p><a href="#link_2" name="note_2">2</a>: Trumann, Andrea (2002): Feministische Theorie. Frauenbewegung und weibliche Subjektbildung im Spätkapitalismus, Stuttgart: Schmetterling-Verlag, S. 97ff</p>
<p><a href="#link_3" name="note_3">3</a>: Bovenschen (1977): Die aktuelle Hexe, die historische Hexe und der Hexenmythos. Die Hexe: Subjekt der Naturaneignung und Objekt der Naturbeherrschung. In: Becker, Bovenschen, Brackert u.a.: Aus der Zeit der Verzweiflung. Zur Genese und Aktualität des Hexenbildes. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 282ff</p>
<p><a href="#link_4" name="note_4">4</a>: Bovenschen (1977): S. 279 und S. 286f<br />
<a href="#link_5" name="note_5">5</a>: Bovenschen (1977): S. 276ff<br />
<a href="#link_6" name="note_6">6</a>: Popliakov (1978): S. 40ff<br />
<a href="#link_7" name="note_7">7</a>: Federici (2012): S. 209<br />
<a href="#link_8" name="note_8">8</a>: Trumann (2002): S. 98ff<br />
<a href="#link_9" name="note_9">9</a>: Bovenschen (1977): S. 281<br />
<a href="#link_10" name="note_10">10</a>: Bovenschen (1977): S. 42f<br />
<a href="#link_11" name="note_11">11</a>: Poliakov (1978): S. 43<br />
<a href="#link_12" name="note_12">12</a>: Poliakov (1978): S. 44f<br />
<a href="#link_13" name="note_13">13</a>: Poliakov (1978): S. 43ff<br />
<a href="#link_14" name="note_14">14</a>: Poliakov (1978): S. 45<br />
<a href="#link_15" name="note_15">15</a>: Bovenschen (1977): S. 292<br />
<a href="#link_16" name="note_16">16</a>: Bovenschen (1977): S. 292</p>
<h3>Literatur</h3>
<p>Federici, Silvia(2012): Caliban und die Hexe. Frauen, der Körper und die ursprüngliche Akkumulation. Wien: Mandelbaum Verlag</p>
<p>Bovenschen, Silvia (1977): die aktuelle Hexe, die historische Hexe und der Hexenmythos. Die Hexe: Subjekt der Naturaneignung und Objekt der Naturbeherrschung. In: Becker, Bovenschen, Brackert u.a.: Aus der Zeit der Verzweiflung. Zur Genese und Aktualität des Hexenbildes. Frankfurt am Main: Suhrkamp</p>
<p>Poliakov, Léon (1978): Geschichte des Antisemitismus. Bd. 2. Das Zeitalter der Verteufelung und des Ghettos. Worms: Verlag Georg Heintz</p>
<p>Trumann, Andrea (2002): Feministische Theorie. Frauenbewegung und weibliche Subjektbildung im Spätkapitalismus, Stuttgart: Schmetterling-Verlag</p>
<p>Göllner, Renate (2015): Hexenwahn und Feminismus. Über die Dialektik feministischer Aufklärung am Beispiel von Silvia Bovenschens Kritk. In: Sans Phrase. Zeitschrift für Ideologiekritik. Heft 7, Herbst 2015,</p>
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		<title>Falsche Kapitalismuskritik und struktureller Antisemitismus</title>
		<link>https://gewi.bagru.at/gezeit/archiv/2016/falsche-kapitalismuskritik-und-struktureller-antisemitismus/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[gezeit]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 19 Oct 2016 13:35:03 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2016]]></category>
		<category><![CDATA[antisemitismus]]></category>
		<category><![CDATA[kapitalismuskritik]]></category>
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					<description><![CDATA[Zur Kritik der Personalisierung abstrakter Herrschaftsverhältnisse Kapitalismuskritik ist nicht immer progressiv. Ganz im Gegenteil: Kritik, die den Kapitalismus als personelles Herrschaftsverhältnis missversteht und sich dabei in antisemitische Argumentationsmuster verstrickt ist allgegenwärtig. Um diese erkennen und somit zurückweisen zu können, ist&#8230; <a href="https://gewi.bagru.at/gezeit/archiv/2016/falsche-kapitalismuskritik-und-struktureller-antisemitismus/" class="more-link">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<h2>Zur Kritik der Personalisierung abstrakter Herrschaftsverhältnisse</h2>
<p>Kapitalismuskritik ist nicht immer progressiv. Ganz im Gegenteil: Kritik, die den Kapitalismus als personelles Herrschaftsverhältnis missversteht und sich dabei in antisemitische Argumentationsmuster verstrickt ist allgegenwärtig. Um diese erkennen und somit zurückweisen zu können, ist es notwendig die Grundstruktur des antisemitischen Weltbildes zu kennen.</p>
<h3>Moderner Antisemitismus</h3>
<p>Im 19. Jahrhundert entstand der moderne Antisemitismus als eine politische Bewegung, die Stereotype des traditionellen und vor allem religiös motivierten Antijudaismus fortträgt und doch anders funktioniert. Mit dem Umbruch zur Moderne, der Entwicklung des industriellen Kapitalismus und damit aufkommenden Veränderungen und Unsicherheiten wurden <em>die Juden</em> als Sinnbild alles Schlechten identifiziert. Jüdinnen und Juden werden dabei für die moderne Gesellschaft und allen damit einhergehenden Veränderungen schuldig gesprochen (vgl. etwa Bergmann/Wyrwa 2011:1).</p>
<p>Die eigentlichen Vorurteile sind jedoch schon viel früher entstanden. Die Kontinuität der alten Stereotype <em>des Juden</em> als <em>Wucherer</em> und der <em>jüdischen Weltverschwörung</em> zeigt die historische Tragweite der Entwicklung des Antisemitismus. Der Ausschluss aus Handwerk und Agrarwirtschaft infolge der Christianisierung Europas führte zu einer Abdrängung vieler Jüdinnen und Juden in die (kirchlich verpönte) Geldwirtschaft und den Handel (vgl. ebd.: 11). Dies wiederum führte zu neuen Stereotypen und Anschuldigungen. Die Verbindung von Jüdinnen und Juden mit Geld, Zins und Reichtum und mit Charaktereigenschaften wie Gier, Hinterlist und Intellekt sind traditionelle Stereotype, auf denen der moderne Antisemitismus aufbaut und derer sich auch heute in aktuellen Ausdrucksformen bedient wird. Auch der Vorwurf der Verschwörung, mit dem eine weltweite Vernetzung aller Jüdinnen und Juden behauptet wurde, die sich geheim träfen um Christus zu verspotten und nebenbei die Weltherrschaft anstrebten, hat seinen Weg zu modernen antisemitischen Verschwörungstheorien gefunden (vgl. ebd.: 12). In Kombination alter antisemitischer Stereotype werden Jüdinnen und Juden als <em>Drahtzieher_innen</em> ausgemacht und in ihnen alle negativen Seiten der modernen Welt personalisiert. Antisemitische Verschwörungstheorien dienen der vermeintlichen Erklärung aller möglichen ungeliebten Phänomene (Globalisierung, Terrorismus, Finanzkrise, etc.) und vor allem des Kapitalismus.</p>
<h3>Kapitalismus und falsche Kapitalismuskritik</h3>
<p>Diese Vorstellungen bauen auf einem falschen Verständnis des Kapitalismus auf. So ist der moderne Antisemitismus auch eine Form falscher Kapitalismuskritik, die sich lediglich gegen die unverstandenen Aspekte der warenproduzierenden Gesellschaft richtet – und nicht das System als Ganzes im Blick hat. Dabei werden die aus den gesellschaftlichen Verhältnissen resultierenden Unsicherheiten, Ängste und verdrängten Wünsche mit der einseitigen Beschuldigung von Einzelpersonen beantwortet (vgl. Stögner 2014: 109).<br />
Anders als im Feudalismus, welcher auf klar erkennbaren personalen Herrschaftsstrukturen aufbaute, ist Herrschaft im Kapitalismus dinglich vermittelt. Der Tausch von Waren am freien Markt bildet die Basis kapitalistischer Vergesellschaftung (vgl. Schmidinger 2004: 16f.). Die Herrschenden lassen sich damit nicht mehr unmittelbar identifizieren. Die Verkennung des Kapitalismus als personelles Herrschaftsverhältnis führt zu der Vermutung, die Herrschenden würden versteckt, in Geheimbünden organisiert und im Hintergrund die Fäden ziehen (vgl. ebd.: 17).</p>
<p>Demgegenüber richtet sich ein Begreifen des Kapitalismus als ein auf sachlicher Herrschaft beruhendes System von vornherein gegen jede Form personalisierender Kapitalismuskritik, denn als Personifikationen ökonomischer Kategorien sind Kapitalist_innen ebenso existenziellen Sachzwängen ausgesetzt wie Lohnarbeiter_innen. Wollen Kapitalist_innen, dass ihre Unternehmen unter den Bedingungen der Konkurrenz bestehen bleiben, müssen sie der Verwertungslogik des Kapitals folgen (vgl. Heinrich 2005: 85). „Dass der einzelne Kapitalist beständig versucht, seinen Gewinn zu vergrößern, liegt nicht in irgendwelchen psychischen Eigenschaften begründet, wie etwa ‚Gier‘, es handelt sich vielmehr um ein durch den Konkurrenzkampf der Kapitalisten erzwungenes Verhalten“ (ebd.). Wollen sich Arbeiter_innen gleichsam unter den Bedingungen der Konkurrenz[<a href="#note_1" name="link_1">1</a>] ihre Existenz sichern, müssen sie, ebenfalls jener Verwertungslogik folgend, ihre Arbeitskraft als Ware verkaufen (vgl. ebd.: 88). Die Menschen bringen also selbst, durch ihr rationales Verhalten, jene Verhältnisse hervor, die ihnen bereits als gegeben erscheinen. Sie unterwerfen sich einem Herrschaftsverhältnis, das sie permanent selbst reproduzieren: „Sie wissen das nicht, aber sie tun es“ (MEW 23, 88).</p>
<p>Falsche Kritik fokussiert also auf die Erscheinungsebene des Kapitalismus und reduziert diesen auf unmittelbar zugängliche, oberflächliche Phänomene, die als die wahren Ursachen der Zumutungen des Kapitalismus ausgemacht werden. Dem Kapitalismus werden nur die Erscheinungen des vermeintlich Abstrakten (Zirkulationssphäre, Geld, Zins, etc.) zugeschrieben, während das vermeintlich Konkrete (Produktionssphäre, Arbeit, etc.) als nicht-kapitalistisch verstanden und zugleich positiv besetzt wird (vgl. Postone 1979: o. S.). Dass Arbeit in der Warengesellschaft (als abstrakte, wertbildende Arbeit) die Grundlage von Geld und Kapital ist und die Produktion von Gebrauchswerten (konkrete Arbeit) lediglich als (für die Verwertung des Werts) notwendiges Nebenprodukt fungiert, bleibt unbemerkt (vgl. Heinrich 2005: 46).</p>
<p>Insbesondere beim zinstragenden Kapital ist jener Zusammenhang dem spontanen Bewusstsein nicht zugänglich, denn in einer oberflächlichen Betrachtung erscheint die Bewegung des zinstragenden Kapitals ohne ihre notwendige Vermittlung: die Ausbeutung von Arbeitskraft in der produktiven Sphäre. Es scheint als vermehrte sich das Kapital von selbst. So schreibt Marx: „Im zinstragenden Kapital erreicht das Kapitalverhältnis seine äußerlichste und fetischartigste Form. Wir haben hier G &#8211; G ́, Geld, das mehr Geld erzeugt, sich selbst verwertenden Wert, ohne den Prozeß, der die beiden Extreme vermittelt“ (MEW 25, 404; zu <em>Zinskritik</em> siehe auch Rakowitz 2010). Bei der Suche nach dem Ursprung jenes ominösen Mehrwerts kommt es deshalb zu folgenreichen Fehlschlüssen – wie Finanzmarktkritiker_innen mit ihrer vermeintlichen Kapitalismuskritik immer wieder deutlich machen.</p>
<h3>Struktureller Antisemitismus</h3>
<p>Einige Ansätze vermeintlicher Kapitalismuskritik funktionieren also auf eine ähnliche Weise wie der moderne Antisemitismus. Wenn als Schuldige nun nicht <em>die Juden</em> sondern andere Personengruppen ausgemacht werden, wird zwar kein offener Antisemitismus ausgesprochen, jedoch ein strukturell ähnliches Argumentationsmuster bedient. Diese Strukturähnlichkeit von modernem Antisemitismus und falscher Kritik wird mit dem Begriff des strukturellen Antisemitismus deutlich.</p>
<p>Die Struktur zeigt sich darin, dass einzelne Personen für Probleme verantwortlich gemacht werden, die sachlichen Zwängen entspringen. Eine solche Kritik ist personalisierend und wird ebenso im Antisemitismus bedient, wie auch in der oben beschriebenen falschen Kapitalismuskritik. Nicht der Kapitalismus wird bekämpft, sondern die Kapitalist_innen (vgl. Schmidinger 2004: 19). Die Argumentation zielt also am System vorbei und schreibt die Verantwortung und Kontrolle struktureller Vorgänge Einzelpersonen zu. Dabei werden dieselben Stereotype wie im modernen Antisemitismus auf „neue“ vermeintlich Schuldige angewandt: (Finanz-)Kapitalist_innen, Banker_innen, Manager_innen werden als <em>geldgierig</em>, <em>hinterlistig</em> und <em>böswillig</em> bezeichnet. Angegriffen werden dabei <em>die Reichen</em>, denen, als <em>skrupellose Bonzen</em> bezeichnet, eine absichtliche Verursachung von Ausbeutungsverhältnissen unterstellt wird. Mit Codewörtern wie der Bezeichnung des ausgemachten Feindes als <em>die Spekulant_innen</em> an der Wall Street/Ostküste oder den angeblichen 1%, die die Welt beherrschen würden ist auch der Weg zu offen antisemitischen Äußerungen nicht mehr weit.</p>
<p>Häufig wird dabei eine Verschwörung <em>der Mächtigen</em> vermutet. Der Systemcharakter wird völlig verkannt. So ist die einseitige Kritik am „Finanzkapitalismus“ auch deswegen falsch, weil Investitionen auf Kapital- und Finanzmärkten aufgrund der Konkurrenz Zwangscharakter haben. Ein Kapitalismus ohne Finanzmärkte ist undenkbar. Der strukturelle Antisemitismus einer solchen Finanzmarktkritik lässt sich wohl am deutlichsten mit einem Blick auf den „Antikapitalismus“ des Nationalsozialismus verdeutlichen. Die auch in aktueller Finanzmarktkritik oft vorgenommene moralisierende Trennung von Industrie- und Finanzkapital zeigte sich dort in der Gegenüberstellung vom <em>schaffenden, natürlichen [arischen]</em> und <em>raffenden, künstlichen [jüdischen]</em> Kapital.</p>
<p>Die strukturelle Ähnlichkeit solch falscher Kapitalismuskritik zu offener Judenfeindschaft ist leicht zu erkennen – und nicht selten wird letztere damit auch gefördert. Tauscht man die Namen der als schuldig ausgemachten gegen <em>die Juden</em> aus, wird die Struktur des antisemitischen Weltbilds offensichtlich. Auch ohne offen antisemitisch aufzutreten, werden hier gleiche Bilder und Denkweisen transportiert. Falsche Kapitalismuskritik bleibt nicht harmlos, solange ihr Gegenstand nicht in Jüdinnen und Juden personalisiert wird. In jedem Fall wird eine Feindschaft artikuliert, die jeder rationalen Grundlage entbehrt und sich früher oder später gewaltförmig zu entladen droht. Falsche Kritik muss in all ihren Ausdrucksformen als solche entlarvt und entschieden zurückgewiesen werden.</p>
<p style="text-align: right;">Isolde Vogel &amp; Sebastian Schneider</p>
<h3>Fußnoten:</h3>
<p><a href="#link_1" name="note_1">1</a>: Konkurrenzverhältnisse unter Lohnabhängigen begünstigen nicht zuletzt (unbewusste) Wünsche nach einer harmonischen Volksgemeinschaft und können auch in offen ausgetragenen Feindschaften – gegen jene die als nicht zu dieser Gemeinschaft zugehörig gelten – münden.</p>
<p>GEWI empfiehlt zum weiterlesen: „<a title="Volksgemeinschaft und Nationalsozialismus" href="/gezeit/archiv/2016/volksgemeinschaft-und-nationalsozialismus">Volksgemeinschaft und Nationalsozialismus</a>“ von Michael Fischer.</p>
<h3>Literatur:</h3>
<ul>
<li>Bergmann, Werner/Wyrwa, Ulrich (2011): Antisemitismus in Zentraleuropa. Deutschland, Österreich und die Schweiz vom 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Darmstadt: WBG.</li>
<li>Heinrich, Michael (2005): Kritik der Politischen Ökonomie. Eine Einführung. 3. Auflage. Stuttgart: Schmetterling.</li>
<li>Marx, Karl (1979 [1867]): Das Kapital. Erster Band. MEW 23. Berlin.</li>
<li>Marx, Karl (1983 [1894]): Das Kapital. Dritter Band. MEW 25. Berlin.</li>
<li>Postone, Moishe (1979): Nationalsozialismus und Antisemitismus. Ein theoretischer Versuch. In: Krisis. Kritik der Warengesellschaft. http://www.krisis.org/1979/nationalsozialismus-und-antisemitismus [Zugriff: 28.04.2016]</li>
<li>Rakowitz, Nadja (2010): Die Kritik am Zins – eine Sackgasse der Kapitalismuskritik. In: associazione delle talpe/Rosa-Luxemburg-Initiative Bremen (Hg.): Maulwurfsarbeit. Aufklärung und Debatte, Kritik und Subversion, 17-21. https://www.rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/pdfs/rls_papers/Papers_Maulwurfsarbeit.pdf [Zugriff: 20.05.2016]</li>
<li>Schmidinger, Thomas (2004): Struktureller Antisemitismus und verkürzte Kapitalismuskritik. In: AStA der Geschwister-Scholl-Universität München (Hg.): Spiel ohne Grenzen. Zu- und Gegenstand der Antiglobalisierungsbewegung. Berlin: Verbrecher; 15-25.</li>
<li>Stögner, Karin (2014): Antisemitismus und Sexismus. Historisch-gesellschaftliche Konstellationen. Baden-Baden: Nomos.</li>
</ul>
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