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	<title>2014 &#8211; gezeit</title>
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	<description>Zeitschrift der FV GEWI</description>
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		<title>Besserwissen. Ja bitte, fangen wir an!</title>
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		<dc:creator><![CDATA[gezeit]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 24 Mar 2014 13:42:02 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2014]]></category>
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					<description><![CDATA[Wie ist es um das kulturelle Gedächtnis Österreichs und der Universität Wien, einem der „Orte der Wissensproduktion“ der Gesellschaft bezüglich NS-Vergangenheit, Opfermythos und Mittäter*innenschaft, bestellt? Es sind immer noch ein verzerrtes Selbstbild, ein Leugnen der Mitschuld und Mittäter*innenschaft und bis&#8230; <a href="https://gewi.bagru.at/gezeit/archiv/2014/besserwissen-ja-bitte-fangen-wir-an/" class="more-link">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Wie ist es um das kulturelle Gedächtnis Österreichs und der Universität Wien, einem der „Orte der Wissensproduktion“ der Gesellschaft bezüglich NS-Vergangenheit, Opfermythos und Mittäter*innenschaft, bestellt? Es sind immer noch ein verzerrtes Selbstbild, ein Leugnen der Mitschuld und Mittäter*innenschaft und bis heute NS-Kontinuitäten &#8211; ein Postnazismus erkennbar.</p>
<p>Der Begriff des Kulturellen Gedächtnisses nach dem Soziologen Halbwachs und den Wissenschaftler*innen Aleida und Jan Assmann ist ein Sammelbegriff. Die Grundlage für Handlungen einer Gesellschaft setzt sich aus „generationsübergreifendem Wissen“ zusammen und bewahrt den Wissensvorrat einer Gruppe auf, woraus sich ihr Selbstbild zusammensetzt. Erwerb und Überlieferungen dienen u.a. der Identitätsstiftung.<br />
Kulturelle Objektivierung, sprich, kulturelle Artefakte, stabilisieren das Kulturelle Gedächtnis (vgl.: Assmann 1988; 15 ff.).</p>
<p>Jene „kollektive“, z.B. nationale Vergangenheit wird in der Gegenwart je nach Gebrauchswert präsent, die Vergangenheit wird also selektiv, dem gegenwärtigen Bezugsrahmen und aktuellen gesellschaftlichen Situationen gemäß genutzt.</p>
<p>Dieser kulturelle Wissens- und Symbolvorrat wird folglich nach Wertperspektive und Relevanzgefälle strukturiert, je nachdem, was die Selbstbildkonstruktion benötigt. Nach Halbwachs ist das Gedächtnis des Individuums geprägt über soziale Vermittlung und Gruppenzugehörigkeit (vgl.: ebd.: 15 ff.).</p>
<h3>Österreich und der Opfermythos</h3>
<p>Die Moskauer Erklärung vom 30. Oktober 1943 lieferte wohl den Grundstein zur Einführung einer Opfer- statt Täter*innenr-Selbstidentifikation Österreichs nach Ende des 2. Weltkrieges. In ihr heißt es von GB, U.S.A. und SU unter anderem:</p>
<blockquote><p>The governments of the United Kingdom, the Soviet Union and the United States of America are agreed that Austria, the first free country to fall a victim to Hitlerite aggression, shall be liberated from German domination.<br />
[…] (Moskauer Erklärung)</p></blockquote>
<p>Diese und andere Feststellungen der Moskauer Erklärung stützen zu großen Teilen den Opfermythos Österreichs[1]. Die Selbstverortung als Opfer wurde instrumentalisiert und genutzt (z.B. bei Verhandlungen<br />
mit den Siegermächten) und hatte weitreichende Wirkung bezüglich Einsparungen bei fälligen Entschädigungszahlungen an Opfer österreichischer Rassenpolitik im nationalsozialistischen Staat (vgl.: Blimlinger 2006: 137ff.).</p>
<p>In der Unabhängigkeitserklärung der provisorischen Regierung vom 27.04.1945 heißt es u.a., der Anschluss sei durch „militärische Bedrohung von außen […] und dem Terror einer nazifaschistischen Minderheit […] dem macht- und willenlos gemachten Volk Österreichs“ gegen den eigenen Willen aufgezwungen worden (zit. nach: www.Shoa.de).</p>
<p>Die Selbstverortung weist einige Gedächtnislücken auf. Von einer nazistischen Minderheit kann in Anbetracht weit verbreiteter und etablierter antisemitischer, faschistoider und rassistischer Weltanschauungen in Österreich bereits vor 1938 nicht die Rede sein. Auch die Uni Wien kann auf eine lange Liste rassistischer und antisemitischer Mitarbeiter*innen und Aktionen vor dem Bestehen des „Dritten Reichs“ zurückblicken.</p>
<h3>NS-Kontinuitäten &#8211; die Uni Wien während und nach der NS-Diktatur</h3>
<p>Die NS-Ideologie traf also auch in der Universität keineswegs auf unberührten Boden, wie es die provisorische Regierung der 2. Republik gern attestiert gehabt hätte. Schon vor 1933 gab es faschistoide Strukturen und Gruppierungen, die den Anschluss an das „Deutsche Reich“ mit einer Feierlichkeit vor dem Siegfriedskopf und gemeinschaftlichem Beschmieren und Beschädigen der Büsten vermeintlich jüdischer Wissenschaftler begrüßten.</p>
<p>Der Siegfrieskopf ist ein Denkmal, welches 1923 von antidemokratischen und antisemitischen Studenten den Helden des 1. Weltkriegs errichtet wurde. Er steht heute noch, nach langem Zerren endlich mit Hinweis, nicht mehr in der Universitätsaula, aber dennoch im Arkadenhof.</p>
<p>Jüdische Wissenschaftler*innen hatten bereits seit den 1920er Jahren wenige Chancen auf Karriere an der Uni Wien. Großflächige ideologische „Umorientierung“ vieler Wissenschaftler*innen der Uni Wien, mussten mit dem Anschluss nicht forciert werden (vgl.: Rupnow 2010: 79ff.).</p>
<p>Fritz Knoll, bereits im Jahr 1933 an die Uni Wien berufen und dem NSDAP Lehrerbund beigetreten, Vorstand des „Deutschen Clubs“, einem deutschnationalen Akademiker Forum, wurde 1938 von den Nazis in das Rektoratsamt gehoben.<br />
Unter seiner Führung waren schon bis zum 23. April 1938 252 Mitarbeiter*innen aus der Uni Wien „entfernt“ (vgl.: Standard 2013).</p>
<p>Viktor Christian, während des Krieges Dekan der Geisteswissenschaften, Zeitlang Mitglied in der schlagenden Burschenschaft „Teutonia“, illegales Mitglied der NSDAP und des SS-Ahnenerbes (vgl. : Leitner : 1ff), wurde 1950 mit Hilfe von Kollegen in den Ruhestand entlassen, aufgrund der Berücksichtigung seiner „Menschlichkeit“ während seiner Amtszeit. Zurückzuführen ist dies u.a. auf sein Beharren auf seine Opfer- und Beschützerrolle.</p>
<p>Auch Kurt Schubert, freundschaftlich verbundener Schüler seines Förderers Christians, setzte sich für ihn mit einem Schreiben an den Bundesminister für Unterricht ein. Er deklarierte z.B. Christian Raub jüdischer Privatbibliotheken und deren Einverleibung in die Institutsbibliothek als „Rettung vor Zerstörung und Aufbewahrung“ und behauptete, Christian, welcher gern auch Skelettuntersuchung und Exhumierung jüdischer Leichen auf dem Währinger Friedhof in Auftrag gab, hätte die Leichenschändung auf dem jüdischen Mattersburger Friedhof vereitelt. Hintergrund Christians Wirken war es, aufgrund der bevölkerungspolitschen Relevanz antisemitische, rassistisch grundierte „Judenforschung“ zu betreiben (vgl.: Rupnow 2010: 79ff.). Bemerkenswert ist, dass Schubert, der übrigens auch die Katalogiesierung der geraubten Bibliotheken vornahm, ab 1966 als ordentlicher Professor am Institut für Judaistik unterrichtete und es geschafft hat, als ein Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus geehrt zu werden. Ihm kam eine wichtige Rolle als Sprecher und Erzähler in der Nachkriegszeit zu. Auf der Universitätshomepage der Judaistik steht geschrieben: „In Wien gab es dank Kurt Schubert erste Anfänge der Judaistik ab 1945, ein Ordinariat und Institut ab 1966“ weiterführender Link zu Schubert führt zu seinem Nachruf, in dem ihm seiner ehrenhaften Verdienste erinnert wird (univie.ac.at: Judaistik).</p>
<h3>Nobelpreisträger mit Vergangenheit</h3>
<p>Die Uni Wien huldigt u.a. Konrad Lorenz. Er war fleißiger Mitarbeiter des rassenpolitischen Amts der NSDAP , meinte, „Minderwertige müss[t]en ausgemerzt werden“ und war eigener Aussage nach „[…]natürlich immer Nationalsozialist“ (zit. nach ORF). Auf sein rassistisches Gedankengut und seine Funktion im „Dritten Reich“ wird in dem Infotext der Uni Wien nicht explizit verwiesen, ein aufgeführter Link zur „Diskussion über seine Involvierung in den Nationalsozialismus“ (Univie.ac.at: Nobelpreisträger) führt ins Nichts bzw. ist „not found“.<br />
Das Institut für vergleichende Verhaltensforschung der veterinärmedizinischen Universität Wien trägt außerdem den Namen dieses Nazis (vgl.: vetmeduni.ac.at).</p>
<p>Das Institut für Theaterwissenschaften befindet sich bis heute in der Hofburg, in der es nach der Gründung 1943 neben acht weiteren Institutsneugründungen, unter den NSDAP Mitgliedern Heinz Kindermann und Margret Dietrich, von Reichsstatthalter Baldur von Schirach Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt bekam. Kindermann konnte seine Universitätskarriere ab 1954 als Lehrkraft und bis 1966 als Institutsleiter weiterführen. Von 1966 bis bis 1983 leitete dann Dietrich das Institut (vgl.: Thewi 2009: 10).</p>
<p>Was bedeutet es also für die kollektive Identität und das Selbstbild, wenn das kollektive Gedächtnis in einem Mittäter*innenland auf Opferrolle, Aufarbeitungsabneigung und Mut zur Lücke basiert? In Anbetracht der Geschichtsverkehrung und -vergessenheit kann nicht von einem Bruch mit dem Faschismus die Rede sein, er hat sich vielmehr in „demokratische“ Strukturen eingegliedert.</p>
<p>Bis in die 1980er Jahre hinein prangte an der Universität für Bodenkultur ein Zitat aus „Mein Kampf“, die Adresse des Hauptgebäudes der Uni Wien war bis 2012 der Dr.-Karl-Lueger-Ring, benannt nach Wiens Bürgermeister bis 1910, einem, von Hitler hoch geehrten Antisemiten und Hetzredner. Alljährlich zum 8. Mai trauern neonazistische Burschenschaften zusammen mit der FPÖ und anderen Rechtsextremen um die Gefallenen, die „Helden“ des 2. Weltkriegs oder veranstalten Europas größtes Vernetzungstreffen der Rechten, den „Akademikerball“, in der Hofburg, einem repräsentativen Gebäude des Landes.</p>
<h3>Das Weglassen der Vergangenheit</h3>
<p>Auch an der Universität Wien hat keine Entnazifizierung stattgefunden, bis heute besteht wenig Interesse daran, auf NS-Kontinuitäten in angemessener Weise<br />
hinzuweisen. Darüber hinaus haben Nazis noch immer einen festen Platz im universitären Gedächtnis: in den offziellen Ehrungen und dazugehörigen Ausstellungen, in Bildern, Namensgebungen von Instituten, Darstellungen in Form von Büsten etc. In einigen Fällen wird nicht einmal versucht etwas an den Fakten zu beschönigen, sie werden einfach verdreht und es wird sehr oft nicht erwähnt, dass es Kontroversen oder Hinweise auf eine Nazivergangenheit einiger Personen gibt.</p>
<p>Nicht Benennen, Weglassen und Umschreiben bedeutet Verbreiten von Unwahrheiten.</p>
<p>Was bewirkt dieser Umgang mit der eigenen NS-Vergangenheit bezüglich der Funktionen des kulturellen Gedächtnisses, mit welchem sich die Identität einer Gruppe konstituiert und welches das Handeln und Erleben einer Gesellschaft steuert? Was kommuniziert die Universität Wien also mit diesem Unwillen zur Aufarbeitung nach Außen? Auf welche gesellschaftlichen Kontexte und Situationen wird hier hin-selektiert? Welcher Art ist ihr Selbstbild demnach und was verursacht dies bei Adressat*innen zB. bezüglich der Zugehörigkeit zur „Gruppe der Studierenden“? Was wird „sozial vermittelt“? Welcher Umgang ist mit rechtsextremer Studentenverbindungen zu erwarten? Welche Gesinnungsanhänger*innen unterrichten an der Uni Wien heute?</p>
<p>„Besserwissen“ bezüglich der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit an der Universität Wien basiert auf besser &#8211; und scheinbar selbst &#8211; informieren und das sollte doch an einer wissenschaftlichen Einrichtung schon längst und spätestens ab jetzt aus sich selbst heraus in einem umfangreichen Rahmen passieren.</p>
<p style="text-align: right;">Julia G.</p>
<p>1: vgl.: www.Shoa.de [Zugriff 12.03.2014]</p>
<h3>Literatur:</h3>
<ul>
<li>Assmann, Jan (1988): Kollektives Gedächtnis und kulturelle Identität. In: Assmann, Jan; Hölscher, Tonio (Hg.): Kultur und Gedächtnis. Frankfurt: Suhrkamp. S. 9-19</li>
<li>Blimlinger, Eva (2006): Die Republik Österreich. Keine Täter nur Opfer. In: Kramer, Helmut, Karin Lienhart Karin; Stadler Fritz:Österreichische Nation‐Kultur-Exil und Widerstand. Berlin, Wien: Lit Verlag. S. 137-147.</li>
<li>Judaistik Uni Wien: http://www.univie.ac.at/Judaistik/</li>
<li>Leitner, Irene Maria (k.A.): Bis an die Grenzen des Möglichen: Der Dekan Wiktor Christian und seine Handlungsspielräume an der Philosophischen Fakultät 1938-1943. http://www.univie.ac.at/igl.geschichte/ash/Texte_fuer_Lehrveranstaltungen/Leitner_ViktorChristian.pdf [Zugriff: 11-03.2014]</li>
<li>Moskauer Erklärung: Bundeskanzleramt. Dokument: http://www.ris.bka.gv.at/Dokument.wxe?Abfrage=Bundesnormen&amp;Dokumentnummer=NOR11000205</li>
<li>Nobelpreisträger Uni Wien: http://www.univie.ac.at/universitaet/forum-zeitgeschichte/gedenkkultur/nobelpreistraeger/#c1539)</li>
<li>ORF: http://sciencev1.orf.at/science/news/27585 [Zugriff 02.03.2014]</li>
<li>Rupnow, Dirk (2010): Brüche und Kontinuitäten – von der NS-Judenforschung zur Nachkriegsjudaistik. In: Ash, Mitchel G.; Nieß, Wolfram, Pils Ramon (Hg.): Geisteswissenschaften im Nationalsozialismus. Das Beispiel der Universität Wien. Veröffentlicht in Vienna University Press. Göttingen: V&amp;R unipress. S. 79-110</li>
<li>Shoa.de: http://www.zukunft-braucht-erinnerung.de/nachkriegsdeutschland/schulddebatte/2611-oesterreich-die-moskauer-erklaerung-und-der-opfermythos-.html?q=%C3%B6sterreich [Zugriff 02.03.2014]</li>
<li>Standard 01.03.2013: http://derstandard.at/1362107200728/Die-zwei-Karrieren-des-Fritz-Knoll [Zugriff 02.03.2014]</li>
<li>Thewi Reader (2009): http://thewi.at/sites/default/files/readerpostnazismus.pdf</li>
<li>Veterinärmedizinische Universität. Institut für vergleichende Verhaltensforschung: http://www.vetmeduni.ac.at/de/klivv/ [Zugriff: 04.03.2014]</li>
</ul>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Über eine Tafel: Iwan Franko, die Universität Wien und eine verpasste Debatte</title>
		<link>https://gewi.bagru.at/gezeit/archiv/2014/ueber-eine-tafel-iwan-franko-die-universitaet-wien-und-eine-verpasste-debatte/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[gezeit]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 24 Mar 2014 13:40:28 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2014]]></category>
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					<description><![CDATA[„Über einen etwaigen wissenschaftlichen Diskurs zum Leben und Werk Frankos anlässlich der Anbringung der Tafel ist keine Dokumentation vorhanden. Dieser Diskurs wurde nun nachgeholt, nachdem Mitglieder der IKG den Vorwurf erhoben haben, Frankos Werk sei antisemitisch.“[1] Diese beiden bemerkenswerten Sätze&#8230; <a href="https://gewi.bagru.at/gezeit/archiv/2014/ueber-eine-tafel-iwan-franko-die-universitaet-wien-und-eine-verpasste-debatte/" class="more-link">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<section id="body">
<div class="inner">
<blockquote><p><em>„Über einen etwaigen wissenschaftlichen Diskurs zum Leben und Werk Frankos anlässlich der Anbringung der Tafel ist keine Dokumentation vorhanden. Dieser Diskurs wurde nun nachgeholt, nachdem Mitglieder der IKG den Vorwurf erhoben haben, Frankos Werk sei antisemitisch.“</em>[1]</p></blockquote>
<p>Diese beiden bemerkenswerten Sätze finden sich in einer Pressemeldung, die die Universität Wien am 6. November 2013 veröffentlichte. Thema ebendieser Erklärung ist der Beschluss der Universität eine erklärende Zusatztafel an einer Büste des ukrainischen Schriftstellers Iwan Franko anzubringen, die 1993 am Gang des Instituts für Germanistik errichtet worden war. Diese Tafel war offenbar notwendig geworden, nachdem der Protest gegen die Büste nicht mehr nur von den üblichen Verdächtigen innerhalb der österreichischen Hochschüler*innenschaft formuliert worden war, sondern weitere Kreise zog.</p>
<p>Eben diese weiteren Kreise sind es nun, die die oben formulierten Sätze zum einen so bemerkenswert machen.<br />
„Mitglieder der IKG haben den Vorwurf erhoben“. Diesen Satz sollte man sich auf der Zunge zergehen lassen.<br />
Mitglieder der israelitischen Kultusgemeinde werfen also der Universität Wien etwas vor; mit anderen Worten und gut österreichisch: Die Juden geben keine Ruhe. Offenbar reicht diese implizite Feststellung und massive Relativierung des Vorwurfes allerdings nicht aus; damit den geneigten Leser*innen auch alles klar ist, muss außerdem noch zum sprachlichen Mittel des Konjunktivs gegriffen werden („sei“), um klarzumachen, dass das schon alles nicht so schlimm ist. Nun, ein Schelm, wer Böses dabei denkt, aber offenbar ist es unangenehm, dass es immer wieder jüdische Stimmen sind, die die ruhigen Kreise der universitären Selbstwahrnehmung stören. Seien es zuletzt Eric Candel, Ruth Klüger oder Robert Schindel (dieser überdies Sohn jüdischer Kommunisten – Jessas!), die sich zur Umbenennung des Lueger-Rings geäußert haben, sei es – und daran erinnert diese Affäre besonders – die Initiative des kanadischen Mediziners William E. Seidelman und von Yad Vashem, die 1995 die Universitäten Wien und Innsbruck nach der Entstehungsgeschichte des Pernkopf-Atlas fragten[2]. Die daraufhin eingeleitete Untersuchung und wissenschaftliche Aufarbeitung bis 1998 wird von der Universität Wien (beziehungsweise der Medizinischen Universität) heute als Good-Practice-Beispiel für den Umgang mit ihrer Vergangenheit verkauft, der Anlass dafür und die Person Eduard Pernkopf allerdings gerne im Hintergrund gehalten. Doch dazu später mehr.</p>
<p>Der zweite Aspekt, der in den eingangs zitierten Sätzen auffällt, ist die begriffliche Unbeholfenheit. Als ob ein „wissenschaftlicher Diskurs“ einfach mal so „dokumentiert“ und, noch besser, dann einfach mal „nachgeholt“ werden könnte. Das Wort, das hier hätte Verwendung finden müssen, wäre „Auseinandersetzung“ gewesen.<br />
Dann hätten die Sätze zumindest inhaltlich Sinn ergeben.<br />
Darüber, warum anstelle von passenden Begrifflichkeiten „Diskurs“ gewählt wurde, lässt sich nur mutmaßen.<br />
Allerdings liegt, will man den Verfasser*innen nicht bloße Inkompetenz vorwerfen, eine Erklärung nahe. Sobald Diskurs dasteht, wirkt das Ganze, und ist es noch so großer Blödsinn, schon fast wissenschaftlich. Es ist also Fassade. Es ist ebenso Fassade, wie die ganze Debatte, die nun dargestellt wird.</p>
<h3>Eine Konferenz als Debattenersatz</h3>
<p>Um das Ganze besser einordnen zu können, erst eine kurze Darstellung der Geschehnisse. 1993 wurde anlässlich eines ukrainischen Staatsbesuchs eine Tafel des ukrainischen Dichters und Nationalhelden Iwan Franko errichtet. Anwesend waren jeweils ein ukrainischer und ein österreichischer Minister und die allfällige universitäre Nomenklatura. Grund für die Errichtung des guten Stücks war, dass Franko 1892/93 an der Universität Wien studierte.</p>
<p>Obwohl potentiell antisemitische Töne im Werk des Dichters immer – also auch schon zum Zeitpunkt der Errichtung der Tafel – bekannt waren und die Studienvertretung Germanistik immer wieder darauf drängte, dass etwas unternommen werden möge, passierte nun lange Zeit nichts. Erst in den letzten Jahren geriet die Tafel wieder in das Blickfeld von Interessierten und 2013 schließlich wurde sie dank Interventionen der Israelitischen Kultusgemeinde und sekundierenden Medienberichten zu einem so drängenden Problem für die Universität, dass sich jene zum Handeln gezwungen sah.</p>
<p>Dazu erneut ein Zitat aus der eingangs bereits zitierten Pressemeldung:</p>
<blockquote><p><em>„Das Rektorat hat Fachgutachten eingeholt sowie das Institut für Slawistik und das […] Doktoratskolleg ,Das österreichische Galizien und sein multikulturelles Erbe‘ beauftragt, eine wissenschaftliche Konferenz zu veranstalten. Die Konferenz ,Iwan Franko und die jüdische Frage in Galizien‘ hat am 24. und 25. Oktober 2013 an der Universität Wien stattgefunden. Es haben ausgewiesene WissenschaftlerInnen aus der Ukraine, aus Polen, den USA, Israel und Österreich teilgenommen.“</em>[3]</p></blockquote>
<p style="text-align: right;">das kleine ichbinich</p>
<h3>Fußnoten:</h3>
<p>1 http://medienportal.univie.ac.at/presse/aktuelle-pressemeldungen/detailansicht/artikel/iwan-franko-universitaet-wien-bringt-zusatztafel-an/, 24.02.2014</p>
<p>2 Der Pernkopfr-Anatomieatlas ist ein anatomischer Atlas, der unter der Leitung des Universitätsprofessors Eduard Perkopf von 1937–1960 herausgegeben wurde. Seine darstellerische Brillanz verdankt sich nicht zuletzt der Tatsache, dass mit hoher Wahrscheinlichkeit für die anatomischen Skizzen Unmengen an Präparaten von hingerichteten NS-Opfern verwendet worden waren.</p>
<p>3 http://medienportal.univie.ac.at/presse/aktuelle-pressemeldungen/detailan-</p>
</div>
</section>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Kastalia träumt</title>
		<link>https://gewi.bagru.at/gezeit/archiv/2014/kastalia-traeumt/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[gezeit]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 24 Mar 2014 13:39:32 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2014]]></category>
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					<description><![CDATA[oder die Männer und Musen des Arkadenhofs „[D]ie Musen haben an sich wenige Bedürfnisse, und sind hier nicht verwöhnt“. &#8211; Hegel Gesammelte Werke Bd. 10,1, S. 464, 1809 Wenn man den Arkadenhof der Universität Wien über die Aula betritt, blickt&#8230; <a href="https://gewi.bagru.at/gezeit/archiv/2014/kastalia-traeumt/" class="more-link">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<section id="body">
<div class="inner">
<h2>oder die Männer und Musen des Arkadenhofs</h2>
<p><em>„[D]ie Musen haben an sich wenige Bedürfnisse, und sind hier nicht verwöhnt“.</em> &#8211; Hegel Gesammelte Werke Bd. 10,1, S. 464, 1809</p>
<p>Wenn man den Arkadenhof der Universität Wien über die Aula betritt, blickt man geradeaus auf die Brunnenfigur Kastalia. Den meisten Studierenden dürfte nicht klar sein, wer Kastalia ist oder wofür die Skulptur steht. Dabei versinnbildlicht sie wie kaum eine andere die Behandlung von Frauen im akademischen Bereich. Kastalia ist keine Wissenschaftlerin sondern wird (fälschlicherweise) als Muse gesehen. Musen: die Wesen, welche Dichtern und Wissenschaftlern Inspiration für ihre Werke geben.<br />
Frauen waren schon immer Teil des akademischen Bereiches, doch entweder kamen sie nie zu den gleichen Ehren wie ihre männlichen Kollegen, oder sie wurden im Nachhinein aus der Geschichte geschrieben, bewusst oder unbewusst herabgewürdigt und herabgesetzt.</p>
<p>Dabei wirken vielfältige Mechanismen aufeinander ein (Rossiter 2003: 200) [1]. Auch heute noch ist die Situation von Frauen im gesamten akademischen Bereich nicht mit der von Männern gleichgestellt. Wir alle kennen die Zahlen: 60% der Studierenden sind Frauen, aber nur 25% der Professor*innen. Im Arkadenhof sieht die Situation noch düsterer aus: Von den 154 Denkmälern sind 153 Männern gewidmet und nur eine Schrifttafel einer Frau. Diese fällt dann auch noch aus dem Rahmen, da Marie von Ebner-Eschenbach „nur“ Ehrendoktorin der Universität Wien war und keine Lehrende.</p>
<h3>Der Arkadenhof als Gedächtnisort</h3>
<p>Laut dem französischen Historiker Pierre Nora kristallisiert sich in Gedächtnisorten die kollektive Erinnerung. Denkmäler bezeichnet er dahingehend als „Erkennungszeichen und Merkmale von Gruppenzugehörigkeit“, sie dienen der Konstruktion von Identitäten. Hier stellt die Universität die Lehrenden aus, welcher sie gedenken will, welche Identifikations­charakter haben sollen für die Studierenden. Frauenidentiäten sucht man hier lange (Meisel 2007: 11).</p>
<p>Der Arkadenhof wurde von dem Architekten Heinrich von Ferstel nach dem Vorbild der Renaissancearchitektur Italiens gestaltet. Von Anfang an waren Büsten und Ehrentafeln Teil des Konzepts. Verdiente Mitglieder des (damals ausschließlich männlichen) Lehrkörpers konnten fünf Jahre nach ihrem Tod[2] hier geehrt werden. Von Anfang an durften der Universität Wien durch die Aufstellung der Denkmäler keine Kosten entstehen. Einzelne oder Gruppen, welche die Aufstellung eines Denkmals erwirken wollten, mussten selbst die Kosten aufbringen oder vorhandene Büsten stiften. Bis 1918 wurden 80 Denkmäler aufgestellt, das sind mehr als die Hälfte aller vorhandenen. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam es zum zweiten „Denkmalsboom“, seit 1973 wurden lediglich 13 neue Denkmäler aufgestellt (ebd. 17).</p>
<p>Der zunehmend offene Antisemitismus und die antisemitischen Ausschreitungen ab den 1920ern machten auch vor der Universität Wien und dem Arkadenhof nicht halt[3]. Beim samstäglichen Bummel der Burschenschaftler war der Arkadenhof Ort gewalttätiger Angriffe auf jüdische Studierende, auch Sachbeschädigungen von Denkmälern jüdischer Lehrender fanden statt.</p>
<p>Nach der Machtübernahme 1938 war im November desselben Jahres die „Langemarck“-Feier durch NS-Studenten in der Aula vorgesehen (ebd. 14). Am Tag vor der Feier kam es zu einer sogenannten „wilden Arisierung“ des Arkadenhofs: Mehrere Denkmäler wurden beschädigt oder umgestürzt. Die Präsenz von Denkmälern angeblich jüdischer Professoren schien den Burschenschaftlern und NS-Studenten unerträglich. Bezeichnend war, welche Büsten den rechten Recken zum Opfer fielen. Diese schienen sich vorher nämlich nicht ganz so genau informiert zu haben, welche der Dargestellten nun zum strammen Volk der Deutschen gehörte und welche nicht. Die Auswahl wurde aufgrund von Namensformen und Gerüchten getroffen. Denkmäler von nicht-jüdischen Wissenschaftlern wurden beschädigt, wohingegen Denkmäler von jüdischen Wissenschaftlern aufgrund ihrer angeblich so deutschen Namen verschont blieben.</p>
<p>Nach dieser Ausschreitung wurden die 15 Denkmäler abgetragen, welche nach den NS-Rassengesetzen keine „Arier“ abbildeten. Der Rektor Fritz Knoll, ein Nazi wie er im Buche steht[4], hatte schon Wochen zuvor angeordnet, die Denkmäler auf ihre Rassenkonformität zu prüfen (ebd. 15). 1947 wurden die Denkmäler wieder an ihren alten Platz im Arkadenhof gestellt.</p>
<p>Mit dem Antisemitismus der dargestellten Herren hat die Universität Wien augenscheinlich wenig Probleme.<br />
So wird beispielsweise nirgends am Denkmal erwähnt, dass Gerard van Swieten eine „Unverträglichkeit gegen die Juden“ hatte, sich gegen jüdische Ärzte aussprach und Jüd*innen den Zugang zur Universität verweigern wollte[5].</p>
<h3>Frauen im Arkadenhof</h3>
<p>Frauen werden im Arkadenhof an drei Orten dargestellt: die erwähnte Tafel für Marie von Ebner-Eschenbach, die Brunnenskulptur der Nymphe Kastalia und seit 2009 ist in den Boden des Arkadenhofs der Schatten einer Frau mit erhobener Faust eingelassen, das Kunstwerk trägt den Namen „Der Muse reicht‘s!“. Der Schatten setzt sich aus Silhouetten von Mitarbeiterinnen der Universität zusammen, welche sich von der Künstlerin Iris Andraschek fotografieren ließen. Er geht von der Skulptur der Kastalia aus, auf dem nahe gelegenen Sockel steht: „AUS DEM SCHATTEN TRETEN DIE, DIE KEINEN NAMEN HABEN“.</p>
<p>Der damalige Geschäftsführer der Bundesimmobilien-Gesellschaft, Christoph Stadlhuber, und der damalige Rektor Georg Winckler überschlugen sich gar mit Eigenlob, es wäre mutig, dass „man sich getraut hat ein solches gesellschaftspolitisches Projekt durchzusetzen“, so Stadlhuber[6] .<br />
Bezeichnend, wenn sich Männer selbst so mutig finden, einen Schatten der „Muse“ kämpferisch darzustellen.<br />
Bezeichnend, dass es seitdem nicht mehr den geringsten Versuch gab Frauen stärker in die Erinnerungspolitik der Universität Wien einzubinden.</p>
<p>Andraschek ist mit ihrer Installation zwar ein Statement gelungen, doch die Dominanz der Männlichkeiten konnte auch diese nicht brechen. Vielleicht gerade deswegen, weil das Kunstwerk im Boden eingelassen ist und die meisten Besucher*innen des Hofes den Schatten nicht als Frauenfigur, geschweige denn als kämpfende Muse/Wissenschaftlerin wahrnehmen. „Die bereits eingetretenen Veränderungen an der Universität auch endlich symbolisch sichtbar zu machen“, wie Winckler es formulierte, das konnte die Muse nur unzureichend erfüllen.</p>
<p>Wie denn auch, wenn sich die kämpferische Muse allein gegen 154 Männer stellt? Die 154 alten Herren stehen unter „Ensembleschutz“ und sind daher unverrückbar (für alle Zeit?) in den Arkadenhof eingebrannt (Wimmer/Ash 2011: 1156). Und von welchen Veränderungen reden wir überhaupt? Bislang galt die Regel, dass nur Professor*innen der Universität hier ausgestellt werden durften. Auch heute sind nur 25% der Professor*innen Frauen[7]: Das wären dann 37 Denkmäler. Auch nach so langer Zeit ist die Universität Wien immer noch eine Trutzburg der Männerbünde.</p>
<p>Die Geschichte der Brunnenfigur Kastalia in der Mitte des Arkadenhof verkörpert die Dominanz der Männer in den Wissenschaften nur noch mehr, als dass sie diese als zentrale (weibliche) Gestalt noch aufbricht.</p>
<h3>„Kastalia, die Tochter des Achelóos“</h3>
<p>Um die Skulptur der Kastalia zu verstehen, muss man sie in ihren mythologischen Ursprung einbetten und die Entstehung des Brunnenensembles beleuchten. Durch eine subversive Lesart wird sie zur Metapher der Behandlung von Frauen in der Wissenschaft.</p>
<p>Kastalia ist keine Muse, sondern gleichzeitig Nymphe und Quelle, an deren Ufer die Musen siedelten. Nymphen waren „symbolische Medien der Übertragung“ (Wimmer/Ash 2011: 1150). Kastalia ist keine Verkörperung von Wissen, sondern nur ein Medium, durch das Wissen fließt.</p>
<p>Die Quelle Kastalia lag in unmittelbarer Nähe des Orakels Delphi. Dieser mythologische Hort des Wissens war der Mutter der Musen gewidmet, bis sich Apollo mit Gewalt des Ortes bemächtigte. Er stellte Kastalia, einer jungen Frau, nach, ergo, er versuchte, sie zu vergewaltigen; Kastalia aber beging lieber Selbstmord und stürzte sich in die Quelle, zu deren Namensgeberin und Nymphe sie wurde. Um sich dem Wissen Delphis zu bemächtigen, musste Apollo die weibliche Schlange Python bekämpfen, welche den Ort für die Mutter der Musen beschützte.<br />
Auch Python ist im Brunnenensemble zu finden, sie liegt geschlagen zu den Füßen der Kastalia. Homer legt Apollo nach seinem Sieg über Python die Worte in den Mund „Verfaule du hier auf dem Boden, der Männer nährt.“ (zit. nach ebd.). Der göttliche, männliche Apollon tötet die erdverschmierte Python – Figur des Weiblichen – und bemächtigt sich des vormals nur Frauen vorbehaltenen Wissens, welches von nun an nur noch den Männern zugänglich sein soll.</p>
<p>Die Universität Wien als institutionelle Verwalterin der Wissenschaften war bis 1897 ein Boden, der nur Männern zugänglich war und der Arkadenhof veranschaulicht genau das mit seinen 99% männlichen Denkmälern. Vielleicht ist die Universität also nur ehrlich, wenn sie die „denkmalgeschützten“ Herren unverrückbar als Teil ihres Körpers eingeschrieben hat und in ihrer bald 650-jährigen Geschichte Frauen kaum sichtbar versteckt wie Ebner-Eschenbach; kämpfende aufbegehrende Musen nur als Umriss und Schatten gestattet oder als Kastalia &#8211; Opfer und Medium der Männer?</p>
<p>Brav sitzt sie da, die Kastalia: die Hände in den Schoß gebettet, die Augen geschlossen. Als ob sie brav auf Apollon gewartet hätte und sich nicht lieber umgebracht hätte, als die Selbstbestimmung über ihren Körper aufzugeben. Verdammt seit einem Jahrhundert, das stille Medium der Männer zu sein.<br />
Das würde so ziemlich jeder reichen und womöglich liegt gerade darin die Stärke der Installation „Der Muse reicht‘s!“. Der Schatten als erster Sprung aus der Starre!</p>
<p>Doch noch sitzt Kastalia da. Reglos. Um ihre Rolle noch zu verdeutlichen, ist am Sockel der Statue ein Schriftzug auf Griechisch angebracht: „Mein Schlaf ist fürwahr ein Träumen, mein Traum aber ward zur Erkenntnis.“ Kastalia träumt, sie stiftet nur Inspiration für die männlichen Erzeuger der Erkenntnis.</p>
<p>Fast trauernd sitzt Kastalia da. So wurde sie auf Gedenkblättern im Ersten Weltkrieg als Motiv verwendet und bald war dann auch endlich klar, um wen Kastalia trauert. Der volksdeutsche All-Time-Favorite/deutscheste aller Komponisten Richard Wagner lässt in einem seiner Stücke einen Wanderer auf die schlafende Seherin Erda treffen. Die vom Wanderer Geweckte legt Wagner die aus dem Griechischen übersetzte Inschrift Kastalias in den Mund. Der Namen des Stückes: Siegfried.</p>
<p>Der „Siegfriedskopf“ wurde 1923 als Gefallenendenkmal in der Aula auf Initiative der nationalsozialistischen „Deutschen Studentenschaft Österreichs“ errichtet. Dabei sollte es eigentlich gar kein Kopf bleiben, geplant war eine überlebensgroße liegende Ganzkörperplastik, welche fast den gesamten Raum der Aula eingenommen hätte.<br />
Aus Kostengründen blieb der Kopf dann ohne Körper. Kastalia blickt mit geschlossenen Augen auf den gefallenen Siegfried, der der Heimtücke zum Opfer gefallen ist. Siegfried, die Personifikation der Dolchstoßlegende[8].<br />
Im Zuge des Umbaus der Aula wurde der Siegfriedskopf 2006 verrückt und im Arkadenhof in einen Glaskasten eingebettet, welcher Auszüge der Erinnerungen Minna Lachs trägt, Zeitzeugin des aggressiven Antisemitismus auf der Universität Ende der 1920er Jahre. Siegfried ist dem Blick Kastalias entschwunden.</p>
<h3>Arakadenhof – Quo vadis?</h3>
<p>„Die wiederkehrenden Rituale institutioneller Selbstvergewisserung aus Anlass von Jubiläen und Feierlichkeiten sichern eine ganz bestimmte Form von Tradition und öffentlicher Selbstvergewisserung der Universität als zentraler gesellschaftlicher Institution der Wahrung von Wissen und Wahrheit.“ (Wimmer/Ash 2011: 1146)<br />
2015 feiert die Universität Wien ihr 650. Jubiläum. Wieder ein Grund, die Universität Wien als Hort von Wissen und Wahrheit zu feiern.</p>
<p>Schon die Plakatkampagne „Besserwisserin“ der Universität zeigt, dass man sich hier wohl nicht sonderlich mit der jahrhundertelangen Exklusion von Frauen beschäftigen mag. Es kann davon ausgegangen werden, dass der Arkadenhof eine zentrale Örtlichkeit der Feierlichkeiten werden wird. Dass die Universität Wien angeben wird mit den Genies, die an den Wänden des Arkadenhofs kleben. In der Festschrift des 50-jährigen Jubiläums des Universitäts-Baus am Ring meinte der Rektor:</p>
<p><em>„In der Mitte des Hofes der Kastalia-Brunnen. [&#8230;] die Nymphe [&#8230;] wurde weissagende Kraft beigelegt und die Nymphe der Quelle galt als Inspiratorin der Dichtung und Weisheit“</em> (zit. nach ebd. 1147)</p>
<p>Als Quelle der Inspiration, als Muse, als Helferinnen, als Ehegattinnen hatte man mit Frauen auf der Universität Wien weniger Probleme als mit Wissenschaftlerinnen.</p>
<p>So kann man die exklusive Männergesellschaft erstens gut im Arkadenhof erkennen und zweitens gut verteidigen.<br />
Es gäbe einfach keine weiblichen Lehrenden, derer man gedenken könne. Es liegt wohl auch nicht im Sinne der Universität Wien, die unsichtbar gemachten Frauen wieder sichtbar zu machen. Der Arkadenhof ist denkmalgeschützt, daran könne man nicht rücken. So schnell kann man sich die Hände abputzen. Ob manche dieser alten Herren ihren Platz verdient haben oder nicht, wird nicht mehr in Frage gestellt.</p>
<p>Es wäre nicht die schlechteste Idee die Ausgestellten einmal näher zu untersuchen. Wer dort so alles steht: Kinder ihrer Zeit, sicher. Aber wie der bereits erwähnte van Swieten tun sich einige schon bei oberflächlicher Betrachtung mit krassem Antisemitismus und Misogynie hervor.<br />
Richard von Krafftr-Ebing pathologisierte Ende des 19. Jahrhunderts in seinem Standardwerk Homosexualität und ist dafür verantwortlich, dass Homosexuelle in geschlossenen Anstalten „behandelt“ wurden.<br />
Ignaz Seipel war die klerikale rechte Hand von Engelbert Dollfuß und unterstützte faschistoide Milizen, die Aufzählung ließe sich ohne weiteres fortsetzen.</p>
<p>Der Arkadenhof der Universität Wien ist ein Abbild der Geschichte dieser Institution. Eine „mehrfach gebrochene Erinnerungslandschaft“ (zit. nach ebd. 1156). Das unverrückbare Ensemble der repräsentierten Männlichkeiten zeigt die jahrhundertelange Vormachtstellung von Männern in der Wissenschaft auf. Feministische Kritik daran ist wichtig und notwendig, diese gab es auch schon in der Vergangenheit von linken Studierendengruppen.</p>
<p>Wäre es allerdings wirklich schon genug, eine Auswahl an weiblichen Wissenschaftlerinnen dem Ensemble hinzuzufügen? Ist es nicht vielleicht sogar ehrlicher, die Universität als das zu zeigen, was sie jahrhundertelang war und was sie immer noch ist? Eine Institution patriarchaler Hegemonie, welche Frauen und andere diskriminierte Gruppen die längste Zeit ausschloss, um die eigene Herrschaft durch institutionelles Wissen abzusichern und zu verteidigen. So steht der Arkadenhof immer noch sinnbildlich für die Geschichte der Universität: Ein männlicher Ältestenrat umringt eine junge Frau, die zum Schweigen und zur Inspiration verdammt ist; das Denkmal für die sogenannten „deutschen Helden“ kaum verhüllt durch die Gräueltaten deren Brüder im Geiste; doch Kastalia strahlt einen Schatten aus, „Der Muse reicht‘s“.</p>
<p>Frauen aber sind mehr als ein Schatten, seit Jahrhunderten sind Frauen wissenschaftlichtätig, auch wenn das der Universität Wien nur einen dunklen Umriss auf dem Boden wert ist. Kastalia reicht es schon lange. Zur 650-Jahr-Feier wird sich die Uni wieder in der eigenen Lobhudelei suhlen. Es ist Aufgabe einer kritischen Studierendenschaft, die sicher zahlreichen Beschönigungen ihrer eigenen Geschichte nicht unbemerkt durchgehen zu lassen, sondern den Finger in die Wunde zu legen und der Uni das selbst abfeiern so schwer als möglich zu machen.</p>
<p style="text-align: right;">Anne Marie Faisst</p>
<h3>Fußnoten:</h3>
<p>1 Rossiter schrieb den wegweisenden Text „Der Matilda Effekt“, welche die systematische Exklusion von Frauen im wissenschaftlichen Bereich beschreibt. http://bbaw.opus.kobv.de/volltexte/2007/388/pdf/20oEFZF4qxqJs_388.pdf [Zugriff 19.02.2014]</p>
<p>2 Die Frist wurde 1926 auf zehn Jahre ausgedehnt und 1973 auf 15 Jahre.</p>
<p>3 Empfehlenswert zu den antisemitischen Ausschreitungen an der Universität Wien ist Stefan Zweigs Biographie „Die Welt von Gestern“</p>
<p>4 Bereits 1937 NSDAPr-Parteimitglied, machte er nach dem „Anschluss“ schnell Karriere und wurde 1938 Rektor der Universität Wien. Mit Beginn seiner Amtszeit setzte er sogleich drei der wichtigsten Grundzüge nationalsozialistischer Hochschulpolitik um: Umgestaltung des Lehrkörpers durch „Säuberung“ und politische Rekrutierungspraxis, Heranziehen einer NS-loyalen Studentenschaft und Umgestaltung der Hochschulverfassung nach dem „Führerprinzip“.Zudem bereicherte er sich an von jüdischen Wissenschaftlern beschlagnahmtem Eigentum. (sh. hierzu http://derstandard.at/1362107200728/Die-zwei-Karrieren-des-Fritz-Knoll)</p>
<p>5 http://magiaposthuma.blogspot.co.at/2007/05/van-swietens-kampf.html</p>
<p>6 http://diestandard.at/1254311964935/Auchr-Musenr-reichtr-esr-mal [Zugriff 19.02.2014]</p>
<p>7 Was mit einem feministischen Anspruch auch nur schnöde Statistik ist.</p>
<p>8 Für eine eingehendere Beschäftigung mit dem „Siegfriedskopf“ und seiner Bedeutung sh. Ruttner, Florian (2009): Der Siegfriedskopf &#8230; oder wie die neue „Aufarbeitung der Vergangenheit“ funktioniert. BURSCHI-Broschüre</p>
</div>
</section>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Weil Schweigen nichts hilft</title>
		<link>https://gewi.bagru.at/gezeit/archiv/2014/weil-schweigen-nichts-hilft/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[gezeit]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 24 Mar 2014 13:38:34 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2014]]></category>
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					<description><![CDATA[Interview mit einer Naturwissenschaftlerin Der Frauen*anteil in den Naturwissenschaften allgemein und an der Universität Wien im besonderen ist nach wie vor erschreckend gering [1] und je weiter der Blick die Unihierarchie hinauf wandert, desto geringer ist er. Im folgenden Interview&#8230; <a href="https://gewi.bagru.at/gezeit/archiv/2014/weil-schweigen-nichts-hilft/" class="more-link">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<section id="body">
<div class="inner">
<h2>Interview mit einer Naturwissenschaftlerin</h2>
<p>Der Frauen*anteil in den Naturwissenschaften allgemein und an der Universität Wien im besonderen ist nach wie vor erschreckend gering [1] und je weiter der Blick die Unihierarchie hinauf wandert, desto geringer ist er. Im folgenden Interview spricht die Dissertantin E.L. über ihre Erfahrungen mit Sexismus und über Hindernisse, die jungen Wissenschaftlerinnen in den Weg gelegt werden. E.L. hat an der Universität Wien in einem naturwissenschaftlichen Fach studiert und arbeitet mittlerweile an einem Forschungsprojekt im Rahmen ihrer Dissertation. Sie ist Feministin und hat sich eingehend mit den Themen Hierarchie und Geschlecht auseinandergesetzt.<br />
Nach eigenen Angaben hat ihr das geholfen zu verstehen, dass viele der Schwierigkeiten, mit denen sie alltäglich konfrontiert wird, nichts mit ihr selbst oder ihren Leistungen zu tun haben, sondern Teil eines strukturellen Problems sind.</p>
<p><strong>Wie ist das Geschlechterverhältnis in deinem jetzigen Arbeitsumfeld und wie wirkt sich das aus?</strong></p>
<p>Das Verhältnis ist so: Neben dem Orgapersonal, das durchgehend weiblich ist, gibt es inklusive mir vielleicht 10-15 % Frauen* in einem sehr beschränkten Arbeitsumfeld, also in einer Gruppe. In ähnlichen Gruppen gibt es gar keine Frauen*. Das ist spürbar.</p>
<p><strong>Aber worin liegt das Problem, in der Überzahl von Männern oder in ihrem Verhalten?</strong></p>
<p>Sie verhalten sich ja so, wie sie sich verhalten, weil sie in der Überzahl sind.<br />
Das Problem ist, dass du als Frau* isoliert wirst, als Frau* wirst du nicht um deine Meinungen gefragt zu wissenschaftlichen Problemen, du fühlst dich nicht als Teil der Gruppe und wirst beispielsweise nicht eingeladen zum abendlichen Trinken gehen oder ähnliches.<br />
Alltagssexismen sind nicht so schlimm wie diese Isolation.<br />
Andere Forscherinnen*, zu denen ich auf Konferenzen Kontakt schließen konnte, arbeiten auch oft isoliert und sind nicht Teil der Community, sie werden seltener zu Vorträgen oder zur Mitarbeit eingeladen, haben dadurch weniger Publikationen und genau das ist aber das Hauptqualitätsmerkmal in den Naturwissenschaften.</p>
<p><strong>Letztes Jahre war das ein Thema bei den Zeitschriften ‚Science‘ und ‚Nature‘, in den unterdurchschnittlich wenige Beiträge von Frauen veröffentlicht wurden. ‚Nature‘ übte dann öffentliche Selbstkritik und versprach, in Zukunft öfter auf Frauen* zuzugehen und sie um Beiträge zu bitten. Hast du davon gehört?</strong></p>
<p>Diese Geschichte ist mir bekannt, aber ich fürchte, das sind leider nur leere Lippenbekenntnisse. Eine der Zeitschriften brachte dann einen Spezialartikel zu Frauen* in den Naturwissenschaften heraus. Ich finde es gut, dass dieses Thema angesprochen wurde, es darf aber nicht bei Lippenbekenntnissen bleiben. Es müssen auf verschiedenen Ebenen aktiv Frauen* eingeladen werden: zu Vorstellungsgesprächen, zur Zusammenarbeit, zu Vorträgen. Das Problem ist: Es muss eine Veränderung in den Köpfen stattfinden und dazu braucht es keine Top-Down Entscheidungen, dazu müssen alle beitragen.<br />
Es braucht eine Erhöhung des Frauen*anteils auf allen Ebenen, aber zum Beispiel auch allgemein die Erhöhung des Anteils von Personen aus weniger privilegierten gesellschaftlichen Schichten.</p>
<p><strong>Inwieweit sind Sexismus oder andere Diskriminierungsformen ein ansprechbares Thema bei anderen Betroffenen die du kennst, welche Strategien des Umgangs gibt es und wo findet Austausch darüber statt?</strong></p>
<p>In Europa oder im deutschsprachigen Raum gibt es keine Organisation für Frauen* in den Naturwissenschaften. In Amerika gibt es eine solche Organisation, hier fehlt aber eine entsprechende Plattform. Konferenzen gibt es zwar, aber kein großes gemeinsames Bekenntnis. Das merkt man auch in Situationen, in denen sich Frauen* gegen andere Frauen* stellen, beziehungsweise fallen den wenigen, die es in Spitzenpositionen geschafft haben, Benachteiligungen gar nicht mehr auf und sie sind nicht gewillt, anderen Frauen* zu helfen. Bei Peers bedeutet das Zugeben von Diskriminierungen, eine Schwäche zuzugeben, und das will niemand, weil viele damit auch schlechte Erfahrungen gemacht haben.<br />
Die Diskussion wird, wenn sie stattfindet, oft zu einem persönlichen Problem gemacht, etwa im Sinne von: “Sie beschwert sich, sie will damit nur überdecken, dass sie keine gute Naturwissenschaftlerin ist.” Das macht den Kampf gegen Sexismen sehr schwierig.</p>
<p><strong>Wie hat sich dein Erleben von Sexismus im Laufe deiner Unikarriere verändert? Was waren positive und negative Highlights, ließ sich eine Veränderung feststellen (z.B. mehr Anerkennung in höheren Semestern, weniger Freiraum in weniger anonymen Arbeitsräumen..?)</strong></p>
<p>Am Anfang ist mir das alles nicht so aufgefallen, ich war auch nicht entsprechend sensibilisiert. In Übungen und Vorlesungen während meiner Studienzeit war transparent, welche Leistungen man erbringen musste, um weiter zu kommen. Dadurch, dass es diese relativ transparenten Bewertungen gibt (es gibt trotzdem Ungerechtigkeiten), ist es leichter “gut” zu sein und sich “gut” zu fühlen. Beginnend mit der Diplomarbeit werden die Kriterien, um als gut anerkannt zu werden, weniger klar und es kommen zwischenmenschliche Mechanismen ins Spiel von denen Männer profitieren. Das passiert dadurch, dass die Naturwissenschaft nach wie vor sehr männlich geprägt ist, vor allem die Professor*innenkurie. Da gibt es wenig Platz für Diversifizierung.<br />
Menschen, die nicht dem weißen, männlichen Ideal entsprechen, fühlen sich oft weniger wohl, werden weniger anerkannt und auch nicht als “gut“ erkannt.</p>
<p><strong>Sind dir und deinen Kolleg*innen Maßnahmen bekannt, welche die Uni Wien zur Verfügung stellt, um Gleichbehandlung zu erreichen? Hast du sie in Anspruch genommen und für wie wirksam hältst du sie?</strong></p>
<p>Es gab ein Mentoring-Programm, an dem ich jedoch nicht teilgenommen habe.<br />
Der Einstieg war kompliziert und nur zu einem gewissen Zeitpunkt möglich. Es schien auch hauptsächlich für Postdocs, also bereits Habilitierende, gedacht zu sein.<br />
Ich weiß nicht, wie gut diese Programme sind, es gibt aber auch zu wenig.</p>
<p><strong>Was mit Ausschuss für Gleichbehandlung etc.?</strong></p>
<p>Darüber kann ich nichts sagen, mir ist aber aufgefallen, dass gerade bei Bewerbungsgesprächen nach wie vor Sexismus und Nepotismus vorherrschen. Und dieser Nepotismus hilft in den Naturwissenschaften Männern und benachteiligt Frauen*.</p>
<p><strong>Kennst du denn an der Uni Wien auch Wissenschaftlerinnen, die quasi eine Vorbildrolle einnehmen?</strong></p>
<p>Das ist sehr schwierig, aber es gibt soweit ich weiß eine Biochemikerin namens Schröder[2], die mir imponiert hat. Sie ist auch feministisch und rücksichtslos darin, zum Beispiel ist sie aus der Österreichischen Akademie der Wissenschaften ausgetreten aus Protest gegen die dortige vorherrschende Männerbündelei und Dominanz des CV[3], soweit ich weiß.</p>
<p><strong>Wie sensibilisiert sind deine Kolleg*innen und Betreuer*innnen gegenüber dem Thema Sexismus und Gleichbehandlung?</strong></p>
<p>Das sind sie überhaupt nicht, ich denke aber auch nicht dass es helfen würde, sie in entsprechende Workshops zu setzen. Wenn ich Probleme anspreche, werde ich überhört und ich höre deshalb zwar auch nicht auf, weil Schweigen mir nicht helfen wird &#8211; aber es gibt scheinbar bei vielen eine Weigerung, über sich selbst nachzudenken.</p>
<p><strong>Hat das deiner Meinung nach etwas mit dem Fach zu tun, bzw. sind das spezifische Probleme, die nur auf dein Fach oder die Naturwissenschaften zutreffen?</strong></p>
<p>In unserer Gesellschaft werden die Naturwissenschaften immer noch männlich dominiert, bzw. Männlichkeit wird ihnen zugeordnet. Zum Beispiel wird in den Naturwissenschaften verstärkt auf den Genie-Begriff zurückgegriffen und es gibt ein Bild vom männlichen Einzelgänger, der alleine große Taten vollbringt. Da haben die Stereotype, die Frauen* zugeordnet werden und Frauen* selbst überhaupt keinen Platz. Das ist sicher ein Unterschied zu den Geisteswissenschaften.<br />
Fachspezifisch ist auch die Anwendung von pseudowissenschaftlichen Maßstäben wie dem Hirschfaktor[4]. Solche pseudo-objektiven Maße benachteiligen wieder Frauen*. Ich sage deshalb pseudo-objektiv, weil auch sie den Mann als Ideal heranziehen, der Mann dadurch nochmal besser bewertet wird&#8230;</p>
<p><strong>Wie sieht es aus mit Karriereplänen, Zukunftschancen. Hast du das Gefühl oder die Sorge, einen Nachteil durch dein Gender zu erfahren?</strong></p>
<p>Duh!<br />
Es ist sehr trist. Wenn ich mir Karrieren von Wissenschaftlerinnen*, die zehn Jahre älter sind als ich, und deren Lebensläufe ansehe, dann sehe ich darin, wie diese diskriminiert werden/wurden. Es wirkt auch nicht so, als ob es besser wird. Aber ich plane zu kämpfen. Mal schauen was wird.</p>
<p style="text-align: right;">Lydia</p>
<h3>Fußnoten:</h3>
<p>1: Anmerkung der Redaktion: Der Frauenanteil in naturwissenschaftlichen Fächern ist extrem unterschiedlich. Während zum Beispiel in der Physik nur 26% Frauen studieren und in der Informatik 28%, sind es in den Ernährungswissenschaften 85%. (Daten von der Universität Wien http://gleichstellung.univie.ac.at/fileadmin/user_upload/personalwesen/pers_frauen/aktuelles/WEB_gender_im_fokus_2013.pdf [Zugriff 05.03.2014]. Allerdings gilt anzumerken, dass mit insgesamt 50% Frauenanteil in allen naturwissenschaftlichen Studienrichtungen dieser immer noch unter dem Universitätsdurchschnitt von 65% liegt.</p>
<p>2 Gemeint ist Renée Schröder, eine österreichische Forscherin und Universitätsprofessorin am Department für Biochemie der Max F. Perutz Laboratories, ein Joint Venture der Universität Wien und der Medizinischen Universität Wien. s.h. http://de.wikipedia.org/wiki/Ren%C3%A9e_Schroeder [Zugriff 05.03.2014], Anmerkung der Redaktion</p>
<p>3: Cartellverband, katholischer Männerbund.</p>
<p>4 Hirschfaktor: Hirsch-Index: auch h-Index, Hirsch-Köffizient oder h-number genannt. Der Hirsch-Index ist ein biometrisches Maß, das auf Zitationen von Publikationen eines/einer Autor*in zu einem bestimmten Zeitpunkt basiert. Ein hoher h-Index spricht für großen wissenschaftlichen Einfluss des Autors/der Autorin. Der h-Index zur Bewertung wissenschaftlicher Leistungen wurde 2005 von dem argentinischen Physiker Jorge E. Hirsch entwickelt.</p>
<h3>Literatur:</h3>
<ul>
<li>Handbuch zur Gleichstellungspolitik an Hochschulen: Von Der Frauenförderung zum Diversity Management?, Hg: E. Blome, A. Erfmeier, u.a.</li>
<li>Schröder: http://medienportal.univie.ac.at/uniview/uni-intern/detailansicht/artikel/mikrobiologin-renee-schröder-wird-60/</li>
<li>Science und Nature Diskussion zum Nachlesen: http://science.orf.at/stories/1708385</li>
</ul>
</div>
</section>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>„Der göttliche Trick“</title>
		<link>https://gewi.bagru.at/gezeit/archiv/2014/der-goettliche-trick/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[gezeit]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 24 Mar 2014 13:37:43 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2014]]></category>
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					<description><![CDATA[Feministische Wissenschaftskritik des hegemonialen Objektivitätsbegriffs In vielen Studiengängen ist der Objektivitätsbegriff früher oder später relevant – vor allem in jenen, in welchen auch empirische Forschung gelehrt wird. Dabei wird an der Uni Wien meist eine ganz bestimmte Art von Objektivität&#8230; <a href="https://gewi.bagru.at/gezeit/archiv/2014/der-goettliche-trick/" class="more-link">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<h2>Feministische Wissenschaftskritik des hegemonialen Objektivitätsbegriffs</h2>
<p>In vielen Studiengängen ist der Objektivitätsbegriff früher oder später relevant – vor allem in jenen, in welchen auch empirische Forschung gelehrt wird. Dabei wird an der Uni Wien meist eine ganz bestimmte Art von Objektivität vertreten, welche als unabdingbare Voraussetzung von „Wissenschaftlichkeit“ gilt [1]. In diesem Artikel werde ich zunächst kurz das vorherrschende Verständnis von der „Wichtigkeit“ von Objektivität am Beispiel der Psychologie darstellen, um dann auf feministische Wissenschaftskritik am hegemonialen Objektivitätsbegriff einzugehen. Dazu werde ich mich auf Donna Haraway beziehen, welche in der von ihr 1995 herausgegebenen Monographie Die Neuerfindung der Natur gängige Vorstellungen und Überzeugungen von Objektivität kritisiert hat und anhand des Begriffs des situiertes Wissens eine mögliche Alternative zeigt.</p>
<p>Der Objektivitätsbegriff in der Psychologie stellt einen der drei so genannten Gütekriterien dar, welche die „Wissenschaftlichkeit“ einer Forschung gewährleisten sollen. Diese drei sind die Validität, die Reliabilität sowie die Objektivität. Objektivität kommt die Funktion einer intersubjektiven Nachprüfbarkeit zu, es geht also um „eine Standardisierung des Vorgehens durch methodische Regeln [&#8230;] und die vollständige Dokumentation von Untersuchungen“ (Bortz, Döring 2006: 32). Das heißt konkret, dass einerseits zum Beispiel Forschungsmethoden oder Auswertungsverfahren nach genau festgelegten (standardisierten) Regeln angewandt werden, andererseits durch die Offenlegung des Forschungsprozesses Transparenz in die gewonnenen Ergebnisse gewährleistet werden soll.<br />
Dem Begriff der Objektivität kommt in der Psychologie vor allem in der quantitativen Forschung eine zentrale Rolle zu. Hier bedeutet Objektivität, dass ein Test oder ein Fragebogen dann objektiv ist, „wenn verschiedene Testanwender bei denselben Personen zu den gleichen Resultaten gelangen, d.h., ein objektiver Test ist vom konkreten Testanwender unabhängig“ (ebd.: S. 195). Charakteristisch für den hegemonialen Objektivitätsbegriff ist demnach, dass er verstanden wird „als eine Form der Erkenntnisgewinnung, die unabhängig von der forschenden Person ist“ (Brück et.al. 1997 : 24), sowie dass unabhängig von der untersuchenden Person, der untersuchten Sachverhalte, oder der angewandten Methoden die gleichen Ergebnisse gewonnen werden können.</p>
<p>Die beiden Schlagwörter, die im Zusammenhang mit Objektivität also zu nennen sind, heißen Standardisierung und Transparenz. Abgesehen von der nahe liegenden Frage, ob und inwieweit eine derartige Objektivität überhaupt umsetzbar oder realistisch ist, stellt sich die Frage, warum dieser Objektivitätsbegriff nun problematisch ist und von Feministinnen wie Sandra Harding oder Donna Haraway kritisch hinterfragt wird.</p>
<p>Die Gütekriterien und insbesondere jenes der Objektivität legen fest, was als Wissen gelten darf und was nicht. Durch diese (konstruierte) Grenzziehung wird also nicht nur ausschließlich ein ganz bestimmtes Wissen zugelassen, es wird auch immer Wissen verloren gehen, welches diesen Anforderungen nicht gerecht wird und somit als ‚Nichtwissen’ keine weitere Beachtung erfährt und keinen Eingang in den Diskurs findet. Somit hat ein derartiges Objektivitätsverständnis auch mit Macht zu tun, mit Hierarchien und Exklusion [2] .</p>
<p>Donna Haraway nennt darüber hinaus als weiteren grossen Kritikpunkt am gängigen Objektivitätsbegriff die damit verbundene Entkörperung, auf welche eingangs (Stichwort: theoretische Austauschbarkeit der forschenden Person) bereits eingegangen wurde. Um diese Kritik auszuführen, bedient sie sich der Metapher der Vision, welche wohl im Weitesten als Blick übersetzt werden kann. Dieser entkörperte Blick bezeichnet nach Haraway „die unmarkierte Position des Mannes und des Weißen“ (Haraway 1995: 80) und was ergänzend noch hinzuzufügen ist, des Heterosexuellen[3]. Dieser entkörperte und unmarkierte Blick „schreibt sich auf mythische Weise in alle markierten Körper ein und verleiht der unmarkierten Kategorie die Macht zu sehen, ohne gesehen zu werden sowie zu repräsentieren und zugleich der Repräsentation zu entgehen (ebd.: 80). Diese Entkörperung des Blicks wird durch Visualisierungsinstrumente noch weiter verstärkt. Am Beispiel der Psychologie wären das etwa Computertomographien oder fMRT. Diese Illusion, „alles von nirgendwo aus sehen zu können“ (ebd.: 81) bezeichnet Haraway als „göttlichen Trick“ (ebd.: 81).</p>
<p>Haraway geht es nun darum „die Körperlichkeit aller Vision“ (ebd.: 80) hervorzuheben. Ausgehend von dieser Betonung von Körperlichkeit des Blicks plädiert sie für eine Übersetzung feministischer Objektivität als das, was sie situiertes Wissen nennt. Dieses Verständnis von Objektivität hat „mit partikularer und spezifischer Verkörperung zu tun“ (ebd.: 82) oder, wie Haraway es ausdrückt: „Nur eine partiale Perspektive verspricht einen objektiven Blick“ (ebd.: 82).<br />
Eine derartige Auffassung von Objektivität würde sich durch seine spezifische Situierung auch nicht der Verantwortung für die Forschung entziehen, sondern sich ihr vielmehr stellen.</p>
<p>Für eine feministische Objektivität spielen demnach vor allem begrenzte Verortung und situiertes Wissen eine zentrale Rolle, im Gegensatz zu Standardisierung und Transparenz des hegemonialen Objektivitätsverständnisses. Es geht darum, dass Wissen immer verkörpert und somit eben auch verortet und lokalisierbar ist. Oder, um es anders zu formulieren: Jeder Mensch macht spezifische Erfahrungen und ist auf spezifische Art in der Welt/Gesellschaft/&#8230; situiert und verkörpert. Allein daraus ergibt sich ein bestimmter Blick auf das Forschungsthema. Dieser bestimmte Blick wird nun noch dadurch verstärkt, welche Vorannahmen im Vorfeld vorhanden sind, auf welche Theorien Bezug genommen wird, mit welchen Methoden gearbeitet wird und wie schließlich die vorhandenen Ergebnisse interpretiert werden. Insofern gibt es keinen „unschuldigen“ oder „neutralen“ Blick, vielmehr prägt der jeweils spezifische verkörperte Blick jede einzelne Entscheidung im Forschungsprozess und beeinflusst diese.</p>
<p>Um also abschließend nochmals mit Haraway zu sprechen: „Feministinnen brauchen keine Objektivitätslehre, die Tranzendenz verspricht, weder als Geschichte, die die Spur ihrer Vermittlungen immer dann verliert, wenn jemand für etwas verantwortlich gemacht werden könnte, noch als unbegrenzte instrumentelle Macht” (Haraway 1995: 79). Es gilt, eine Objektivität anzustreben, welche sich als situiert und partiell begreift, um so nicht nur unterschiedliches Wissen zu gewährleisten und zuzulassen, sondern auch die Illusion des „göttlichen Tricks“ aufzugeben und im Gegenzug Verantwortung für die eigene Forschung zu übernehmen. Dabei reicht es nicht aus, zu Beginn der vollendeten Forschungsarbeit schriftlich festzuhalten, aus welcher Position geforscht wurde – vielmehr gilt es, den Anspruch zu haben, dass das Bewusstsein um das eigene situierte Wissen während des gesamten Forschungsprozesses immer wieder mitreflektiert wird und auch für die Leser*innen nachvollziehbar gemacht wird, wie der eigene Blick die Forschung mitbestimmt hat.</p>
<p style="text-align: right;">Brigitte</p>
<h3>Fußnoten:</h3>
<p>1: Ich erhebe hier nicht den Anspruch, für alle Studienrichtungen zu sprechen. Meine Erfahrungen beziehen sich vor allem auf Sozialwissenschaften und Psychologie, weshalb ich in diesem Artikel aus einer von diesen Disziplinen geformten Perspektive über Objektivität schreiben werde.</p>
<p>2: Als konkretes Forschungsbeispiel aus der Psychologie wäre etwa die Studie von Singh, Devendra et.al. (1999) zu nennen, in welcher butch und femme Lesben* auf ganz spezifische Art und Weise aus einem heteronormativen Blick heraus konstruiert wurden. Eine fundierte Kritik zu dieser Studie liefert Bettina Bock von Wülfingen (2005).</p>
<p>3: Damit spricht Haraway an, dass es vor allem weiße (heterosexuelle) Männer* sind, welche in der Wissenschaft „tonangebend“ sind (hier knüpft etwa auch feministische Wissenschaftskritik an, wenn von gender bias in den Wissenschaften die Rede ist, um auf die Unterrepräsentanz von Frauen* in Forschung/Lehre hinzuweisen.</p>
<h3>Literatur:</h3>
<ul>
<li>Bortz, Jürgen/Döring, Nicola (2006): Forschungsmethoden und Evaluation für Human- und Sozialwissenschaftler. Springer Medizin Verlag Heidelberg</li>
<li>Brück, Brigitte et.al. (1997): Feministische Soziologie. Eine Einführung. Campus Verlag, Frankfurt am Main.</li>
<li>Haraway, Donna (1995): Die Neuerfindung der Natur. Primaten, Cyborgs und Frauen. Campus Verlag</li>
<li>Singh, Devendra et.al. Lesbian erotic role identification: behavioral, morphological, and hormonal correlates. In: Journal of Personality and Social Psychology, 1999, Vol. 76. S. 1035-1049.</li>
<li>Bock von Wülfingen, Bettina (2005): Geschlechtskörper – hormonell stabilisiert oder flexibilisiert? (Das Lesbenhormon). In: Bath, Corinna; Bauer, Yvonne; Bock von Wülfingen, Bettina; Saupe, Angelika; Weber Jutta (Hg.): Materialität denken. Studien zur technologischen Verkörperung – Hybride Artefakte, posthumane Körper. transcript: Bielefeld, 85-115.</li>
</ul>
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			</item>
		<item>
		<title>Besserwisserin?</title>
		<link>https://gewi.bagru.at/gezeit/archiv/2014/besserwisserin/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[gezeit]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 24 Mar 2014 13:36:24 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2014]]></category>
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					<description><![CDATA[Über die systematische Exklusion von Frauen von der Universität Wien Seit Beginn des Wintersemesters 2013/2014 rührt das Rektorat für die Zelebrierung des bald 650­-jährigen Bestehens der Universität Wien kräftig die Werbetrommel. Nicht nur kräftig, sondern auch historisch und faktisch falsch.&#8230; <a href="https://gewi.bagru.at/gezeit/archiv/2014/besserwisserin/" class="more-link">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<section id="body">
<div class="inner">
<h2>Über die systematische Exklusion von Frauen von der Universität Wien</h2>
<p>Seit Beginn des Wintersemesters 2013/2014 rührt das Rektorat für die Zelebrierung des bald 650­-jährigen Bestehens der Universität Wien kräftig die Werbetrommel. Nicht nur kräftig, sondern auch historisch und faktisch falsch. Geradezu omnipräsent sind seit Oktober die Poster und das Merchandise der „Besserwisserin – seit 1365“-Kampagne, durch die sich die Leitung der Universität im Geschichtsrevisionismus übt. Nicht, dass sie nicht bereits genug Übung darin hätte. Dieses Beispiel der Selbstinszenierung als Stätte einer progressiven, egalitären und demokratischen Kultur ist unglücklicherweise nicht das einzige, das eine immense Diskrepanz zu den realen Zuständen an der Hochschule vorweist. Bereits seit der Gründung der Universität Wien strotzt diese nur so vor strukturellen Mechanismen der Exklusion von Frauen als auch Alltagssexismus.</p>
<p>Letzterer findet in einem schockierenden, ekelerregenden Ausmaß statt und äußert sich nicht nur durch sexistische Kommentare von Dozenten (und -innen!) „vom alten Schlag“ oder antifeministischen, konservativen Bemerkungen von Kommilitonen (und -innen!) in Lehr-</p>
<p>veranstaltungen oder durch unfaire Benotungen. Nein – auf Fakultätskonferenzen werden Wissenschaftlerinnen der Universität Wien von ihren Kollegen diskreditiert und diskriminiert. Auf Institutsweihnachtsfeiern wird Frauen von pragmatisierten Chauvinisten wie einem gewissen Dr. phil. am Institut für Zeitgeschichte, gegen den bereits mehrere Disziplinarverfahren eingeleitet wurden, auf die Brüste gestarrt und simultan verbal verdeutlicht, dass keine ihrer Aussagen Wert oder Legitimation besitzt. Dies dient dann einem Teil der angetrunkenen männlichen Belegschaft zur Belustigung.</p>
<p>Solche Fälle stellen unglücklicherweise weder Ausnahmen noch die gravierendsten Übergriffe dar. Sexismus hat hier also System und Struktur – und dies schon seit der Gründung der Alma Mater Rudolphina 1365.</p>
<p>Österreich war neben Preußen das letzte Land in Europa, welches Frauen zum Studium an der Universität zuließ. 1897 wurde Studentinnen der Zutritt zur Philosophischen, 1900 zur Medizinischen und 1919 zur Juridischen Fakultät gestattet. Anzumerken ist, dass zu jener Zeit nicht bloß die Anzahl der außerordentlichen und ordentlichen Hörerinnen extrem gering war, sondern auch die jener Frauen, denen es überhaupt möglich war, eine Matura abzulegen und somit die Hochschulreife zu erlangen. Denn laut dem vorherrschenden androkratischen Kanon war die Gesellschaft in die private und die öffentliche Sphäre zu trennen und Frauen sollten demnach abgeschottet in der Privatheit ihr Dasein fristen. Außerdem wurde der Charakter der Universität als ein berufsbildender, nicht allgemeinbildender verstanden und bloß Männern die Ausübung von Karrieren wie der des Arztes, Richters etc. bzw. das Interesse daran zugestanden. Beides äußerte sich in einem Gutachten des Akademischen Senats von 1873 durch diese Feststellung: „(&#8230;) so lange der Schwerpunkt der Leitung der sozialen Ordnung noch in dem männlichen Geschlecht ruht, liegt auch keine Nötigung vor, den Frauen an der Universität ein Terrain einzuräumen, welches in den weiteren Folgen unmöglich zu begrenzen wäre.“ [1] .<br />
Des Weiteren wäre es notwendig, die Wissenschaft „für Frauen angemessener“ zu gestalten, worunter die männliche „Elite“ zu leiden hätte. Auch die Gefährdung der moralischen Sitte durch die Vermischung der Geschlechter an der Hochschule war ein Argument für die Vertreter der Universität Wien, um Frauen weiterhin den Zugang zum Studium zu verunmöglichen oder zumindest zu erschweren, obwohl diese bis 1971 ohnehin sozioökonomisch immens gut situiert sein mussten, um ein Studium verfolgen zu können. [2] Kurz: Frauen stellten durch ihre angebliche sexuelle Wollust eine Ablenkung und Bedrohung der „Leistungsträger“ und „Elite“ Österreichs dar und wären außerdem zu dämlich und inkompetent, um einer (akademischen) Karriere nachgehen zu können – ein erbärmlicher Versuch der Verschleierung der Ebenbürtigkeit von Frauen und ein Ausdruck der Angst vor weiblicher Konkurrenz.</p>
<p>Von 1933 bis 1945 wurden jüdische und dem „linken“ Spektrum zugeordnete Wissenschaftler*innen, darunter Elise Richter, vertrieben, verfolgt und exekutiert. Die Exklusion von Frauen aus dem akademischen Umfeld war Teil der austrofaschistischen und nationalsozialistischen Ideologie und bedeutete eine Zäsur in der Umsetzung von intellektuellen und beruflichen emanzipatorischen Bestrebungen von Frauen in der Zwischenkriegszeit [3] . Diese ist immer noch präsent und wirkt in den gegenwärtigen Hochschulbetrieb hinein, z.B. in Form der Männerbündelei im Cartellverband oder deutschnationalen Burschenschaften, innerhalb derer Beziehungen für die zukünftige Karriere geknüpft werden bzw.die oftmals als Karrieresprungbrett dienen.</p>
<p>Der Unwille der Universität Wien, die Vergangenheit zu thematisieren und aufzuarbeiten bzw. die entschlossene Tabuisierung dieser zeigt sich unter anderem in der Benennung von zwei Sälen nach Elise Richter, eine der vermutlich vielen Frauen, die dem Matilda-Effekt 4 zum Opfer fielen, und Marietta Blau. Dies ist bloß ein lächerliches Instrument der Selbstinszenierung als bezüglich der Gleichstellung der Geschlechter progressive Institution gegenüber der Öffentlichkeit, vor allem wenn im Arkadenhof den Büsten von ausschließlich männlichen, teils höchst antisemitischen Wissenschaftlern eine einzige Gedenktafel einer Frau, Marie von Ebner­-Eschenbach, gegenüber steht. Von der aufrichtigen Würdigung szientifischer Errungenschaften von Frauen kann also nicht die Rede sein.</p>
<p>Denn obwohl 2013 die Zahl der Absolventinnen von BA-, MA- und Doktoratsstudien beinahe in jeder Studienrichtung höher war als die der Absolventen, wurden Professuren 2012 zu 61% an Männer vergeben. Den Vorsitz stellen in Berufungskommission sieben Männer und – ja, genau – null Frauen. Auch in Habilitationskommissionen stehen drei vorsitzende Frauen 18 Männern gegenüber und doppelt bis dreimal so viele Männer als Frauen üben Stellen als Professor*innen oder Dozent*innen und Leitungsfunktionen als (Vize-)Dekan*innen, (Vize-)StudienprogrammleiterInnen oder Institutsvorstehende aus (Hallo, Gläserne Decke!). Ein (struktureller) Grund hierfür ist die Erschwerung bzw. Verunmöglichung der Vereinbarkeit von Familien- und Privatleben und Beruf. 5 Andere Gründe sind zum einen die Tatsache, dass „Ähnlichkeit im Sinne von Geschlecht und sozialer Herkunft eine große Rolle bei Förderbeziehungen spielt“ [6] , zum anderen unmittelbare Misogynie.</p>
<p>Selbstredend bestehen Instanzen wie das 2000 gegründete, höchstengagierte Referat für Frauenförderung und Gleichstellung, der Gender-Ausschuss der geisteswissenschaftlichen Fakultäten und der Arbeitskreis für Gleichbehandlungsfragen. Letzterer gleicht allerdings einer Farce: Er übt eine beratende, nicht bindende Funktion aus und hat als Einrichtung, welche sich vor allem dem Vorgehen gegen Diskriminierung aufgrund des Geschlechts verschrieben hat, einen männlichen Vorstand.<br />
Außerdem weisen die Notwendigkeit der Etablierung der «Gender Studies» und des Studiums der «Frauen- und Geschlechtergeschichte» sowie die «Sammlung Frauennachlässe» auf den offensichtlichen Androzentrismus in der Forschung hin, welcher Frauen nicht nur als Akteurinnen ausblendet, sondern auch deren Aufzeichnungen als Quellen kaum oder nicht beachtet.</p>
<p>Die Existenz solcher wichtiger Institutionen verweist also auf die Allgegenwärtigkeit von sexistischen und patriarchalen Strukturen und Methodiken. Diese werden nicht nur toleriert oder akzeptiert, sondern oftmals gar befürwortet und forciert.<br />
Die Universität Wien ist eine der Stätten, an denen dies geschieht. Sie versucht noch dazu, oberflächliche Schönungen und Selbstbeweihräucherung vorzunehmen, um die realen Zustände zu tabuisieren und vertuschen.<br />
Ihr Vorgehen sowie die konstante Aufregung von Mitarbeiter*innen und Studierenden über Frauenquoten und die Förderung und Umsetzung von Projekten, Lehrveranstaltungen, Studien etc. zur Unterstützung von Frauen bestärken mich und andere darin, dass radikal-feministische Arbeit und Kritik mehr als notwendig ist und fortgeführt werden muss.</p>
<p style="text-align: right;">Tina Sanders</p>
<h3>Fußnoten:</h3>
<p>1: Zit. bei Karl Lemayer, Die Verwaltung der österreichischen Hochschule von 1868 bis 1877 (Wien 1878) 97 f. in: Waltraud Heindl, Marina Tichy, Durch Erkenntnis zu Freiheit und Glück&#8230;“. Frauen an der Universität Wien (ab 1897) (Wien 1990) 19.</p>
<p>2: Sylwia Bukowska, Referat Frauenförderung und Gleichstellung, Frauen – Leben – Wissenschaft. 110 Jahre Wissenschafterinnen an der Universität Wien (Wien 2007)<br />
In den 1970ern führte die Abschaffung der Studiengebühren sowie eine stärker ausgeprägte Bildungspolitik zu einem rasanten Anstieg von &#8211; vor allem weiblichen &#8211; Studierenden. Allerdings ist das Leben als Student*in immer noch fast ausschließlich Menschen mit privilegiertem finanziellen Hintergrund vorbehalten.</p>
<p>3: ebd.</p>
<p>4 http://edoc.bbaw.de/volltexte/2007/388/pdf/20oEFZF4qxqJs_388.pdf (Stand: 17.2.2014) Der Terminus des «Matilda-Effekts», eine Weiterentwicklung von Mertons «Matthäus-Effekt», wurde von Margaret W. Rossiter begründet und besagt, dass Frauen und ihre wissenschaftlichen Beiträge oftmals kein oder kaum Ansehen fanden und finden und dass ihre Erkenntnisse stattdessen männlichen Forschern zugeschrieben wurden und werden.</p>
<p>5 http://gleichstellung.univie.ac.at/fileadmin/user_upload/personalwesen/pers_frauen/aktuelles/WEB_gender_im_fokus_2013.pdf (Stand: 15.2.2014) 31. 35. Die hohe Anzahl von Frauen, welche Elternkarenz in Anspruch nehmen und Teilzeitarbeit vollbringen, weisen auf ungleiche Ressourcen- und Arbeitsaufteilung und eine damit einhergehende Doppelund Dreifachbelastung von Frauen (Haushaltsführung, Kindererziehung und Beruf) hin. Dies ist allerdings ein gesamtösterreichisches Phänomen.</p>
<p>6 http://gleichstellung.univie.ac.at/fileadmin/user_upload/personalwesen/pers_frauen/aktuelles/WEB_gender_im_fokus_2013.pdf (Stand: 15.2.2014) 62.</p>
</div>
</section>
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			</item>
		<item>
		<title>„Wie in Hogwarts.“</title>
		<link>https://gewi.bagru.at/gezeit/archiv/2014/wie-in-hogwarts/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[gezeit]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 24 Mar 2014 13:34:47 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2014]]></category>
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					<description><![CDATA[Die visuelle Selbstinszenierung der Uni Wien rund um das 650-Jahre-Jubiläum. Der Dreh um das Visuelle Eigentlich klingt die Aussage das Visuelle umgibt und beeinflusst uns in immer stärkerem Ausmaß wie ein billiger Allgemeinplatz. Tatsächlich beschäftigen sich die Sozialwissenschaften aber noch&#8230; <a href="https://gewi.bagru.at/gezeit/archiv/2014/wie-in-hogwarts/" class="more-link">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<h2>Die visuelle Selbstinszenierung der Uni Wien rund um das 650-Jahre-Jubiläum.</h2>
<h3>Der Dreh um das Visuelle</h3>
<p>Eigentlich klingt die Aussage <em>das Visuelle umgibt und beeinflusst uns in immer stärkerem Ausmaß</em> wie ein billiger Allgemeinplatz. Tatsächlich beschäftigen sich die Sozialwissenschaften aber noch gar nicht so lange mit Wechselwirkungen von visuellen Medien, und gesellschaftlichen Ordnungen.</p>
<p>Mit dem ‚pictorial turn’ Anfang der 1990er Jahre wurde den Sozialwissenschaften eine weitere Drehung hinzugefügt. W. J. T. Mitchell, standsicherer Vertreter dieser Drehbewegung, beschreibt die visuelle Kultur als wechselseitige Beeinflussung von Visuellem und Gesellschaft. Darin spiegeln Bilder und Photographien einerseits soziale Herrschafts- und Machtverhältnisse wider, andererseits erschaffen und perpetuieren sie so auch bestimmte Vorstellungen, weshalb sie auch zur (Nicht-)Veränderung der Gesellschaft beitragen.<br />
Bilder sind niemals nur ‚harmlose’ Abbildungen einer Situation, sie schaffen erst den Kontext ihrer Erzählung und verfolgen dabei eigene Kommunikationsstrategien.</p>
<p>Dass das Visuelle allgegenwärtig ist und Institutionen nicht nur durch das geschriebene Wort, sondern vor allem durch ihre visuelle Inszenierung wahrgenommen werden, ist auch der Universität Wien nicht entgangen.</p>
<h3>The sky is not my pimmel</h3>
<p>Die Bildtheorie geht davon aus, dass Bilder nicht nur auf einer denotativen, darstellenden Ebene mit uns kommunizieren, sondern auch auf einer konnotativen Ebene symbolische Inhalte und Werte vermitteln. Eine kritische Bildanalyse verlangt jedoch nicht nur, diese konnotativen Bedeutungen aufzudecken, sondern auch aufzuzeigen, was letztlich unsichtbar bleibt und wer nicht repräsentiert wird.</p>
<p>Betrachtet man vor diesem Hintergrund jenes Bild mit der programmatischen Aufschrift „The sky is not the limit. Since 1365“, das auf einem riesigen Plakat vor dem Haupteingang der Uni Wien thront, ist die Assoziation von Penis mit der ins All aufsteigenden Rakete nicht mehr weit, nicht nur wegen ihrer Form. Das Bild der Rakete, die in die Tiefen das Weltalls eindringt, um dort die Geheimnisse zu erkunden, erinnert in diesem Eroberungsgestus an die gewaltvolle Rhetorik Francis Bacons.</p>
<p><a href="/gezeit/wp-content/uploads/sites/2/2014/03/the_sky_is_not_the_limit.jpg"><img fetchpriority="high" decoding="async" class="aligncenter wp-image-247 size-large" title="The Sky is not the limit. Since 1365." src="/gezeit/wp-content/uploads/sites/2/2014/03/the_sky_is_not_the_limit-700x462.jpg" alt="The Sky is not the limit. Since 1365." width="600" height="396" srcset="https://gewi.bagru.at/gezeit/wp-content/uploads/sites/2/2014/03/the_sky_is_not_the_limit-700x462.jpg 700w, https://gewi.bagru.at/gezeit/wp-content/uploads/sites/2/2014/03/the_sky_is_not_the_limit-300x198.jpg 300w, https://gewi.bagru.at/gezeit/wp-content/uploads/sites/2/2014/03/the_sky_is_not_the_limit-768x507.jpg 768w, https://gewi.bagru.at/gezeit/wp-content/uploads/sites/2/2014/03/the_sky_is_not_the_limit.jpg 1239w" sizes="(max-width: 600px) 100vw, 600px" /></a></p>
<p>Für Bacon, den Begründer der deduktiven Methode in der Wissenschaft, war Natur weiblich konnotiert. Es galt, in ihre „Geheimnisse (&#8230;) ein|zu]dringen um an diese „verschlossenen Plätze“ [&#8230;] „durch[zu]dringen“.[1] Historisch gesehen mag es zwar akkurat sein, die Uni mit einem phallischen Symbol zu repräsentieren, dürfen doch Frauen* erst seit ein bisschen mehr als 100 Jahren an der Uni Wien studieren, aber es stellt sich die Frage, ob dies der heutigen Zeit angemessen ist.</p>
<p>Die Rakete schießt nach oben, der Rand des Bildes scheint ihr ebenso wenig Grenze wie der Himmel selbst. Sie steht für den zügellosen Fortschritt, den Aufbruch ins Neue und Unbekannte. Sie ist für Höheres gemacht, ebenso wie jene, die an der Uni Wien studieren auch die Besten der Besten sein sollen. Zumindest hätte das die Uni gerne so und gibt mit Mitteln wie Zugangsbeschränkungen, Knock-Out-Prüfungen und Studiengebühren ihr Bestes, um den Zugang zur Bildung zu limitieren.</p>
<p>Und letztlich bleibt auch das Bild der Wissenschaft, das dieses Plakat präsentiert, sehr unpersönlich. Wissenschaft, das sind Raketen und Satelliten. Die Menschen, deren Arbeit hinter der Rakete steckt, bleiben unsichtbar.</p>
<p>Das Produkt der Forschung steht im Vordergrund, nicht aber der Forschungsprozess und die darin eingeflossenen Wert- und Normvorstellungen. Durch den Fokus auf das Materielle muss der historische Kontext der Forschung nicht berücksichtig werden. Denn wer forscht hier überhaupt, mit welchen Erwartungshaltungen und unter welchen Bedingungen? Wer finanziert, wer profitiert und was sind mögliche positive oder negative Konsequenzen?</p>
<p>Es wäre eine Überlegung wert, ob die Erkundung des Alls die bestmögliche Forschung zur Befriedigung der menschlichen Bedürfnisse ist oder ob vielleicht andere Fragen eine höhere Priorität haben könnten.</p>
<p>Wie hip, cool und modern die Universität Wien seit 650 Jahren ist, versucht sie auch in einem knapp 4-minütigen Video auf ihrer Homepage darzustellen[2]. Mit peppiger Musik und einer angenehmen Frauenstimme wird hier erklärt, dass die Uni Wien ein ‚Lebensraum‘ ist. Der leicht größenwahnsinnige Anspruch nach Höhe und Exzellenz wird hier auch durch die Darstellung der verschiedensten Standorte der Uni Wien aus der Vogelperspektive und nicht zuletzt durch das Zeigen der Sternwarte im Türkenschanzpark visuell unterstützt. Eingeblendete Schriftzüge, die nicht selten aus den Köpfen dargestellter Personen sprießen, bieten zusätzliche Informationen über die Uni, etwa den Leitsatz „Die Wissenschaft und ihre Lehre ist frei.“ Wie ‚frei‘ die Wissenschaft etwa während des Nationalsozialismus war oder was der herrschende Ressourcenmangel, auf Ausschluss ausgerichtete Curricula und die hierarchischen Strukturen an der Uni für eine ‚freie‘ Lehre bedeuten, wird dabei ausgeblendet. Und wenn sich die Uni als multikulturell und weltoffen präsentiert, sollte nicht vergessen werden, mit welchen erschwerten Bedingungen Studierende aus nicht EWR-Ländern oft konfrontiert sind.</p>
<h3>Uni 2.0?</h3>
<p>Die Uni Wien schafft es zwar nicht, eine für Smartphones geeignete Homepage zu haben, will aber dennoch auch im Web 2.0 kräftig mitmischen. Deshalb hat die Universität Wien einen offiziellen Twitter- und seit Oktober 2013 auch einen Instagramaccount[3].</p>
<p>Während man auf Twitter immerhin noch knappe 140 Zeichen hat, um zu kommunizieren (mit wem ist wohl nie so ganz klar), kann der Erfolg von Instagram als Siegeszug des Visuellen über die Kommunikation verstanden werden, als Ausdruck einer Kommunikationskultur, die nur noch des Bildes und (eventuell) einer Bildunterschrift bedarf um alles zu sagen. Instagram ist visuelle Kultur in Reinform. Die Instagram-Photos von univienna bieten einen informativen Überblick über die visuelle Selbstinszenierung der Uni Wien. Der Informationsgehalt ist gering, hier geht es vor allem darum, viel Uni zu zeigen, die Studis bei Laune zu halten und ein ‚Wir‘-Gefühl zu erzeugen. Zu finden sind neben Tieren, die als Lernhilfe präsentiert werden und den saisonal angepassten Grüßen, v.a. Bilder der Fahnen vor der Uni, Bilder von Räumlichkeiten der Uni, Bilder von Studierendenausweisen, oder Bilder von Studierenden, die brav auf die Uni gehen und fleißig lernen. Hierzu darf natürlich das Bild des prall gefüllten Lesessaals der Hauptbibliothek nicht fehlen, das sich in Variationen auch auf Twitter, auf der Homepage der Uni Wien, in einem Kalender des Raum- und Ressourcenmanagements und ebenso in oben erwähntem Video wiederfindet. „Fast wie Hogwarts“ heißt es dazu auf Instagram, „Unsere Studis zur Prüfungszeit“ auf Twitter und im Video geht es um „Wissen aufsaugen“. Hier wird Gemeinschaftsgefühl erzeugt, die Gemeinschaft der willig Lernenden, die anscheinend der Uni gehört. Dass es umgekehrt sein könnte, steht außer Frage. Klar ist, wenn du brav büffelst, das Wissen in dich aufsaugst, gehörst du dazu und darfst Teil des (exzellenten) Kollektivs sein.<br />
Doch wer ist eigentlich nicht auf diesem Bild? Wer hat vielleicht keinen Platz bekommen? Wer muss gerade arbeiten oder Pflegeaufgaben erfüllen und kann daher nicht genug leisten, um ganz vorne mit dabei zu sein? Die altehrwürdigen Gebäude, die Büsten all der Männer*, die einmal an der Uni studiert haben (Frauen* gibt es da ja keine), die Bücher – all das verweist auf Tradition.<br />
Aber ist es eine Tradition, auf die die Uni Wien stolz sein kann, oder vielleicht eher eine, die auf Ausschluss, auf hierarchische Strukturen und auf die gläserne Decke verweist?</p>
<p>Mit ihrer visuellen Selbstinszenierung zeigt die Uni Wien ein Bild von sich, das die permanenten Ausschlüsse ihrer Geschichte reproduziert, ohne sie jedoch zu thematisieren oder kritisch zu hinterfragen. So gesehen entspricht die visuelle Kultur der Uni ihrer sonstigen Politik. Raum für Veränderung oder Platz für Kritik gibt es darin nicht.</p>
<p style="text-align: right;">Norberta Hood</p>
<h3>Fußnoten:</h3>
<p>1: Francis Bacon In: Merchant, Carolyne: The Death of Nature. Women, Ecology and the Scientific Revolution. Harper Collins. New York (1980)</p>
<p>2: <del datetime="2017-10-26T18:37:11+02:00">http://www.univie.ac.at/de/universitaet/filmportraet/</del><br />
<a href="https://medienportal.univie.ac.at/videos/meine-universitaet/detailansicht/artikel/die-universitaet-wien-im-filmportraet/">https://medienportal.univie.ac.at/videos/meine-universitaet/detailansicht/artikel/die-universitaet-wien-im-filmportraet/</a></p>
<p>3: twitter: @univienna, instagram: univienna</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>649 Jahre und doch nichts gelernt?</title>
		<link>https://gewi.bagru.at/gezeit/archiv/2014/649-jahre-und-doch-nichts-gelernt/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[gezeit]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 24 Mar 2014 13:33:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2014]]></category>
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					<description><![CDATA[Ein Versuch der Versöhnung. Wenn eine Universität Jubiläum feiert, tut sie das wohl, um ihr Image zu erneuern, zu unterstützen oder aufzubessern. Bei der Uni Wien ist das nichts anderes. Aber ist das unbedingt ein schlechtes Zeichen für eine Universität,&#8230; <a href="https://gewi.bagru.at/gezeit/archiv/2014/649-jahre-und-doch-nichts-gelernt/" class="more-link">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<section id="body">
<div class="inner">
<h2>Ein Versuch der Versöhnung.</h2>
<p>Wenn eine Universität Jubiläum feiert, tut sie das wohl, um ihr Image zu erneuern, zu unterstützen oder aufzubessern. Bei der Uni Wien ist das nichts anderes. Aber ist das unbedingt ein schlechtes Zeichen für eine Universität, wenn sie sich dem Imagekampf ausliefert? Wenn sie versucht, durch Jubiläumsfeiern ihr Standing in der Gesellschaft zu verbessern?</p>
<p>Wir blicken zurück ins Jahr 1965 zur 600-Jahr-Feier der Universität Wien.<br />
Vor allem in eine Zeit, in der die Entnazifizierung selbst an den Universitäten nicht unbedingt fruchtbar war. In der Burschenschaften schon seit über zehn Jahren wieder zugelassen waren und in der Mitte der Gesellschaft wieder fleißig ihre deutschen Lieder gesungen haben. Und in eine Zeit, als der Siegfriedskopf, Denkmal und Gedenkort, stellvertretend für die im Ersten Weltkrieg gefallenen «Helden» der Uni Wien noch in der Aula präsentiert wurde. Ein Denkmal, das bis heute einem uniformierten, rechtsradikalen Männerbündel als Pilgerstätte dient.<br />
Die Vorstellung, dass Mitte der 60er Jahre in Österreich revisionistische und deutsch-nationale Burschenschaften für ihre Alma Mater einen Umzug um den Wiener Ring veranstalteten und genau dort am Heldenplatz einen Opferkranz für die Bombenopfer Wiens im Zweiten Weltkrieg niederlegten, ist in Hinblick auf das Jubiläum 2015 nicht weniger aktuell als damals. Sich zudem knapp 50 Jahre danach nicht einmal damit auseinanderzusetzen, scheint mehr Bedienung als Reflexion des österreichischen Opfermythos zu sein.</p>
<p>Wer ist hier das Opfer?<br />
Der Austrofaschismus und der damals schon vorherrschende Antisemitismus in den öffentlichen Institutionen Österreichs führte 1938 schlichtweg dazu, dass nicht mehr viel zu tun war, um dem Nationalsozialismus die Tore zu öffnen. An der Uni Wien wurden 45% der Studierenden und Lehrenden aus dem Lehrbetrieb ausgeschlossen und die Leerstellen mit systemtreuen Lehrenden besetzt. Die Entnazifizierung nach der Befreiung vom Nationalsozialismus 1945 trug dann aber auch nicht dazu bei, antisemitische oder rassistische Lehre an der Universität Wien auszuschließen. Exemplarisch dafür und zeitlich an die 600-Jahr-Feier der Uni Wien herangehend steht die Borodajkewycz-Affäre. Zu Beginn der 1960er konnten Alt-Nazis ihre antisemitische und nationalsozialismus-treue Lehre wieder unter die Studierenden bringen. So auch Taras Borodajkewycz. Die Affäre gipfelte im Jubiläumsjahr der Uni Wien 1965 mit heftigen Studierendenprotesten und dem Tod des Antifaschisten Ernst Kirchweger. Obwohl die Mitschriften der Vorlesungen schon 1961/62 an die Öffentlichkeit kamen, dauerte es trotzdem noch weitere fünf Jahre bis Borodajkewycz 1966 endlich pensioniert wurde.</p>
<p>Aber warum sollte uns die Vergangenheit interessieren, wenn wir in die Zukunft blicken können? So meinen es zumindest Vertreter*innen der Uni Wien, wenn es um das Jubiläum geht. Jubiläum bedeutet für sie Außenwirkung, Publicity und Werbung fernab von Selbstreflexion oder historischer Aufarbeitung. Und wenn man schon über die Zukunft sprechen mag, wie soll es dann mit den Jours fixes der Burschenschafter an der Unirampe weitergehen? Diesbezüglich darf man auch einmal die Frage stellen – gerade wenn man schon über die Außenwirkung der Universität spricht – welches Bild Burschen in vollem Wichs, mit Schmiss und in strammer deutsch-nationaler Tradition auf eine Universität werfen, die sich gleichzeitig in der Öffentlichkeit kein Stück weit kritisch mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzt.</p>
<p>Nun, im kommenden Jahr feiert die Uni Wien ihr 650-jähriges Bestehen mit einem schier endlosen Programm. Man will mit einer Leistungsschau die Arbeit der Universität in Forschung und Lehre auch einer „breiteren Bevölkerung“ näher bringen. Vielleicht sehen es die Verantwortlichen wirklich als einen Anlass zum Feiern und daher weigern sie sich vehement gegen jedwede kritische Aufarbeitung der Universitätsgeschichte. Und am Ende bleibt zu sagen: Wenn heute Rechtsradikale und Korporierte in Lehre und Studium an der Uni Wien so gut integriert sind, wie eh und je, dann gibt es keinen Grund zum Feiern. Der Versuch einer Versöhnung bleibt dann ein bisher hoffnungsloser, wenn er denn überhaupt getätigt wurde.</p>
<p style="text-align: right;">Vince Moon</p>
</div>
</section>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Editorial</title>
		<link>https://gewi.bagru.at/gezeit/archiv/2014/editorial-2/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[FV GEWI]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 24 Mar 2014 13:28:12 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2014]]></category>
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					<description><![CDATA[Diese Gezeit ist die erste der kommenden Ausgaben, die es sich zum Ziel gemacht hat, im größeren Rahmen einen kritischen Blick auf die 650-Jahr-Feier der Universität Wien („Besserwisserin“?) zu werfen. Die Universität feiert sich 2015 ein weiteres Mal selbst, ohne&#8230; <a href="https://gewi.bagru.at/gezeit/archiv/2014/editorial-2/" class="more-link">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<section id="mitte" class="grid_10">
<section id="body_content" class="no_side_body no_body_content_left no_body_content_right">
<section id="body">
<div class="inner">
<p>Diese Gezeit ist die erste der kommenden Ausgaben, die es sich zum Ziel gemacht hat, im größeren Rahmen einen kritischen Blick auf die 650-Jahr-Feier der Universität Wien („Besserwisserin“?) zu werfen.<br />
Die Universität feiert sich 2015 ein weiteres Mal selbst, ohne dabei einen selbstkritischen Blick auf ihre Geschichte oder die bildungspolitischen Zustände rund um universitäre Bildung fallen zu lassen. Das Bild, welches die Uni Wien verzweifelt von sich selbst vor und während des Jubiläumsjahres zeigen will, thematisiert weder die schlechten Studienbedingungen, wie zum Beispiel die STEOP und starke Zugangsbeschränkungen in einzelnen Fächern, noch die Geschichte und Verantwortung der Universität während des Austrofaschismus und Nationalsozialismus, sowie den jahrhundertelangen strukturellen Ausschluss von Frauen. Stattdessen wird eine kritische Geschichtsaufarbeitung konsequent ausgeblendet oder gar ein Opfermythos geschaffen, der die Beteiligung der Uni Wien an der Ausgrenzung und Verfolgung jüdischer und systemkritischer Studierender und Lehrender ausschließen will. Die Uni Wien feiert ihre Helden ohne sich mit manchen von ihnen allzu sehr befassen zu wollen (siehe z.B. den Artikel zu Franko). Ein Schelm, wer dabei denkt, die Uni Wien wolle sich selbst mit ihrer eigenen Abfeierung reinwaschen&#8230;<br />
Das Ziel der kommenden Ausgaben für die GeZeit ist es, eben jene Problemfelder der Geschichtsaufarbeitung kritisch aufzugreifen, den Finger in die offene Wunde zu legen und einen expliziten Gegenpol zur Erinnerungspolitik und zu den geplanten „Feierlichkeiten“ der Uni Wien zu schaffen. Da wir – im Gegensatz zur Uni Wien – sehr wohl der Meinung sind, dass sich Studierende mit der Vergangenheit und den aktuellen (bildungs-)politischen Ereignissen an der Uni Wien auseinandersetzen können und wollen, war und ist es uns ein Anliegen, hier eine Plattform zu schaffen.<br />
Die vorliegenden Artikel lassen sich grob in zwei Themenblöcke einteilen: Zum einen wird ein kritischer Blick auf den Umgang der Universität Wien mit der eigenen Geschichte in Form von u.a. Denkmälern, Büsten, Tafeln, als auch auf die Selbstinszenierung des eigenen Ökotops Universität Wien geworfen.<br />
Hier ist besonders die Kampagne „Besserwisserin seit 1365“ zu thematisieren. Die Universität stört sich nicht daran, ein Plakat, Taschen und Shirts mit einer weiblichen Silhouette zu verzieren und besitzt dann auch noch die Dreistigkeit, unterschwellig zu behaupten, Frauen seien seit 650 Jahren Teil des Systems Universität Wien. Und das, obwohl „Besserwisserinnen“ gerade einmal seit etwas mehr als 100 Jahren auf der Universität studieren können. Unser zweiter Themenschwerpunkt wird sich eben damit beschäftigen: der systematischen Exklusion von Frauen, ihrer Unterrepräsentation in der Geschichte und in symbolischem Gedenken, welche bis heute anhält und nur oberflächlich behandelt wird.</p>
<h3>Titelbild</h3>
<p>Deshalb haben wir uns auch dazu entschlossen vier bedeutende Wissenschaftlerinnen der Universität Wien auf das Cover dieser Gezeit Ausgabe zu geben [1].</p>
<p>Elise Richter war die erste Univerisitätsprofessorin Österreichs, sie wurde 1905 als erste Frau an der Universität Wien habilitiert.</p>
<p>Gabriele Possanner von Ehrenthal war die erste Frau, die in Österreich eine Doktorwürde erhielt, sie studierte in der Schweiz. Um in Wien praktizieren zu können, musste sie alle Prüfungen noch einmal in Wien ablegen, damit ihr Abschluss anerkannt wurde.</p>
<p>Olga Ehrenhaft-Steindler war die erste Frau, die 1903 an der Universität Wien ein Doktorat in Physik erwarb.</p>
<p>Lise Meitner [&#8230;]</p>
<h3>Fußnote:</h3>
<p>1: Die auf dem Cover abgebildeten Bilder stammen alle von http://www.protestwanderweg.at/rahlg/rahlg_06.php [Zugriff 24.03.2014]</p>
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