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	<title>2015 &#8211; gezeit</title>
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	<description>Zeitschrift der FV GEWI</description>
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		<title>Love parties &#8211; hate sexism!</title>
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		<dc:creator><![CDATA[gezeit]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 26 May 2015 14:07:03 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2015]]></category>
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					<description><![CDATA[Feiern ohne Übergriffe Alle Menschen sollen voll am öffentlichen Leben Teil nehmen, ohne Angst vor Gewalt oder Übergriffen haben zu müssen. Tatsächlich aber leben wir in einer Gesellschaft, welche durchzogen ist von Sexismen, Rassismen, Homophobie, Transphobie und anderen Diskriminierungsverhältnissen, was&#8230; <a href="https://gewi.bagru.at/gezeit/archiv/2015/love-parties-hate-sexism/" class="more-link">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
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<h2>Feiern ohne Übergriffe</h2>
<p>Alle Menschen sollen voll am öffentlichen Leben Teil nehmen, ohne Angst vor Gewalt oder Übergriffen haben zu müssen. Tatsächlich aber leben wir in einer Gesellschaft, welche durchzogen ist von Sexismen, Rassismen, Homophobie, Transphobie und anderen Diskriminierungsverhältnissen, was dazu führt, dass nicht alle Menschen gleich (sicher) den öffentlichen Raum nutzen können. In diesem Artikel schreibe ich von Parties, vor allem über Campus-Parties, beziehungsweise linke/queer-feminstische Parties, in welchen sich gesamtgesellschaftliche Verhältnisse fortsetzen 1 . Ich möchte aber auch über Strategien und Handlungsoptionen schreiben, die dazu führen können/sollen, Parties für Frauen* – und letztlich für alle Menschen – zu einem sicheren/sichereren Ort zu machen.</p>
<h3>ZUR RELEVANZ EINER AUSEINANDERSETZUNG MIT SPRACHE UND BEGRIFFEN</h3>
<p>Vorab möchte ich erklären, mit welchen Begriffen ich arbeiten werde und warum.<br />
Obwohl Gewalt von allen Menschen ausgehen kann, ist die Mehrzahl der Gewalt ausübenden Menschen männlich – deswegen werde ich auch im Folgenden von „Tätern“ sprechen. Die Anführungszeichen verwende ich um darauf hinzuweisen, dass dieser Begriff für mich nur einen „Hilfsbegriff“ darstellt, aus Ermangelung von, in meinen Augen, geeigneteren Begriffen. Das Sternchen steht für ein Bewusstsein um Konstruktion und Diskurse um den Begriff des „Täters“. Wenn ich von gewaltbetroffenen Personen schreibe, schreibe ich von „Betroffenen“, da für mich sowohl die Begriffe „Opfer“, als auch „Überlebende“ problematisch sind &#8211; damit schreibe ich aber Menschen nicht vor, wie sie sich selbst bezeichnen .</p>
<p>Durch Sprache (und Diskurse um bestimmte Begriffe) wird Wirklichkeit geformt und reproduziert Wirklichkeit, weswegen gerade bei einem derart sensiblen Thema wie (sexueller) Gewalt eine bewusste Reflexion der im jeweiligen Kontext verwendeten Begrifflichkeiten unabdingbar ist. Dabei gibt es nicht eine “richtige” oder “falsche” Verwendung bestimmter Bezeichnungen. Bei einer Auseinandersetzung mit (sexueller) Gewalt werden vielmehr unterschiedliche Begriffe verwendet, manchmal werden sogar Bezeichnungen eingeführt, da vorhandene Begriffe bereits zu stark konnotiert sind. Oder aber oftmals nicht geeignet sind, Situationen gerecht zu werden, in denen eine eindeutige Einteilung in “Täter” und “Opfer” nicht möglich ist, da zum Beispiel beide involvierte Gewalt angewandt haben oder von Gewalt betroffen sind. Für nicht eindeutige Situationen bietet die deutsche Sprache leider nur begrenzte Möglichkeiten, diesen gerecht zu werden und zu benennen.</p>
<p>Unter sexistischen Übergriffen bzw. sexueller Gewalt verstehe ich jede unerwünschte (sexuelle) Handlung, die ohne Konsens erfolgt und die dazu führt, dass die davon betroffene Person sich unwohl, ängstlich oder belästigt fühlt, und verletzt ist. Ein Zitat aus einem Forschungsbericht des CASA House zeigt nicht nur (weitreichende) Folgen sexueller Gewalt auf, sondern auch deren Komplexität:</p>
<p>“Sexual assault is both a consequence and a reinforcer of the power disparity existing between men and women. It is a violent act of power which in the main, is carried out by men against women and children. Sexual assault occurs along a continuum of violent behaviour which includes any sexual behaviour which makes the recipient feel uncomfortable, harassed or afraid. The impact of sexual assault on both the individual victim/survivor and society is multifaceted and complex. It includes emotional, social, psychological, legal, health and political consequences. The impact of sexual assault can be compounded by factors relating to the stratification of society on the basis of socio-economic class, age, ethnicity and race.” (s.Casa S. 3).</p>
<p>Ich werde hier nicht ausführlich auf Gewaltdiskurse eingehen, nur soweit, um die Wichtigkeit klarer und reflektierter Termini herauszustreichen. In einem Text von CARA, weisen diese etwa auf die Problematik um Diskurse bestimmter Begrifflichkeiten hin &#8211; „[s]urvivors are considered „damaged“, „pathologized beyond repair. Aggressors are perceived as „animals“, unable to be redeemed or transformed“ (vgl. CARA.: 64). Es gilt also nicht nur eine Sprachpraxis zu entwickeln, welche nicht in hegemonialen Herrschaftsverhältnissen verortet ist, sondern vielmehr auch auf bestehende Diskurse einzugehen und ein Wissen, beziehungsweise Bewusstsein um diese zu haben.</p>
<h3>KONSENS &#8211; ODER: NO MEANS NO AND YES MEANS YES</h3>
<p>Was heißt Konsens und wie sieht Konsens aus? Konsens heißt, dass zwei (oder mehrere) Personen zu einer sexuellen Interaktion zustimmen. Zustimmung sollte am besten durch Nachfragen eingeholt werden. Zustimmung kann dabei nicht nur in einem sexuellen Kontext praktiziert/eingeholt werden – auch in einer nicht direkt sexuellen Interaktion, wie etwa die Umarmung zur Begrüßung zwischen Freund_innen, Kuscheln und dergleichen, kann, eine konsensuale Praxis entwickelt werden. 2</p>
<p>Allgemein gilt, dass “Nein” auch “Nein” bedeutet und nicht “Vielleicht”, “Streng dich mehr an”, oder “Später”. Konsens (affirmative consent) soll zu der spezifischen sexuellen Handlung verbal eingeholt werden und eine bewusste und freiwillige Zustimmung sein. Schweigen, kein Widerspruch oder kein Widerstand heißen nicht, dass eine Person Konsens für die jeweilige Handlung gegeben hat.</p>
<p>Wenn Konsens gegeben wurde, heißt das nicht, dass andere sexuelle Praxen für diese Person in Ordnung sind. Sie kann den gegeben Konsens wieder zurücknehmen und selbst wenn für eine sexuelle Praxis einmal Konsens gegeben wurde, heißt das nicht, dass das nächste Mal für diese Handlung automatisch auch Konsens besteht. Sollte mensch mit einer Person in einer Beziehung sein oder gewesen sein, sollte nie davon ausgegangen werden, dass allein diese Tatsache Konsens ersetzt oder dafür steht.</p>
<p>Prinzipiell gilt, dass alle Menschen unterschiedliche Grenzen haben. Diese Grenzen sind nicht “objektiv” von außen wahrnehmbar oder erfassbar, dementsprechend ist es sinnlos nach immer gültigen Definitionen oder Begrifflichkeiten zu suchen, um diese quasi für alle immer und unabhängig vom jeweiligen Kontext anzuwenden.</p>
<p>Es ist wichtig, dass die Definitionsmacht bei Betroffenen liegt. Dass sie benennen können, wo eigene Grenzen liegen und ob sie überschritten wurden; und wann eine unerwünschte Handlung eine unerwünschte Handlung war.</p>
<h3>BEDEUTUNG VON ALKOHOL UND GESCHLECHTSSPEZIFISCHEN STEREOTYPEN</h3>
<p>Partys gehören für die meisten Studierenden zum Studium und sind genauso wie Alkohol ein normativer Bestandteil desselben. Alkohol ist in diesem Kontext relevant, da sexuelle Übergriffe und Alkoholkonsum oft in Zusammenhang stehen. Dazu gibt es zahlreiche Studien, die sich unter anderem mit Trinkmotivationen und deren Zusammenhängen mit sexuellen Übergriffen auseinandersetzen (vgl. Abbey, Novik et.al. 2011). Diese Studien weisen nach, dass die Wahrscheinlichkeit, dass Frauen* von Übergriffen betroffen sind, mit zunehmenden Alkoholkonsum oder dem Konsum anderer Drogen steigt. Es gibt zahlreiche Gründe, Alkohol zu konsumieren:</p>
<p>“Motivations ascribed to college drinking include the desire for power and assertion [&#8230;], a coping mechanism for emotional distress [&#8230;], or as a means of fitting in with others or easing social awkwardness [&#8230;]” (Novik et. al 2011:2).</p>
<p>An Alkohol sind geschlechtsspezifische Stereotype gebunden, welche nicht nur unterschiedliche Bilder von Frauen* und Männern* beinhalten, sondern in weiterer Konsequenz auch zu entsprechenden Umgängen mit tatsächlichen Übergriffen führt. Während Alkoholkonsum von Männern* als männlich gewertet wird, werden Frauen*, welche alkoholisiert sind als “leicht zu haben” bewertet. Kommt es zu einem Übergriff, dann wird die Handlung des “Täters” oft heruntergespielt, entschuldigt und verharmlost, während der Betroffenen die Schuld für den Übergriff gegeben wird. Trinkt eine Frau* Alkohol oder wird als alkoholisiert wahrgenommen, erhöht das wiederum die Wahrscheinlichkeit angemacht oder belästigt zu werden.</p>
<p>Wenn Männer* trinken und sich daneben benehmen, wird ihnen die Verantwortung für ihr Verhalten oft abgenommen &#8211; da sie alkoholisiert waren. Es heißt etwa, dass sie sonst “eh nett sind”, oder “voll coole Typen”. Frauen* aber wird die Verantwortung für das Handeln anderer gegeben. Sie haben dafür zu sorgen, dass nichts passiert und müssen in Kontrolle bleiben. Derartige Logiken sind wiederum vor einem gesamtgesellschaften Hintergrund zu sehen, in welchem “Täter”/”Opfer” Umkehr alltägliche Praxis ist, genauso wie Victim-Blaming und Verharmlosung von Übergriffen.</p>
<h3>WELCHE STRATEGIEN/MÖGLICHKEITEN GIBT ES, PARTIES SICHERER ZU MACHEN?</h3>
<p>Was heißt das jetzt und wie können konkrete Strategien und Strukturen aussehen, um Partys möglichst sicher für Frauen* (bzw. alle) zu machen? Es gibt bereits zahlreiche (pro-)aktive Strategien und Vorschläge, die auch mitunter in Wien (in bestimmten politischen Kontexten) angewendet werden und wurden. Allgemein können Strategien auf mehreren Ebenen angewandt werden – prinzipiell gilt, dass ALLE dafür verantwortlich sind, dass es allen gut geht.</p>
<p>Im Vorfeld der Party kann darauf geachtet werden, wie die Party beworben wird.<br />
Welche Bilder werden verwendet und wie werden Frauen* und Männer* darauf abgebildet? Welche Nachricht(en) wird (werden) mit dem Abgebildeten suggeriert? 3</p>
<p>Auf der Party selbst gibt es mehrere Möglichkeiten, einen sichereren Raum zu schaffen: die Organisation eines Awareness-Team, die zur Verfügungstellung eines Rückzugsortes, die Bereitstellung von selbstorganisierten Frauen*nachttaxis. Auch können Poster oder Schilder aufgehängt werden (z.B. zum Zustimmungskonzept 4 ), außerdem kann eine Einladungspolitik (oder eine “Hausordnung”) formuliert werden und sichtbar angebracht werden, in welcher klar gemacht wird, dass auf dieser Party kein Platz für Sexismus, oder jegliche Form von Diskriminierung oder Gewalt ist.</p>
<p>Die Organisation von Awareness Teams auf Partys ist eine gute Strategie, um vor Ort zu intervenieren, bzw. die Party zu “beobachten”. Auf (links-) feministischen Partys gehören Awareness Teams bereits zum Standard, sollten aber auf allen größeren Partys selbstverständlich sein. Das Awareness Team hat mehrere Funktionen bzw. Aufgaben. So sind sie Ansprechpersonen auf der Party, intervenieren, oder bieten Unterstützung 5 . Ebenso können präventive Strategien in der Kleingruppe erarbeitet werden &#8211; gerade wenn es um Alkoholkonsum geht. Gründe, warum aufeinander aufgepasst wird, sind verschieden. Wenn Männer etwa wissen, dass sie bei Alkoholkonsum zu übergriffigem oder aggressiven Verhalten neigen, können sie sich mit einer Freund*in absprechen, die nüchtern bleibt und aufpasst &#8211; oder sie verzichten einfach auf Alkohol. In Frauen*gruppen passen Frauen* aufeinander auf, damit nichts passiert.</p>
<p>Eine wichtige und längerfristige Strategie ist letztlich, eine proaktive Bewusstseinsbildung zu verfolgen (Vorträge, Zines, Plakate&#8230;), in welcher etwa über den Zusammenhang von Alkoholkonsum und Übergriffen, Geschlechterstereotypen und Alkohol aufgeklärt wird, beziehungsweise wie Konsens/Zustimmung aussieht.</p>
<h3>FAZIT</h3>
<p>Sexistische Erfahrungen von Frauen* auf Partys sind keine isolierten, auf den Raum Party beschränkten &#8211; vielmehr müssen diese Erfahrungen immer in einem gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang betrachtet und analyisiert werden. Angst vor Übergriffen kann das Leben beeinträchtigen, kann einschränken wie der öffentliche Raum benutzt wird und kann einem auch schlichtweg den Spaß an Partys verderben. Deswegen hoffe ich, dass zumindest in einem linken/feministischen Umfeld, welches den Anspruch auf eine antisexistisch/antihomophobe/antitransphobe/antirassistische Praxis hat, diese zukünftig konsequenter umgesetzt wird, dass Orga-Teams entsprechende Vorbereitungen treffen und dass generell in der Szene mehr für eine Bewusstseinsbildung und Prävention getan wird – damit auf Parties alle Spaß haben können.</p>
<h3>Fußnoten:</h3>
<p>1: Hier sei etwa an die Parties im Rahmen der Audimaxbesetzung 2009 gedacht, auf der es gehäuft zu übergriffigem/sexistischem Verhalten kam &#8211; zum Nachlesen z.B. http://www.oeh.ac.at/organisation/referate/referat-fuer-feministische-politik/archiv/feministisches-zur-audimaxbesetzung/, oder http://diestandard.at/1256255957984/Unibesetzung-in-Wien-Berichte-ueber-sexistische-Uebergriffe</p>
<p>2: Vergleiche dazu auch das Zustimmungsplakat der UG DEFMA: http://defma.blogsport.de/images/dt_v2_2_p.pdf ;oder das Zine Learning good consent: http://defma.blogsport.de/images/learninggoodconsent2.pdf</p>
<p>3: Siehe etwa diesen Flyer: http://fc05.deviantart.net/fs70/i/2013/301/3/8/glow_stick_party___flyer_template___fb_cover_by_louistwelve_design-d6s50cz.jpg</p>
<p>4: http://maedchenblog.blogsport.de/images/nein.png</p>
<p>5: Vergleiche dazu: http://afk.blogsport.de/images/Leitfaden.pdf</p>
<h3>QUELLEN</h3>
<ul>
<li>Abbey, Antonia (2002): Alcohol-Related Sexual Assault: A Common Problem among College Students (http://www.jsad.com/jsad/downloadarticle/AlcoholRelated_Sexual_Assault_A_Common_Problem_among_College_Students/1594.pdf)</li>
<li>Awareness Leitfaden für Partys (http://afk.blogsport.de/images/Leitfaden.pdf )</li>
<li>CARA: Taking risks:implementing grassroots community accountability strategies http://www.solidarity-us.org/files/Implementing%20Grassroots%20Accountability%20Strategies.pdf</li>
<li>Howard, Donna Elise et al. (2007): Staying Safe While Consuming Alcohol: A Qualitative Study of the Protective Strategies and Informational Needs of College Freshman (http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC2636553/pdf/nihms-89142.pdf)</li>
<li>Novik, Melinda G. et. al. (2011): Drinking Motivations and Experiences of Unwanted Sexual Advances Among Undergraduate Students. In: J Interpers Violence. 2011 Janurary; 26(1):34-49.</li>
</ul>
</div>
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			</item>
		<item>
		<title>»Wie schaffst du das eigentlich alles?«</title>
		<link>https://gewi.bagru.at/gezeit/archiv/2015/wie-schaffst-du-das-eigentlich-alles/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[gezeit]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 26 May 2015 14:04:44 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2015]]></category>
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					<description><![CDATA[Studium, Aktivismus, Elternsein: ein Interview mit mir selbst Frau van Bommel (Gezeit): Hallo, Hanna! Erstmal danke, dass du dir Zeit genommen hast für dieses Interview zu so später Stunde. Hanna: Passt schon&#8230; FvB: Lass uns doch zuerst über Studieren mit&#8230; <a href="https://gewi.bagru.at/gezeit/archiv/2015/wie-schaffst-du-das-eigentlich-alles/" class="more-link">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<section id="body">
<div class="inner">
<h2>Studium, Aktivismus, Elternsein: ein Interview mit mir selbst</h2>
<p><strong>Frau van Bommel (Gezeit): Hallo, Hanna! Erstmal danke, dass du dir Zeit genommen hast für dieses Interview zu so später Stunde.</strong></p>
<p>Hanna: Passt schon&#8230;</p>
<p><strong>FvB: Lass uns doch zuerst über Studieren mit Kind reden: Wie hast du das bis jetzt erlebt?</strong></p>
<p>H: Ok &#8211; also, mein Bachelorstudium habe ich gemacht, als mein Kind ein bis drei Jahre alt war. Das ging irgendwie, aber es war natürlich schwierig. Ein Hauptproblem ist, dass ich klarerweise weniger Zeit hab als meine Mitstudis. Ich kann nur Seminare belegen, die in der Kindergartenzeit liegen – auch wenn sie nicht unbedingt meine bevorzugten sind – und ich muss gerade beim Lernen und unter Abgabestress gutes Zeitmanagement betreiben. Das heißt z.B. vormittags in der Uni sein, am frühen Nachmittag das Kind abholen, einen super Quality-Time-Nachmittag verbringen, irgendwo dazwischen die allfällige Reproduktionsarbeit unterbringen und nachdem das Kind im Bett ist, sich noch diszipliniert ein paar Stunden hinsetzen und schreiben, lernen, lesen etc.</p>
<p><strong>FvB: Puh&#8230;</strong></p>
<p>H: Warte mal, war ja noch nicht fertig! Wenn dein Kind krank ist, vergrößert sich dein Kontingent erlaubter Fehlstunden in Seminaren natürlich trotzdem nicht. Und wenn du mitten im Studium schwanger bist, kannst du nicht einfach wie eine angestellte Person drei Jahre in Karenz gehen. Willst du die Zulassung nicht verlieren, sind maximal zwei Urlaubssemester oder so drin. Da gibt’s dann aber weder Familien- noch Studienbeihilfe, also auch kein Semesterticket und so weiter&#8230; Oder du ziehst es halt mit Säugling durch. Wo kannst‘n in der Uni bitte stillen? Wenn du dann noch „nebenbei“ arbeiten „willst“ &#8211; oder besser gesagt: musst&#8230; Viel Spaß! Oder vielleicht hast auch noch eine Beziehung, dann kannst jeden Tag neu mit den Prioritäten jonglieren. Aber irgendwie hab ich das Gefühl, dass ich hier nichts Neues erzähl‘. Ich glaube, dass es den meisten unterbewusst klar ist, was es zeit- und demnach auch schlafressourcenmäßig (hebt den Zeigefinger) bedeutet, mit Kind zu studieren. Deswegen werd‘ ich ja immer wieder gefragt, wie ich das denn alles geschafft hätte oder schaffen würde. Obwohl meistens ein „Ich würd‘ das ja nicht können!“ hinterher geschoben wird, hör ich da weniger raus, dass sich die Leute nicht vorstellen können, dass es geht. Eher, dass sie sich das schon ausmalen können, aber zumindest zum jetzigen Zeitpunkt keinen Bock drauf haben.</p>
<p><strong>FvB: Hm&#8230; Wie schaut‘s mit dem Sozialleben aus? In die Disko mit Kind?</strong></p>
<p>H: Haha (rollt die Augen)! Ich bin ja nicht alleinerziehend, das heißt, ich hab auch schon mal ganze Tage und auch Abende frei. Ich kann also wahrscheinlich nicht so viel ausgehen wie andere Studis, aber ab und zu schon.</p>
<p><strong>FvB: Das trifft dann auch etwa auf Treffen von Politgruppen zu, oder?</strong></p>
<p>H: Ja, voll. Es ist halt leider die Realität, dass die meisten Plena zu Zeiten stattfinden, wo Kinder nicht mehr institutionell betreut werden und die potentiellen Babysitter*innen hocken meist selbst bei den Treffen. Das Kind einfach mitnehmen geht auch nicht immer und unbedingt, gerade abends überschneiden sich die Plenums- mit den Bettgehzeiten. Mal davon abgesehen sind die Gruppenräume, in denen Treffen stattfinden, nicht immer die saubersten und kinderfreundlichsten Umgebungen – Stichwort Rauchen&#8230; Je nachdem, in welchem Umfeld man* sich bewegt, spielt vielleicht auch Gewalt und Militanz eine Rolle. Ich hab mein Kind schon ab und zu mal im Kinderwagen auf Ungehorsams wie Blockaden oder so mitmache, überleg ich mir dreimal mit Kind. Ist es auf der Demo mit dabei, werde ich tunlichst vermeiden, mich aufschreiben oder kesseln zu lassen. Ist es nicht dabei, bin ich vielleicht zu mehr bereit. Aber ich hab mich nicht nur einmal gefragt, was mit meinem Kind ist, wenn ich mal ins PAZ mitgenommen werden würde und am Ende vielleicht so lang sitz‘ wie Josef&#8230;</p>
<p><strong>FvB: Stimmt. Erinnert mich an die zwei von Pussy Riot, die auch Mütter* sind.</strong></p>
<p>H: Bin mir nicht sicher, ob man* die Umstände jetzt so vergleichen kann. Außerdem macht man* sich solche Gedanken vielleicht auch ohne Kind, nur denkt man* vielleicht an die Freund*in, andere Familienangehörige oder einfach nur das Studium, dass man* abschließen will, denk ich mir grad.</p>
<p><strong>FvB: Wahrscheinlich. Gibt es denn auch inhaltliche Dinge, wo du als Mutter* mit deiner politischen Einstellung oder denen in deinem Umfeld in Konflikt gekommen bist?</strong></p>
<p>H: Naja, zuerst einmal hat das Kinder-Haben in linken Umfeldern schon auch Vorteile. So komme ich vielleicht durch meinen Alltag eher drauf, auch mal die Care-Perspektive in Debatten einzubringen. Andererseits bin ich es inzwischen auch langsam leid, dass man* als Elternteil so ein bisschen den Expert*innenstatus innehat, wenn es um die Thematisierung von Kindern geht&#8230; Aber zurück zum Thema: Natürlich gibt es da viele offene Fragen, aber die meisten stelle ich mir wohl selbst. Zuerst sind Menschen mit Kindern einmal mehr mit Rollenverständnissen für sich und die Kinder konfrontiert. Schon bei der Namensgebung, um mal nur ein Beispiel zu nennen. Erfahrungsberichte über die Herausforderungen des feministischen Elternseins füllen inzwischen seitenweise Bücher und Blogs. Das lässt sich auch meistens noch zu einem gewissen Grad mit linker Politik und Subkultur in Einklang bringen. Aber ich mein&#8230; Ohne, dass mir das jeman*d mal direkt vorgeworfen hätte, aber das Kinder-Haben an sich kann ja durchaus als reaktionär betrachtet werden.</p>
<p><strong>FvB: Wie jetzt?</strong></p>
<p>H: Also, ich wurde zwar schon oft gefragt, ob mein Kind denn geplant war – ja klar (tippt sich an die Stirn) – aber ich hab‘ mich nie dafür rechtfertigen müssen, dass ich mich für ein Kind entschieden hab. Das wird dann zum Glück so akzeptiert. Aber ich selbst frage mich schon, wie ich diese Entscheidung mir und der so genannten Gesellschaft gegenüber rechtfertige – oder sagen wir: argumentiere. Die Gründe, die mir einfallen, die persönlich für ein Kind oder mehrere sprechen, sind eher egozentrisch oder nicht mit meiner politischen Einstellung zu vereinbaren. Also, zum Beispiel, dass man* einfach „eine Familie gründen“ oder „Mutter*/Vater* sein“ will oder schlichtweg gegen Abtreibung ist.</p>
<p><strong>FvB: Hm, gibt’s da nicht noch andere?</strong></p>
<p>H: Dahingegen kommt ja von kinderlosen Personen auch mal die Aussage, dass sie in diese Welt kein Kind setzen wollen. Überhaupt wird jetzt durch diese pseudofeministische Wieder-Mutter-Sein-Dürfen-Diskussion der letzten Jahre eine Gegenbewegung stark, wo kinderlose Menschen über ihre gewollte Kinderlosigkeit schreiben, was sie eben gesamtgesellschaftlich ganz gut begründen können. Das ist eine Quasi-Reaktion auf diesen ständigen Rechtfertigungszwang, dem kinderlose Menschen ab einem bestimmten Alter ausgesetzt sind. Oder eigentlich nur cis-Frauen, würd‘ ich sogar behaupten. Leider rutschen derlei Texte hin und wieder in ein Gegeneinander-Ausspielen des selbsterklärten Elternglückes – Kinderlachen und so weiter – gegen die Freiheiten und das Glück der gewollt Kinderlosen ab und bewegen sich dann eigentlich auf einer Ebene der emotionalen Standpunkte&#8230;</p>
<p><strong>FvB: Du schweifst ab.</strong></p>
<p>H: ‚Tschuldigung. Wo war ich? Achja&#8230; Auf die gesamtgesellschaftliche Perspektive bezogen wird’s noch schwieriger, das Kinder-Haben zu rechtfertigen. Zum Beispiel, wenn gesagt wird, dass Kinder kriegen nötig sei, um den Generationenvertrag aufrecht zu halten. Stimmt technisch gesehen vielleicht, aber da werden die entstehenden Menschen vorneweg als Arbeiter*innen und Verdiener*innen, also als Rädchen in der Funktionalität des bestehenden Systems interpretiert. Derlei pronatalistische Argumentationen bewegen sich außerdem eigentlich immer im Fahrwasser problematischer Diskurse. Man* denke da nur beispielsweise an rassistische „Überfremdungsängste“ vom rechten Rand. Wenn ich als junge*r, weiße*r, akademisch gebildete*r, christlich oder wenigstens agnostisch sozialisierte*r, able*r, deutsch sprechende*r, die heteronormative Bipolarität der Geschlechter nicht offensichtlich gefährdende*r, vielleicht sogar Steuern zahlende*r und nicht die Sozialsysteme „ausnutzende*r“-</p>
<p><strong>FvB: Ich hab den Faden verloren!</strong></p>
<p>H: Naja, also wenn ich als Österreicher*in – oder wie in meinem Fall noch schlimmer, als Deutsche*r! &#8211; aus der sogenannten Mehrheitsgesellschaft ein Kind zur Welt bringe, dann trage ich ja aktiv zum Erhalt des „gesunden Volkskörpers“ bei und spiel‘ den Rechten direkt in die Hände! Ich als Mutter der Nation!</p>
<p><strong>FvB: Wäh! Das klingt hart. Noch‘n Keks? Wie bist du jetzt mit dir selbst verblieben, was das Kinderkriegen anbelangt?</strong></p>
<p>H: Hm&#8230; Das ist natürlich gar nicht so einfach und wahrscheinlich ist es moralisch auch nicht ganz einwandfrei sich postnatal darüber Gedanken zu machen, ob die Entscheidung ein Kind zu kriegen persönlich und gesamtgesellschaftlich jetzt gut oder schlecht war (lacht). Nein ernsthaft, ich war vor vier, fünf Jahren noch deutlich weniger politisiert und reflektiert. &#8211; Warte mal, das klingt jetzt so, als wäre ich jetzt superreflektiert&#8230; Aber ich meine, ich hatte wohl erstens das Gefühl, das Kind „zu wollen“ und andererseits konnte ich mir damals nicht vorstellen, abzutreiben. Ob ich mit meiner jetzigen Einstellung damals anders entschieden hätte, ist irgendwie eine Frage, die ich mir selbst nicht stellen darf. Find‘ ich. Oder? Wie gesagt, das ist moralisch paradox. Außerdem ist mein Kind super und das sag ich jetzt nicht nur so. Aber würde ich heute ungeplant schwanger werden, würde ich andere Gedankengänge haben und vielleicht anders entscheiden. Aber! (hebt den Zeigefinger)</p>
<p><strong>FvB: Lass das doch mal, wir sind doch nicht in der Schule.</strong></p>
<p>H: Sorry. Ich mein: Aber ich denk mir, dass man* gerade mit Kind – man* könnt fast sagen am Kind – emanzipative Gesellschaftsveränderung betreiben kann. Hands-on sozusagen.</p>
<p><strong>FvB: Also post-/marxistisch, queerfeministisch, antirassistisch und so weiter erziehen?</strong></p>
<p>H: Ich mag das Wort Erziehung nicht so gern, aber ja, ungefähr so. Zum Beispiel,wenn ich mit meinem Kind gendersensibel spreche, ihm* nicht-normative Beziehungsformen vorlebe oder diesen sexistischen Quatsch mit dem geschlechtlich markiertem Spielzeug und rosa-blau-dichotomer Kleidung nicht mitmache. Die Möglichkeiten sind quasi unerschöpflich, was wohl daran liegt, dass in so vielen gesellschaftlichen Bereichen noch so viel besch-&#8230; Darf ich hier fluchen?</p>
<p><strong>FvB: Weiß nicht.</strong></p>
<p>H: Naja, jedenfalls, dass immer noch so Vieles falsch läuft&#8230; Das könnte man* doch als aktives Formen einer – ok, ich sag‘s jetzt einfach – besseren Gesellschaft bezeichnen, oder? Langwierig, aber nachhaltig. Und das gilt eigentlich auch nicht nur für den Umgang mit den so genannten eigenen Nachkommen.</p>
<p><strong>FvB: So wird’s ja immer gepredigt: Man* muss früh anfangen, schon bei den Kindern!</strong></p>
<p>H: Genau. Wobei, das ist natürlich nicht so einfach. Die bewegen sich ja nicht im luftleeren Raum und kriegen natürlich im Kindergarten, bei Nachbarn oder wo sie halt so sind, das ein oder andere Vorurteil mit. Aber immerhin.</p>
<p><strong>FvB: It‘s something.</strong></p>
<p>H: Indeed.</p>
<p><strong>FvB: One step at a time.</strong></p>
<p>H: Das klingt jetzt mehr nach Reform als Revolution&#8230;</p>
<p><strong>FvB: Hä?</strong></p>
<p>H: Hm&#8230;</p>
<p><strong>FvB: Na gut, um jetzt zum Abschluss noch den Zusammenhang zum Heft-Thema Macht-Körper-Sex zu schließen: Warum würdest du sagen, passt „Kinder-Haben“ da rein?</strong></p>
<p>H: Puh, die Zusammenhänge zwischen Kinder kriegen, Kinder haben und dem Umgang mit Kindern mit der Trias Macht-Körper-Sex sind so vielfältig, dass ich wahrscheinlich bis morgen drüber quatschen könnt und selbst dann noch die Hälfte vergessen hätte&#8230; Aber um mal ein paar andere Themen anzureißen, die da reinpassen und die ich jetzt noch nicht angesprochen habe: Machtverhältnisse und Machtausübung sind wahrscheinlich grundlegender Bestandteil des Konzeptes „Erziehung“. Man* könnte sich auch überlegen, inwiefern quasi-erzieherische Verhältnisse von Schüler*in-Lehrer*in bzw. Prof-Studi einen ähnlichen Charakter haben. Der Zusammenhang mit Sex ist recht offensichtlich, wenn man* jetzt an Kinder als Produkt des körperlichen-materiellen Reproduktionsaktesdenkt. Aber auch da kann man* viel tiefer graben: Wer kann, soll, darf sich sexuell reproduzieren, Kinder und Sexualität, äh&#8230;. Und Körper&#8230; Das fängt bei der Schwangerschaft an, wo der Körper zum öffentlichen Objekt und gesellschaftlichen Kampfgebiet wird: nicht rauchen, nicht trinken, anfassen lassen, belehren lassen, nicht schwer tragen und so weiter. Bis auf die Augenringe – die man* ja auch aus anderen Gründen haben kann – sieht man* dann nach der Schwangerschaft einem Körper dann wiederum nicht mehr unbedingt und sofort an, dass die Person darin Kinder hat. Die Vergeschlechtlichung der entstehenden Menschen im Uterus durch „Was wird es denn?“&#8230; Ich denk mir auch manchmal, dass wir in unseren postmarxistischen Kreisen immer wieder beschwören, wie wichtig doch der Einbezug von Reproduktion in die gesellschaftliche Analyse ist, aber die tatsächlichen Erfahrung in der Reproduktion in Bezug auf Kinder eher wenig präsent sind. Oder-</p>
<p><strong>FvB: Ok ok, das reicht dann auch. Eine letzte Frage noch: Warum sagt du eigentlich immer „das Kind“? Das klingt so neutral und unpersönlich.</strong></p>
<p>H: Weißt eh&#8230; Wenn ich „mein Sohn“ oder „meine Tochter“ sagen würde, hätte ich‘s schon vergeschlechtlicht. Aber es soll selbst entscheiden, wer und was es ist.</p>
<p><strong>FvB: Eh klar. Und wie heißt „es“?</strong></p>
<p>H: Äh&#8230; Kann ich nicht sagen, Datenschutz.</p>
<p><strong>FvB: Na dann danke für das Gespräch!</strong></p>
<p>H: Jaja, schon gut.</p>
<p style="text-align: right;">Hanna van Bommel</p>
</div>
</section>
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		<title>LGBTI(A?)Q</title>
		<link>https://gewi.bagru.at/gezeit/archiv/2015/lgbtiaq/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[gezeit]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 26 May 2015 14:02:56 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2015]]></category>
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					<description><![CDATA[Asexualität als queere Praktik „Wer krank ist, hat meist keine Lust auf Sex. Wer lustlos ist,ist womöglich krank.“ [X] Unter dem Wikipedia-Eintrag zum Thema „Asexualität“ sind folgende Links zu thematisch verwandten Artikeln aufgelistet: „Anaphrodisie, „Frigidität“, „Sexualangst“. Lediglich ganz zum Schluss&#8230; <a href="https://gewi.bagru.at/gezeit/archiv/2015/lgbtiaq/" class="more-link">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
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<div class="inner">
<h2>Asexualität als queere Praktik</h2>
<blockquote><p>„Wer krank ist, hat meist keine Lust auf Sex. Wer lustlos ist,ist womöglich krank.“ [X]</p></blockquote>
<p>Unter dem Wikipedia-Eintrag zum Thema „Asexualität“ sind folgende Links zu thematisch verwandten Artikeln aufgelistet: „Anaphrodisie, „Frigidität“, „Sexualangst“. Lediglich ganz zum Schluss findet sich ein positiv besetzter Begriff, nämlich „Sexuelle Selbstbestimmung“. [1] Die Pathologisierung von Asexualität ist offenbar nach wie vor so akzeptabel wie allgegenwärtig. Dies zeigt sich aber nicht nur in Einträgen zum Thema in Online-Enzyklopädien, sondern auch in akademischen Diskursen 2,3 und in der diesbezüglichen medialen Berichterstattung. Die Vorstellung, dass sexuelles Begehren und die sich als daraus logisch ergebend imaginierte sexuelle Aktivität ein selbstverständlicher Teil des Lebens jedes „gesunden“ erwachsenen Menschens sei, bzw. das Ergebnis einer erfolgreichen psychosexuellen Entwicklung, ist nach wie vor nicht nur weit verbreitet, sondern oftmals eine unhinterfragte und selbstverständliche Grundannahme. Wie das Fokus-Magazin 2001 schreibt: „Jedes gesunde menschliche Wesen, das jemals auf dieser Erde herumgelaufen ist, kennt diesen Drang“. 4 Sowohl in LGBTIQ*-politischen wie auch in queertheoretischen Kontexten wurde „dieser Drang“ jedoch jahrzehntelang dekonstruiert, kritisiert, analysiert, so er doch lange Zeit etwas sehr Spezifisches meinte und eine sehr enge Norm gesellschaftlich akzeptierten sexuellen Ausdruckes bezeichnete: nämlich eine monosexuelle 5 , heterosexuelle, monogame.<br />
Was aber, wenn „dieser“ Drang nicht nur eine Form annimmt, welche aus heteronormativer, monosexistischer und heterosexistischer Perspektive inakzeptabel erscheint, sondern gar nicht vorhanden ist? Asexuelle Menschen entsprechen, ebenso wie bisexuelle, homosexuelle oder pansexuelle, nicht oben genannter enger Heteronorm und sind daher mit ähnlichen Problemen konfrontiert. Die erste (und bislang ihrer Art einzige) Studie, die feindliche Einstellungen gegenüber Asexuellen erforscht, wurde 2012 von MacInnis/Hodson 6 durchgeführt. Sie verglich das Ausmaß an negativen Vorurteilen heterosexuellen, homosexuellen, bisexuellen und asexuellen Menschen gegenüber. Wenig überraschend stellte sich heraus, dass Heterosexuelle durchwegs am positivsten beurteilt werden. Etwas unerwarteter sind allerdings die weiteren Ergebnisse: Von den drei angeführten sexuellen Minderheiten werden homosexuelle Menschen am positivsten beurteilt, gefolgt von bisexuellen. Die umfassendsten Vorurteile und am meisten dehumanisierenden Vorstellungen wurden in der Studie Asexuellen gegenüber festgestellt: „[N]ot only are more negative attitudes leveled toward sexual minorities (vs. heterosexuals), but antiasexual prejudice is the most pronounced of all.“ (MacInnis/Hodson 7)</p>
<p>An dieser Stelle gilt es anzumerken, dass die Studie nicht darauf eingeht, dass Menschen natürlich mehrfach von Diskriminierungen und Vorurteilen betroffen sein können. Asexuelle, die beispielsweise homoromantisch oder biromantisch leben, können so von Vorteilen gegenüber Asexuellen als auch von Vorurteilen gegenüber Homosexuellen und/oder Bisexuellen betroffen sein. Diese Ausführungen machen deutlich, wie wichtig es ist, dass asexuelle Menschen in der LGBTIQ*-Community einen sicheren Ort finden.<br />
Gerade deshalb, weil sie mit Pathologisierung, Stigmatisierung und Ausgrenzung konfrontiert sind, sind sie auch (selbst dann, wenn sie heteroromantisch leben) als queere Menschen zu verstehen. Den oft schmerzhaften Prozess des Coming Outs, mit den dazugehörigen potentiell traumatischen Erfahrungen des Andersseins, der Ausgrenzung, der Versuche dazuzugehören und möglichen Diskriminierungs-/Mobbingerfahrungen auf Basis dieser Andersheit teilen asexuelle Menschen mit anderen LGBTIQ*s. Asexualität ist also ein queerer sexueller Ausdruck.</p>
<p>In einem Aspekt unterscheidet sich die Formierung einer asexuellen Identität allerdings nach wie vor von Homo/Bisexualität. Nämlich darin, dass die Kategorie, bedingt durch ein Unwissen darüber, dass Asexualität eine sexuelle Orientierung und nicht eine Dysfunktion darstellt, bis heute oft gar nicht zur (positiven) Selbstidentifikation zur Verfügung steht. Dies macht es schwierig, (A)Sexualität zu „begreifen“ (in eine begriffliche Kategorie zur Selbstidentifikation einzuordnen) und diese nach außen zu kommunizieren, da sich asexuelle Menschen nach wie vor am Rande dessen, was Butler als „Intelligibiltät“ bezeichnet, befinden. 7 Auch gibt es für asexuelle Menschen keine positiven medialen Repräsentationen, die Identifikationsmöglichkeiten und ein in der Mehrheitsgesellschaft bekanntes und akzeptiertes Coming Out-Narrativ zur Verfügung stellen. Das Nichtvorhandensein begrifflicher Kategorisierung gilt zudem auch für das Phänomen der Asexuellenfeindlichkeit. Während wir diskriminierendes Verhalten oder negative Vorurteile gegenüber Homosexuellen, Bisexuellen oder Transgender-Personen als Homophobie, Biphobie und Transphobie bezeichnen können, existiert bis heute kein Begriff, der negative Vorurteile und diskriminierendes Verhalten gegenüber Asexuellen beschreibt.<br />
Doch es gibt auch Fortschritte.</p>
<p>In jüngster Zeit schlägt sich in der medialen Berichterstattung eine Anerkennung von Asexualität als sexueller Orientierung (im Gegensatz dem bisher üblichen Verständnis als pathologischem Zustand oder Dysfunktion) nieder (vgl. u.a. Hurst: 2012, Hilbk: 2009, Groessing 2014), während und weil asexuelle Menschen auch zunehmend als politische Gruppe auftreten und einen Platz in der LGBTIQ*-Bewegung für sich reklamieren (siehe: MacInnis/Hodson 2). Neben ihrer Geschichte der Pathologisierung und Stigmatisierung ist im Moment also in Reaktion darauf auch die Formation einer asexuellen Bewegung, sowie ein neues Selbstverständnis asexueller Menschen als (politisierte) sexuelle Minderheit (und damit als Teil der LGBTIQ*-Bewegung) zu beobachten 8 . Foucault (1977) 9 und Halperin (2000) 10 beschreiben im Zusammenhang mit der Entwicklung der Kategorie der (männlichen) Homosexualität im 19.Jahrhundert, wie vormals in unterschiedlichen Konzepten gefasste „deviante“ Praktiken und Identifikationen in einer begrifflichen Kategorie zusammenfallen. Foucault legt besonderes Augenmerk darauf, wie durch pathologisierende Diskurse ein homosexuelles Subjekt entsteht, wo davor lediglich von Normen „abweichendes“ oder gegen Gesetze verstoßendes Verhalten war. Mit Foucault gedacht, formiert sich, durch das begriffliche Verständnis von Asexualität als sexueller Identität, im Moment ein asexuelles Subjekt. Dieses neue Verständnis ermöglicht asexuellen Menschen Selbstidentifikation und die Kommunikation dieser Identifikation nach außen, sodass ein Coming Out tatsächlich erst möglich wird. Sowohl die Kategorisierung „homosexuell“ als auch „asexuell“ waren zu Beginn welche, die pathologisierender Absicht von außen vorgenommen wurden und später wichtige politische und identifikatorische Selbstbezeichnungen für die damit kategorisch gefassten Menschen wurden.</p>
<p>Auf der Homepage des „Asexual Visibility and Education Network“ wird Asexualität nicht nur definiert, es wird auch eine weitere Auflistung ihrer verschiedenen Erscheinungsformen geboten. Asexualität ist hier als Überbegriff zu verstehen, der in sich verschiedene Ausdifferenzierungen vereint. 11 Nachdem Asexulität und Sexualität keine zwei klar differenzierbare Kategorien sind, sondern ein Spektrum darstellen, gibt es auch Identitäts-kategorien „gray-asexuality“ oder „graysexuality“, welche eine Identifikation zwischen Sexualität und Asexualität bezeichnen, beispielsweise, weil jemand nur selten oder in geringem Ausmaß oder nur unter bestimmten Bedingungen sexuelles Begehren empfindet. Als Sonderform von gray-sexuality kann Demisexualität betrachtet werden, welche eine sexuelle Orientierung bezeichnet, bei der nur nach der Bildung einer starken emotionalen (allerdings nicht notwendigerweise romantischen) Bindung sexuelles Begehren empfunden wird. Zudem unterscheiden asexuelle Menschen in der Beschreibung ihrer eigenen Sexualität oft zwischen ästhetischer Anziehung (aussehensbezogene Anziehung, welche nicht sexueller oder romantischer Natur sein muss), romantischer Anziehung (welche nicht notwendigerweise auch sexueller Natur sein muss), sensueller Anziehung (das Bedürfnis nach nicht-sexuellem physischen Kontakt) und sexueller Anziehung (welche das Bedürfnis nach sexueller Interaktion bezeichnet). 12</p>
<p>Diese neue begriffliche Differenzierung und Diversifizierung ermöglicht nicht nur asexuellen Menschen, sondern letztlich auch allen anderen, ein differenziertes Verständnis und eine nuanciertere Artikulation der eigenen Sexualität. Als sexuelle Minderheit, welche bislang vor allem pathologisierenden Diskursen über sich ausgesetzt war und damit zumeist aus einer Außenperspektive diskutiert wurde, waren asexuelle Menschen lange mit einer begrifflichen Leere in Bezug auf eine angemessene Artikulation des eigenen (a)sexuellen und (a)romantischen In-der-Welt-Seins konfrontiert. Dies erforderte das Etablieren eines eigenen Vokabulars mit welchem eine solche Artikulation erst möglich wird. Die asexuelle Community hat so auch für andere Gruppen zu einem wesentlich umfassenderen und differenzierteren Verständnis von Sexualität und sexuellem Begehren beigetragen. Und dennoch, auch in LGBTIQ*-Kontexten finden Menschen, die sich als asexuell begreifen, bis heute kaum einen Platz, sind Missverständnis und Vorurteil ausgesetzt. Ablinger (2011) verweist darauf; dass zwar die „[&#8230;]Kreativität und Unbegrenztheit[&#8230;]“ veschiedener Arten zu leben, zu lieben und zueinander in Beziehung zu treten in queeren Communities „gefeiert“ würde, gleichzeitig „werden genau die gleichen Qualitäten in der größeren Gesellschaft als Motive genutzt, asexuelle oder platonische Beziehungen zu entwerten. Leider kommt diese Entwertung auch in der queeren Community vor.“ (Ablinger 2011) 13 Ein anderer Weg wäre, die Vielfalt in der Menschen zueinander in Beziehung treten als Bereicherung zu sehen und den Austausch mit jenen, welche dies anders tun als man selbst, den Kontakt mit anderen erotisch-romantischen Erfahrungswelten, als eine Chance zur Horizonterweiterung und zu einem nuancierteren Verständnis des eigenen erotischen und romantischen In-der-Welt-Seins zu sehen. Schließlich liegt den meisten LGBTIQ(A?)*-politischen Bewegungen und queertheoretischen Überlegungen die Utopie einer Welt zugrunde, in der Menschen dieses ihr In-der-Welt-Sein auch ohne Scham, Angst und Urteil von außen leben und zum Ausdruck bringen können, egal ob in Bezug auf Geschlecht oder Anzahl der gewählten sexuellen oder romantischen Partner_innen, ob in Bezug auf präferierte Sexualpraktiken oder in Bezug auf Ausmaß und Art des empfundenen Begehrens oder gelebter Beziehungsrealitäten; eine Welt, in welcher diese verschiedenen Formen des (a)sexuellen Ausdruckes nicht zueinander in Hierarchie gebracht oder in „gesund“/“krank“, „natürlich“/“unnatürlich“ und letztlich in „gut“/“schlecht“ eingeordnet werden; „sexuelle Selbstbestimmung“ eben. Und bis dahin, sollten vor allem LGBTIQ*- Kontexte solche sicheren Räume sein, auch für asexuelle Menschen: LGBTIAQ*. Es gibt noch viel zu tun.</p>
<p style="text-align: right;">Beatrice Frasl</p>
<h3>Fußnoten:</h3>
<p>X: Bengsch, Danielle. 2011. „Regelmäßiger Sex mit dem richtigen Partner ist gesund“ In: DIE WELT. 06.05.2011. &lt;http://www.welt.de/gesundheit/article13354851/Regelmaessiger-Sex-mit-dem-richtigen-Partner-ist-gesund.html&gt; [Zugriff: 20.11.2014]<br />
1: Wikipedia. 2014. „Asexualität“. 20.10.2014. &lt;http://de.wikipedia.org/wiki/asexualit%c3%a4t&gt; [Zugriff: 20.11.2014]<br />
2: Das DSM-IV der American Psychiatric Association listet beispielsweise noch 2000 „hyposexual desire disorder“ als Krankheit: American Psychiatric Association. 2000. Diagnostic and statistical manual of mental disorders. DSM-IV-TR. 4th Edition, Text Revision. American Psychiatric Association, Washington DC[3]. Wikipedia. 2014. „Asexualität“. 20.10.2014. &lt;http://de.wikipedia.org/wiki/asexualit%c3%a4t&gt; [Zugriff: 20.11.2014]<br />
3: Im DSM – V wurde die Diagnosekriterien verändert und geschlechtsspezifisch differenziert (siehe: American Psychiatric Association. 2013. Diagnostic and statistical manual of mental disorders. DSM-V. American Psychiatric Association, Washington DC.)<br />
4: Fisher, zitiert in: Miketta, Gaby. 2001. „Sexforschung: Wie viel Sex braucht der Mensch?“ in: FOCUS Magazin. 12.03.2001. &lt;http://www.focus.de/wissen/natur/sexforschung-wieviel-sex-braucht-der-mensch_AID_187457.html&gt; [Zugriff: 20.11.2014]<br />
5: „Monosexualität“ ist ein Sammelbegriff für sexuelle Orientierungen (in der Regel Heterosexualität und Homosexualität), welche die sexuelle/romantische Anziehung gegenüber einem Geschlecht beinhalten (im Gegensatz zu Multisexualitäten, wie Pansexualität oder Bisexualität)</p>
</div>
</section>
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			</item>
		<item>
		<title>Bi- und Pansexualität</title>
		<link>https://gewi.bagru.at/gezeit/archiv/2015/bi-und-pansexualitaet/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[gezeit]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 26 May 2015 14:02:07 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2015]]></category>
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					<description><![CDATA[Zwischen Unsichtbarkeit, Fehldarstellung und Akzeptanz „Wer nicht bisexuell ist, verpasst doch das Beste“ soll die Schauspielerin Inge Meysel (†) 2001 in einem Interview mit der Illustrierten „Bunte“ gesagt haben. Meysel gehörte zu einer Gruppe weiblicher* Film-Stars, die offen zu ihrer&#8230; <a href="https://gewi.bagru.at/gezeit/archiv/2015/bi-und-pansexualitaet/" class="more-link">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
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<div class="inner">
<h2>Zwischen Unsichtbarkeit, Fehldarstellung und Akzeptanz</h2>
<p>„Wer nicht bisexuell ist, verpasst doch das Beste“ soll die Schauspielerin Inge Meysel (†) 2001 in einem Interview mit der Illustrierten „Bunte“ gesagt haben. Meysel gehörte zu einer Gruppe weiblicher* Film-Stars, die offen zu ihrer Bisexualität stehen, und damit zu einer breiteren Sichtbarkeit der ‚Kategorie Bi‘ beitragen. In Serien und anderen Medien hat die Anzahl bisexueller Charaktere zugenommen. In Anbetracht dessen, dass Bi*sexualität innerhalb und außerhalb queerer Communities als „unsichtbar“ galt und gilt, finde ich es angebracht der erhöhten Sichtbarkeit von Bi* in Mainstream-Medien [1] besondere Beachtung zu schenken. Führt Sichtbarkeit zu einem besseren Verständnis dafür, was Bi*sexualität ist und wie diese Form des Begehrens von Menschen erlebt wird? Oder verstärken neue Repräsentationen von Bi* bestehende Stereotype? Auch Meysels positiver Zugang zur (in diesem Fall eigenen) Bisexualität klingt zwar erfreulich, verschleiert aber Probleme, mit denen viele, sich als bi- oder pansexuell identifizierende Menschen konfrontiert sind.</p>
<h3>UNSICHTBARKEIT</h3>
<p>Warum gilt Bi* überhaupt als „unsichtbar“? Eine Besonderheit die Bi*sexualität von Homosexualität unterscheidet, liegt darin, dass sie sich schwer offensichtlich machen lässt. Menschen werden, sofern sie in einer monogamen Paarbeziehung leben, entweder als hetero- oder homosexuell wahrgenommen und anderen Seite ihres Begehrens geraten in Vergessenheit. Dieses ‚Übersehen‘ von Bi*sexualität fusst in einem Denken von Sexualität in zwei Kategorien oder der Negation der Existenz von Bi/Pan/Omni-Sexualität. Zum einen hält sich hartnäckig die Sichtweise, dass ‚eigentlich‘ heterosexuelle Personen in verschiedenen Lebensphasen ‚experimentieren‘ und letztlich zu einem heterosexuellen Lebensplan zurückfinden. Auf der anderen Seite wird auch in schwul-lesbischen Kreisen zum Teil davon ausgegangen, dass es sich bei Bi*sexualität nicht um eine eigenständige Form der sexuellen Orientierung handelt, sondern um ein Übergangsstadium von Hetero- zu Homosexualität. Auch die Vorstellung, Bi*sexualität sei eine frei wählbare Art zu leben und nicht wie andere Sexualitäten „angeboren“, hält sich (noch).</p>
<h2>Bi &#8211; eine Begriffsfrage</h2>
<p>Es gibt keinen „richtigen“ Begriff, um Menschen deren Begehren sich auf zwei oder mehrere Geschlechter richtet, zu bennenen. „Bisexualität“ ist wahrscheinlich die im deutschsprachigen Raum geläufigste Bezeichnung für diese Begehrensform. Eine mögliche Definition von Bi*(Bi = zwei, beides) lautet: Begehren des eigenen UND anderer Geschlechter. Ein anderer Erklärungsansatz sieht die Gleichzeitigkeit von Homo- und Heterosexualität.</p>
<p>So verstanden ist der Begriff spannend: Er reproduziert einerseits die Annahme einer Binarität von sexuellem Begehren (homo oder hetero) und löst sie gleichzeitg auf indem er eine weitere Art des Begehrens hinzufügt. Das Bi von Bisexualität bezieht sich nicht auf Zweigeschlechtlichkeit, trotzdem wird pansexuell (vom griechischen pan = alle) gegenwärtig oft als ein umfassenderer Begriff verstanden, welcher expliziter auch gender-queere Geschlechtsidentitäten und Trans*-Personen inkludiert.</p>
<p>Befürworter_innen des Bi-Begriffs entgegnen jedoch, dass Pan eine sinnlose begriffliche Ergänzung sei. Außerdem würde „Bi“ an die Geschichte eines Kampfes um Anerkennung von bisexuellen Menschen als sexuelle Minderheit und Teil der LGB (später: -TIQA_) Community erinnern. Viele Menschen lehnen somit die als identitär interpretierten Kategorie Bi/Pan oder kurzum jegliches Label ab und umschreiben ihre sexuelle Orientierung mit queer und ‚Ich liebe Menschen und nicht Geschlechter‘; oder ähnlichen Aussagen. Es lässt sich darüber streiten, welche Haltung zielführender ist, wenn es um die Sichtbarkeit von nicht heteronormen Lebensweisen geht.</p>
<p>Im Folgenden verwende ich die Abkürzung Bi*, weil mir ‚Bi‘ als häufigste Selbstbezeichnung untergekommen ist, das * steht stellvertretend für die anderen beschriebenen Bezeichnungen.</p>
<h3>STEREOTYPEN UND AUSSCHLÜSSE</h3>
<p>Der Identifikation mit einer bestimmten Begehrensform geht für viele Menschen eine teilweise schmerzhafte Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Sexualität voraus. Wird diese nicht anerkannt oder falsch gelesen, kann dass verletzten und Selbstzweifel auslösen.</p>
<p>In solchen Momenten wäre die Unterstützung aus LGBTIQA_Kreisen wichtig, aber leider wird bi*sexuellen Menschen auch und gerade innerhalb ‚queerer‘ Communities mit Vorurteilen begegnet. Dazu gehört unter anderem die Wahrnehmung von bi*/pan als ‚angenehmste Form‘ von Nicht-Heterosexualität. Viele Menschen glauben, dass Bi*sexuelle (theoretisch) die Möglichkeit hätten, die Privilegien eines heteronormativ angepassten Lebens zu genießen. Dabei wird oft übersehen, dass sich beispielsweise auch gender-queer identifizierende Menschen als bi* bezeichnen. Außerdem ändert sich die Sexualität einer Person nicht, mit welchem Menschen eine_r gerade in einer romantischen Beziehung lebt. Gerade wenn eine Beziehung nach außen hin als heterosexuell wahrgenommen wird, ist es für viele Bi*-Personen schwierig und gleichzeitig wichtig, ihrer/m Partner_in, oder ihren Partner_innen, Freunde_innen und der Familie gegenüber klar zu machen, dass die Bezeichnung ‚heterosexuell‘ auf sie nicht zutrifft und sie in ihrer eigenen Identität akzeptiert werden wollen. Sie treffen meist auf Unverständnis und Ausschlüsse von verschiedenen Seiten:<br />
Queere Räume verschließen sich, weil Partner_innen nicht eingebunden werden können und es unmöglich wird, aus einer ‚gleichermaßen beteiligten‘ Perspektive zu sprechen. Hetererosexuelle Räume bleiben verschlossen, da auch Bi*sexualität in der breiten Mehrheitsgesellschaft nicht allgemein akzeptiert ist und ihr mit Ausgrenzung und Ablehung begegnet wird.</p>
<h3>SICHTBARKEIT IN MEDIEN</h3>
<p>Sichtbarkeit dessen, was Bi*sexualität ist, sollte idealerweise zu einem besseren Verständnis der Probleme von bi*sexuellen Menschen führen, und ermöglichen, den beschriebenen Ausgrenzungen entgegen zu wirken. Betrachtet eine_r allerdings gängige Repräsentationen von Bi* in Medien, so wird in diesen selten bis nie auf die Probleme von Bi* identifizierenden Personen innerhalb von Beziehungen, Communities oder mit Diskriminierungen eingegangen. Auch entspricht die Zunahme eines bestimmten Typus von Bi*-Charakteren nicht der Verschiedenartigkeit von Lebensrealitäten von bi*sexuellen Menschen.</p>
<p>Werden in populären Medien wie Fernsehserien Menschen gezeigt, die sich von mehr als einem Geschlecht angezogen fühlen, sind es in vielen Fällen junge, normativ attraktive Cis-Frauen. Der Rückgriff auf weibliche bisexuelle Charaktere ist kein Zufall. Ihm liegt die Annahme zu Grunde, Repräsentationen von weiblicher gleichgeschlechtlicher Sexualität würden von heterosexuellen Männern nicht als bedrohlich wahrgenommen werden, da sie deren eigene Sexualität nicht in Frage stellen. Solche Annahmen können die männliche Heterosexualität sogar noch ‚bestärken‘, wenn betreffende Frauen sich zu einem späteren Zeitpunkt „doch wieder“ für einen Mann entscheiden.</p>
<p>Malinda Lo, Autorin queerer Jugendromane, beschreibt wie Bisexualität als eine „watered-down version of gay“ behandelt wird, und dieser Zugang zu einer Überrepräsentation stereotyper Darstellungen von weiblicher Bi*sexualität führt: „This perception enables mainstream cultural creators to think: Oh, I should have some LGBT representation, let’s stick in a bisexual girl (&#8230;). Then that bisexual female character can have a fling with another girl to attract attention/check the “diversity” box, but meanwhile she can mostly be involved in a relationship with a man, so she largely appears straight.“ [2]<br />
Derartige Darstellungen führen, laut Lo, zur Auslöschung der Vorstellung von Bi*sexualität. Im deutschssprachigen Fernsehen, wo besonders viele ‚lesbische Pärchen‘ als Kombination eines lesbischen und eines bi/pansexuellen Charakters dargestellt werden, dient die Charakterauswahl zusätzlich dazu, weibliche Homosexualität zu relativieren: Mindestens ein Charakter ist dann ‚nur‘ bi. [3]</p>
<p>Im Gegensatz dazu werden Darstellungen männlicher Bi*sexualität oft gänzlich vermieden. Sie stellen Heteronomativität anders in Frage als zum Beispiel männliche Homosexualität, denn sie zeigen, wie Sexualität fluide sein kann. Sogar die TV-Serie ‚Queer as Folk‘, die das Leben von mehrheitlich schwulen Freunden beschreibt, kommt ohne einen einzigen männlichen bi- oder pansexuellen Charakter aus.</p>
<p>Darstellungen von Bi*sexualität kommen oft ohne eine Benennung derselbigen aus. In „How to get away with murder“ schreibt ein Mann, der sich seiner derzeitigen Freundin gegenüber für eine frühere Beziehung mit einem Mann verteidigt, diese als „hormonelle Verwirrung“ ab und die Mögliche einer (Selbst-)Definition als bi* wird vermieden. Auch Serien, die für ihre LGBTI_ Charaktere bekannt sind bilden hier keine Ausnahme. In ‚Orange is the New Black‘ beispielsweise wird eine der Hauptfiguren in Beziehungen mit jeweils einem Mann und einer Frau gezeigt, und als ‚exlesbisch‘ oder ‚wieder‘ lesbisch bezeichnet. Erst in der zweiten Staffel wird die Frage aufgeworfen, ob sie eventuell ‚bi‘ sein könnte; die Frage bleibt unbeantwortet. In ‚The L-Word‘ hat ein Trans*mann zunächst mehrere Beziehungen mit Frauen und später mit einem Mann. Sein Begehren wird als Wandel von lesbisch (der Charakter outet sich im Laufe der Serie als Trans*) zu heterosexuell, zu schwul, beschrieben. Um es zusammenzufassen: Die Zunahme der Darstellungen von Bisexualität führt nicht im eigentlichen Sinne zu einer besseren Sichtbarkeit von Bisexualität. Weder wird mit den Stereotypen von Bi* als einer vorübergehenden Phase im Leben eines Menschen aufgeräumt, noch werden die Charaktere und ihre Beziehungen realistisch gezeichnet. Zudem herrscht eine starke Diskrepanz in der Repräsentation unterschiedlicher Geschlechtsidentitäten.</p>
<h3>SELBST SICHTBAR MACHEN</h3>
<p>Es braucht also neue und andere Bilder, Worte und Geschichten, um die Lebensrealitäten von bi*sexuellen Personen zu beschreiben und ihnen in der Auseinandersezung mit ihrer Sexualität zu helfen. Geschichten über Bisexualität sollten vorallem von denjenigen Menschen erzählt werden, die mit dieser Begehrensform verbundene Probleme, aber auch die schönen Seiten des Erlebens von Bi*sexualität aus eigener Erfahrung kennen. Der Kampf um Sichtbarkeit ist weder in der ‚Gesamtgesellschaft‘ noch in queeren Communities abgeschlossen.</p>
<p style="text-align: right;">Jasmin</p>
<h3>Fußnoten:</h3>
<p>1: Ich beziehe mich im folgenden hauptsächlich auf TV Serien aus dem deutschsprachigen Raum oder den U.S.A.<br />
2: http://diversityinya.tumblr.com/post/48782460776/beyond-diversity-101-on-bisexual-characters-and<br />
3: http://www.coffee2watch.at/homosexualitat-fernsehen-vs-realitat</p>
<h3>Weitere Quellen:</h3>
<ul>
<li>http://www.uic.edu/depts/quic/bisandallies/myths.html</li>
<li>http://www.theatlantic.com/entertainment/archive/2013/10/bisexuality-on-tv-its-getting-better/280850/</li>
<li>http://www.huffingtonpost.com/emily-dievendorf/bisexual-invisibility-has_b_1370079.html</li>
<li>Gender and Sexual Identity Transcending Feminist and Queer Theory (2014) Julie L. Nagoshi · Craig T. Nagoshi Stephan/ie Brzuzy (Hg)</li>
<li>Bisexual Invisibilty: http://sf-hrc.org/sites/sf-hrc.org/files/migrated/FileCenter/Documents/HRC_Publications/Articles/Bisexual_Invisiblity_Impacts_and_Recommendations_March_2011.pdf</li>
</ul>
</div>
</section>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Let‘s talk about&#8230; porn!</title>
		<link>https://gewi.bagru.at/gezeit/archiv/2015/lets-talk-about-porn/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[gezeit]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 26 May 2015 14:01:12 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2015]]></category>
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					<description><![CDATA[Abseits des Mainstreams Gibt‘s eigentlich auch etwas abseits von Mainstream Porn, und wenn ja, auch Leute, die sich sowas angucken, und wenn ja, sind da auch Akademiker*innen dabei, und wenn ja, auch solche, die darüber reden würden? Offiziell tut‘s niemensch,&#8230; <a href="https://gewi.bagru.at/gezeit/archiv/2015/lets-talk-about-porn/" class="more-link">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<h2>Abseits des Mainstreams</h2>
<p>Gibt‘s eigentlich auch etwas abseits von Mainstream Porn, und wenn ja, auch Leute, die sich sowas angucken, und wenn ja, sind da auch Akademiker*innen dabei, und wenn ja, auch solche, die darüber reden würden?</p>
<p>Offiziell tut‘s niemensch, besonders nicht die Bildungsschicht, also die Leute auf der Uni, und dementsprechend redet auch keine*r von ihnen darüber: denn Pornos gucken ist ja wohl etwas Unanständiges, Niveauloses und Schmutziges, pfui, weg damit, etwas für hormongesteuerte Pubertierende vielleicht, und für pervertierte einsame und traurige Gestalten, die es sowieso zu nichts gebracht haben und ebenso triebgelenkt sind – jedenfalls etwas, das weit abseits des akademisch-intellektuellen Raumes und der gebildeten Köpfe liegt und liegen soll, deren Herz, äh, Hirn, nur für die streng wissenschaftlich verifizierbare Erkenntnis schlägt und deren einzige Ergüsse von purer, geistiger, und durchweg rationaler Natur zu sein scheinen. Geforscht wird zu kulturellen Phänomenen des „Unreinen“ wie Pornographie demnach auch entsprechend wenig[<a href="#note_1" name="link_1">1</a>] : versuch mal, deinen Profs beizubringen, dass du deine Masterarbeit gern zum Thema Sexfilme schreiben würdest. Ohne dabei rot anzulaufen.</p>
<p>Wenn sich das Thema im Uni-Kontext dann doch aufdrängt, dann nicht selten nur so flüchtig, dass viele dies meist lediglich mit dieser einen, scheinbar einzigen Art von Porno-Filmen assoziieren, die irgendwie dann doch alle kennen: also diese bestenfalls nur langweiligen und schlimmstenfalls für einige sogar triggernden Darstellungen von sexuellen Handlungen, die auf sexistische Rollenverteilungen der stets eindeutig binär-geschlechtlich kodierten Protagonist*innen basieren, und, welch Überraschung, natürlich hauptsächlich heterosexuelle Vorstellungen abbilden – genauer gesagt, hetero-männliche* Fantasien bedienen.<br />
Klar, wer sowas bei dem Thema im Kopf hat, weil si*er nur diese Art von Sexfilmen kennt, der oder dem kann schon mal richtig die Lust an der ganzen Sache mit der Pornographie vergehen.</p>
<p>Nachdem ich mich aber weder mit dieser mehr lustraubenden als -bringenden Art von Pornos zufrieden geben will, noch glaub, dass ich damit der Einzige bin (und den Studis &#8211; von denen ich ja selbst einer bin &#8211; sowieso nicht glaub, dass sie alle “anständig” [<a href="#note_2" name="link_2">2</a>] sind), hab ich also mal nachgefragt in meinem unmittelbaren akademischen Umfeld: und siehe da, (uni-)mensch hat durchaus auch andere Ansprüche als auch einige Erfahrungen, auch mit alternativen Arten von beschriebenem, fotografiertem, gefilmtem, animiertem oder anderweitig illustriertem Sex, die tatsächlich etwas Anderes sein können als eine eins zu eins Reproduktion heteronormativer patriarchaler Verhältnisse. Es gibt sie also tatsächlich: die Nachfrage nach sex-positiven, feministischen, (gender-)queeren Inhalten, und durch Mainstream Porn genervte und sich Alternativen aneignende Studierende, die auch noch bereit sind, sich geistig dazu herabzulassen, über etwas Körperliches zu reden. Ein bisschen was von meinen und deren Eindrücken, Ansichten und Einstellungen zu Porno als Unterhaltungsgut und Gesprächsthema hab ich in folgenden Text einfließen lassen.<br />
Ist übrigens alles durchaus safe for work.. ähm.. Uni.</p>
<h3>TYPISCH AKADEMISCHER SICHERHEITSABSTAND?</h3>
<p>Als ich letztens mit ein paar Freund*innen aus einer Ausstellung zu Pornographie mit LGBT*-Schwerpunkt kam, war mir schon ziemlich danach. Also nein, nicht das. Auch nicht danach, sofort Pornos zu gucken &#8211; sondern einfach über das gerade Gesehene zu reden, so wie bei jeder anderen Ausstellung auch. Denn das taten wir zwar, jedoch stets aus einer depersonalisierten theoretischen Distanz zu dem Thema, wie wir es vom Studium gewohnt sind. Wir unterhielten uns also über die feministischen Diskurse die wir dazu kennen, bemängelten, dass einigen politischen Standpunkten daraus mehr Raum und Gewicht gegeben wurde, andere hingegen kaum vertreten waren, und ließen uns kurz darüber aus, dass Trans*-Porno wiedermal unter das Genre „Frauen*“-Porno als Gegenpol zu (male) Gay Porn subsumiert wurde, wobei da auch schwule Trans*Männer “mitgemeint” [<a href="#note_3" name="link_3">3</a>] waren, usw. Es kam bei diesen Gesprächen jedoch keine einzige Referenz auf persönliche Erfahrungen mit dem, womit wir uns die vergangenen zweieinhalb Stunden beschäftigt hatten. Bei Ausstellungen über Fotographie, Film, Musik, Technik etc. wäre das anders gewesen. Da wäre die Hemmschwelle niedriger, sich etwa darüber auszutauschen, was von dem soeben Erlebten dem eigenen Geschmack am ehesten entsprach.</p>
<p>Komisch eigentlich. Denn in meinem Umfeld wird an sich gern und viel über so ziemlich alles geredet. Auch über Sex, das ist also nicht das Problem. Es ist sicher nicht seltsam, wenn etwa eine Erzählung, geteilt in einem Vier-Augen-Gespräch oder auch in einer Runde von mehreren Leuten, eine Anspielung auf sexuelle Handlungen enthält, auch wenn die erzählende Person selbst darin involviert ist. Dasselbe gilt jedoch nicht, wenn es um den Konsum von Darstellungen solcher Handlungen geht. Erst recht nicht, wenn die erzählende Person in den Konsum involviert ist – geschweige denn in die Darstellung. Aber woher kommt dieses spezifische Unbehagen?</p>
<h3>SEX IM SINGULAR ALS TABU</h3>
<p>Eine naheliegende Erklärung ist einerseits die, dass Selbstbefriedigung – also jene spezifische sexuelle Handlung, von der angenommen wird, dass sie jeglichem Pornokonsum zugrunde liegt – tabuisierter ist als Sex mit anderen Personen. Gespräche über Masturbation werden dann doch eher einem pubertierenden Umfeld zugeordnet – und selbst da wird die große Lust, darüber zu reden, begleitet von einer großen Hemmung, weshalb das Ganze zur Sicherheit in vulgäre Scherze verpackt wird, damit‘s bloß niemensch ernst nimmt (so zumindest eine Möglichkeit der Interpretation dieses Verhaltens) .</p>
<p>Ein Austausch darüber ohne infantile Unbeholfenheit bzw. ohne theoretische Analysen auf der Metaebene, die weit genug von der eigentlichen Sache entfernt ist, ist hingegen eher Seltenheit. Zum Vergleich von Sex vs. Masturbation als Gesprächsthema: keine*r hätte ein Problem, sich bei den Freund*innen frustriert über das fehlende (Plural-)Sex-Leben auszulassen, etwa a lá: „Boah, es ist einfach schon zu lang her, dass ich Sex hatte, das kann doch so nicht weitergehen..“. Aber wer würde schon etwas sagen wie: „Boah, es ist einfach schon zu lang her, dass ich &#8230; [<a href="#note_4" name="link_4">4</a>] “. You get the idea.</p>
<p>Andererseits scheint dem Begriff „Porno“ an sich noch immer etwas sehr Spezifisches anzuhaften – etwas, mit dem mensch offenbar nicht so ganz assoziiert werden will. Besonders nicht als (angehende) Bildungselite.</p>
<h3>PORN = MAINSTREAM PORN?</h3>
<p>Ich hab also mal einige Freund*innen gefragt, was ihnen denn als erstes bei dem Wort „Porn“ in den Sinn kommt. Die Antworten wiesen eine Korrelation zum eigenen Porno-Konsumverhalten auf: diejenigen, die sich eher regelmäßig Pornos reinziehen, assoziierten, wenig überraschend, auch eher jene Inhalte damit. Diejenigen jedoch, die sich eher wenig bis nichts angucken, hatten eher „klassische“ Vorstellungen, also sowohl Begriffe wie „Selbstbefriedigung“, als auch bekannte Schema-F Mainstream Darstellungen. Letztere scheinen also nach wie vor eine (normative) default-Funktion aufzuweisen, sprich, wenn sonst eher wenig bekannt, dann wird Porno gleichgesetzt mit dieser Ausprägung davon. Wenn dieselben befragten Freund*innen wiederum Mainstream Porn mit einem Wort beschreiben müssten, so fallen die Antworten [<a href="#note_5" name="link_5">5</a>] jedoch relativ einheitlich – und nicht gerade zugunsten dieser default-Kategorie – aus: von “übergriffig”, “gewaltvoll” und “probematisch”, über „ekelhaft“ und “unbrauchbar” bis “laaangweilig” &#8211; kurz: schlecht [<a href="#note_6" name="link_6">6</a>] . Übrigens war die erste Begegnung der meisten durch mich Befragten in deren Kindes- oder frühem Jugendalter, natürlich ebenfalls mit gewohntem Content; genannt wurden etwa als misogyn beschriebene Rough Porn Videos, die ihnen Gleichaltrige „zum Spaß“ zeigten (wobei solche Erfahrungen teilweise als leicht verstörend beschrieben wurden), oder etwa diverse sexualisierende Abbildungen von Frauen* in der Kronenzeitung oder auf Werbeplakaten.</p>
<h3>ALTERNATIVE PORN UND ACCESSIBILITY</h3>
<p>Aber was sind die Alternativen, und (wie) kommt mensch mit Studi-Budget überhaupt dazu? Denn obwohl die Internet-Regel „If you can name it, then there‘s porn for it“ gilt, so gilt leider noch immer nicht „If you can name it, then there‘s porn for it that is as cheap and as easily accessible as mainstream porn.“ Dabei scheinen die Ansprüche meiner Freund*innen an Sexfilme, die ihnen zusagen, gar nicht so hoch oder ungewöhnlich, [<a href="#note_7" name="link_7">7</a>] als dass sie an sich nicht leicht realisierbar wären.</p>
<h3>KONSENS ALS WICHTIGSTE VORAUSSETZUNG</h3>
<p>Auch, wenn die bevorzugten Inhalte als Lustquellen eine große Diversität aufweisen – vom Fokus auf phallische Penetration bis hin zur völligen Ablehnung dieser – so ist doch allen befragten Leuten dieselbe Eigenschaft grundlegend wichtig: Es muss klar sein, dass die abgebildeten oder gefilmten Personen auch wirklich wollen, was sie tun. Ein Freund etwa hat ein großes Problem mit dem voyeuristischen Aspekt (der ja gerade der Kick für viele andere ist), da er sich nie sicher sein kann, ob die Protagonist*innen auch wirklich damit einverstanden sind, dass Fotos oder Videos von ihnen auf diese Art im Internet kursieren – was in der Tat schwer verifizierbar ist. Deshalb ist ihm bei gezeichneten Darstellungen um Einiges wohler; aber diese sind wiederum aufwendiger herzustellen, was sich in deren limitierter Verfügbarkeit und/oder Qualität ausdrückt. Für fast alle ist außerdem unglaubhaft vermittelte Lust ein Lustkiller. Ebenso wie schlechte Stories übrigens – da ist ihnen lieber, der Plot bleibt gleich völlig aus.</p>
<h3>EHER SEXVORLAGE ALS KUNSTFORM</h3>
<p>Immerhin besteht für viele der Sinn vom Pornos Gucken nicht etwa in dessen Kunstgehalt, sondern schlichtweg darin, sich die Selbstbefriedigung zu erleichtern, weil dadurch der Fantasie ein Teil der Arbeit abgenommen bzw. diese angekurbelt wird (weshalb Einige von ihnen Sexfilme auch als Inspirationsquelle nutzen um sich etwas „abzuschauen“). Diejenigen, die weniger Porno-affin sind, bevorzugen dafür jedoch reines Kopfkino. Was unter Anderem wiederum damit zu tun hat, dass ihnen das Angebot im Internet – der Hauptbezugsquelle für Pornos – zu platt ist. So meint etwa eine andere Freundin, dass sie, bis sie etwas findet, das sie halbwegs gebrauchen kann, mithilfe der eigenen Fantasie schon längst fertig sei. Dabei ergibt etwa die Suche nach „Queer Porn [<a href="#note_8" name="link_8">8</a>] “ durchaus qualitativ hochwertige Treffer – jedoch oftmals zu Angeboten, für die bezahlt werden muss. Was keine*r meiner Friends tut oder tun möchte.</p>
<h3>DIY PORN</h3>
<p>Ganz aussichtslos ist das Ganze aber zum Glück auch nicht: denn vor allem Amateur-Produktionen trotzen im Selfie-Stil sowohl dem Inhalt von Mainstream als auch der Kommerzialisierung von alternativen Produktionen, und können somit als Strategien zur Aneignung des Begriffes „Porno“ und des durch ihn besetzten Raumes funktionieren. Für wen also HD-Kameras und fancy Kulissen kein muss sind, di*er findet etwa auf diversen Blogging-Plattformen [<a href="#note_9" name="link_9">9</a>] auch queere und feministische pornographische Bilder, Comics, GIFs oder Clips, von und für Menschen, die Mainstream Porn satt haben; durchaus geeignet zum Reinschnuppern – oder zum Entspannen nach einem langen Tag auf der Uni. Enjoy!</p>
<p style="text-align: right;">Mike</p>
<h3>Fußnoten:</h3>
<p><a href="#link_1" name="note_1">1</a>: Also „wenig“ verglichen mit anderen Kulturphänomenen. Ein Blick ins Vorlesungsverzeichnis der Uni Wien unterstützt zumindest diesen Eindruck. Das soll natürlich nicht heißen, dass etwa keine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Pornographie stattfindet, sondern vielmehr, dass das Verhältnis zwischen jenem Phänomen und der Forschung dazu bezeichnenderweise ein anderes ist, als zwischen vielen anderen Gegenständen kultureller Produktion und deren Analyse.<br />
Kurz gesagt: dafür, dass Porno gucken nicht gerade eine gesellschaftliche Randerscheinung ist, ist eine wissenschaftliche Repräsentation davon relativ gering.</p>
<p><a href="#link_2" name="note_2">2</a>: Die angesprochene Dichotomie von „anständig“ vs. „unanständig“ bildet natürlich ab auf die hierarchisierte Dualität von „Geist“ vs. „Körper“ oder „Kultur“ vs. „Natur“, auch bekannt als „männlich“ vs. „weiblich“, aber auch zu finden bei „gebildet“ vs. „ungebildet“ etc. Ich will jedoch nicht die Message vermitteln, dass Sich-nicht-für-Sex(-Filme)-interessieren immer gleich „anständig“ gleich prüde oder langweilig bedeutet, wodurch ich etwa Asexualität abwerten würde.</p>
<p><a href="#link_3" name="note_3">3</a>: Eine Problematik, die einen eigenen Artikel verdient.</p>
<p><a href="#link_4" name="note_4">4</a>: Bezeichnenderweise fällt mir kein passender Ausdruck ein, der nicht entweder zu vulgär oder zu künstlich klingt.</p>
<p><a href="#link_5" name="note_5">5</a>: Befragt wurden übrigens alle einzeln, die Antworten kamen demnach voneinander unbeeinflusst zustande.</p>
<p><a href="#link_6" name="note_6">6</a>: Wer sich ein kurzes Bild davon machen will, suche einfach auf den meistbesuchten Porno-Seiten die meistgesehenen Videos oder Bilder.</p>
<p><a href="#link_7" name="note_7">7</a>: Rein technisch betrachtet, zumindest.</p>
<p><a href="#link_8" name="note_8">8</a>: Wer sich nicht so recht was darunter vorstellen kann, möge die Suchmaschine ihres Vertrauens benutzen.</p>
<p><a href="#link_9" name="note_9">9</a>: Diesbezüglich ist etwa Tumblr sehr zu empfehlen.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Körper, Macht und Normativität der Uni</title>
		<link>https://gewi.bagru.at/gezeit/archiv/2015/koerper-macht-und-normativitaet-der-uni/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[gezeit]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 26 May 2015 13:59:16 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2015]]></category>
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					<description><![CDATA[Transsexualität an der Hochschule Zum Schwerpunkt „Körper, Macht und Sex“ im Zusammenhang mit der Universität kamen mir sofort die Machtstrukturen in den Sinn, denen Menschen in einem durchrationalisierten Universitätsalltag unterworfen sind. Angelehnt an meine eigenen Erfahrungen als weiße Trans*-Person[1] ,&#8230; <a href="https://gewi.bagru.at/gezeit/archiv/2015/koerper-macht-und-normativitaet-der-uni/" class="more-link">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<h2>Transsexualität an der Hochschule</h2>
<p>Zum Schwerpunkt „Körper, Macht und Sex“ im Zusammenhang mit der Universität kamen mir sofort die Machtstrukturen in den Sinn, denen Menschen in einem durchrationalisierten Universitätsalltag unterworfen sind. Angelehnt an meine eigenen Erfahrungen als weiße Trans*-Person[<a href="#note_1" name="link_1">1</a>] , die seit einigen Jahren an Hochschulen studiert, versuche ich über diskriminierende Strukturen zu schreiben, die Trans*-Personen betreffen können und werde konkrete Handlungs- und Verbesserungsvorschläge aufzeigen.</p>
<p>Zwar schreibe ich aus Trans*-Perspektive, da wir jedoch viele und divers sind, kann es sein, dass ich nicht alle Bedürfnisse von Trans*-Menschen auf dem Schirm habe, oder auch gegenläufige Anliegen vertrete als andere Trans*-Personen. Das versuche ich in meinen Überlegungen zu berücksichtigen, da meine Intention nicht ist, Bedürfnisse gegeneinander auszuspielen, sondern zusammen mit Verbündeten Anliegen zu formulieren und durchzusetzen um einen trans*freundlicheren Universitäts-Alltag erreichen zu können. Auf die Belange von Inter*-Personen möchte ich auf Grund der Länge des Artikels und meiner persönlichen Position als nicht-inter* nicht eingehen. Diese sollten jedoch beachtet werden, da sie nochmal unterschiedlich von denen von Trans*-Personen sein können und insbesondere durch die historische und gewaltvolle Komponente der „geschlechtszuweisenden Maßnahmen“ von Inter*-Personen an Universitätskliniken, mit besonderem Augenmerk behandelt werden sollten.</p>
<p>Meine eigenen Erfahrungen an der Hochschule sind geprägt von anfänglicher starker Angst in Zusammenhang mit Trans*. Der öffentliche Raum des Studiums hatte für mich das problematische Moment inne, dass ich mit Menschen, die mir nicht nahe stehen, in irgendeiner Form über persönliche Themen kommunizieren musste, um zu erreichen, dass mein neuer Name und meine geschlechtliche Anrede respektiert wurden. Die Angst vor Zurückweisung und Unverständnis hatte zur Folge, dass ich mich mehrere Semester von der Universität entfernte um mich als Vermeidungsstrategie Queer[<a href="#note_2" name="link_2">2</a>]-Politik für andere, nicht für mich, zu widmen. Das Kümmern um die Belange von anderen Queers, verschaffte mir das Selbstbewusstsein, das ich brauchte um Ängste abzulegen und wieder an die Universität zurückzukehren.</p>
<p>Viele Erfahrungen, die sich um Trans* drehen, haben mit der äußerlichen Erscheinung zu tun, wenn ich auf Grund Uneindeutigkeit hämisch gefragt werde, ob ich ein „Mann“ oder eine „Frau“ sei, oder mir spontan die Lust auf Seminarbeteiligung flöten geht, wenn ich merke, dass Dozent_innen Seminarteilnehmer_innen nach äußerlicher Fremdzuschreibung gendern.</p>
<h3>DIE TOILETTENFRAGE</h3>
<p>Am mitunter beeindruckendsten, was die Einschränkung des Studienalltags betraf, stellte sich für mich die Nutzung der richtigeren Toiletten heraus. Mit „richtigerer“ Toilette meine ich, dass Toiletten eben nur zweigegendert sind. In einem System, welches vor allem die zwei Geschlechter „Frauen“ und „Männer“ respektiert, und bestimmte Faktoren, wie Stimme, Bartwuchs, Haltung, etc. stark geschlechtlich interpretiert werden, werden geschlechtliche Grenzüberschreitungen und weitere Geschlechtsformen oder nicht-Geschlechtsformen, wie Agender, als Obskuritäten und Anomalien abgetan.</p>
<p>Dies findet ebenso in allen Fachbereichen des Universitätsalltags statt, ob in den Bereichen Biologie, Sportwissenschaften, Psychologie, kann mitunter aber auch in den Gender Studies zu finden sein. Dort etwa, wenn Trans*-Personen in manchen Seminaren und Vorlesungen als Objekt betrachtet werden, es jedoch nicht in Erwägung gezogen wird, dass diese auch anwesend sein könnten. Das hat zur Folge, dass Sichtbarkeit und/oder Awareness von Semester zu Semester aufs Neue erkämpft werden müssen. Dies kostet Ressourcen, welche durch Verbündete, wie Kommiliton_innen auch übernommen werden können, wenn diese auch wenn es sie nicht betrifft ­ auf die (cis-)Normativität von Lehrinhalten hinweisen können.</p>
<h3>TASTENDE FORTSCHRITTE</h3>
<p>An der Schweizer Universität Luzern gab es 2013 einen Fortschritt: Das Präsidium gab eine Richtlinie[<a href="#note_3" name="link_3">3</a>] heraus, welche es Personen ermöglichte ihren Namen und Geschlecht formal zu wechseln, auch wenn sie keine rechtskräftige Namens- und Personenstandsänderung vorgenommen hatten. Grundlage dessen war auch, dass Name und Personenstand eben keine ausreichende Identifikationsgrundlage bieten, sondern eine Identifikation z.B. durch Matrikelnummer, oder bei Universitäts-Angestellten durch die Sozialversicherungsnummer erreicht werden kann.</p>
<p>Sprich: Es ist rechtlich nicht erhebbar mit welchem Namen und Geschlecht Personen auftreten, da sie auf anderem Wege identifiziert werden können. Abstrakt befürchteter Betrug durch Namensänderung kann also ausgeschlossen werden. Nachteil der Richtlinie in Luzern ist, dass Personen nur innerhalb des zweigeschlechtlichen Systems von Frau -&gt; Mann und von Mann -&gt; Frau ihren Geschlechtseintrag ändern können. Trans*-Personen, die sich also nicht dauerhaft oder eindeutig als Mann oder Frau definieren, sind erneut durch diese &#8211; für manche Trans*-Personen entlastende &#8211; Richtlinie diskriminiert und erneut unsichtbar gemacht.</p>
<p>Die Annahme eines zweigeschlechtlichen Systems zeigt sich nicht nur an der Luzerner Universität, sondern zieht sich durch verschiedene Bereiche des Uni-Alltags: neben räumlichen Aufteilungen, wie Toiletten und Umkleiden im Hochschulsport, kennen auch Formulare und Förderprogramme nur zwei Optionen. Des Weiteren gibt es spezielle Förderprogramme im Bezug auf Geschlecht meist nur für Frauen, nicht etwa für Trans*-Personen. Auch eine Quotierung und politische Teilhabe von Trans*-Personen findet nicht statt, da vermutlich einfach keine Sensibilisierung vorhanden ist .</p>
<p>Großflächig fehlt es an Informationsmaterialien zum Thema Trans* und Universität, welche sich an alle Universitäts-Angehörigen richten. Auch Ansprechpersonen und Stellen, die sich um die Anliegen von Trans*-Personen kümmern, sind rar. So könnten Diversitäts-Beauftragte diese Aufgabe theoretisch übernehmen, sehen sie sich doch trotzdem meist eher als Frauenbeauftragte mit neuem Namen, welche die gleichen Fähigkeiten wie vorher mit sich bringen und oft keine Erfahrung in der Beratung und Interessenvertretung von Trans*-Personen stellen.</p>
<h3>WAS BLEIBT ZU TUN?</h3>
<p>Generell fehlt an der Hochschule, wie in vielen anderen Teilen der Gesellschaft, eine Sensibilisierung für Lebensweisen außerhalb einer heteronormativen Lebensrealität. Das heißt konkret, dass ein Verständnis dafür fehlt, dass geschlechtliche Anreden nicht zwangsläufig mit einem bestimmten Namen zu tun haben, Pronomenswünsche unabhängig von der äußerlichen Erscheinung einer Person existieren können und Toiletten für viele Trans*-Personen ein nicht immer spaßig-abenteuerliches Dungeon darstellen, durch das diese sich kämpfen müssen. Beim Neubau von Toiletten könnte daher z.B. darauf geachtet werden mehr Einzeltoiletten zu errichten, die eben keine geschlechtliche Etikettierung erfordern, da kein geteilter Vorraum von Nöten ist. Die Toilette als Rückzugsraum wäre für Cis*frauen ebenso wie für Trans*-Menschen gegeben. Weiterhin könnten diese meist barrierefrei konzipiert werden und so dazu dienen Personen mit Gehbehinderungen oder rollstuhlfahrenden Menschen die Nutzung einer regulären Toilette zu ermöglichen.</p>
<p>Weiterhin fehlen transparente und gut kommunizierte Richtlinien und Formulare, um Namen und Geschlechtseinträge ändern zu können. Denn ohne bürokratische Formalia wissen viele Universitäts-Angestellte nicht, wie sie mit den Anliegen von Trans*-Personen umgehen sollen. Bei der Ausbildung von Universitätspersonal (also nicht nur Lehrpersonal), sollte auf die Sensibilisierung für unterschiedliche Lebensrealitäten geachtet werden.</p>
<p>Da alle Universitäten und (Bundes-)Länder Statistiken erheben, wäre auch zu hinterfragen, ob das Geschlecht der Universitätsangehörigen in der jetzigen Form erhoben werden muss, und ob es nicht einfach erweitert werden kann um andere Kategorien, die mehr Freiheiten außerhalb einer binären Norm lassen. Der Programmieraufwand für weitere Kategorien in den Statistik- und Datenverarbeitungsprogrammen wäre marginal. Statistiken für Frauenförderungen könnten erhalten bleiben, jedoch z.B. auch Förderprogramme für Trans*-Personen oder z.B. auch für Personen, welche sich nicht oder nur teilweise einem der beiden etablierten Geschlechter zugehörig fühlen, installiert und mit Statistiken überblickt werden.</p>
<p>Meiner Meinung nach fehlt es auch an Rollenbildern, welche der Emanzipation einiger Trans*-Personen helfen würden. Selbstverständlich muss darauf geachtet werden, dass der Wunsch vieler Trans*-Personen existiert, nicht öffentlich als Trans*-Person sichtbar sein zu wollen. Dies kann jedoch nicht damit einhergehen, dass die Bedürfnisse und Belange von Trans*-Personen ebenso unsichtbar sind.</p>
<h3>WELCHE HANDLUNGSRÄUME GIBT ES?</h3>
<p>Ebenso komplex und unübersichtlich wie Hochschule sein kann, so viele Handlungsspielräume besitzt du. Bedenke, dass du nicht alleine agieren musst, sondern auch in Gruppen vorgehen kannst. Dozierende können z.B. auf cis-normative Lehrinhalte hingewiesen werden, Universitätsleitungen und Senate können angeschrieben werden, in wie weit diese die Bedürfnisse von Trans*-Personen im Bewusstsein haben. Inhalte können sich dabei z.B. von simpel umsetzbaren Anliegen, wie trans*freundlicheren Toilettenräumen (z.B. die Etablierung von Mülleimern auf „Herrentoiletten“ oder die Umetikettierung ebensolcher Räume durch trans*-inkludierende Beschilderung) bis zu Förderprogrammen für Trans*-Personen drehen.</p>
<p>Ähnliches funktioniert auch in Studierendengremien, in denen auch Initiativen wie die Gründung von Trans*-Hochschul-Referaten gestartet werden können, um eine etablierte Interessenvertretung zu schaffen. Weiterhin könnten Dozent_innen angesprochen werden, wenn der Wunsch nach Pronomensrunden in Seminaren aufkommt. Gerade auf Grund der Möglichkeit, dass dies von anwesenden Trans*-Menschen nicht erwünscht sein kann, ist der vertrauliche Austausch untereinander wichtig, um eine positive Absicht nicht dazu führen zu lassen, dass sich diese negativ auswirkt.</p>
<p>Auch jenseits vom Lokalen gibt es Möglichkeiten sich zu betätigen: So hat sich 2014 die AG „Trans*emanzipatorische Hochschulpolitik“ gegründet, eine Initiative aus Trans*-Leuten, die an Hochschulen studieren und arbeiten und die Studien- und Arbeitsbedingungen von Trans*-Menschen an den jeweiligen Hochschulen verbessern wollen. Dazu zählen das Schaffen von Sichtbarkeit, Sensibilisierung und Awareness für Trans*-Themen und eine Vernetzung im deutschsprachigen Raum. Die ersten Treffen fanden in Deutschland, mit österreichischer Beteiligung, statt. Kontakt zur Arbeitsgruppe könnt ihr aufnehmen unter ag_transemanzipatorische_hopo@lists.riseup.net.</p>
<h3>DANN MAL LOS!</h3>
<p>Um gegen trans*-diskriminierende Strukturen vorzugehen gibt es nicht die eine Strategie oder den einen Lösungsweg. Ausdifferenzierte Bedürfnisse benötigen unterschiedliche Lösungswege. Ihr müsst nicht alles wissen, um Diskriminierungen anzugehen, könnt euch also auch Inspiration aus anderen Städten, anderen Hochschulen oder durch Vernetzungsarbeit holen. Macht- und Diskriminierungsstrukturen existieren, aber das heißt nicht, dass ihr sie hinnehmen müsst &#8211; also freudig ran die Arbeit!</p>
<p style="text-align: right;">Mara Otterbein</p>
<p><a href="#link_1" name="note_1">1</a>: Trans*: Trans* bezieht sich auf Konzepte wie Transgender, Transidentität, Transsexualität. Gemeint ist, dass sich Trans*-Personen nicht, teilweise oder wechselhaft mit dem bei ihrer Geburt zugewiesenen Geschlecht definieren. Als Pendant dazu wird „Cis“ benutzt: Cis-Personen sind Menschen, die sich mit dem bei ihrer Geburt zugewiesenen Geschlecht (weitestgehend unhinterfragt) definieren.</p>
<p><a href="#link_2" name="note_2">2</a>: Queer: Queer ist ein Sammelbegriff, der unterschiedliche Geschlechts- und Begehrensformen beschreibt, welche sich selbst als nicht-heteronormativ begreifen.</p>
<p><a href="#link_3" name="note_3">3</a>: https://www.unilu.ch/fileadmin/universitaet/unileitung/dokumente/reglemente_studium/richtlinien-transmenschen.pdf</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Lehrkörper</title>
		<link>https://gewi.bagru.at/gezeit/archiv/2015/lehrkoerper/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[gezeit]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 26 May 2015 13:57:27 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2015]]></category>
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					<description><![CDATA[Biomacht und informelle Machtverhältnisse Wer über die Universität nachdenkt, hat selten etwas Körperliches im Kopf, schon gar nicht den Zusammenhang von Herrschaft und Körper. Dass gerade ein Nachdenken über den Zusammenhang von Wissen, Macht und Körperlichkeit im akademischen Rahmen wichtige&#8230; <a href="https://gewi.bagru.at/gezeit/archiv/2015/lehrkoerper/" class="more-link">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<h2>Biomacht und informelle Machtverhältnisse</h2>
<p>Wer über die Universität nachdenkt, hat selten etwas Körperliches im Kopf, schon gar nicht den Zusammenhang von Herrschaft und Körper. Dass gerade ein Nachdenken über den Zusammenhang von Wissen, Macht und Körperlichkeit im akademischen Rahmen wichtige herrschaftskritische Erkenntnisse liefern kann, möchte ich im Folgenden zeigen.</p>
<h3>UNIVERSITÄT – RAUM OHNE KÖRPER?</h3>
<p>Die Universität ist ein Raum, der Wissen schlechthin repräsentieren soll. Die ‚Academia‘ stellt sich als Institution dar, die abseits anderer ‚materiellerer‘ Institutionen v.a. durch geistige Aktivität zustande kommt. Dies spiegelt auch den Anspruch, ‚universitas‘ – die Gesamtheit aller geistigen Dinge – zu vertreten wider: diese Gesamtheit hat gerade deshalb, weil sie rein geistig ist, weil sie von keinerlei weltlichen Substanz getragen wird, vermeintlich einen absolut neutralen und objektiven Charakter. Sie ist selbst nicht verkörpertes Objekt, sondern objektiviert nur, stellt sich damit außerhalb der Gesellschaft und deren Macht- und Herrschaftsverhältnisse. Sie imaginiert sich insofern als ein Raum ohne Körper. Alle Menschen die mit ihr zu tun haben, müssen sich gewissermaßen Entkörperlichen. Sie ordnen sich als Studierende, Lehrende und wissenschaftliche Angestellte und schließlich Professor_innen einer gleichsam geistigen Hierarchie unter, die durch reines (Mehr-)Wissen begründet sei.</p>
<p>Dass dies eine hochgradig ideologische Vorstellung ist, davon zeugen schon all jene Personen, die ultimativ auf das Körperliche – ihre körperliche Arbeit – reduziert werden und das Funktionieren der Universität überhaupt erst ermöglichen. Es sind dies die vielen putzenden, organisierenden, reparierenden und in sonstiger Weise erhaltenden sehr körperlichen Wesen, die für gewöhnlich nicht als Teil der Universität wahrgenommen werden, ja sogar nahezu hermetisch von der ‚eigentlichen‘ Academia abgeschirmt erscheinen.</p>
<p>An ihnen wird deutlich, was eine kritische Analyse allgemeiner erweist: die Universität ist kein Raum jenseits gesellschaftlicher Macht- und Herrschaftsverhältnisse, sie ist vielmehr ein ganz spezifischer Ausdruck jener Verhältnisse. Diese Verhältnisse sind auf viele Weise hierarchisch determiniert, omnipräsent ist allerdings die Prägung entlang der Achsen ‚Geschlecht‘ und ‚Ethnie/Herkunft‘. Aufs Körperliche reduziert und dabei zugleich unsichtbar sind insbesondere Frauen* und Menschen mit Migrationshintergrund.</p>
<h3>BIOMACHT, SELBSTTECHNOLOGIE</h3>
<p>Wenn wir versuchen den Charakter dieser Herrschaftsverhältnisse zu durchschauen, ist es hilfreich, die enge Verzahnung von Wissen, Macht und Körperlichkeit in modernen Gesellschaften zu verstehen. Wie u.a. der französische Theoretiker Michel Foucault nachwies [<a href="#note_1" name="link_1">1</a>] , haben sich Macht und Herrschaft in der Moderne umfassend verändert. Während in früheren sozialen Verhältnissen eine unmittelbare und umfangreiche Einbindung in mehr oder minder klar abgesteckte Zusammenhänge vorzufinden war, etablierte sich mit der Moderne zum ersten Mal das unabhängige, atomisierte (vereinzelte) und sich (‚bewußt‘) selbst konstituierende Subjekt. Für die Herausbildung dieser Subjekte ist es relevant, dass sie zumindest teilweise nicht mehr unmittelbar offensichtlichen Herrschaftsverhältnissen unterworfen sind: sie werden im bürgerlichen Sinne ‚frei‘, haben also die Möglichkeit sich selbst zu erschaffen und zu reproduzieren. Dass diese Möglichkeit immer auch gleich Zwang ist, dass die subjektive Freiheit überhaupt nur deshalb existiert, weil sie mit der objektiven, gesellschaftlichen Notwendigkeit verbunden ist, das eigene Überleben alleine für sich selbst zu sichern, ist die eine Seite.</p>
<p>Die andere Seite ist, dass dieser Prozess der Selbstwerdung immer stark mit Wissen und Selbst-Reflexion verbunden ist. In der Moderne sind die Menschen als geistig-körperliche Wesen nicht einfach da, sie werden in ihrem Handeln nicht unmittelbar oder zwanghaft von den Verhältnissen bestimmt, sondern sie müssen sich idealtypisch durch geistige Eigenleistung selbst erschaffen. Nichts weniger besagt das berühmte ‚sapere aude‘ von Kant. Das subjektiv-geistige Moment ist dabei aber ganz zentral für die Form, in der moderne objektive Herrschaftsverhältnisse sich perpetuieren. Sie tun dies nicht unmittelbar, sondern vermittelt, nämlich durch jene – geistig (bzw. bei Foucault diskursiv) vermittelte Macht, die durchaus auch produktiv, nämlich Subjekt-schaffend, wirksam ist.</p>
<p>Evident wird dieser geistige Charakter der Selbstwerdung des Subjekts in der bürgerlichen Aufklärung und ihrem idealistischen Bild des Menschen als Vernunftwesen. Das in dieser vermeintlich positiv zu bewertenden, Freiheit bringenden Aufklärung sehr viel Herrschaft steckt, hat nicht zuletzt die feministische Kritik der Aufklärung erwiesen – das zu schaffende Subjekt ist nämlich symbolisch-strukturell ein männliches, weißes, westliches, mitsamt all der stillen Voraussetzungen, die jenes ‚Idealsubjekt‘ in sich birgt.</p>
<p>Die Produktivität der Macht ist demnach keine, die im luftleeren Raum angesiedelt ist. Die geistigen, vernunftbegabten Subjekte sind letztlich immer auch körperliche und die produktive Macht stets auch kristallisierter Ausdruck von Herrschaftsverhältnissen. So wird mit der Moderne nicht nur das freie und denkende Subjekt geschaffen, sondern auch die sogenannte ‚Biopolitik‘ – die (Selbst-)Steuerung und Kreierung der Bevölkerung als Ausdruck national-staatlicher Imperative. Mit dem (Wissen über das) Subjekt wird auch der Körper geschaffen und zwar auf individueller Ebene, aber auch auf der aggregierten Ebene von Gesellschaft, Staat und Nation. Mit dem individuell geschaffenen Körper korrespondiert der ‚Volkskörper‘ und der Staatsdiskurs, der ihn reproduziert. Körper und Wissen bzw. das verkörperlichte und geistige Subjekt sind also eng verzahnt und in das Verhältnis der beiden ist Herrschaft unmittelbar eingeschrieben.</p>
<h3>UNIVERSITÄT UND GESELLSCHAFTLICHE MACHT- UND HERRSCHAFTSVERHÄLTNISSE</h3>
<p>Diese Erkenntnisse können auf die scheinbar neutrale gesellschaftliche Institution Universität angewandt werden. Zweierlei wird dann deutlich: Einerseits ist die Universität selbst Träger moderner Verhältnisse, sie ist als ‚Staatsapparat‘ aktiv daran beteiligt, jenes Wissen zu produzieren, dass für die Aufrechterhaltung der herrschenden Ordnung notwendig ist. Ihr Wissen ist deshalb nie neutral, sondern immer auch herrschaftliches Wissen. Deutlich wird dies z.B. in den bekannten Tendenzen der Ökonomisierung der Hochschulen.</p>
<p>Andererseits ist die Universität Ausdruck der versteckten Hierarchisierung, welche sich als Effekt der scheinbar freien und gleichberechtigten Subjektwerdung ergibt: ‚Besser‘ und ‚vollständiger‘ sind jene Subjekte, die möglichst viel wissen, die Vernunft und Rationalität in Reinform repräsentieren und sich damit auch gänzlich transzendental – also ‚unkörperlich‘ – selbst erschaffen. Erneut gilt es herauszustreichen, dass diese Subjekte niemals wirklich neutral sind, ihre Vernunft nicht wirklich objektiv ist. Die Neutralität und Objektivität basiert stets auf versteckten Prämissen, die v.a. von patriarchaler Herrschaft zeugen – das entsinnlichte, körperlose und ‚vernünftige‘ Subjekt ist der westlich-weiße ‚Mann‘.</p>
<p>Dieses Subjekt findet sich nun auch an der Universität, ja diese soll idealerweise in Reinform nur die Summe solcher Subjekte sein. Dass aber dennoch ein körperlich-materieller Bezug besteht, auch die reine Kopfarbeit mit der Handarbeit verbunden ist, versinnbildlicht das obige Beispiel jener putzenden und reparierenden meist weiblichen Körperschaft, welche für die ‚substanzielle‘ Reproduktion der Universität verantwortlich ist und deshalb eigentlich auch als Fundament verstanden werden könnte, ohne dem die Institution keinen Tag lang funktionieren würde.</p>
<p>Eine mögliche herrschaftskritische Strategie ist es, den Zusammenhang von Körper und Wissen als einen machtvermittelten nachzuzeichnen und damit die gleichsam ultimative Trennung beider zu subvertieren. Hierdurch wird aufgezeigt, wie Herrschaftsverhältnisse sich gerade dann auf subtile Art in Subjekten verkörpern, wenn die Rede von Körperlichkeit weit hergeholt erscheint.<br />
Wie also die ‚Biopolitik‘ auch und gerade dann funktioniert, wenn somatische (körperbezogene) Momente auf den ersten Blick keine Rolle spielen. Die Zuspitzung des Wissen-Macht-Komplexes an den Universitäten führt dazu, dass sich spezifische Disziplinar-techniken entwickeln, die es zu verstehen gilt. Um deren herrschaftsförmigen Charakter zu dechiffrieren, ist es sinnvoll, diese Techniken und Machtformen auf konkrete Körper rückzubeziehen und die scheinbar neutral und allgemein auftretenden universitären ‚Wissenssubjekte‘ zu substantiellen zu machen.</p>
<h3>EIN PRAKTISCHES BEISPIEL: LEHR- UND STUDIERENDENKÖRPER</h3>
<p>Verdeutlichen lässt sich der Zusammenhang an typischen Situationen, wie sie an der Universität alltäglich vorzufinden sind. So z.B. am Verhältnis von ‚Lehrkörper‘ und Studierenden. Dieses ist durch eine Wissenshierarchie geprägt, die begründet erscheint: die einen haben Wissen, dass sie teilen können, die anderen möchten es erhalten. Hierfür wird ein sich verändernder didaktischer Rahmen geschaffen, der den Wissenstransfer ermöglichen soll.<br />
Lehrende und Studierende sollten formal je nach der zu lehrenden Sache in unterschiedlichen Beziehungen stehen, die primär durch den Gegenstand bestimmt sind. Allerdings deutet bereits die Bezeichenbarkeit aller Lehrenden als ‚Lehrkörper‘ darauf hin, dass die Subjektposition‚ Lehrender‘ nicht alleinig durch das Ziel Wissenstransfer‘ bestimmt ist. Die Lehrenden bilden gegenüber den vereinzelt auftretenden Studierenden tatsächlich so etwas wie eine verkörperte Überinstanz. Sie treten als durch ihre hierarchische Position und ihre Funktion definierte Instanz auf, die sich gegenüber den Studierenden trennt. Dies wird zumeist durch Förmlichkeit, distanzierten Umgang und andere vermeintlich ‚professionelle‘ Tugenden erreicht. Jene Trennung hat allerdings vielfach nicht nur didaktische oder institutionelle Hintergründe, im Gegenteil scheinen diese oft gar keine große Rolle zu spielen.</p>
<p>Dies ist deshalb so, weil der Lehrkörper auch Ausdruck der disziplinären Funktion des Staatsapparats Universität ist. Es geht darum, das ‚Studivolk‘ zu formen und in eine gewisse Richtung zu lenken, gesellschaftliche Elite zu schaffen – heute mitunter auch so, dass jene selbst davon nichts weiß. Denn diese Elite zeichnet sich nicht nur, wie es früher der Fall war, durch eine klare gesellschaftliche Position und Funktion aus, sondern konstituiert sich in Zeiten einer präkarisierten ‚Wissensgesellschaft‘ qua Wissenssubjektivität selbst. Das Streben nach Wissen und die damit verbundenen Privilegien entstehen über Umwege und weitgehend selbstgesteuert. Wichtig hierfür ist rationale, distanzierte und reflektierte Selbsterschaffung als Wissens-Subjekt, die an der Universität erlernt wird. Die wird durch die Lehrenden angeleitet, wobei sich die Studierenden im Idealfall immer mehr hin zum akademischen Zentrum, repräsentiert durch den Lehrkörper, entwickeln. Eine damit verbundene (partielle) Überwindung der Distanz von Studierenden und Lehrenden – oft versteckt als eine Art Initiation in die ‚akademische Gemeinschaft‘ – ist Weg und Ziel dieser Subjektivierung.</p>
<p>Jene Selbsttechnologie die zur Verkörperung des ‚idealen Studierenden‘ führen soll und das implizite Ziel der Lehrenden als Disziplinar- und Führungsmacht ist, schließt jedoch zahlreiche Menschen aus. Sie setzt Körper voraus, die bereits die ‚Anlagen‘ für die angestrebte Verkörperung von Wissen aufweisen. Sie müssen in spezifischer Weise gebildet sein, offen für kritisches Denken und möglichst frei von allzu ‚praktischen‘ Veranlagungen. Dies allein garantiert die Flexibilität, die der Studierendenkörper heute erzielen soll. Menschen, die auf Grund ihrer sozialen Position pragmatischere oder gezwungenermaßen weniger freie Zugänge zu Wissen haben, bleiben außen vor. Regelmäßig sind dies in den westlichen Zentren Migrant_innen und Menschen mit proletarischem Hintergrund. Früher waren jene direkt von der akademischen Subjektivierung ausgeschlossen, heute funktioniert der Ausschluss viel subtiler – marginalisierten Gruppen ‚klebt‘ ihre Herkunft im doppelten Sinne (qua Macht/Wissen, aber oft auch unmittelbar leiblich) an und sie werden deshalb vom Zugang zur privilegierten Subjektivierung ausgeschlossen.</p>
<p>Beispielhaft zeigt sich dies daran, dass es jenen Studierenden schwerer fällt, die formalen Grenzen zu überschreiten, sie etwa selbst nach angebotenem ‚Du-Wort‘ bzw. Versuchen der Einebnung akademischer Distanztechniken diese weiterhin aufrechterhalten. Während solche Studierende, die – meist durch Eltern und soziales Umfeld – eine umfänglichere bzw. ‚funktionierende‘ bürgerliche Subjektivierung erfahren haben, entweder positiv auf die Integrationspotentiale reagieren, oder diese eventuell auch explizit ablehnen (z.B. eben als herrschaftsstabilisierende Form falscher ‚Verbrüderung‘), haben jene, die von vorneherein marginalisiert waren, die Möglichkeit dieser Wahl gar nicht.</p>
<p>Ihnen fehlt das dazu nötige (subjektiv-verkörperlichte) Wissen. Die Chance einer Aufnahme in oder Annäherung an die akademische Community des Lehrkörpers ist damit von vorneherein verbaut. Damit werden gewisse Studierende regelmäßig zu akademischen Subjekten zweiter Klasse, sie stellen die ‚anderen Köper‘ dar, die es nicht zustande bringen, das ‚verkörperte Wissen‘ zu werden. Hier zementieren sich Herrschaftskonstellationen, die es auch außerhalb der Universität gibt. Biopolitische Imperative, welche die westlichen Nationalstaaten in der Krisenvergesellschaftung des 21. Jahrhunderts prägt – der Ausschluss der ‚Anderen‘ aus dem Volkskörper – reproduzieren sich im Mikrokosmos Universität.</p>
<p>Welche emanzipatorischen Konsequenzen lassen sich hieraus ziehen? Festzuhalten ist, dass der Verkörperung von Macht-Wissen durch subtile Techniken schwer mittels einfacher Maßnahmen beizukommen ist. Sie sind integraler Teil des Systems Universität und der von ihm geschaffenen Subjektpositionen. Im obigen Beispiel können weder Studierende noch Lehrende alleine etwas an der durch ihr Verhältnis reproduzierten Herrschaftsbeziehung ändern. Sinnvoll wäre es vielleicht, wenn sich beide Seiten durch Reflexion des herrschaftlichen Zusammenhangs von Wissen und Körper angeregt jeweils getrennt assoziieren und Auswege suchen würden. Studierende müssten versuchen, die eigene Hierarchisierung aktiv zu bekämpfen, während Lehrende diesen Prozess durch ein Verständnis ihrer eigenen Position unterstützen sollten. Der Problemkomplex der Verkörperlichung von Wissen bleibt aber auch dann bestehen – denn letztlich werden regemäßig auch gerade jene, die hier schon privilegierte Machtpositionen mitbringen, sich überhaupt erst dafür zu interessieren beginnen – ebenso wie dieser Artikel vermutlich tendenziell von jenen gelesen/verstanden wird, die derartige Privilegien bereits mitbringen&#8230;</p>
<p style="text-align: right;">Elmar Flatschart</p>
<p><a href="#link_1" name="note_1">1</a>: Vgl. z.B. Foucault, M. 1994. Überwachen und Strafen.Die Geburt des Gefängnisses. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.</p>
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		<title>Editorial</title>
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		<pubDate>Tue, 26 May 2015 13:55:00 +0000</pubDate>
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<p>Wir von der GEWI sind jedes Mal wieder erstaunt wie viel Zeit es in Anspruch nimmt von der Idee zur fertigen Ausgabe. Deswegen sind wir umso stolzer, diese jetzt hier materiell vor uns zu haben.</p>
<p>In dieser Ausgabe hatten wir den Schwerpunkt KÖRPER # MACHT # SEX und fast alle Artikel kreisen um diesen und dessen verschiedene Verschränkungen.<br />
Wir wollten einen Blick auf universitäre Herrschaftsverhältnisse werfen und welche Körperpolitiken diese zur Folge haben.</p>
<p>Es gab viele Einreichungen und wir haben uns über alle gefreut, auch wenn es nicht alle in diese Ausgabe geschafft haben.<br />
Wir riefen dezidiert Menschen zum Einreichen auf, die noch nie in der Gezeit publiziert haben und wir sind stolz auf eine Gezeit, die ihrem eigenen Anspruch genüge getan hat. Es gibt wieder ein breites Spektrum.<br />
Das Thema Sexualität ist in vielen Artikeln virulent, auf ganz unterschiedliche Weise.<br />
Gerade gesellschaftlich unterrepräsentierte Formen von Sexualität finden sich in dieser Ausgabe. So wird über die Schwierigkeiten von Bisexualität und deren Akzeptanz geschrieben, genauso wie deren Missrepräsentation im Fernsehen. Gerade die Unsichtbarkeit von bisexuellen Menschen ist ein wenig beachtetes Thema; auch in der Schwul-Lesbischen Gemeinschaft, da Bi*s wahlweise als hetero- oder homosexuell wahrgenommen werden, als entweder noch nicht ganz schwul/lesbisch oder nur in einer Experimentierphase.<br />
Auch Transsexualität und Asexualität sind Thema in dieser Ausgabe.<br />
Die Überschrift „Wer krank ist, hat meist keine Lust auf Sex. Wer lustlos ist, ist womöglich krank.“ spricht schon das größte Vorurteil über Asexualität an. In dem Artikel „Körper, Macht und Normativität der Hochschule“ werden angelehnt an eigene Erfahrungen als Trans*-Person diskriminierende Strukturen beschrieben, die Trans*­Personen betreffen können und es werden konkrete Handlungs­ und Verbesserungsvorschläge aufgezeigt.<br />
Der Artikel „Biomacht und informelle Machtverhältnisse an der Universität“ beschreibt diskriminierende Strukturen zwischen dem „Lehrkörper“ und dem „Studikörper“. Ein anderes Thema, das uns alle auf der GEWI in letzter Zeit beschäftigt hat, war sexualisierte Gewalt und übergriffiges Verhalten vor allem auf Partys. Diese Diskussion findet nicht zuletzt seinen Niederschlag im Artikel „Love parties – hate sexism!“, welcher sich auch mit Campus Partys, Alkohol und Zustimmungskonzept auseinander setzt.<br />
Die Gezeit wäre nicht die Gezeit, wenn sich nicht doch noch ein Artikel zur aktuellen ÖH-Politik und den Wahlen darin finden würden und damit starten wir dann auch gleich und wünschen euch ein interessantes und erkenntnisreiches Lesevergnügen.</p>
<p>P.S.: Die hier abgedruckten Artikel spiegeln nicht eins zu eins die Meinung der GEWI und damit tun wir das, was in Österreich so unglaublich im Trend liegt und distanzieren uns im Vorhinein schon mal von allem!</p>
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