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	<title>2017 &#8211; gezeit</title>
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	<description>Zeitschrift der FV GEWI</description>
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		<title>Vereint gegen Israel &#8211; Diskursiv in den Antisemitismus</title>
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		<dc:creator><![CDATA[FV GEWI]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 15 Jul 2017 15:22:21 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2017]]></category>
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					<description><![CDATA[Der antizionistische Kampf am Berliner Otto-Suhr-Institut. „Israel ist ein Kolonialstaat. Und Punkt.“ Eleonora Roldán Mendívil veröffentlichte Sätze wie diesen in den vergangen zwei Jahren auf ihrem Blog cosas que no se rompen, brüllte in Berlin wiederholt für die Intifada und&#8230; <a href="https://gewi.bagru.at/gezeit/archiv/2017/vereint-gegen-israel-diskursiv-in-den-antisemitismus/" class="more-link">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<h2>Der antizionistische Kampf am Berliner Otto-Suhr-Institut.</h2>
<p>„Israel ist ein Kolonialstaat. Und Punkt.“ Eleonora Roldán Mendívil veröffentlichte Sätze wie diesen in den vergangen zwei Jahren auf ihrem Blog <i>cosas que no se rompen</i>, brüllte in Berlin wiederholt für die Intifada und bekundete ihre Solidarität mit Antisemit*innen des maoistisch-stalinistischen <i>Jugendwiderstands</i>.<sup>1</sup> Im Wintersemester 2016/17 leitete sie am Otto-Suhr-Institut (OSI) der Freien Universität Berlin das Seminar „Rassismus im Kapitalismus“. Nachdem die Hochschulgruppe <i>Gegen jeden Antisemitismus an der FU</i> die Institutsleitung in einem offenen Brief auf Roldán Mendívils Aktivitäten aufmerksam machte,<sup>2</sup> waren sich Studierende und die Berliner Anhänger*innen Trotzkis, Stalins und Maos endlich einig und solidarisierten sich mit der Dozentin. Sie witterten eine rechte Hetzkampagne und verleugneten den Antisemitismus in Mendívils Aussagen.<sup>3</sup> Die Diskussionen bewegten die Institutsleitung schließlich zur Ausrichtung einer Podiumsdiskussion mit dem Titel „Israelkritik und die Grenzen der akademischen Diskussionsfreiheit“. Noch der plumpste Israelhass wurde so zum Anlass, einmal mehr die „richtige“ Kritik an Israel einzuüben. Dass Roldán Mendívil selbst die großzügig gezogenen Grenzen überschritten hatte, liegt dabei eigentlich auf der Hand. In ihren Blogeinträgen, die sie nach der ungewollten Aufmerksamkeit bald löschte, lässt sie kaum eine gängige Diffamierung Israels aus: Die jüdische, israelische Bevölkerung besetze ihr zufolge nicht nur in kolonialistischer Manier ganz Palästina und setze dort eine Apartheid durch,<sup>4</sup> sondern verübe auch einen „forwährendem [sic] Genozid in Palästina.“<sup>5</sup></p>
<p>Diese Zustände gelte es abzuschaffen; eine Forderung, die vor dem Hintergrund der genannten Zuschreibungen und Titulierungen nur als radikale Negation des Existenzrechtes Israels verstanden werden kann. Die Ignoranz gegenüber historischen Tatsachen und einen Hang zur antisemitischen Verschwörungstheorie, offenbart Roldán Mendívil auch dann, wenn sie versucht, die Geschichte Israels und dessen Ursprung im Zionismus zu skizzieren. 1948 hätten, nach ihren Schilderungen, die Mehrheit der Jüdinnen und Juden einen Staat Israel abgelehnt.</p>
<p>„Deswegen haben auch nach ’48 Zionist*innen so händeringend um [sic] jüdische Immigrant*innen gesucht [&#8230;], dass ein bestimmter Flügel in arabische Länder gegangen ist (z.B. in den Irak) und angefangen hat Angst und Schrecken in den dortigen jüdischen Gemeinden zu propagieren; durch Bomben und Attentate auf die eigene Community. Somit wurde ein Massenexdus [sic] dann in den 1950’er Jahren nach Israel getriggert…“<sup>6</sup></p>
<p>Die Einwanderung, Flucht und Vertreibung von etwa 850.000 Sephardim und Mizrachim wird so zu einem Resultat eines jüdischen Terrors umgedichtet. Roldán Mendívil bedient sich hiermit einer Deutung, die maßgeblich und vermutlich zuerst von den antisemitischen Verfolger*innen der irakischen Jüdinnen und Juden der 1940er Jahre gestreut wurde.<sup>7</sup> Eine ähnliche Verkehrung des Verhältnisses von Tätern und Opfern betreibt sie, wenn sie sich zu den antisemitischen Terrorist*innen der Hamas äußert. Auch diese seien nur eine Folgeerscheinung der Existenz Israels; die Verantwortung für ihre Existenz und ihr Handeln sei im Grunde Israel zuzuschreiben.<sup>8</sup> Explizit solidarisch erklärt sie sich in den genannten Beiträgen derweil mit den Hammer-und-Sichel-Schlägern des Neuköllner <i>Jugendwiderstands</i><sup>9</sup> und der antisemitischen BDS-Bewegung,<sup>10</sup> die fanatisch für die (auch akademische) Isolierung Israels – und das meint dezidiert aller Israelis, die sich nicht öffentlich von ihrem Staat distanzieren – kämpft und so selbst der akademischen Diskussionsfreiheit ihre Grenzen aufzwingt.<sup>11</sup> Ferner ist Roldán Mendívil offenbar in der sogenannten <i>Antikapitalistischen nichtweißen Gruppe</i> aktiv.<sup>12</sup> Diese äußerte beispielsweise, dass die zahlreichen Messerangriffe auf jüdische Israelis seit dem Spätsommer 2015 keine Zivilist*innen treffen würden, da alle Bürger*innen des „Kolonialstaats“ Israel, welche jemals Wehrdienst leisteten, diesen Status für sich nicht beanspruchen könnten.<sup>13</sup> Durch ihre öffentlichen Äußerungen verbindet Roldán Mendívil somit die theoretische Delegitimierung der Existenz Israels mit der Erklärung, solidarisch an der Seite derer zu stehen, die diesen Staat und seine Bürger*innen praktisch isolieren und gewalttätig attackieren.</p>
<p>Für die Geschäftsführung des OSI reagierte Professor Bernd Ladwig am 10. Januar mit einer öffentlichen Stellungnahme auf den offenen Brief der Gruppe <i>Gegen jeden Antisemitismus an der FU</i>, den diese kurz zuvor verfasst hatte.<sup>14 </sup>Die Vorwürfe sollten demnach umgehend untersucht, die Qualitätsstandards für die Vergabe von Lehraufträgen überprüft und eine Podiumsdiskussion organisiert werden. Die angekündigten Konsequenzen riefen erwartungsgemäß die Genoss*innen der vermeintlich Angeklagten auf den Plan: In der Verurteilung der „rechten, zionistischen Hetzkampagne“ gegen die „kritische Wissenschaftlerin“ versuchten sich Nachwuchstrotzkist*innen und -stalinist*innen einschlägiger Berliner Gruppen ebenso zu übertreffen, wie Studierende in ihren Solidaritätsbekundungen.<sup>15</sup> Nachdem die beginnenden Diskussionen es bis in die Berliner Tageszeitungen und die Jerusalem Post geschafft hatten und selbst der notorische Israelkritiker Daniel Bax in der taz von einer „Schmutzkampagne rechter, proiraelischer Kreise“ berichtete, setzte die Betroffene selbst alles daran, als standhafte Kämpferin zu erscheinen. Während einer Diskussion, die sich im Anschluss an eine Sitzung ihres Seminars am 11. Januar entwickelte, bekräftigte sie noch einmal ihre Haltung: Bei Israel handle es sich um einen Kolonial- und Apartheidstaat, es finde ein Genozid statt und BDS sei eine gute Möglichkeit, das Existenzrecht Israels praktisch zu untergraben. In einer E-Mail an Bernd Ladwig vom 10. Januar bestätigt sie diese Aussagen – mit Ausnahme der Rede vom Genozid – ebenfalls und versucht sie durch den Verweis auf andere Wissenschaftler*innen zu legitimieren.<sup>16</sup> Indessen tauchte ein weiterer Beleg für ihre israelfeindlichen Aktivitäten auf. So ist sie in einem Video von einer Demonstration am 1. Mai 2016 zu sehen, wie sie mit der Parole „Intifada, Serhildan! Palästina, Kurdistan!“ militante Angriffe auf den jüdischen Staat und seine Bürger*innen befürwortet.<sup>17</sup></p>
<p>Die Maßnahmen, die die Institutsleitung angekündigt hatte, rechtfertigten den überschwänglichen Aktionismus der Antizionist*innen dabei eigentlich nicht – was zunächst konsequent klang, entpuppte sich schnell als fragwürdig. So sollte die Untersuchung der Vorwürfe sich zwar auf die gesamte publizistische Tätigkeit erstrecken und insbesondere die wissenschaftliche Eignung und Redlichkeit der Dozentin prüfen, was in einem Gutachten festgehalten werden sollte; beauftragt wurde mit diesem jedoch ausgerechnet Wolfgang Benz, der ehemalige Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung, der sich sonst in erster Linie darum bemüht, Antisemitismus und Islamophobie gegeneinander auszuspielen und, so Stephan Grigat, nicht nur dazu beigetragen habe „den Antisemitismus zu einem Allerweltsvorurteil zu verniedlichen, sondern […] das antisemitische Ressentiment nicht einmal [erkennt], wenn man ihn direkt darauf stößt. 2010 konnte man ihn in der 3Sat-Sendung <i>Kulturzeit</i> bewundern, wie er vor einem Plakat des dänischen Künstler-Duos „Surrend“ steht, auf dem der Deutschland-Korrespondent der <i>Jerusalem Post </i>als Teil der ‚jüdischen Lobby in Deutschland’ vorgestellt wurde und als Stürmer-Journalist, also als Nazi, gebrandmarkt wird. Benz erklärte vor laufender Kamera, das habe mit Antisemitismus nichts zu tun.“<sup>18</sup></p>
<p>Man könnte meinen, dass die Negierung des Existenzrechtes Israels, die Reproduktion antisemitischer Verschwörungstheorien und der Aufruf zu Gewalt von einer Dozentin des OSI zumindest zu einer Podiumsdiskussion mit dem Thema „Antisemitismus in der Linken“ führt. Doch schon der Titel der Podiumsdiskussion „Israelkritik und die Grenzen der akademischen Diskussionsfreiheit“ implizierte eine gewisse Stoßrichtung der Meinun-gen, die dort von einigen Diskutierenden zum Besten gegeben wurden.<sup>19</sup> Die Stellungnahme der OSI-Geschäftsführung rückte die bis dato geäußerte Kritik an Roldán Mendívil zudem in die Nähe eines „denunziatorischen“ Antisemitismusvorwurfs, indem der Unterschied eines solchen zum „wissenschaftlich vertretbare[n]“ Vorwurf als Gegenstand der Podiumsdiskussion angekündigt wurde.<sup>20</sup> Trotz Ladwigs beherzten Plädoyers gegen israelbezogenen Antisemitismus während der Diskussion und der Klarstellung des Dozenten Carsten Koschmieder, dass die Ablehnung von Antisemitismus „nicht die Exklusion von politischen Ansichten“ bedeute, bleibt nach der Podiumsdiskussion der Eindruck, dass sich die Institutsleitung nicht zur notwendigen gesellschaftlichen Marginalisierung solcher Meinungen durchringen konnte. Dieser Eindruck verstärkte sich insbesondere durch Aussagen der Professorin Cilja Harders. Sie sinnierte darüber, was denn das Existenzrecht Israels eigentlich sei und kritisierte die Art und Weise, mit der Kritik an Roldán Mendívil geübt wurde. Gerade diese Kritik wurde nun zum Diskussionsgegenstand, statt über das eigentlich nennenswerte zu sprechen: den antisemitischen Gehalt der Aussagen, die Roldán Mendívil auf ihrem Blog veröffentlichte.</p>
<p>Roldán Mendívil konnte ihr Seminar im Wintersemester ungestört zu Ende bringen. An einer erneuten Beschäftigung im Sommersemester 2017 zeigte man von Seiten des Instituts gleichwohl kein Interesse, zumal das ersehnte entlastende Gutachten Wolfgang Benz‘ bislang noch auf sich warten lässt. Ohne die beharrliche Intervention durch Studierende würde eine bekennende Israelhasserin auch dieses Semester am OSI lehren. Der Karriere als vermeintlich aktivistisch-kritische Wissenschaftlerin hat die Aufmerksamkeit gleichwohl nicht geschadet: Die Rosa-Luxemburg-Stiftung sicherte sich für den Mai bereits ihre Dienste als Referentin.<sup>21</sup> <i>Lotta continua </i>heißt es indes auch am OSI: Die Roldán Mendívil-Versteherin, Professorin Harders, kündigte für das Sommersemester 2017 ihre antizionistischen Freunde an, um – als Reaktion auf die Diskussion im Februar &#8211; noch einmal neu zu besprechen, ob sich mit „Apartheid“ und „Kolonialstaat“ Israel nicht doch treffend beschreiben und mit BDS wirksam bekämpfen ließe.<sup>22</sup></p>
<h3>Fußnoten:</h3>
<p>1: Roldán Mendívil, Eleonora: Anti-Deutscher Angriff auf ‘My Right Is Your Right’ Demo – Berlin, 21. März 2015, veröffentlicht am 23. März 2015, Screenshot abrufbar unter: https://lizaswelt2010.files.wordpress.com/2017/01/mendivil-ii.jpg (alle Links zuletzt abgerufen am 17. April 2017).</p>
<p>2: Gruppe gegen jeden Antisemitismus an der FU: Schreiben an Präsidium und Institutsleitung, Auszüge abrufbar unter: https://www.facebook.com/notes/gegen-jeden-a nt isemit ismus-f u-berlin/schreiben-an-das-pr%C3%A4sidium-der-fu/610365752482738/.</p>
<p>3: http://lowerclassmag.com/2017/01/rechter-angriff-auf-kritische-wissenschaftlerin-an-der-fu-berlin/,<br />
https://www.klassegegenklasse.org/pro-zionistische-hetze-gegen-marxistische-dozentin/</p>
<p>4: Roldán Mendívil 2015.</p>
<p>5: Monroy, Matt [Hinkelmann, Matthias]; Roldán Mendívil, Eleonora: Zwischen Angst und Verantwortung. Möglichkeiten radikaler Analyse und Kritik innerhalb der Akademie, in: AstA FU Berlin (Hrsg.): Out of Dahlem, Nr. 16, Berlin 2016, zitiert nach: http://www.academia.edu/26086453/Zwischen_Angst_und_Verantwortung_M%C3%B6glichkeiten_radikaler_Analyseund_Kritik_innerhalb_der_Akademie. H. und Roldán Mendivíl erklären Noah Chomsky in ihrer Formulierung zum größten Kritiker eines solchen Genozids. Chomsky selbst ist eine derartige Einschätzung des Geschehens allerdings mit keiner Zeile nachzuweisen, die AutorInnen verzichten zudem auf die<br />
Verwendung der indirekten Rede.</p>
<p>6: Roldán Mendívil, Eleonora: Kommentar zum Artikel Und immer wieder die Anti-Deutschen&#8230;, veröffentlicht am 28. März 2014. Der Artikel wurde von der Autorin gelöscht, ein Screenshot (ohne Kommentare) ist abrufbar unter: https://lizaswelt2010.files.wordpress.com/2017/01/mendivil-i.jpg.</p>
<p>7: Vgl. Gat, Moshe: The Jewish Exodus from Iraq. 1948–1951, London 1997, S. 184 ff.</p>
<p>8 „denn die Hamas gebe [sic] es nicht und die Zustände für im Libanon lebende palästinensische Menschen gebe [sic] es nicht, tja, wenn es nicht 1948 zur Katastrophe, zu Al-Nakba gekommen wäre&#8230; also komisch dann historisch bei 2. und 3. anzufangen und nicht bei 1.!“, Roldán Mendívil 2014.</p>
<p>9: Vgl. Roldán Mendívil 2015.</p>
<p>10: Vgl. Roldán Mendívil 2014.</p>
<p>11: Vgl. Salzborn, Samuel: Israelkritik oder Antisemitismus. Kriterien für eine Unterscheidung, in: Brocke, Edna et al. (Hrsg.): Kirche und Israel, Heft 2013-1, zitiert nach: http://www.salzborn.de/txt/2013_Kirche-und-Israel.pdf, S. 13ff.</p>
<p>12: Vgl. Hinkelmann und Roldán Mendívil 2016. Die AutorInnen erklären hier ihre gemeinsame Arbeit in einer antikapitalistischen, nichtweißen Gruppe. Die Arbeit H.s in der Gruppe mit eben diesem Namen ist den Autoren dieses Briefes durch seine öffentlichen Auftritte in deren Namen bekannt.</p>
<p>13: Screenshot der entsprechenden Äußerung bei facebook abrufbar unter: www.t1p.de/ScreenshotZivilisten.</p>
<p>14: Stellungnahme der Geschäftsführung des Otto-Suhr-Instituts zu den Vorwürfen gegen die Lehrbeauftragte Roldán Mendívil, abrufbar unter: http://www.polsoz.fu-berlin.de/polwiss/_elemente_startseite/4spalten_links/Material/Stellungnahme-zum-Vorwurf-Antisemit ismus_09_01_17.pdf</p>
<p>15: Vgl. u.a. http://lowerclassmag.com/2017/01/rechter-angriff-auf-kritische-wissenschaftlerin-an-der-fu-berlin/, https://www.klassegegenklasse.org/pro-zionistische-hetze-gegen-marxistische-dozentin/</p>
<p>16: Wir beziehen uns auf eine E-Mail der Lehrbeauftragten über den Verteiler ihres Seminars, die uns vorliegt und laut ihr an Interessierte weitergegeben werden darf. Frau Roldán Mendívil leitete mit dieser auch eine E-Mail an Herrn Professor Ladwig, in welcher sie die Stellungnahme kritisiert, sowie einen Mailwechsel mit einer Mitarbeiterin des Instituts, in dem sie sich zur Kritik an ihr positioniert, weiter.</p>
<p>17: Siehe den Beginn des Videos: https://www.facebook.com/friedensdemowatch/videos/1229481440439443/</p>
<p>18: Grigat, Stephan: Postnazismus in Zeiten des Djihad, Einleitung zu Ders. (Hrsg.): Postnazismus revisited, ça ira, Freiburg i.Br. 2012, zitiert nach: http://www.ca-ira.net/verlag/leseproben/grigat-postnazismus.revisited_lp-einleitung.php</p>
<p>19: Für einen ausführlicheren Bericht zur Podiumsdiskussion: Schindler, Frederik: Israelkritik, „um Juden überall auf der Welt zu kränken“, http://www.mena-watch.com/mena-analysen-beitraege/israelkritik-um-juden-zu-kraenken/.</p>
<p>20 Ebd.</p>
<p>21: Für Mitte Mai 2017 ist plant die RLS zu Fanons „Die Verdammten dieser Erde“ ein Seminar, welches Roldán Mendívil anleiten soll (Stand April 2017), https://www.helle-panke.de/topic/3.html?id=2294&amp;context.</p>
<p>22: Vgl. Flyer der Gruppe Gegen jeden Antisemitismus Berlin zu der ersten der angedachten drei Diskussionen. https://www.facebook.com/notes/gegen-jeden-antisemitismus-berlin/israel-im-fokus-oder-israel-im-fadenkreuz/683251458527500/<br />
Die beschriebene Agenda benannte Cilja Harders während dieser Veranstaltung am 1. Juni 2017.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Epistemologie des Wahns</title>
		<link>https://gewi.bagru.at/gezeit/archiv/2017/epistemologie-des-wahns/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[FV GEWI]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 15 Jul 2017 15:12:14 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2017]]></category>
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					<description><![CDATA[Erkenntnistheorie als Ideologie. Wo von der Empirie nicht gestützte Vorannahmen den Blick auf die Fakten verstellen – und nicht wie es für Hypothesen üblich ist, aus bereits vorhandenem Wissen eine Perspektive entwickelt wird, auf die hin die Lage untersucht werden&#8230; <a href="https://gewi.bagru.at/gezeit/archiv/2017/epistemologie-des-wahns/" class="more-link">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<h2>Erkenntnistheorie als Ideologie.</h2>
<p>Wo von der Empirie nicht gestützte Vorannahmen den Blick auf die Fakten verstellen – und nicht wie es für Hypothesen üblich ist, aus bereits vorhandenem Wissen eine Perspektive entwickelt wird, auf die hin die Lage untersucht werden kann, woraufhin die Hypothese entweder verworfen oder modifiziert wird – spricht die <i>Vice Epistemology</i> von <i>bias</i>. Die Voreingenommenheit kann ebenso gut rassistisch wie sexistisch motiviert sein, im Namen einer bestimmten wissenschaft​lichen Schule oder eines Forschungsprogramms auftreten und sich den damit verbundenen Annahmen entsprechend selektiv gegenüber den verfügbaren Fakten verhalten. Die Analyse der darin aufscheinenden wissenschaftlichen Unredlichkeit als <i>bias</i> verstellt allerdings selbst wiederum, um was es sich dabei jeweils handelt und wie es zu bewerten wäre. So ist es symptomatisch, dass Uneinigkeit darüber herrscht, ob es sich beim <i>bias</i> an sich überhaupt um etwas Schlechtes handelt, oder ob nicht erst eine inhaltliche Prüfung darüber Auskunft geben kann, weil eben begründete Selektivität in Bezug auf die verfügbaren Fakten durchaus der erkenntnistheoretischen Redlichkeit entspringt und der wissenschaftlichen Produktivität dienlich ist.</p>
<p>Von der Ideologie, aus der maßgebliche Varianten des <i>bias</i> hervorgehen, will die <i>Vice Epistemology</i> jedenfalls nichts wissen. Voreingenommenheit wird als Charaktereigenschaft und die Subjekte potentieller Erkenntnis als atomisierte Einzelne verstanden, die miteinander nur lose in Beziehung stehen und sich auf eine gemeinsam geteilte Welt nur insofern beziehen, als sie einander <i>epistemic peers</i> sind. Besonders verbreitet ist die Vorstellung von der intellektuellen Faulheit derjenigen, die einem <i>bias</i> anhängen, der aus Sicht der jeweiligen Autorinnen illegitim ist. Das aber bedeutet, den Ursprung des Problems unberührt zu lassen und sich stattdessen an seinen unzählbaren Symptomen abarbeiten zu müssen, ohne Aussicht auf langfristigen, weitreichenden oder auch nur nennenswerten Erfolg.</p>
<p>Der grundsätzliche Fehler ist dabei, Erkenntnis und ihre Genese als unabhängig von den gesellschaftlichen Verhältnissen zu denken, und zu verkennen, dass Subjektivität und Objektivität jeweils nur als miteinander vermittelt in Erscheinung treten können. Das heißt, es handelt sich um die Frage nach der Beziehung von Besonderem und Allgemeinen, um die Frage, wie diese Beziehung gedacht werden muss, wenn objektive Erkenntnis das Ziel ist. Allerdings ist bereits die Annahme, dass es eine solche Beziehung überhaupt gibt, eine Unterstellung. Kant spricht in diesem Zusammenhang von der erkenntnistheoretischen <i>Brille</i>, die uns überhaupt erst ermöglicht, die Welt sinnvoll zu erfassen; welche wir also nicht absetzen können, um herauszufinden, inwiefern diese verzerrt was wir sehen, weil wir es ohne diese <i>Brille</i> nicht mehr verstehend erfassen könnten.</p>
<p>Eines der prominentesten Projekte das Problem zu lösen, stammt aus dem logischen Empirismus des 20. Jahrhunderts. <i>Protokollsätze</i> oder <i>empirische Beobachtungssätze</i> sollten aus nichts weiter als aus der Erfahrung stammender Eindrücke bestehen und damit noch nichts über das erkennende Subjekt, das erkannte Objekt oder deren Verhältnis voraussetzen. Interessant ist dabei, dass die Idee einer Wahrnehmung der Form „hier – jetzt – x“ bereits aus dem 6. Jahrhundert stammt. Der Philosoph und Theologe Boethius versuchte so in <i>Trost der Philosophie</i> das Theodizee-Problem zu lösen. Die Überlegung ist, dass Gott zwar allwissend sei, da aber sein Wissen in dieser Struktur verankert ist (<i>stehendes Jetzt</i>) kann aus ihr keine Handlung, kein Eingreifen im Sinne der Allmacht bzw. Allgüte Gottes abgeleitet werden. Wissen als Motivation für Handlungen, als Grundlage der Bezugnahme auf die Welt kann so nicht generiert werden.</p>
<p><i>Was die Welt im Innersten zusammenhält</i> bleibt eine offene Frage. Prototypisch beantwortet wird sie von der Religion. In ihr rechtfertigt das Allgemeine das Besondere, als Aspekt des Allgemeinen, das sich in ihm ausdrückt; das Besondere hat nicht bloß Teil am Allgemeinen, es <i>ist</i> Teil von ihm. Im Allgemeinen ist alles Besondere bereits enthalten, die Differenz bloße Konsequenz der vielfältigen Verwirklichung des Allgemeinen, die im Vergehen des Besonderen – das sich ja gerade durch seine Vergänglichkeit auszeichnet – in das Allgemeine zurückgenommen wird. Mit dem <i>Tod Gottes</i> – der schon von Hegel in der <i>Phänomenologie des Geistes</i> dokumentiert wird – ist dieser Illusion des Allgemeinen als überindividueller, vollumfänglich autonomer Subjektivität, die die einzelnen, situierten und verkörperten Subjektivitäten in sich vereint, eine Absage erteilt.</p>
<p>Statt aber hier den Ursprung der Freiheit zu erkennen, die „an den individuellen Leib und dessen innere Regungen gebunden sowie den äußeren Zwängen, die auf den Leib ausgeübt werden, ausgeliefert ist“,<sup>1 </sup>und entsprechend auf genau der Pluralität fußt, die sich erst durch die Absage an eine vermeintlich vorgängige Einheit verwirklichen kann, durch die Erkenntnis, „daß die Wahrheit ständig neu erkannt werden muss“.<sup>2</sup></p>
<p>Adorno und Horkheimer sprechen diesbezüglich in der <i>Dialektik der Aufklärung</i> vom Antisemitismus als <i>Luxus</i>, wobei der Luxus in der vermeintlichen Erlösung aus der Komplexität lebensweltlicher Konflikte besteht, die dann gerade nicht ‚ständig neu‘ betrachtet werden müssen. Der Preis einer solchen Ideologie besteht darin, diese Komplexität nicht mehr erfassen und verarbeiten zu <i>können</i> und sie da, wo sie sich aufdrängt nur als Angriff auf die intellektuelle Reinheit gewertet werden kann und entsprechend abgewehrt werden muss, mit dem besonderen Trick: die Kosten sind real, während das Versprechen nicht eingelöst werden kann, egal wie sehr die Apologetinnen der Ideologie sich bemühen es wahr zu machen. Das Bedürfnis, die Ideologie wahr zu machen, drückt sich sowohl bei Antisemitinnen, als auch bei Antifeministinnen und zentralen Repräsentantinnen der Postmoderne im Hass auf Körper aus: Bei Antisemitinnen primär im Hass auf als jüdisch-identifizierte, bei Antifeministinnen primär im Hass auf als weiblich-identifizierte Körper, und in der Postmoderne im Hass auf Körper und Körperlichkeit selbst. Es ist die Ahnung, dass Körper eine Wahrheit enthalten könnten, die es um jeden Preis zu unterdrücken gilt. Sie erinnern an Subjektivität als Individuierte, die entsprechend verantwortet werden muss, und das wird zu einer solchen Zumutung, die wahnhaft im selben Maße bewacht wie verdrängt, mystifiziert wie erniedrigt, werden muss.</p>
<p>Im Namen dieser Unterdrückung stehen dann Versuche, die individuellen Körper der jeweils imaginierten schuldigen Identität zu beherrschen, zu verleugnen, zu foltern oder gleich zu vernichten. Der bürgerliche Staat – Rechtsstaat, Gewaltenteilung, Demokratie – der dem entgegensteht, wird daher so-wohl von antisemitischen als auch von antifeministischen und postmodernen Ideologinnen als illegitimer Vermittler des Allgemeinen identifiziert. Dem wahlweisen Volk, welches Glaubens- oder internationale Gemeinschaft genannt wird, aber immer als „gigantische Über-Familie“<sup>3</sup> vorgestellt wird, und dessen vermeintliche gemeinsamen (ökonomischen) Interessen steht der bürgerliche Staat mit seiner Pluralität entgegen. Das setzt bereits voraus, was es überhaupt erst zu beweisen gälte, dass nämlich die Vermittlung von Besonderem und Allgemeinem über Interessen geschieht. Das Allgemeine selbst, das hier vermittelt wird – nämlich das <i>Kapitalverhältnis</i> – kann so nicht mehr in Frage gestellt werden. Die kantische Frage <i>Was kann ich wissen?</i>, die auch formuliert werden kann als: <i>Was ist die Voraussetzung dafür, dass ich als Subjekt so konstituiert bin, dass ich mich zu einem potentiellen Objekt der Erkenntnis so ins Verhältnis setzen kann, dass dabei Wissen entsteht, und was bedeutet das für die Konstitution jenes Objekts?</i>, wird bedeutungslos, weil sie Vermittlung nicht in der vermeintlichen Unmittelbarkeit von Interessen ausdrückt, sondern vielmehr darauf hinweist, dass eine solche Unmittelbarkeit, mithin ein unschuldiges Subjekt der Erkenntnis, nicht möglich ist.</p>
<p>So zeigt sich, dass es nicht intellektuelle Faulheit ist, die dem ideologisch motivierten <i>bias</i> zugrunde liegt, sondern vielmehr die Unfähigkeit die „menschliche Transzendenz<sup>4</sup> […] zu begründen, obgleich es ihr versagt ist, sich je zu vollenden“<sup>5</sup>. Diese wahnhafte Abwehr – nicht nur erkenntnistheoretischer – Verantwortung, muss als Aspekt kapitalistischer Vergesellschaftung verstanden werden, insofern diese verlangt, dass Rechtfertigung letztlich in ökonomischen Begriffen zu erfolgen habe. Bestimmend ist die Frage nach dem ökonomischen Nutzen von Erkenntnissen, Tätigkeiten und Erfahrungen, wobei dem Wort ‚nützlich’ ein universaler, absoluter Sinn<sup>6</sup> zugewiesen wird, der außer Acht lässt, dass ‚nützlich’ gerade nur im Hinblick auf einen Zweck zu bestimmen ist. Dies führt nicht nur zum Sinnverlust, sondern auch zum Verlust „des Bedürfnisses zu verstehen“<sup>7</sup> selbst.</p>
<p>Infolge der Verunmöglichung der Frage nach dem Sinn, stellt kapitalistische Vergesellschaftung die Autonomie der Vernunft in Frage, deren Pointe eben darin besteht, dass sie sich durch nichts äußerliches, sondern nur durch sich selbst begründen kann. Sie kann – und darf – sich gerade nicht auf ihre Zweckmäßigkeit berufen, sondern ist unmittelbar mit dem vernünftigen Individuum selbst verbunden, dass sich im Vollzug der Vernunft als Selbstzweck setzt. Das <i>revolutionäre Subjekt</i> ist demnach nicht einfach das Ergebnis bestimmter gesellschaftlicher Umstände, sondern vielmehr eine spezifische Form der Subjektwerdung, die als solche revolutionär ist, weil in ihr Subjektivität und Objektivität als laufend miteinander vermittelt erkannt werden können. Das wiederum bedeutet: es geht nicht um eine einmalige ‚Bewusstwerdung’, sondern um einen konstanten Prozess. Epistemologisch gewendet: „what we do shapes and constrains what we can know“<sup>8</sup> – und zwar parallel zur ewigen Bewegtheit des Lebensprozesses, die nur regressiv, d.h. ideologisch, stillgestellt werden kann. Diese Bewegung entzieht sich der Verdinglichung von Vernunft zu Rationalität, die dann nur noch als spezifische Rationalität innerhalb eines bestimmten Nutzenkalküls aufscheinen kann, ohne Auskunft darüber geben zu können, ob dieser Nutzen gerechtfertigt ist.</p>
<p>Das aber heißt, dass, von der Erfahrung auszugehen, immer bedeuten muss, von der <i>Pluralität der Erfahrung</i> auszugehen, deren Entstehungsbedingungen in den Erkenntnisprozess mit einzubeziehen, und der Illusion unmittelbarer, unschuldiger Erfahrung eine Absage zu erteilen. Subjektivität gibt es nicht als singuläre Entität, unabhängig von Anderen und Anderem; es gibt sie, genauso wie Objektivität, nicht als ‚fertige’, sondern nur als sich ständig rechtfertigende, ständig sich selbst in Frage stellende. Auch aus erkenntnistheoretischer Perspektive gilt es also, sich für gesellschaftliche Verhältnisse einzusetzen, die die ideologische Illusion überflüssig machen, indem sie ihrer nicht mehr bedürfen.</p>
<h3>Fußnoten:</h3>
<p>1: Dahlmann, Manfred: „Freiheit und Souveränität – Kritik der Existenzphilosohie Jean-Paul Sartres“. Ça ira, Freiburg, 2013. S.63.</p>
<p>2: Ebd. S.83.</p>
<p>3: Arendt, Hannah: „Vita Activa – oder vom tätigen Leben“. Piper, München, 1967. S.39.</p>
<p>4: Transzendenz ist die Überschreitung der vorhandenen Wirklichkeit in der Reflexion auf deren vorgefundene Einrichtung in Konfrontation mit deren Potential. Mit Marx: Transzendenz begegnet uns im Reich der Freiheit, in Abgrenzung zum Reich der Notwendigkeit.</p>
<p>5: Beauvoir, Simone de: „Soll man de Sade verbrennen? &#8211; Drei Essays zur Moral des Existentialismus“. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg, 1964. S.169f.</p>
<p>6:  Vgl. ebd. S.156.</p>
<p>7: Vgl. Arendt, Hannah: „Zwischen Vergangenheit und Zukunft – Übungen im politischen Denken I“. Piper, München, 1994, S.120.</p>
<p>8: Harding, Sandra: “Epistemological Questions”. In: Harding, Sandra (ed.): “Feminism and Merhodology – Social Science Issues”. Indiana University Press, Bloomington and Indianapolis, 1987, p. 181-193. p.185.</p>
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		<item>
		<title>Unheimliche Animositäten</title>
		<link>https://gewi.bagru.at/gezeit/archiv/2017/unheimliche-animositaeten/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[FV GEWI]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 15 Jul 2017 15:08:44 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2017]]></category>
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					<description><![CDATA[Antisemitismus in queerfeministischen und postkolonialen Zusammenhängen. Die Problemkonstellation, Antisemitismus in queerfeministischen und postkolonialen Szenen, wird insbesondere augenfällig in den Bündnispolitiken: So organisierte etwa, unter anderen mit Rasmeah Odeh, eine palästinensische Terroristin, die mit einem Sprengstoffanschlag zwei junge Israelis tötete und&#8230; <a href="https://gewi.bagru.at/gezeit/archiv/2017/unheimliche-animositaeten/" class="more-link">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<h3>Antisemitismus in queerfeministischen und postkolonialen Zusammenhängen.</h3>
<p>Die Problemkonstellation, Antisemitismus in queerfeministischen und postkolonialen Szenen, wird insbesondere augenfällig in den Bündnispolitiken: So organisierte etwa, unter anderen mit Rasmeah Odeh, eine palästinensische Terroristin, die mit einem Sprengstoffanschlag zwei junge Israelis tötete und neun weitere verletzte, den US-weiten Streik zum Weltfrauenkampftag 2017. Auch beim <i>women‘s march on Washington</i> war mit Linda Sarsour eine Organisatorin beteiligt, die – wenn sie schon niemanden selbst umgebracht hat – zumindest Sympathien für Muhammad Allan, einem Mitglied des <i>Islamic Jihad</i> hegt. Den leichtfertigen Schulterschluss mit Apologeten der Gewalt gegenüber Jüdinnen und Juden findet sich in ähnlichen aktivistischen Zusammenhängen zuhauf, von den <i>queers for palestine</i> über den regressiven Antizionismus Judith Butlers (welche einst die Hamas als Teil der globalen Linken bezeichnete).<br />
An dieser Stelle möchte ich darauf verzichten, weitere Beispiele aneinander anzureihen, sondern möchte eher versuchen, den Blick auf die blinden Flecken der theoretischen Grundlagen dieser aktivistischen Gegenpolitiken zu lenken, die den virulenten Antisemitismus begünstigen. Es geht mir dabei darum, zu fragen, warum eine Bewegung, die derart sensibel für intersektionale Verschränkungen der Diskriminierung ist, vielmals nicht in der Lage scheint, Antisemitismus zu sehen. Die Gegenstandsbestimmung kann bei diesem Unterfangen bereits auf ersten Widerspruch stoßen: Warum sollte man postkoloniale und queere Theorie zusammenwerfen? Sind das nicht eigentlich zwei ganz unterschiedliche Interventionen, mit einer ganz unterschiedlichen Geschichte? Das trifft sicher zu, dennoch halte ich es nicht für unlauter, hier beide Ansätze zu diskutieren, zielt ihre politische Praxis doch – verkürzt gesagt – auf zwei simultane Momente ab: einerseits marginalisierte Identitäten sprechen zu lassen und andererseits Identität zu dekonstruieren. So widersprüchlich dieses Nebeneinander scheint, reflektiert es doch eine strategische Notwendigkeit: Hebt die Dekonstruktion auf einen <i>kommenden</i> Zustand ab, in welchem der starre Zwang zur Identität aufgehoben ist, in einer ‚freien Wahl‘ von Selbstpositionierungen, so stellt die Repräsentationskritik, welche der Stimme der <i>Subalternen</i> Gehör verschaffen will, der sozialen Realität ihre <i>derzeitige</i> Machtlosigkeit in Rechnung. In der Ablehnung von Fremdzuschreibung, dem <i>Othering</i>, der Positionierung durch andere, finden die Strategien von Identitäts- und Repräsentationskritik zueinander. So sinnfällig ihr Wechselspiel auch in der Kritik von Rassismus oder Sexismus scheint, so wenig vermag diese Kritik die Erscheinungsformen des modernen Antisemitismus’ zu fassen, und wendet sich im Falle des antisemitischen Ressentiments sogar unmittelbar gegen jene, die immer noch einer totalen Vernichtungsdrohung ausgesetzt sind, den Jüdinnen und Juden. Wie Bini Adamczak schreibt:<br />
„Die Dichotomie Jüdinnen/Deutsche lässt sich darum nicht auf dieselbe Weise dekonstruieren wie die Dichotomie Mann/Frau, weil zu keinem Zeitpunkt der Geschichte gegen Frauen, Transsexuelle und auch Homosexuelle eine totale Vernichtungsdrohung formuliert wurde. […] Auschwitz hat die Kategorien Jüdinnen und Deutsche in besonderer Weise in die Welt gezwungen &#8211; dieses historische Gewicht lässt sich nicht einfach abtragen“ (S. 237).</p>
<p>Jüdinnen und Juden sind spätestens seit dem Aufkommen des Nationalstaates mit der Unterstellung einer unverrückbaren Identität konfrontiert. Gleich ihrer Assimilationsbemühungen galten sie dem Nationalismus als Dritte, die mit ihrer vermeintlichen Homogenität eine Ambivalenz verkörpern, welche das nationale Gefüge bedroht. Eine Dekonstruktion der jüdischen Identität zu fordern, welche ihnen nicht zuletzt im Stande der Unfreiheit und letztlich der Vernichtung aufgezwungen wurde, negiert, dass die Gefahr längst nicht vorüber ist: Denn im Gegensatz zum rassistischen Bewusstsein, welches durchaus der ethnopluralistischen Teilung der Welt geneigt ist, duldet das antisemitische Bewusstsein auch keine Juden auf dem Mond.<br />
Der Zionismus, welcher letztlich zur Gründung des Staates Israel führte, ist jenseits seiner theologischen Dimension eine Reaktion auf eben diesen modernen Antisemitismus. Unfähig oder Unwillens, diese existentielle Bedrohung ernst zu nehmen, machen sich aber Theoretiker_innen wie Judith Butler ans Werk, die jüdische Identität zu dekonstruieren. Wie Ljiljana Radonić (2016) herausarbeitet, versteht Butler Jüdisch-Sein in der Diaspora als anti-identitäres Projekt: „in diesem Sinne heißt Jude ‚sein‘ sich von sich selbst zu trennen“, und weiter, „die Betrachtung des Jüdischseins im Moment seiner Begegnung mit dem Nicht-Jüdischen und der sich daraus ergebenden Zerstreuung des Selbst“ (zit. nach ebd.: 213). Wirkt die Identitätskritik angesichts der fortwährenden Bedrohung zynisch, greift hier auch die Repräsentationskritik daneben, wenn sie einer Finte des modernen Antisemitismus auf den Leim geht: Seit der Vernichtung der europäischen Jüdinnen und Juden äußert sich Antisemitismus nicht länger unverhohlen, sondern kryptisch, über Umwege. Die Bilder, deren sich bedient wird, verraten ihre antisemitische Abkunft einerseits durch die Tradition, in der sie stehen (vom Brunnenvergiften zum Wasserabgraben), und andererseits durch die dahinterliegenden Affekt- und Ressentimentstrukturen. Sie aufzurufen ist attraktiv, weil sie die gleichen psychischen wie gesamtgesellschaftliche Funktionen erfüllen, wie der ‚ungeschönte‘ Antisemitismus.</p>
<p>Gleichzeitig verschwindet in der queer-feministischen Theorie und ihrer aktivistischen Praxis das Moment des Sexuellen, und damit die Einsicht in eine grundlegende Zerrissenheit moderner Subjektivität. Mit der Fokussierung auf Anerkennung und Repräsentation marginaler Identitäten geht eine Reduktion des Sexuellen auf seine augenfälligsten Erscheinungsformen einher, auf bestimmte Formen des Begehrens, die mit der psychischen Instanz des Ichs assoziiert sind. Kaum wo deutlicher kommt diese Tendenz zum Ausdruck als im Diskurs über die sogenannten Asexuellen – Menschen, die kein Verlangen nach Sex haben. Gleich dieser Diskurs nicht selten psychoanalytisch informiert auftritt, negiert er doch grundsätzlich, was nach Freud das besondere an dem Sexuellen ist. Dieses beschränkt sich eben nicht auf Ausdrucksformen des intimen Geschlechtsverkehrs, sondern umfasst sämtliche Triebregungen. Der Begriff Asexualität suggeriert irreführend, es könne Menschen ohne Sexualität geben. So aber scheint sich die zeitgenössische queer-feministische Theorie das Sexuelle zu denken, als ein Beiwerk zur (Geschlechts-)Identität, welches einerseits durch die heterosexuelle Matrix fixiert ist, andererseits aber auch verschoben werden kann. Diese Marginalisierung des Sexuellen korrespondiert durchaus mit der allgemeinen zeitgenössischen Entwicklung der Psychoanalyse und leistet dem antisemitischen Ressentiment insofern Vorschub, als dass es den Riss kaschiert, der sich durchs Subjekt zieht, und damit das Phantasma möglicher Ganzheit nährt. Vergeschlechtlichung geht immer mit der Erfahrung des Mangels einher. Nach Freud (1909) ist der Kastrationskomplex „die tiefste unbewusste Wurzel des Antisemitismus, denn schon in der Kinderstube hört der Knabe, daß dem Juden etwas am Penis – er meint ein Stück des Penis – abgeschnitten werde, und dies gibt ihm das Recht, den Juden zu verachten“ (Anm. von mir, ebd.: 271). Die Angst vor der Kastration, der Entmannung, und dem damit einhergehenden Autonomieverlust, führt zum <i>Untergang des Ödipuskomplexes</i>: Die Objektbesetzung der Mutter durch den Jungen wird aufgegeben, zugunsten einer Identifikation mit der väterlichen Autorität, welche jedoch nur um den Preis der Unterwerfung unter selbige zu haben ist. Die Beziehung des Jungen zum Vater ist fortan ambivalent geprägt: Einerseits lockt in der Identifikation mit ihm das Versprechen, sich eines Tages an seine Stelle setzen zu können; andererseits untersagt das patriarchale Gesetz den unmittelbaren Lustgewinn. Die Wut gegen die Versagung richtet sich gegen das Ich mit der Aufrichtung einer psychischen Instanz, die das Gesetz im Inneren repräsentiert, das Über-Ich. Die Individuation des Jungen geht also mit der Opferung einer Objektbindung zur Mutter einher, damit der weiblichen Selbstanteile. Wie der Sozialpsychologe Sebastian Winter resümiert: „Unter dem ödipalen Gebot von dem Jungen Verdrängtes werde […] auf die beschnittenen Juden projiziert. Sie verträten das Versagte, die regressiven ‚Weiblichkeitswünsche‘ und trügen das Mal der Strafe“ (Winter 2013: 82). Beim Mädchen geht Freud (1925) zunächst von einem analogen Modell weiblicher Sexualentwicklung aus, welches er jedoch in späteren Arbeiten revidiert: „Beim kleinen Mädchen, meinten wir, müsse es ähnlich zugehen, aber doch in irgendeiner Weise anders“ (ebd.: 21). In <i>Einige psychische Folgen des anatomischen Geschlechtsunterschieds</i> gelangt er zu dem Schluss, der Kastrationskomplex und dazu komplementär der Penisneid des Mädchens müsse dem Ödipuskomplex zeitlich vorgelagert sein: „Während der Ödipus-Komplex des Knaben am Kastrationskomplex zugrunde geht, wird der des Mädchens durch den Kastrationskomplex ermöglicht und eingeleitet.“ (ebd.: 28) Eine progressive, psychoanalytisch informierte und feministische Kritik, wie sie beispielsweise Luce Irigaray in den 1970ern formulierte, müsste nun weniger auf eine Leugnung dieser Sozialisationsverhältnisse abzielen, indem sie das Schmerzhafte der Sexualität zugunsten des Phantasmas der Identität negiert, sondern eben auf ihre Anerkennung als gesellschaftliche Realität. Damit das triebhafte Subjekt die eigenen Bedürfnisse, die der Mangel ihm schlägt, nicht auf den Anderen, also historisch wie aktuell, die Jüdinnen und Juden projiziert, muss es sich von der Illusion einer gelungenen, widerspruchsfreien Identität verabschieden, zumindest unter gegenwärtigen gesellschaftlichen Verhältnissen.</p>
<p>Die postkoloniale und queer-feministische Theorie richtet sich vornehmlich gegen (tradierte) kolonialrassistische und sexistische Konstruktionen. Dem kolonialen und sexistischen Denken wohnt eine Dichotomie inne, welche die Eigengruppe aus der Abwertung einer homogenisierten Fremdgruppe formt. Antisemitismus, gesellschaftstheoretisch verstanden, lässt sich aber nur teilweise mit der Konstruktion einer entwerteten Gruppe begreifen. Vielmehr richtet sich der Antisemitismus historisch wie aktuell in seiner Wut gegen die Bedrohung der Dichotomie, gegen die Ambivalenz, welche die manichäische Spaltung der Welt verunsichert (vgl. Bauman 2002). Dies wird etwa deutlich in der Betrachtung der widerstreitenden Motive, welche im antisemitischen Bewusstsein erscheinen: ‚Der Jude‘ ist hier einerseits Weltbeherrscher und Parasit, lüstern und verklemmt, bolschewistisch und finanzkapitalistisch, patriarchal und feminin, Imperialist und Marionette, vergeistigt und triebhaft. Es ist die eigene Ambivalenz, die subjektive Unaushaltbarkeit der eigenen widerstrebenden Kräfte im Subjekt, die – in der Diktion Horkheimers und Adornos – pathisch projiziert werden. Die Projektion gesellschaftlicher wie innerpsychischer Widersprüche auf die konkrete TrägerInnengruppe der Jüdinnen und Juden, steht im Zeichen der Komplexitätsreduktion, der Vereinfachung der Welt zugunsten ihrer vermeintlichen Beherrschbarkeit. Im Antisemitismus erscheinen die Jüdinnen und Juden als Verkörperung der Unsicherheit, der objektiven Zumutungen moderner Verhältnisse, und treten so selbst ihren Verfolgern als Verfolger auf. In der Konsequenz unterscheidet sich Antisemitismus gravierend vom Rassismus. Während im Rassismus eher eine ethnopluralistische Teilung der Welt angestrebt wird, die vermeintlich inferioren Völker gewaltsam an ihren ‚angestammten Platz‘ verwiesen werden, benügt sich der Antisemitismus der Moderne nicht länger in der Ghettoisierung von Jüdinnen und Juden, sondern zielt auf ihre Vernichtung ab. ‚Der Jude‘ irritiert die eigene Identität, welche durch den kolonialrassistisch und sexistisch konstruierten Anderen eher gefestigt wird. Dies lässt sich etwa im nationalen Antisemitismus leicht ausmachen: Nach Hannah Arendt wurden die in der Diaspora lebenden Jüdinnen und Juden für das nationalistische Bewusstsein zu einem Problem, in einer Zeit, in welcher sie sich in gesellschaftlichen Teilbereichen emanzipieren beziehungsweise assimilieren konnten (vgl. Salzborn 2010b: S. 398f.), also sich räumlich wie sozial weniger aus- und eingrenzen ließen. Die Durchlässigkeit, die mangelnde Abgrenzbarkeit der eigenen nationalen Zugehörigkeit, schien zum Problem zu werden, weshalb ‚dem Juden‘ als Dritten, der Nation zersetzende Kräfte zugeschrieben wurden. Es liegt eine gewisse Tragik darin, dass aus Bewegungen, welche sich der Verteidigung von Ambivalenz verschrieben haben, gegen jene geschossen wird, die als Verkörperung der Ambivalenz der permanenten Morddrohung ausgesetzt sind, so wie generell eine Tragik in der Linken liegt, einerseits die Begriffe entwickelt zu haben, Antisemitismus zu überkommen, und andererseits diesen ständig zu reproduzieren.</p>
<p>Gleichzeitig ist der Vernichtungswille des antisemitischen Ressentiments heute in westlichen Ländern kaum mehr artikulierbar. Der moderne Antisemitismus, welcher seinerseits im Entstehen bereits bemüht war, sich wissenschaftlich zu legitimieren, vom ‚Radauantisemitismus‘ der Straße abzugrenzen, hat sich historisch desavouiert. Ihn zu äußern ist nicht länger opportun und schließt die SprecherInnen aus der sozialen Gemeinschaft aus. Die staatstragende Parteinahme für die im deutschen Vernichtungswahn ermordeten Jüdinnen und Juden kontrastiert jedoch stark mit dem privaten Alltagsantisemitismus (vgl. Pollock 1955). Dieser kann sich im öffentlichen Raum nur kryptisch artikulieren (vgl. Adorno 1971), nur über Chiffren, die dann von den ZuhörerInnen verstanden werden müssen. Eine der derzeit gängigsten Umwege, über welche das antisemitische Ressentiment sich Gehör verschaffen kann, ist die Kritik am Staate Israel, womit nicht die Kritik bestimmter politischer Vorgänge gemeint ist, sondern die Ablehnung des jüdischen Staates als solchen. Im israelbezogenen Antisemitismus lassen sich sowohl ‚klassische‘ Stereotype ausdrücken, wie der jüdische Griff nach der Weltherrschaft, als auch Motive sekundären Antisemitismus, der intendierten Lockerung des Schuldzusammenhangs, welcher Deutschland als Rechtsnachfolgestaat mit dem Dritten Reich verbindet. Israel werden so Verbrechen zugeschrieben, die das nationalsozialistische Deutschland selbst an den Jüdinnen und Juden begangen hat. Die postkoloniale Kritik entwertender Fremdkonstruktionen, die rassistische Dichotomie der Welt, zielt an der Besonderheit des modernen Antisemitismus vorbei. Gleichzeitig bedient sie dort, wo das antiimperialistische Erbe im politischen Aktivismus postkolonialer TheoretikerInnen aufgehoben ist, einen Manichäismus, welcher strukturellen Antisemitismus reproduziert. Den ‚guten‘ Völkern, den ethnisch bestimmten Gruppen, welche mit dem Boden über Geschichte und Tradition verwurzelt seien, steht dann eine zersetzende (kultur-)imperialistische Kraft gegenüber, welche vielmals mit den Staaten Israel und USA identifiziert wird. In dieser komplexitätsreduzierenden, ethnopluralistischen Weltsicht – welche sich wie ein roter Faden beispielsweise durch die Werke Edward Saids zieht – wird Emanzipation fehlverstanden als eine Ablehnung sogenannter ‚westlicher Werte‘, den Prinzipien der Aufklärung, Rationalität und individueller Freiheit. Damit fällt sie hinter die Argumentation Frantz Fanons – des postkolonialen Theoretikers <i>avant la lettre</i> – zurück, in welcher die universalistischen Versprechen unhintergehbar und vom postkolonialen Subjekt zu transzendieren sind: Die Verdammten dieser Erde werden hier aufgefordert durch die Aufklärung <i>hindurchzugehen</i> nicht diese abzuschütteln.</p>
<p>Insbesondere im postnationalsozialistischen Deutschland kann die Vereinfachung des postkolonialen Diskurses dazu dienen, ein Bedürfnis nach Schuldabwehr zu befriedigen. Wie Astrid Messerschmidt (2008) feststellt, wurden bis in die 1980er Jahre Rassismus und Antisemitismus meist unter den Nationalsozialismus subsumiert. Neben der Historisierung der beiden Phänomene habe deren Gleichsetzung zu einem Reduktionismus geführt, welcher wahlweise Antisemitismus aus Rassismus erklärt oder umgekehrt. Wider diese Tendenz fordert Messerschmidt: „Die Verankerung der Kolonialgeschichte im kollektiven Gedächtnis der Deutschen kann nicht additiv geschehen […] sondern bedarf einer Reflexion des zeitgeschichtlichen Kontextes nach Auschwitz“ (ebd., S. 53). Die postkoloniale Theorie steht in Deutschland vor der Aufgabe, den kolonialen Rassismus eingedenk der nationalsozialistischen Vergangenheit zu kritisieren, ohne ihn darauf zu reduzieren, und so Sensibilität gegenüber (strukturellem) Antisemitismus zu entwickeln.</p>
<h3>Literatur</h3>
<p>Adamczak, Bini (2005). Antisemitismus dekonstruieren? Essentialismus und Antiessentialismus in queerer und antinationaler Politik. In: A.G. Gender-Killer (Hrsg.). Antisemitismus und Geschlecht. Von „maskulinisierten Jüdinnen“, „effeminierten Juden“ und anderen Geschlechterbildern. Münster.</p>
<p>Bauman, Zygmunt (2002). Dialektik der Ordnung. Die Moderne und der Holocaust. Hamburg.</p>
<p>Freud, Sigmund (1909). Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben. GW Bd. VII. Frankfurt a.M.</p>
<p>Freud Sigmund (1925). Einige psychischen Folgen des anatomischen Geschlechtsunterschieds. GW Bd. XIV. Frankfurt a.M.</p>
<p>Radonić, Ljiljana (2016). Von der friedfertigen Antisemitin zur queer-theoretischen Post-Zionistin. In: Charlotte Busch, Martin Gehrlein &amp; Tom Uhlig (Hrsg.). Schiefheilungen. Zeitgenössische Betrachtungen über Antisemitismus. Wiesbaden.</p>
<p>Winter, Sebastian (2013). Geschlechter- und Sexualitätsenwürfe in der SS-Zeitung Das Schwarze Korps. Eine psychoanalytisch-sozialpsychologische Studie. Gießen.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Eichmanns Schatten: Groschenromane des Traumas</title>
		<link>https://gewi.bagru.at/gezeit/archiv/2017/__trashed/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[FV GEWI]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 15 Jul 2017 15:06:39 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2017]]></category>
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					<description><![CDATA[Zum Verhältnis von Pornographie und Shoah. „For an Israeli child in the 1960s, these are Jews. He doesn‘t think of Poles or Frenchmen. For him, the inmates are all Jews. The victims of abuse are his parents. His grandparents. Potentially,&#8230; <a href="https://gewi.bagru.at/gezeit/archiv/2017/__trashed/" class="more-link">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<h2>Zum Verhältnis von Pornographie und Shoah.</h2>
<blockquote><p><em>„For an Israeli child in the 1960s, these are Jews. He doesn‘t think of Poles or Frenchmen. For him, the inmates are all Jews. The victims of</em><br />
<em>abuse are his parents. His grandparents. Potentially, himself. The only way not to be subject to such abuse is to be the abuser himself.“</em><br />
&#8211; Prof. Omer Bartov, in: „Pornographie und Holocaust“ (2008, Regie: Ari Libsker)</p></blockquote>
<h3>Neurotischer Despot, verführerische SS-Offizierin: Die Stalagliteratur</h3>
<p>In „Kitsch und Tod“ beschrieb Saul Friedländer 1984 die Faszination am Nazismus durch eine (vermeintliche) Gegensätzlichkeit:<br />
„[&#8230;] dem Hitler der Vergangenheit und dem Hitler, wie er heute gesehen wird, den historischen Fakten und der retrospektiven Interpretation, den wirklichen Ereignissen und ihrer Ästhetisierung und, nicht zuletzt, mit dem ‚humanen Menschen‘, der durchaus für sich einzunehmen weiß, mit dem Biedermann in seiner Welt aus Kitsch, und der blinden Energie, die alles vernichtet.“ 1 Kitsch als Moment des Eigenbrödler- und Spießertums, archetypisch am Deutschen, beschrieb auch Hannah Arendt in „Banalität des Bösen“ 2 , welche Adolf Eichmann verkörpere.<br />
Am 11. April begann, am 15. Dezember 1961 endete der Prozess gegen Adolf Eichmann mit der – als bisher einziger Delinquent in Israel – Verurteilung zum Tode. Er wurde am 1. Juni 1962 gehängt. Dreizehn Jahre nach der Gründung des Staates Israel trat erstmalig die traumatische Erfahrung der Shoah in die israelische Öffentlichkeit.</p>
<p>Doch begann der Prozess der Erinnerung an die Shoah nicht nur legal mit dem Eichmann-Prozess durch Zeugenaussagen vor Gericht, sondern während dieser Zeit auch verfemt von jugendlichen Nachkommen der Überlebenden in Gestalt pornographischer Groschenromane, der Stalags. Alle Stalags, angelehnt an die Bezeichnung der Kriegsgefangenenlager<br />
„Stammlager“, einte eine Handlungslinie, welche in immer der selben Art und Weise vom Trauma abstrahierte und damit Stalags mehr als nur zu obszöner Pornographie machte.</p>
<p>Stalags galten als erste, leicht zu erwerbende Pornographie in den 60er Jahren Israels. Die Geschichten handelten von amerikanischen oder britischen Piloten, welche von Deutschen in Gefangenschaft genommen und von vollbusigen SS-Aufseherinnen gefoltert und sexuell missbraucht wurden. Den Protagonisten gelang ihre Befreiung und sie rächten sich mit denselben<br />
Mitteln an ihren Foltererinnen. Das Genre der Sadiconazista ist in der Schundromanliteratur in den 60er, filmisch in den 70er Jahren in Italien bekannt geworden. Filme wie „Portiere di notte“ und „L‘Ultima Orgia della Gestapo“ sind hierfür als Beispiel zu nennen. Auch aktuelle Produktionen, wie beispielsweise „Inglorious Basterds“, lassen sich durch einige Merkmale in das Genre einfassen, wenn auch im Vergleich zu klassischen Sadiconazista mit nur schwach ausgeprägte sexuelle Referenzen, durch den Fußfetisch Tarantinos 3 (Hans Landa und der verlorene Schuh Brigitte von Hammersmarks). Das reißerische Rachemotiv (der Bärenjude und femme fatale Emanuelle Mimieux), mit dem sich die Zuschauerschaft gesellschaftlich verträglich fasziniert identifizieren kann und die damit einhergehende Enthistorisierung sind für das Genre konstitutiv.<br />
Neben neurotischen Despoten und sexualisierten SS-Aufseherinnen erscheint wichtig, die Figuren der passiven Opfer sowie die der Kapos, der Handlanger, auf die ich später noch zurückkommen werde, anzuführen. Die passiven Opfer sind dabei Figuren, die gefoltert und ermordet werden und beliebig ersetzbar sind. 4 Die Kapos hingegen, einst selbst Opfer, sind als zwischen Kitsch und Vernichtung verhaftete SS-Männer dargestellt, die „[&#8230;] Klavierstücke aus dem Repertoire der deutschen Klassik [spielen], während nebenan vielleicht gefoltert wird“. 5</p>
<h3>Neuer Jude, neuer Staat: Zur Krise der Männlichkeit und nationalen Identität</h3>
<p>Als Vorbild der Stalags fungierten amerikanische Männermagazine der späten 1950er Jahre 6 , deren Inhalte im Zuge des Beginns der Zweiten Welle der Frauenewegung 7 sich vom sexistischen<br />
Grundmotiv der Frau in Bedrängnis &#8211; eines vom Mann heroisch begangenen abenteuerlichen Weges zur Rettung des Dummchens aus der Patsche &#8211; zum misogynen Ressentiment offenbarte. In der realen Angst vor der sexuell befreiten Frau schuf sich, textlich und stark bebildert, das Motiv der Bestrafung der Frau als Verführerin und Monade autonomer Sexualität im neuen Genre der „Folterromane“. 8 In „Stalag 13“ ist der Protagonist des Romans Mike Baden das Porträt des Machismo, der, trotz Niederschuss der Franzosen in der Normandie, sich im feindlichen Gebiet behaupten könne, bis er von einem ansässigen Bauern verraten wird: „[he] arrives at the camp, all without losing his poise.“ 9<br />
Die Shoah, das Unaussprechliche, umkreiste als Tabu die Nachkommen der Überlebenden insofern, als dass das Erwachsenwerden untrennbar mit dem Beweis des Überlebens verbunden ist 10 , sodass das zionistische Identitätsmoment eines neuen Juden in der gedanklichen Figur des Sabra als Leitkultur fungierte 11 : als ein Jude, der sich trotz allumgebender Feindschaft dennoch aufrichtig am Leben hat halten können und nach der Alija 12 in <em>Eretz Israel</em> seine Wurzeln wieder schlug. Ein Sabra ist stolz, wehrhaft und männlich.</p>
<p>Yehiel Feiner veröffentlichte unter dem Pseudonym <em>Ka-Tzetnik 135633</em>[13] den semi-autobiografischen Roman „The House of Dolls“ („Freudenhaus“), welcher von eigen ausgewiesenen Baracken handelte, in denen in erster Linie Jüdinnen zum Sex gezwungen wurden. Sein Roman wurde teilweise als „unzulässige Holocaustliteratur“ geächtet, da die einzig zulässige eine halbfiktionale sei, in der die Handlung durch heldenhaften Widerstand und Aufopferung gekennzeichnet ist. 14 Die Metapher des Sabra ist als Symbol des Zionismus zu deuten, der im offenen Widerspruch zum Imperialismus steht: „Sabra“ trägt in sich das Moment des Zwangs, sich gegen die existenzielle Bedrohung in der Menschheitsgeschichte und in der Geschichte der Zivilisation wehren zu müssen.</p>
<p>Das erste Stalagheft wurde 80.000 Mal verkauft 15 – die Leserschaft setzte sich vor allem aus männlichen und heterosexuellen Nachkommen Holocaustüberlebender zusammen. 16 Nur wenige Jahre nach der Staatsgründung lag mit der Suezkrise 1956 die letzte militärische Auseinandersetzung mit einem direkten arabischen Nachbarstaat zurück. Die permanente Bedrohung und die dadurch entstandene Zerrissenheit spiegelt sich auch in der Gesetzgebung wider: der öffentliche Skandal an den Stalag war nicht etwa die Beschreibung und Darstellung nazistischer Bilder in der Pornographie, sondern der pornographische Anteil selbst. 17 So wurde der wohl mit Abstand skandalöseste aller Stalags „Ich war Oberst Schultzes Hündin“ 1962 aufgrund der obszönen sexuellen Darstellungen als einziger gerichtlich angeordnet verboten und der Autor mit der Höchststrafe von drei Monaten verurteilt. 18 Der israelische Rechtskreis lehnt sich am common law, eine Remineszenz des britischen Mandats, an und umfasst daher auch die praktisch-judikative Öffnung zum Präzedenzfall. Doch galt dieses Verbot nicht als ein Referenzpunkt für spätere richterliche Urteile, sondern die Produktion wurde mit der Hinrichtung Eichmanns Mitte 1962 so gut wie komplett eingestellt: „Ihr Verschwinden zeigt mehr eine Verlagerung vom Kollektiven in das Private“. 19 Das Erscheinen von Stalags, ihrer Gleichzeitigkeit zum Eichmann-Prozess und die Vergangenheit ihres Gegenstands müssen daher als Moment des zerrissenen Bewusstseins und des Traumas der Shoah verstanden werden; als versuchter Bruch des familiären Schweigens über das Unaussprechliche.</p>
<h3>Tagtraum Pornographie, Trauma Shoah: Zur Differenz von Erotik und Perversion</h3>
<p>Eli Keidar, Autor der ersten Stalags und Konsument, beschreibt in einem Interview mit dem Regisseur Ari Libsker seine Nervosität, einhergehend mit somatischen Symptomen, wenn er bei  seinen Eltern weilte: „Jeden zweiten Tag glaubte meine Mutter, dass sie oder ich sterben würde“. Er berichtet ebenfalls, dass, wann immer sie diskutierten, die Mutter sich bedroht sah zu sterben und ihm dafür die Schuld gab. 20 Keidar steht stellvertretend für eine Generation der Symptomträger 21 der Kinder Überlebender, die durch den Konsum der Stalags „ein Drehbuch agieren, das nicht ihr eigenes, sondern in Wahrheit Teil der Geschichte ihrer Familien und insbesondere jener Angehörigen ist, die den Holocaust überlebt hatten“. 22</p>
<p>In der Psychoanalyse lässt sich die Pornographie zu den Tagträumen zählen, die der „Befriedigungen ehrgeiziger, großsüchtiger, erotischer Wünsche [dienen], die um so üppiger gedeihen, je mehr die Wirklichkeit zur Bescheidung oder zur Geduldung mahnt.“ 23 Die Einbettung dieser Sehnsüchte im Stalag zur Vermeidung einer Retraumatisierung ermöglicht hierbei eine sekundäre Bearbeitung des Traumas. Der realhistorische Bezug durch die Darstellungen des Lagers und die meist englischen Pseudonyme der Autoren zum Eindruck einer nicht zu nah an der Realität<br />
erinnernden Authentizität offenbart sich &#8211; durch eine Verfremdung und Entstellung des individuellen Leides 24 &#8211; der Bezug auf die Judenvernichtung, ohne dass die Darstellungsfiguren Jüdinnen oder Juden sein müssten. „Um im Dienste eines lustvollen Erlebens einstiger Traumatisierung zu stehen, bedarf es in der Pornographie gewisser Rollenkonstellationen [&#8230;]: Neben<br />
der Rolle des Voyeurs in der sich der Konsument befindet, spielen Sadismus und Masochismus als Identifikationsangebote eine Rolle“. 25</p>
<p>Der Psychoanalytiker Robert Stoller beschreibt 1979 die Perversion als ein neurotisches Moment, dessen Rachebedürfnis aus der Frustration im ödipalen Konflikt entspringe. Zu betonen ist hier, dass sich nach Stoller als ‚pervers‘ nicht alles Abweichende zu verstehen ist, sondern erst, wenn „die Wahl des Objekts [&#8230;] dem Wunsch entspringt, dem Objekt zu schaden, und als ein Racheakt empfunden wird“. 26 Für den Traumatisierten und für die Traumatisierte gelten daher in der Regel zwei fragmentierte Introjekte, die sich in ihnen wiederfinden: das verfolgte Introjekt und das Täterintrojekt. 27 Sándor Ferenczi prägte den zur Projektion symmetrischen Begriff der Introjektion, eine psychische Operation der Einverleibung eines Objektes in das seelische Innere. Der primäre Narzissmus des Frühkindlichen würde damit gebrochen, indem das Kind realisiert, dass es nicht mit seiner Mutter eins ist. „Im Grunde genommen kann der Mensch eben nur sich<br />
selbst lieben; liebt er ein Objekt, so nimmt er es in sein Ich auf “ 28 und ermögliche eine identifikatorische Assimilation des Introjektes als Bereicherung. 29 Einverleibung bedeutet jedoch nicht zwangsläufig die Integration in das Ich: der Wiederholungszwang des ­Traumas wird sekundär bearbeitet und verbleibt damit eben nicht in das Ich integriert, sondern existiert im Subjekt als eine innere Realität, die durch die Motive in den Stalags szenisch reinszeniert wird. 30</p>
<p>Die Introjektion des Angreifers oder die Identifikation mit dem Aggressor, die „während der Traumatisierung als einzige Quelle narzisstischer Zufuhr“ 31 diente, erfüllt hier eine Doppelfunktion. Die Figur des Kapos decke sich „mit den inneren Anklagen der Opfer, die sich schuldig fühlen für die positiven Gefühle gegenüber den Tätern und ihrem introjizierten Strafbedürfnis“. 32 In diesem Sinne ist das Schlüsselmoment von Trauma zu Perversion die Rachephantasie: In der Perversion liegt „ein phantasierter Racheakt zugunde, in dem sich die sexuelle Lebensgeschichte des Betreffenden verdichtet – seine Erinnerungen und Phantasien, Traumen, Frustrationen und Freuden“. 33 Perversion ist die erotische Form von Hass. Die Geschlechterinversion von den vormeist Täter-Männern der Realität werden nun Frauen in der Phantasie, welche bewirkt, „dass die sexuellen Nötigungen durch den Verlust des Phallus und das Ausbleiben der Penetration von den zumeist heterosexuell ausgerichteten männlichen Konsumenten als weniger bedrohlich erlebt werden“ 34 . Während der neurotische Despot als Zerrbild der Täter dargestellt wird, bietet die verführerische SS-Offizierin eine Figur an, die den „aus narzisstischer Not ‚geliebte[n] Täter‘“ 35 chiffriert und legt somit das verinnerlichte Gegengewicht zu den stummen Nebenerscheinungen der Figuren ermordeter Mithäftlinge, den „Repräsentanten der Überlebensschuld“. 36</p>
<p>Die Bearbeitung der inneren Realität durch szenische Reinszenierung zeigt sich daher in den Stalags in der konkretistischen Form mit dem Schauplatz des Lagers als geschlossener Kosmos von Autorität; mit den verflachten Charakteren der Täter und Opfer: die Figuren in den Stalagromanen sind eindimensional, engstirnig und rachsüchtig – sie sind Abwürfe einer Zwangsphantasie, in der gefühlt werden kann, was nicht mehr gedacht werden darf. So flach wie die Charaktere der Figuren der Stalags sind, so unfassbar ist die Judenvernichtung. Erst durch die Inszenierung des Gerichtsprozesses, „[&#8230;] durch das Engagieren amerikanischer Filmteams zu Dokumentationszwecken, den Umbau eines Theaters zum Gerichtssaal und den untypischen Einstellungen der Kamera, die die Reaktionen des Verhandlungspublikums einfingen“ 37 , konnte Eichmann überhaupt „der Prozess gemacht“ werden. Bis kurz vor seiner eigenen Hinrichtung, für die<br />
Eichmann sich weigerte, eine Augenbinde zu tragen, 38 versprach er im Tode die Judenvernichtung erfolgreich zu beenden: „In einem kurzen Weilchen, meine Herren, sehen wir uns ohnehin alle wieder.“</p>
<blockquote><p><em>„Das perennierende Leiden hat soviel Recht auf Ausdruck wie der Gemarterte zu brüllen; darum mag falsch gewesen sein, nach Auschwitz ließe sich kein Gedicht mehr schreiben. Nicht falsch aber ist die minder kulturelle Frage, ob nach Auschwitz noch sich leben lasse, ob vollends es dürfe, wer zufällig entrann und rechtens hätte umgebracht werden müssen.“</em><br />
&#8211; &#8211; Theodor W. Adorno, in: Negative Dialektik</p></blockquote>
<h3>Fußnoten</h3>
<p>1: Saul Friedländer: Kitsch und Tod. Der Widerschein des Nazismus. Frankfurt/M: Fischer, 2007. S. 75</p>
<p>2: Hannah Arendt: Eichmann in Jerusalem.<br />
Ein Bericht von der Banalität des<br />
Bösen. München: Piper, 2011<br />
2<br />
Die zahlreichen Szenen der vielen Fil-<br />
me Tarantinos, für alle die sich Ta-<br />
rantino offen zum Fußfetischismus<br />
bekennen würde, hier aufzuzählen,<br />
würde den Rahmen völlig sprengen.<br />
3<br />
Marcus Stiglegger: Nazi-Chic und<br />
Nazi-Trash. Faschistische Ästhetik in<br />
der populären Kultur. Berlin: Bertz &amp;<br />
Fischer, 2011, S. 32<br />
4<br />
Rolf Grimminger: Terror in der Kunst.<br />
In: Merkur 2/1998, S. 116-127<br />
5<br />
Amit Pinchevski &amp; Roy Brand: Holocaust<br />
Perversions: The Stalags Pulp Fiction and<br />
the Eichmann Trial. In: Critical Studies<br />
in Media Communication. Vol. 24, No. 5,<br />
December 2007, pp. 387-407, S. 391<br />
6<br />
Für den Beginn der Zweiten Welle<br />
der Frauenbewegung in den USA ist<br />
die Executive Order zur Presidenti-<br />
al Commission on the Status of Women<br />
als zeitliche Zäsur zu verstehen. Diese<br />
Executive Order stützt sich dabei auf den<br />
unratifizierten, aber inhaltlich verkehrs-<br />
fähigen Verfassungszusatz zur recht-<br />
lichen Gleichstellung der Frau.<br />
7<br />
8 Pinchevski &amp; Brand, 2007: S. 391<br />
9 Pinchevski &amp; Brand, 2007: S. 394<br />
Pinchevski &amp; Brand, 2007: S. 388</p>
<p>11<br />
Jasmin Bleimling &amp; Adrian Kind:<br />
Stalag Holocaust-Pornographie. Eine psy-<br />
choanalytische Betrachtung der Trans-<br />
formationen des Traumas im Schatten<br />
des Eichmann-Prozesses in den 1960er<br />
Jahren in Israel. In: Psychosozial: Um-<br />
kämpfte Psyche – Zur Rekontextuali-<br />
sierung phsychischen Leids. 38. Jahr-<br />
gang, Nr. 142, 2015, Seite 71-83, S. 81<br />
„Alija“ bezeichnet im Judentum<br />
die Rückkehr in das Gelobte Land.<br />
12<br />
„Ka-Tzetnik“ steht als phonetisch aus-<br />
geschriebene, am Hebräischen angelehn-<br />
te Abkürzung für „Inhaftierter des KZ“.<br />
135633 war Feiners Häftlingsnummer.<br />
13<br />
14 Pinchevski &amp; Brand, 2007: S. 393<br />
15 Bleimling &amp; Kind, 2015: S. 72<br />
16 Bleimling &amp; Kind, 2015: S. 75<br />
17 Pinchevski &amp; Brand, 2007: S. 390<br />
18 Ebd.<br />
19 Bleimling &amp; Kind, 2015: S. 81<br />
Pornographie und Holocaust (2008,<br />
Regie: Ari Libsker)<br />
20<br />
21<br />
Bleimling &amp; Kind, 2015: S. 77<br />
Yolanda Gampel: Eine Tochter des<br />
Schweigens. S. 147 In: Bergmann,<br />
Jucovy &amp; Kestenberg (Hrsg.), Kinder der<br />
Opfer, Kinder der Täter. Psychoanalyse<br />
und Holocaust (S. 147-172). Frankfurt/M.:<br />
Fischer.<br />
Freud beschrieb in Jenseits des Lust-<br />
prinzips den unbewussten Auftrieb des<br />
Widerholungszwanges eines Traumas in<br />
ein Wiedererleben des Verdrängten. Die<br />
Reinszenierung unverarbeiteter und in<br />
der Wiederkehr aufscheinender Traumata<br />
und der dadurch entstehende Widerstand<br />
ist ein zentrales Moment in der psycho-<br />
analytischen Praxis: Widerstand und<br />
Übertragung als psychische Operationen<br />
sind Gegenstand des Analytiker-Analysa-<br />
nd-Verhältnisses. Die szenische Reinsze-<br />
nierung beschreibt hier die Wiederkehr<br />
des Verdrängten über den Konsum von<br />
Stalags, also auf ein nicht zur Gänze und<br />
damit nur sekundär zu bearbeitendes<br />
Trauma, da es nicht verbal, sondern nur<br />
phantastisch, in einer inneren Realität,<br />
„agiert“ wird &#8211; wenn davon denn hier noch<br />
die Rede sein darf, was zu bezweifeln ist.<br />
30<br />
Ilse Grubrich-Simitis (1979): Extrem-<br />
traumatisierung als kumulatives Trauma.<br />
Psychoanalytische Studien über seelische<br />
Nachwirkungen der Konzentrationslager-<br />
haft bei Überlebenden und ihren Kindern.<br />
Psyche, 33. Jahrgang, 991-1023, zitiert<br />
nach Bleimlinger &amp; Kind, S. 75<br />
31<br />
32 Bleimling &amp; Kind, 2015: S. 80<br />
33 Stoller, 1998: S. 94<br />
34 Bleimling &amp; Kind, 2015: S. 81<br />
35 Bleimling &amp; Kind, 2015: S. 80<br />
36 Ebd.<br />
37 Bleimling &amp; Kind, 2015: S. 74<br />
22<br />
Sigmund Freud:(1916-17a). Vorlesun-<br />
gen zur Einführung in die Psychoanalyse.<br />
GW XI<br />
23<br />
24 Bleimling &amp; Kind, 2015: S. 78<br />
25 Ebd.<br />
Der Spiegel 23/1962, http://www.spiegel.<br />
de/spiegel/print/d-45140452.html [zuletzt<br />
am 8.5.2017]<br />
38<br />
Robert J. Stoller: Perversion. Die eroti-<br />
sche Form von Haß. Gießen: Psychosozial.<br />
1998, S. 28<br />
26<br />
27<br />
Bleimling &amp; Kind, 2015: S. 76</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Antisemitismus im Queerformat</title>
		<link>https://gewi.bagru.at/gezeit/archiv/2017/antisemitismus-im-queerformat/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[FV GEWI]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 15 Jul 2017 15:05:06 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2017]]></category>
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					<description><![CDATA[Eine Verschwörungstheorie namens Pinkwashing. Seit sich in politischen und akademischen Zusammenhängen die Stränge postkolonialer, queerer und feministischer Theorie unter dem Paradigma der Intersektionalität immer stärker kreuzen, verbreitet sich virulent die antisemitische Verschwörungstheorie des „Pinkwashings“. Unter dieser Chiffre wird der Vorwurf&#8230; <a href="https://gewi.bagru.at/gezeit/archiv/2017/antisemitismus-im-queerformat/" class="more-link">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<h2>Eine Verschwörungstheorie namens Pinkwashing.</h2>
<p>Seit sich in politischen und akademischen Zusammenhängen die Stränge postkolonialer, queerer und feministischer Theorie unter dem Paradigma der Intersektionalität immer stärker kreuzen, verbreitet sich virulent die antisemitische Verschwörungstheorie des „Pinkwashings“. Unter dieser Chiffre wird der Vorwurf postuliert, der Staat Israel betreibe nur deshalb Gleichstellungspolitik für LGBT<sup>1</sup>, weil man damit Menschenrechtsverletzungen gegenüber den Palästinenser_innen verschleiern könne. Hierfür legen sich einschlägige Aktivist_innen z.B. zum „Die-In“ vor israelische Stände auf lesbischwulen Stadtfesten, demonstrieren vor Events zum Thema „Israel“ und bekommen Redezeit auf CSD-Veranstaltungen (vgl. Blech 2016, Saathoff 2016). Kritische Veranstaltungen, werden gezielt gestört<sup>2</sup>. Diese Vorfälle reihen sich ein in die Integration von Antisemitismus in antirassistische Bewegungen, wie <i>#BlackLivesMatter</i> und aktuelle Frauenbewegungen, wie dem <i>Women’s March</i> durch antizionistische Pro-Palästina-Aktivist_innen. Eine der Mitorganisatorinnen, Linda Sarsour, wird zitiert, dass Frauen, die den Staat Israel unterstützen, keinen Platz im Feminismus hätten (Harkov 2017). „Pinkwashing“ fokussiert sich gezielt auf das Thema „LGBT-Rechte“, dessen Vertreter_innen sind jedoch mit den genannten antirassistischen und feministischen Bewegungen verbunden. In diesem Essay liegt der Schwerpunkt auf „Pinkwashing“ als antisemitische Verschwörungstheorie. Zudem werden Verbindungen von Verkünder_innen des „Pinkwashing“ mit antisemitisch unterwanderten Bewegungen beleuchtet.</p>
<p>„Pinkwashing“ wurde erstmals um 2010 breit in die Welt getragen, als die queerfeministische Theoretikerin Jasbir Puar in einer englischen Zeitung gegen Israel als Staat wetterte, der nur scheinbar eine liberale Demokratie sei und dafür die Rechte Homosexueller instrumentalisiere (vgl. Puar 2010). Israel würde mit den Rechten Homosexueller einen „homonationalistischen Propagandakrieg“ führen, der islamische Staaten inklusive der palästinensischen Autonomiegebiete als „barbarisch“ und „rückständig“ herabsetze (ebd.). So solle militärisches Vorgehen, wie gegen die sogenannte „Gaza-Flotille“ der <i>Boycott, Desinvestment, Sanctions-Bewegung</i> (BDS), legitimiert werden (ebd.).<sup>3</sup> Dabei werde geflissentlich ausgeblendet, dass es auch in Israel Homosexuellenfeindlichkeit gebe. Assistiert wurde sie dabei u.a. von der queerfeministischen Ikone Judith Butler. Apologet_innen des „Pinkwashings“ bezichtigen alle LGBTs, die sich positiv zu Israel verhalten, der Komplizenschaft mit israelischem Nationalismus und der „Islamophobie“<sup>4</sup> (vgl. Rabuza 2012). Zugleich lassen auch sie das Bild von Israel als „kolonialistischen Apartheid-Staat“ in der Welt zirkulieren.</p>
<p>Jasbir Puars Begriff des „Homonationalismus“ ist überdies zentral für postkoloniale queerfeministische Theorie und pauschalisiert jegliche Kritik an Zuständen von westlichen liberalen Demokratien an islamischen Staaten und deren Politik gegenüber Homosexuellen als „islamophob“ und „nationalistisch“ (vgl. Rabuza 2017). Die Politikwissenschaftlerin Nina Rabuza fasst die Essenz von Puars „Homonationalismus“-Begriff zusammen: Queers (hier: Homosexuelle) seien bis zu den Anschlägen von 9/11 mit dem Stigma des Unreproduktiven, Perversen und Todbringenden (AIDS-Krise) belegt gewesen. Danach seien sie als Konsumentengruppe und als Kontrastfolie für den „barbarischen Islam“ entdeckt worden (vgl. ebd.). Seither habe es gemäß Puar eine Verschiebung von Queer gegeben und nun seien Muslime die neuen Perversen, Unreproduktiven und Todbringenden (vgl. ebd.). Puar trennt nun zwischen „gay“ und „queer“, wobei „gay“ weiße Homosexuelle sind, die anschlussfähig an die nationale Gemeinschaft seien, wohingegen „queer“ alle als sexuell Perversen, Todbringenden und darum aus der Gesellschaft Ausgeschlossenen bezeichnet (vgl. ebd.). So wird bei ihr auch der islamistische Selbstmordattentäter „queer“, da er todbringend ist (vgl. ebd.). Diese theoretische Fehlleistung negiert die geschilderten Erfahrungen von LGBT aus islamischen Ländern, die vor drohenden Gefängnis- und Todesstrafen fliehen müssen oder zur Geheimhaltung verdammt sind (vgl. z.B. Schindler 2017 und Emcke 2016).</p>
<p>Israel vorzuwerfen, im Nahen Osten als einzige dort vorhandene liberale Demokratie die Rechte Homosexueller zu schützen, nur um von dem Scheitern des Friedensprozesses mit den Palästinensern abzulenken, ist derart grotesk, dass es den Journalisten Dirk Ludigs zu folgendem Vergleich inspirierte: An Kanadas liberaler LGBT-Politik, die auch im Kontrast zu einer katastrophalen Umweltpolitik, welche der indianischen Bevölkerung schadet, dekliniert er, dass „man so ziemlich jedem Staat mit LGBT-Rechten das Verdecken von einem Haufen Dreck am Stecken unterstellen kann“ (Ludigs 2017). Der Aktionsradius von „Pinkwashing“-Aktivist_innen bleibt jedoch nur auf Israel beschränkt und wird als „legitime Israelkritik“ verbrämt (vgl. ebd.). Der Antisemitismusforscher Samuel Salzborn definiert als wesentliche Bestandteile eines antiisraelischen Antisemitismus gemäß der Arbeitsdefinition der Europäischen Union:<br />
„Das Abstreiten des Rechts des jüdischen Volkes auf Selbstbestimmung, z .B. durch die Behauptung, die Existenz des Staates Israel sei ein rassistisches Unterfangen; die Anwendung doppelter Standards, indem man von Israel ein Verhalten fordert, das von keinem anderen demokratischen Staat erwartet und verlangt wird; das Verwenden von Symbolen und Bildern, die mit traditionellem Antisemitismus in Verbindung stehen, um Israel oder die Israelis zu beschreiben; Vergleiche der aktuellen israelischen Politik mit der Politik der Nationalsozialisten; das Bestreben, alle Juden kollektiv für Handlungen des Staates Israel verantwortlich zu machen“ (vgl. Salzborn 2013, S. 10).</p>
<p>All das trifft auch auf das Postulat des „Pinkwashings“ zu. Mit dem Wort „Apartheid-Staat“ wird Israel mit dem historischen Unrecht der Rassentrennung in Südafrika gleichgesetzt, zum Ärger südafrikanische Aktivist_innen (Pogrund 2017). Die Reduktion des „Pinkwashing“-Vorwurfs auf Israel erfüllt die Bedingung des doppelten Standards, und die These der Ablenkung von Menschenrechtsverbrechen mit LGBT-Rechten schürt das altbekannte antisemitische Schreckgespenst vom „hinterlistigen Juden“ (Schindler 2017). Zudem zeigt der Furor, mit dem jüdischen und israelischen Menschen auch beim Thema LGBT-Rechte weltweit begegnet wird, sobald sie sich positiv zum Staat Israel verhalten, dass sie in Sippenhaft für die israelische Regierung genommen werden. Dieser Zorn trifft alle, die kritisch auf darin enthaltenen Antisemitismus hinweisen, der durch sie wieder salonfähig wird. In Deutschland betraf es die Feministin Merle Stöver, als sie im März 2016 einen Workshop zu Antisemitismus im aktuellen Feminismus halten wollte, worauf die Feministin Laurie Penny online einen Shitstorm gegen Stöver lostrat (Brülls 2016).</p>
<p>Fans von „Pinkwashing“ und zugleich der BDS-Bewegung sind auch einige prominente Feministinnen mit jüdischen Wurzeln, wie Butler und Penny, die den antisemitischen Gehalt vehement zurückweisen. Auch in Berlin wird entsprechender Aktivismus von einer Gruppe Israelis betrieben, die Ralf Balke in der Jungle World süffisant „Die Irren von Zion“ nannte (Balke 2017). Eine Berliner Protagonistin, Liad Hussein Kantorowicz, trieb die antisemitische Rezeption auf die Spitze, indem sie eine Performance aufführte, die einen vierzehnjährigen palästinensischen Selbstmordattentäter glorifizierte, wofür sie sich vom Kopf bis zur Poritze mit pinken Plastikmessern dekorierte.<sup>5</sup></p>
<p>Nun zum Schluss kommend, muss betont werden, dass gerade in Deutschland, Österreich sowie Europa generell, Begriffen und Konzepten, die antisemitische Verschwörungstheorien verbreiten, entschieden entgegengetreten werden muss. Nicht Israel missbraucht LGBT-Rechte, sondern diejenigen, die dies als etwas Schlechtes hinstellen. Daher sollte dringend kritisch geprüft werden, was gerade an postkolonialen, queerfeministischen und intersektionalen Konzepten im politischen Aktivismus, in der Wissenschaft und in der Bildungsarbeit kursiert.</p>
<h3>Fußnoten:</h3>
<p>1: LGBT = Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender</p>
<p>2: Zuletzt beispielsweise ein Vortrag von Frederik Schindler im Rahmen der Polymorphia im Berliner SchwuZ (vgl. Amelung 2017).</p>
<p>3: 2010 enterte die israelische Marine ein Schiff der sogenannten „Gaza-Flotille“, mit der BDS-Aktivist_innen gegen die Situation in den palästinensischen Autonomiegebieten demonstrieren wollte, auf der sich jedoch auch gewaltbereite Hamas-Sympathisant_innen befanden. Die BDS-Bewegung wird inzwischen auch von dem antizionistischen Politikwissenschaftler Norman G. Finkelstein als antisemitisch bezeichnet. (siehe z.B.: https://newrepublic.com/article/122257/unpopular-man-norman-finkelstein-comes-out-against-bds-movement)</p>
<p>4: Zur Problematik des Islamophobiebegriffs siehe z.B. Maani 2016.</p>
<p>5: Siehe: „Terrorist Superstars, URL: https://www.facebook.com/events/373394949676080/</p>
<h3>Literatur</h3>
<p>Amelung, Till (2017): Stoppt die Trolle in unserer Community – auch von links!, Queer.de, 28.01.2017, URL: http://www.queer.de/detail.php?article_id=28093</p>
<p>Balke, Ralf (2017): Die Irren von Zion, Jungle World Nr. 6, URL: http://jungle-world.com/artikel/2017/06/55697.html</p>
<p>Blech, Norbert (2016): Berlin: Streit um „Pink Washing“ eskaliert, queer.de 18.06.2016, URL: http://www.queer.de/detail.php?article_id=26636</p>
<p>Brülls, Meike (2016): Jung-Feministin Merle Stöver. Provokateurin statt Kanzlerin, taz – die tageszeitung 14.08.2016, URL: http://www.taz.de/!5325228/</p>
<p>Emcke, Carolin (2016): Wie wir begehren, Frankfurt/Main: Fischer Verlag.</p>
<p>Harkov, Lahav (2017): Linda Sarsour: NYC’s queen of hate, New York Post 03.04.2017, URL: http://nypost.com/2017/04/03/linda-sarsour-ny-cs-queen-of-hate/</p>
<p>Ludigs, Dirk (2017): Beliebigkeit mit Sektenanschluss. Anti-Pinkwashing, Antisemitismus oder warum Hannah Ahrendt keine Queer-Aktivistin hätte werden können. In: Patsy l’Amour LaLove (Hg.), Beißreflexe. Kritik an queerem Aktivismus, Autoritären Sehnsüchten, Sprechverboten, Berlin: Querverlag, S. 180 – 184.</p>
<p>Maani, Sama (2016): Warum wir glauben – und es nicht wissen. In: Patsy l’Amour LaLove (Hg.), Selbsthass &amp; Emanzipation. Das Andere in der heterosexuellen Normalität, Berlin: Querverlag , S. 219 – 236.</p>
<p>Pogrund, Benjamin (2017): Why Israel Is Nothing Like Apartheid South Africa, The New York Times 31.03.2017, URL: https://www.nytimes.com/2017/03/31/opinion/why-israel-is-nothing-like-apartheid-south-africa.html?_r=0</p>
<p>Puar, Jasbir (2010): Israel‘s gay propaganda war, The Guardian 01.07.2010, URL: https://www.theguardian.com/commentisfree/2010/jul/01/israels-gay-propaganda-war</p>
<p>Rabuza, Nina (2012): Pinkwashing – Israels „schwuler Propagandakrieg“, Publikative.org, URL: https://publikative.org/2012/07/18/pinkwashing-israels-schwuler-propagandakrieg/</p>
<p>Rabuza, Nina (2017): Schwule Patrioten und „queere“ Jihadisten. Jasbir Puars Begriff „Homonationalismus“. In: Patsy l’Amour LaLove (Hg.), Beißreflexe. Kritik an queerem Aktivismus, Autoritären Sehnsüchten, Sprechverboten, Berlin: Querverlag , S. 199 – 202.</p>
<p>Saathoff, Dierk (2016): Der Sozialismus der queeren Kerls, Jungle World Nr.27, 07.07.2016, URL: http://jungle-world.com/artikel/2016/27/54404.html</p>
<p>Salzborn, Samuel (2013): Israelkritik oder Antisemitismus? Kriterien für eine Unterscheidung, Neukirchener Theologische Zeitschrift 28(1), S.5-16.</p>
<p>Schindler, Frederik (2017): „Pinkwashing“. Das queere Ressentiment gegen Israel. In: Patsy l’Amour LaLove (Hg.), Beißreflexe. Kritik an queerem Aktivismus, Autoritären Sehnsüchten, Sprechverboten, S. 185-190</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Das Gewitter in der Wolke</title>
		<link>https://gewi.bagru.at/gezeit/archiv/2017/das-gewitter-in-der-wolke/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[FV GEWI]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 15 Jul 2017 15:00:39 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2017]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://www.fv-gewi.at/gezeit/?p=462</guid>

					<description><![CDATA[Zum Verhältnis der Linken zu BDS, Antizionismus und dem Staat Israel. Jean Améry zufolge ist der Antisemitismus im Antizionismus enthalten, wie das Gewitter in der Wolke (Amery 1969, zitiert in Scheit 2002). Nach der Shoah schien sich die Linke einig,&#8230; <a href="https://gewi.bagru.at/gezeit/archiv/2017/das-gewitter-in-der-wolke/" class="more-link">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<h2>Zum Verhältnis der Linken zu BDS, Antizionismus und dem Staat Israel.</h2>
<p>Jean Améry zufolge ist der Antisemitismus im Antizionismus enthalten, wie das Gewitter in der Wolke (Amery 1969, zitiert in Scheit 2002). Nach der Shoah schien sich die Linke einig, dass das einzig richtige Verhältnis zum Staat Israel ein affirmatives sein kann. Doch dieses Verhältnis erwies sich (mit der Zeit) als äußerst brüchig – Antizionismus wird nicht nur von der extremen Rechten vertreten, sondern zieht sich von der Mitte der Gesellschaft bis hinein in die Linke. Der folgende Artikel soll, anhand des „Boycott, Divestment, Sanctions (BDS) Movement“, eine Bestandsaufnahme des linken Antizionismus liefern.</p>
<p>Ausgangspunkt dieser Überlegungen ist die Frage, wie es möglich sein kann, dass eine Linke, welche sich in ihrem politischen Selbstverständnis gegen Antisemitismus positioniert, dennoch eine Bewegung wie BDS unterstützen kann. Im Versuch, dieses scheinbare Paradoxon zu verstehen, werde ich zunächst auf BDS allgemein eingehen. In einem zweiten Schritt zeichne ich ausführlicher die Geschichte von Antisemitismus, Antizionismus und dem Verhältnis der Linken zu Israel nach der Shoah nach.</p>
<h3>BDS als Beispiel aktueller antizionistischer Bewegungen</h3>
<p>BDS versteht sich als Bewegung, welche durch internationalen Druck, ökonomische Isolierung und einem ausgedehnten Warenboykott, gezielt den Staat Israel „kritisiert“ und fragwürdige Forderungen durchsetzen will. BDS findet unter anderem in den USA und Europa großen Zuspruch, vor allem in Teilen linker Szenen.</p>
<p>Die Bewegung behauptet, Israel sei ein Kolonial- und Apartheidsstaat, angetrieben von Rassismus, der palästinensische Gebiete militärisch besetzt halte oder sogar ethnische Säuberungen durchführe. Die Israelis würden demnach auf besetztem „arabischem“ Land leben und Palästinenser_innen fundamentale Rechte und volle Gleichstellung verwehren.<sup>1</sup> Ziel der Bewegung ist es, dem entgegen zu treten, bis Israel palästinensische Rechte anerkennt und umsetzt.<sup>2</sup></p>
<p>Anhand dieser ahistorischen, oberflächlichen und undifferenzierten Vorstellungen wird das problematische Ausmaß der Gruppe deutlich. BDS muss als antisemitische Bewegung bezeichnet werden, welche sowohl in ihren Forderungen, ihrer Rhetorik, als auch ihren Handlungen antizionistisch agiert. Diese Einschätzung wird unter anderem von der <i>Anti-Defamation League</i><sup>3</sup> und dem <i>Simon Wiesenthal Center</i><sup>4</sup> geteilt. Klassisch lassen sich am Beispiel der BDS Bewegung die 3 D’s (Dämonisierung, Delegitimation, Doppelstandards), welche Nathan Scharansky einführte, anwenden, um deren antisemitischen Bezug auf den Staat Israel bloßzustellen. Die Dämonisierung erfolgt unter anderem in der Behauptung, Israel sei, als solcher, ein (besonders) rassistischer oder sogar faschistischer Staat. Auch die Gleichsetzung mit der, im Gegensatz zur einzigen Demokratie im Nahen Osten, tatsächlich rassistischen Apartheid in Südafrika, fällt in diese Kategorie. Doppel-Standards betreffen unter anderem die Aktivitäten palästinensischer Organisationen wie beispielsweise der Hamas. Über deren Verbrechen, deren Aufrufe zu und Verwirklichung von Terror und Mord an jüdischen Zivilist_innen wird von Seiten der BDS-Bewegung geschwiegen. Ebenso darüber, wie die arabischen Nachbarstaaten mit den palästinensischen Geflüchteten umgehen, welche zum Teil seit Jahrzehnten in Flüchtlingscamps leben, ohne Staatsbürgerschaft in den jeweiligen Ländern zugesprochen zu bekommen. BDS erzeugt so eine nicht nur einseitige Perspektive auf eine komplexe Situation, sondern eine darüber hinaus noch verzerrte und faktisch falsche. Am Ende kann nur das Fazit gezogen werden, dass eine derartige Politik weder emanzipatorisch sein kann, noch Palästinenser_innen hilft. Das einzige, was BDS vermag, ist, in antisemitischer Manier, durch die Verbreitung gezielter Falschmeldungen und Ressentiments den Staat der Shoah-Überlebenden zu delegitimieren und ihm das Existenzrecht abzusprechen. Die Notwendigkeit der Existenz dieses Staates als möglicher Zufluchtsort für Juden_Jüdinnen bestätigt sich vor allem an aktuell steigenden antisemitischen Vorfällen und Angriffen.</p>
<h3>Von Philosemitismus zu Antisemitismus</h3>
<p>Im Folgenden möchte ich einige Erklärungen geben, warum antisemitische Bewegungen wie BDS von Linken, die traditionell an Emanzipation und Befreiung orientiert waren, unterstützt werden. Exemplarisch gemacht werden soll das anhand der Geschichte der Linken der Nachkriegszeit.</p>
<p>Nach der Shoah war die Linke in Deutschland in ihrer Position gegenüber dem jungen Staat Israel zunächst solidarisch gestimmt. Dies änderte sich jedoch schlagartig, als in den späten Sechzigern der sogenannte Sechs-Tage-Krieg ausbricht. Das Besondere an diesem Krieg war, dass Israel erstmals in seiner Geschichte eine militärische Offensive initiierte, es sich also, bei oberflächlicher Betrachtung, nicht um einen „Defensivkrieg“ gehandelt hatte. Tatsächlich war dieser Krieg eine Reaktion auf die von Ägypten, Jordanien und Syrien angekündigte Vernichtung des Staates. Während die Linke zuvor noch größte Empathie und Sorge um das Wohlergehen des jungen Staates verlautbarte, es etwa zu „proisraelischen Demonstrationen und Spendensammlungen“ (Kloke 2010:79) kam, war nach dem Präventivschlag die Lage in der (deutschen) Linken gänzlich anders. Israel war nicht länger das passive Subjekt permanenter Vernichtungsbedrohung, vielmehr wurde der jüdische Staat fortan als „aggressive Besatzungsmacht [wahrgenommen], die die Lebensgrundlage der Palästinenser in den besetzten Gebieten zerstöre“ (Markl). Diese radikale Umkehr der linken Positionierung zu Israel lässt nur einen Schluss zu: Die vermeintliche „Israelsolidarität“ war mehr Farce mit einer gehörigen Portion Philosemitismus<sup>5</sup>, als sonst etwas. Tragisch an dem Aufbrechen der Farce kommt hinzu, dass sich, geknüpft an die Verurteilung der militärischen Vorgehensweise, auch „zunehmend Zweifel an der Legitimation Israels an sich“ (Kloke 2010:80) auftaten. Das heißt, es wurde die Existenz des Staates Israel insgesamt in Frage gestellt.</p>
<p>Dieser komplette Bruch der Linken mit Israel nahm in Teilen der Linken auch real gewalttätige Auswüchse an. An dieser Stelle sei beispielsweise die 1969 bis 1970 existierende linksterroristische Gruppe Tupamaros West-Berlin<sup>6</sup> zu nennen, eine Gruppe junger Deutscher, welche klar antisemitisch war. Diese haben sich einer paramilitärischen Ausbildung in einem palästinensischen Ausbildungslager unterzogen, nur um dann – glücklicherweise aufgrund einer Fehlfunktion erfolglos – am 9. November 1969 eine Bombe im jüdischen Gemeindehaus Westberlins zu legen. Das Datum<sup>7</sup> wurde bewusst gewählt und war der Auftakt einer Kampagne, um gegen Zionismus und Israel zu kämpfen. Ein weiteres Beispiel ist die Rote Armee Fraktion (RAF), ebenfalls eine linke antisemitische Terrorgruppe, welche sich in der Tradition der Tupamaros sah. Diese haben sich positiv in Bezug auf die Ermordung jüdischer Sportler_innen im Rahmen der olympischen Spiele 1972 geäußert. Sie wurde bekannt als Geiselnahme von München, bei welcher Mitglieder der palästinensischen Terrororganisation Schwarzer September elf israelische Sportler_innen als Geisel nahmen. Alle elf wurden ermordet. Einige Jahre später, 1976, wird ein französisches Flugzeug gewaltsam von Mitgliedern der sogenannten Revolutionären Zellen sowie der PFLP nach Entebbe, Uganda umgelenkt. Im Zuge dieser Entführung kam es zu einer Selektion von jüdischen und nichtjüdischen Menschen (Kloke 2010:83). Die Revolutionären Zellen reihen sich, wie die zuvor genannten, ebenfalls ins linksradikale terroristische Spektrum und waren zwischen den 70ern und 90ern aktiv.</p>
<p>Seit den 2000ern fallen auch globalisierungskritische Bewegungen als antizionistisch und zumindest strukturell antisemitisch auf – dies findet unter anderem in Boycottaufrufen Ausdruck. Parallelen zum Boycottaufruf gegen Juden_Jüdinnen während der Shoah („Kauft nicht bei Juden“) werden entweder nicht als solche aufgefasst oder in beeindruckender Aufklärungsresistenz verworfen. Die Hartnäckigkeit antisemitischer Ressentiments, welche sich heute nicht nur, aber verstärkt auch in antizionistischer Form ausdrückt, lässt sich mit folgendem Zitat Martin Klokes treffend auf den Punkt bringen:</p>
<p>„Der jahrhundertelange Antisemitismus hat sich 1945 nicht einfach verflüchtigt, sondern prägt nach wie vor das kollektive Unbewusste der Weltgemeinschaft. Außerdem hat diese Weltgemeinschaft immer noch ein schlechtes Gewissen: Sie verzeiht den Juden Auschwitz nicht – und giert nach Exkulpation und moralischer Kompensation wegen ihres Versagens in der Nazi-Zeit. Je „böser“ die Israelis gezeichnet werden, desto „besser“ können „wir“ uns fühlen – dann war der Holocaust, wenn wir ihn schon nicht leugnen können, wenigstens nicht einzigartig. […] Antisemitismus nicht trotz, sondern wegen Auschwitz“ (Kloke 2010:89).</p>
<p>Es kann hier von einem Antisemitismus gesprochen, der sich geopolitisch gegen Israel, als jüdischen Staat, in Form von Antizionismus ausdrückt. Ein Antisemitismus, welcher wie schon öfters festgestellt, trotz und wegen Auschwitz (fort-)besteht; ein Ausdruck „ein[es] spezifische[n] Bedürfnis nach vergangenheitspolitischer Entlastung ohne Aufarbeitung eigener Schuld […], eine Sehnsucht, die eigene (familiäre und/oder nationale) antisemitische Vergangenheit durch eine antisemitische Gegenwart zu tilgen“ (Salzborn 2013:6).</p>
<h3>Die Welt als „gut“ und „böse“</h3>
<p>Der Antizionismus, welcher von großen Teilen der Linken bis heute vertreten wird, lässt sich historisch vor allem anhand eines antiimperialistischen Weltbildes festmachen. Dieses lässt sich vordergründig durch seinen manichäischen Erklärungscharakter beschreiben. Das heißt, die Welt wird binär in Herrschende und Beherrschte, in Kolonialherren und Kolonialisierte, in „gut“ und „böse“ eingeteilt. Nachdem absehbar war, dass weder in der BRD, noch in der UdSSR die ersehnte Revolution stattfinden würde, wurde diese Sehnsucht auf „Befreiungsbewegungen“ der sogenannten 3. Welt projiziert. Dabei wurden jegliche Konflikte unabhängig den ihnen zugrunde liegenden Komplexitäten in eine „gute“ und eine „böse“ Partei unterteilt, wobei die jeweils als „gut“ klassifizierte Gruppe als Identifikationsobjekt diente.</p>
<p>„Das Modell war griffig: Ein Volk fordert seine Selbstbestimmung gegenüber fremder Herrschaft und imperialistischer Ausbeutung. Herrschaft wurde auf Fremdherrschaft, Kapitalismus auf fremde Ausbeutung reduziert. Die notwendige und richtige Parteinahme für die aufständische Bevölkerung mutierte zur unkritischen Pauschalidentifikation mit den jeweiligen Befreiungsbewegungen. […] Dieser unkritisch-identifikatorische Bezug auf die Kämpfe nationaler Befreiungsbewegungen unter Berufung auf die Pseudotheorie des Marxismus-Leninismus […] produzierte eine unhinterfragt positive Besetzung der Begriffe von Nation, Staat und Volk“ (Haury:9).</p>
<p>In dieser Unterteilung steckte allerdings schon die für den Antisemitismus so charakteristische Spaltung von Gut und Böse: „die Juden“ mussten immer schon als Projektionsfläche für alles herhalten, was an der Eigengruppe und modernen gesellschaftlichen Verhältnissen als bedrohlich und unbehaglich wahrgenommen wurde. Getragen von sekundärem Antisemitismus, als Abwehr der Schuld und der Erinnerung, wurde Israel nunmehr als das imperialistische „Böse“ identifiziert, während Palästinenser_innen das unterdrückte „gute“ Volk darstellten, welches es in seinem „Befreiungskampf“ zu unterstützen galt. Vergleichbar manichäische Erklärungsmuster weisen mitunter auch Vertreter_innen der postmodernen Theorie und postcolonial studies wie beispielsweise Frantz Fanon, Edward Said oder Jasbir Puar auf.<sup>8</sup><br />
Antisemitismus lässt sich darüber historisch auch immer wieder bei Sozialdemokrat_innen, Anarchist_innen, sowie autonomen Linken feststellen.</p>
<p>Unfähig und unwillig im Antisemitismus mehr als eine Spielart des Rassismus zu verstehen, bleibt es kein Wunder, dass Antisemitismus und Antizionismus in großen Teilen der Linken verbreitet sind und waren und antisemitische Gruppen wie BDS Unterstützung finden.</p>
<h3>Fußnoten</h3>
<p>1: Vgl. https://bdsmovement.net/bdsintro (Zugriff am 30.04.2016)</p>
<p>2: http://www.stopthewall.org/downloads/pdf/boycott%20factsheet%20updated.pdf (Zugriff am 30.04.2016)</p>
<p>3: (Zugriff am 10.05.2017).</p>
<p>4: http://www.wiesenthal.com/site/apps/nlnet/content2.aspx?c=lsKWLbPJLnF&amp;b=4441467&amp;ct=13047017 (Zugriff am 10.05.2017).</p>
<p>5: Philosemitismus kann, heruntergebrochen, als Überidentifizierung mit Juden_Jüdinnen verstanden werden, das heißt, dass dieser auch sehr schnell in sein Gegenteil Antisemitismus kippen kann.</p>
<p>6: Der Name der Gruppe bezieht sich auf die Tupamaros (Movimiento de Liberación Nacional – Tupamaros), eine kommunistische Guerillabewegung in Uruguay, welche von 1963 bis in die 70er Jahre als Untergrundbewegung aktiv war.</p>
<p>7: Am 9. November 1938 fand die sogenannte „Reichskristallnacht“ statt.</p>
<p>8: Dazu mehr in Tom Uhligs Artikel.</p>
<h3>Literatur</h3>
<p>Haury, Thomas: Zur Logik des deutschen Antizionismus. http://www.rote-ruhr-uni.com/cms/IMG/pdf/Haury_Logik.pdf (Zugriff: 09.05.2017).</p>
<p>Markl, Florian: Über die Israelsolidarität in Zeiten des Krieges. Online erschienen für Café Critique. http://www.cafecritique.priv.at/israelsolidaritaet.html (Zugriff: 11.05.2017).</p>
<p>Kloke, Martin (2010): Israelkritik und Antizionismus in der deutschen Linken. In: Schwarz-Friesel, Monika/ Friesel, Evyatar/ Reinharz, Jehuda (Hrsg.): Aktueller Antisemitismus – Ein Phänomen der Mitte. Walter de Gruyter GmbH &amp; Co. KG, Berlin/New York. 73-92.</p>
<p>Scheit, Gerhard (2002): Die Selbstzerstörung der Linken. Von Jean Améry zu Edward Said. Vortrag, gehalten auf der Konferenz „Es geht um Israel“.</p>
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		<title>Die autoritäre Persönlichkeit</title>
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		<dc:creator><![CDATA[FV GEWI]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 15 Jul 2017 14:40:01 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2017]]></category>
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					<description><![CDATA[Antisemitismus und Pseudomaskulinität In den Arbeiten der Kritischen Theorie und der Forschungsgruppe um Theodor W. Adorno, Else Frenkel-Brunswick, Daniel Levinson und Nevitt Sanford (1950) spielt die autoritäre Persönlichkeit eine herausragende Rolle. In ihrer 1950 auf Englisch erschienen Arbeit The Authoritarian&#8230; <a href="https://gewi.bagru.at/gezeit/archiv/2017/die-autoritaere-persoenlichkeit/" class="more-link">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<h2>Antisemitismus und Pseudomaskulinität</h2>
<p>In den Arbeiten der Kritischen Theorie und der Forschungsgruppe um Theodor W. Adorno, Else Frenkel-Brunswick, Daniel Levinson und Nevitt Sanford (1950) spielt die autoritäre Persönlichkeit eine herausragende Rolle. In ihrer 1950 auf Englisch erschienen Arbeit <i>The Authoritarian Personality</i> sollten die zuvor theoretisch gefassten Konzepte der Kritischen Theorie methodisch getestet werden. Ziel war es. die beschädigten Subjekte in der falschen Gesellschaft, in der nicht die Befriedigung der Bedürfnisse aller im Vordergrund steht, zu untersuchen. Die Arbeit stellt einen der wichtigsten Meilensteine in der Antisemitismusforschung dar, bietet aber gerade in der niemals zur Gänze ins Deutsche übersetzten Originalausgabe auch einige wertvolle Einblicke auf die Geschlechterperspektive und die Virulenz von Antisemitismus und Sexismus, welche als zentrale Syndrome moderner Gesellschaften bezeichnet werden müssen.</p>
<h3>Pseudomaskulinität</h3>
<p>Die autoritäre Persönlichkeit, auch bekannt als autoritätsgebundener Charakter, ist nicht nur durch den Wunsch nach Unterwerfung und Aggression gegen alles ‚Schwache‘ gekennzeichnet, sondern auch durch eine spezifische Positionierung gegenüber dem, was als ‚typisch‘ männlich oder weiblich gilt (vgl. Stögner 2014, S. 41ff). Unter Pseudomaskulinität und Pseudofeminität<sup>1</sup> fassten die AutorInnen von <i>Authoritarian Personality </i>(1950) Vorstellungen zusammen, die auf strikt dichotomen Geschlechterkategorien und -rollen basieren. Geschlecht wird demgemäß als starr, eindeutig und naturgegeben verstanden.<sup>2</sup> Insbesondere Eigenschaften wie Entschlossenheit, Souveränität und Autonomie oder Willensstärke werden dabei als ‚rein‘ männlich betrachtet, während Passivität, Sanftheit und Schwäche als rein weiblich gelten. Jene Züge, die gesellschaftlich dem jeweils anderen Geschlecht zugeordnet sind, werden vom Subjekt verleugnet, abgespalten und bekämpft.</p>
<p>Dabei war es für Adorno und seine KollegInnen besonders wichtig, zu betonen, dass es sich eben nicht um Vorhandensein oder Abwesenheit gewisser Züge im Subjekt handelt, sondern vielmehr um die strikte Einhaltung, Reproduktion und das Propagieren von als ‚typisch‘ verinnerlichten Eigenschaften und Vorstellungen, wie auch um die versuchte Integration in die eigenen erlebten und gelebten Vorstellungen und die ständige Angst des Verstoßes gegen die Geschlechterkonventionen und damit des Ausschlusses aus der identitären Geschlechtlichkeit (vgl. Stögner 2014). Ein Ausschluss aus dem Kreis der „echten“ Männer oder Frauen kommt in der falschen Gesellschaft einer Androhung des sozialen Todes gleich und kann mit nicht minderen Sanktionen einhergehen.</p>
<h3>Die Krux mit der (männlichen) Geschlechtsidentität</h3>
<p>Eine identitäre, essentialistische, kern- und wesenhafte männliche Geschlechtsidentität führt laut Rolf Pohl (2004) in Anlehnung an die Kritische Theorie zwangsläufig in die Spirale von Inklusion und Exklusion. Alles (vermeintlich) Nicht-Identische wird vom Subjekt abgespalten. Unerwünschte oder unerlaubte Selbstanteile und affektive Impulse werden in einer unreflektierten, d. h. pathischen Projektion auf die Anderen projiziert. Während die eigene Männlichkeit ‚rein‘ bleibt, wird alles Nicht-Identische, also was als weiblich, verweiblicht oder ‚uneindeutig‘ gilt, ausschließlich im Anderen ausgemacht, projektiv zugeschrieben und hier stellvertretend gehasst und bekämpft (vgl. auch Winter 2016). In männlich-hegemonialen Gesellschaften (Raewyn Connel) gilt Männlichkeit als ideale Norm und ist damit Maßstab des Menschlichen allgemein, wohingegen Weiblichkeit abgewehrt und abgewertet wird.</p>
<p>Die Empörung gegenüber denen, die als minderwertig gelten, in diesem Fall die Frauen, „seems to serve the double purpose of externalizing what is unacceptable in oneself, and of displacing one‘s hostility which otherwise turn against powerful ‚ingroups‘, e.g. the parents“ (Frenkel-Brunswick 1950, 406f), oder wie in unserem Fall den (als mächtiger imaginierten) Männern.</p>
<p>Gleichzeitig ist aber Männlichkeit, aufgrund der niemals vollständig vollziehbaren Abspaltung aller weiblichen (d.h. auch emotionalen, verletzlichen, schwachen, usw.) Selbstanteile, immer ein fragiles Konstrukt. Dadurch entsteht der Zwang sich der eigenen Männlichkeit zu versichern, indem diese permanent nach Bestätigung sucht.</p>
<p>Else Frenkel-Brunswick (1950) beschreibt für die pseudomaskulinen autoritären Männer, einen starken Drang, sich selbst als Ideal von Männlichkeit zu begreifen. Gegenüber Anzeichen weniger prunkvoller maskuliner Selbstanteile empfinden sie häufig Verlegenheit (Frenkel-Brunswick 1950, S. 393). Die weniger autoritären Männer neigen dagegen viel eher dazu, die eigene Weiblichkeit zu akzeptieren (Frenkel-Brunswick 1950, S. 399) und gestehen Zweifel und Unzulänglichkeiten bezüglich der Rolle als Mann viel eher ein. Die identitäre Pseudomaskulinität ist also mit dauernder Abwehr von Schwäche und möglichen Kränkungssituationen verbunden. Ob der Unfähigkeit die eigene Verstricktheit in die gewaltvollen Verhältnisse, insbesondere der Selbstknechtung und des ‚Funktionieren Müssens‘, und vor allem der Unfähigkeit, diese Verhältnisse zu reflektieren, werden Ersatzobjekte gesucht, die stellvertretend verfolgt werden. So kann die eigene Gruppe der Identischen als rein, sowie konflikt- und widerspruchsfrei imaginiert werden und vermeintliche Sicherheit bieten (vgl. Pohl 2004).</p>
<h3>Überschneidungspunkte und Genese von Sexismus und Antisemitismus</h3>
<p>In der Abwehr und Abwertung des Nicht-Identischen geben sich Antisemitismus und Sexismus im Übrigen nicht viel:<br />
Die Abwertung ‚des Juden‘ ist eine Projektion von all dem, was am (v. a. nationalen, aber auch z. B. religiösen oder geschlechtlichen) Kollektiv respektive an modernen Herrschaftsverhältnissen und der allgemeinen Verfasstheit der falschen Gesellschaft als negativ und bedrohlich wahrgenommen oder erahnt wird. Auch für die AntisemitInnen gilt: Nicht-identisch ist das, was man selbst nicht ist, aber insgeheim gerne wäre, nämlich frei. Entsprechend dem antisemitischen Topos der Uneindeutigkeit sind für die AntisemitInnen Juden und Jüdinnen zudem eine Gefahr für die Geschlechterbinarität: so seien Juden besonders oft effeminiert und Jüdinnen besonders maskulin und bedrohten damit die konventionellen Geschlechterkategorien. Im Antisemitismus steckt also selbst schon ein sexistisches Moment sowie die insgeheim begehrte Abweichung von der erzwungenen Geschlechtsidentität (vgl. Stögner 2014).<br />
Starre Vorstellungen von der ‚Natürlichkeit‘ der Geschlechter sind Produkte der (männlichen) Herrschaft, wie sie sich im Prozess der Zivilisation durchgesetzt haben.</p>
<p>Marcuse (1967) machte Freud folgend darauf aufmerksam, dass Kultur und Zivilisation auf der Unterjochung menschlicher Triebe respektive Körperlichkeit und tatsächlicher Individualitätspotentiale beruhten. Mit diesem Prozess ging auch die Subjektwerdung einher, welche allerdings nicht alle Menschen gleichermaßen betraf: so waren es vor allem herrschende Männer, die ihre äußere wie innere ‚Natur‘<sup>3</sup> unterwarfen und sich dadurch zu Subjekten konstituierten. Frauen wurden hingegen auf ihre Geschlechtlichkeit und damit ‚Natur‘ reduziert. Das Selbst wurde so zum identischen, zweckgerichteten männlichen Charakter (vgl. Horkheimer/Adorno 1997). Das Männliche wurde zum Inbegriff der Herrschaft; das Nichtbeherrschbare als Weibliches abgespalten und durch Herrschaft versucht, verwaltbar zu machen und entsprechend mit Schwäche assoziiert. Die Assoziation der Frau mit ‚Natur‘, als Gegenentwurf zu Kultur und Herrschaft ist wesentlich in diesem Prozess entstanden (vgl. Stögner 2014).</p>
<p>Die Gleichsetzung der Frau mit ‚Natur‘, beziehungsweise die Herabwertung auf bloße Natur, entspricht immer auch einer Entmenschlichung (vgl. ebd.), ‚die Frau‘ wird zu Eigentum. Weil ihr der Subjektstatus abgesprochen wurde, durfte mit ihr <i>verfahren </i>werden wie mit Vieh, wie mit Material. Aber wie ‚das Weib‘ sollte auch ‚der Jude‘ im Prozess der Zivilisation kein individuelles Ich und damit keinen Eigenwert entwickeln (vgl. Weininger 1920). Entsprechend sind auch dem Antisemitismus Bilder von Naturhaftigkeit inhärent, wenn auch komplizierter und ambivalenter als im Sexismus (Stögner 2014, S. 32). Juden und Jüdinnen werden im Antisemitismus sowohl mit Natur als auch Antinatur in Verbindung gebracht.<sup>4</sup></p>
<p>Adorno und Horkheimer beschrieben in der Dialektik der Aufklärung, dass der Hass auf ‚das Weib‘ wie auf ‚den Juden‘ dieselbe Erklärung hat: ‚Juden‘ und ‚Frauen‘, trügen die „Siegel der Herrschaft“ an der Stirn, man sehe es ihnen an, dass sie seit tausenden Jahren nicht geherrscht haben, „[s]ie leben, obgleich man sie beseitigen könnte, und ihre Angst und Schwäche, ihre größere Affinität zur Natur durch perennierenden Druck, ist ihr Lebenselixier. Das reizt den Starken, der die Stärke mit der angespannten Distanzierung zur Natur bezahlt und ewig sich die Angst verbieten muß, zu blinder Wut“ (Horkheimer/Adorno 1997, 132f).</p>
<p>Sowohl Sexismus als auch Antisemitismus sind widersprüchlichste Zuschreibungen eigen, die sowohl die Angst vor der unbeherrschten inneren und äußeren Natur, wie auch der Abscheu vor der Zivilisation bündeln (vgl. Stögner 2014, 32).<br />
Diesen ambivalenten Naturvorstellungen gemäß, erscheinen ‚Juden‘ und ‚Frauen‘ denen die sie hassen sowohl als schwach, als auch als bedrohliche Übermacht. Karin Stögner macht gerade an diesen Vorstellungen von ‚Übermacht‘ die Verwandtschaft von Sexismus und Antisemitismus fest.</p>
<h3>Fazit</h3>
<p>Zuletzt ist ‚die Frau‘ wie ‚der Jude‘ für die Autoritären aber eine ständige Erinnerung an die missglückte Unterwerfung der (eigenen) ‚Natur‘. Beide wurden jahrhundertelang von aktiver Herrschaft ausgenommen, haben es aber dennoch irgendwie geschafft, in der männlich-dominierten Welt zu überleben und vermeintlich oder tatsächlich ihr Glück zu finden. Adorno und Horkheimer (1997) stellten fest, dass allein der Gedanke an Glück ohne Macht unerträglich sein muss, da er überhaupt erst Glück wäre. ‚Die Frauen‘ ebenso wie ‚die Juden‘ erinnern aber ständig an die erzwungenen Versagungen und Zumutungen moderner Vergesellschaftung. Sie erinnern daran, dass eine Welt ohne Herrschaft möglich wäre, dass Glück ohne Herrschaft möglich wäre. Das aber zu erdenken, dazu sind die autoritätsgebundenen Charaktere unfähig und nicht Willens.</p>
<h3>Fußnoten</h3>
<p>1: Das griechische Präfix „pseudo-“ bedeutet in Bildungen mit Substantiven oder Adjektiven <i>scheinbar</i>, <i>unecht</i> oder <i>falsch</i>. Von einer ‚echten‘ Männlichkeit kann dennoch, gemäß Quindeau (2014) nicht gesprochen werden (siehe auch Fußnote 2). Viel eher muss im Sinne von Adorno, Frenkel-Brunswick, Levinson und Sanford (1950) davon ausgegangen werden, dass weniger autoritäre Männer, dahingehend ‚echtere‘ Männer sind, da sie weibliche Selbstanteile nicht bekämpfen, sondern sie in ihre männliche Geschlechtsidentität integrieren können.</p>
<p>2: Ilka Quindeau (2014) erscheint es sinnvoll, Geschlecht nicht monolithisch, sondern als Kontinuum zu begreifen. Männlichkeit und Weiblichkeit stellten demnach Pole eines Kontinuums dar, welches unterschiedliche Zwischenstufen, Mischungsverhältnisse und geschlechtliche Ausprägungen ermöglicht (S. 84).</p>
<p>3: Karin Stögner (2014) führt aus, wie der Naturbegriff der Kritischen Theorie nicht etwa auf „ursprüngliche“, also erste Natur rekurriert, sondern immer abhängig von der jeweiligen Bedeutung für die Gesellschaft ist. Erst die Gesellschaft verleiht der Natur ihre Bedeutung. Natur ist nicht vorgesellschaftlich zu denken, sondern verstricke in die gesellschaftlich-historische Dialektik von Fortschritt und Regression (S. 23).</p>
<p>4: Exemplarisch seien etwa die jüdische Nase als Riechorgan, aber auch als Phallussymbol genannt. Darin wird die Projektion der besonderen Triebhaftigkeit von Juden und Jüdinnen deutlich:<br />
Im Riechen wird einerseits die Grenze von Subjekt und Objekt durch das In-sich-Aufnehmen des Außen tendenziell aufgelöst, andererseits ist der durch die große Nase gesteigerte, imaginierte Geruchs- und Geschmackssinn der Juden für den Antisemiten Ausdruck von Genuss, welchen sich ‚zivilisierte‘ Völker nicht hinzugeben hätten. Juden hätten sich demzufolge nicht ausreichend von Natur losgelöst und drohen in Natur aufzugehen und zurückzufallen. Andererseits gelten Juden und Jüdinnen aber auch als überzivilisiert. Unfähig zu körperlicher Arbeit würden sie die ‚natürlichen‘ Gemeinschaften und Völker unterwandern und von innen heraus zerstören (vgl. Stögner 2014).</p>
<h3>Literatur</h3>
<p>Adorno, Theodor W./ Else Frenkel-Brunswick/Daniel J. Levinson/R. Nevitt Sandord. The Authoritarian Personality, New York, 1950.</p>
<p>Frenkel-Brunswick, Else. SEX; PEOPLE, AND SELF AS SEEN THROUGH THE INTERVIEWS. The Authoritarian Personality, New York, 1950. S. 390-441. Horkheimer, Max/ Theodor W.</p>
<p>Adorno. Dialektik der Aufklärung: Philosophische Fragmente. Frankfurt/Main, 1997.</p>
<p>Marcuse, Herbert. Triebstruktur und Gesellschaft. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1967 [1957].</p>
<p>Pohl, Rolf. Feindbild Frau. Männliche Sexualität, Gewalt und die Abwehr des Weiblichen. Hannover: Offizin- Verlag, 2004.</p>
<p>Quindeau, Ilka. Sexualität. Gießen: Psychosozial-Verlag, 2014.</p>
<p>Stögner, Karin. Antisemitismus und Sexismus: historisch-gesellschaftliche Konstellationen. Baden-Baden: Nomos Verlag, 2014.</p>
<p>Weininger, Otto. Geschlecht und Charakter. Wien-Leipzig, 1920.</p>
<p>Winter, Sebastian. „Gegen ‚närrischen Individualismus‘ und ‚Sexlust‘. Zur affektiven Attraktivität der Imaginationen geschlechtlichen Heils im „Nationalen Widerstand“. Schiefheilungen: Zeitgenössische Betrachtungen über Antisemitismus, 2016.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Queer BDS: Intersektionalität auf falschen Wegen</title>
		<link>https://gewi.bagru.at/gezeit/archiv/2017/queer-bds-intersektionalitaet-auf-falschen-wegen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[FV GEWI]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 15 Jul 2017 14:39:59 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2017]]></category>
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					<description><![CDATA[Interview mit Karin Stögner. Jurdyga: Boycott, Divestment, Sanctions (kurz: BDS) ist eine Kampagne, die 2005 mithilfe von 171 pro-palästinensischen Organisationen entstand. Laut eigenen Aussagen ist es ihr Ziel, mittels akademischer, kultureller und ökonomischer Boykotte, Rechte für Palästinenser_innen in Israel einzufordern,&#8230; <a href="https://gewi.bagru.at/gezeit/archiv/2017/queer-bds-intersektionalitaet-auf-falschen-wegen/" class="more-link">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<h2>Interview mit Karin Stögner.</h2>
<p><strong><i>Jurdyga:</i></strong> <i>Boycott, Divestment, Sanctions </i>(kurz: BDS) ist eine Kampagne, die 2005 mithilfe von 171 pro-palästinensischen Organisationen entstand. Laut eigenen Aussagen ist es ihr Ziel, mittels akademischer, kultureller und ökonomischer Boykotte, Rechte für Palästinenser_innen in Israel einzufordern, sowie die „Besetzung und Kolonialisierung arabischen Landes“ durch Israel aufzuheben.<sup>1</sup> Mittlerweile wird die Kampagne international von verschiedenen Einzelpersonen und Organisationen unterstützt.<br />
<i>Palestinian Queers for BDS</i> (QPBDS) ist eine Organisation, die BDS unterstützt und sich aus verschiedenen queeren pro-palästinensischen Aktivist_innen zusammensetzt. Gemeinsam mit der Gruppe <i>Pinkwatching Israel</i> kritisieren sie, dass Israel mittels des Hochhaltens von LGBT-Rechten nicht nur von der Unterdrückung der Palästinenser_innen ablenke, sondern auch arabische und palästinensische Gesellschaften als rückschrittlich, repressiv und intolerant darstelle.<br />
Hier stellt sich die Frage, wo der Zusammenhang zwischen den „Gräueltaten gegen Palästinenser_innen“<sup>2</sup>, wie es Pinkwatching Israel nennt, und der Rechte von LGBTIQ in Israel besteht. Wo ist der Sinn und Zweck einer Herstellung solch eines Zusammenhanges?</p>
<p><strong><i>Stögner:</i></strong> Queer BDS operiert im Grunde genau mit dem kulturalistischen Diskurs, den es Israel vorwirft. Zusammengehörigkeit stiftet nicht das Queer-Sein, sondern das Palästinenser_innen-Sein. Deshalb wollen die Aktivist_innen von <i>alQaws</i> auch nicht mit israelischen LGBTIQ zusammenarbeiten, da es sich um zwei unterschiedliche Gesellschaften mit unterschiedlichen Kulturen handelt. Der palästinensischen fühlt man sich zugehörig, der israelischen nicht. Kultur sticht also sexuelle Orientierung, selbst wenn diese in der anderen Kultur bessere Bedingungen der Anerkennung findet. Queer BDS eröffnet die Möglichkeit, die eigene Viktimisierung zu thematisieren und die eigene Kultur dabei zu schonen, indem die sexuelle Unterdrückung auf einen Schuldigen externalisiert wird, der die eigene Kultur bedroht. Solche Ambivalenz der Identität, die zwischen sexueller Befreiung und kultureller/religiöser Gebundenheit schwankt, ist kein palästinensisches Spezifikum, sondern eine recht allgemeine Problematik, mit der auch LGBTIQ anderswo konfrontiert sind. Den palästinensischen LGBTIQ bietet sich aber die universelle Projektionsfläche Israel, mit Hilfe derer der Konflikt scheinbar gelöst werden kann: der eigene Anspruch auf sexuelle Diversität bleibt aufrecht und auch die eigene Kultur, denn es sind in dieser Sicht einzig Israel und die Besatzung, die der Entfaltung von beiden im Weg stünden.<br />
Palästinensische Aktivist_innen von Queer BDS möchten sich offensichtlich als Teil der palästinensischen Gesellschaft sehen und finden Einheit mit dieser durch das gemeinsame Feindbild, das die realen Konflikte innerhalb der palästinensischen Gesellschaft übertüncht. Was immer palästinensische LGBTIQ von der palästinensischen Mainstream-Gesellschaft trennen mag, welche Unterdrückung sie auch immer in der eigenen Gesellschaft erfahren mögen, das Einende mit dieser Gesellschaft bleibt die Erfahrung der Unterdrückung durch die israelische Besatzung. Die Utopie aus dieser Sicht ist, dass mit dem Verschwinden Israels von der Landkarte eine Lösung für die queere Problematik gefunden sei. Wenn Palästina erst dekolonisiert sei, dann hätte man eine Gesellschaft, auf die LGBTIQ sich verlassen könnten und die sexuelle Diversität und Andersheit respektieren würde. Dies ist alles nachzulesen auf der Homepage von <i>alQaws</i>.</p>
<p><strong><i>Jurdyga:</i></strong> 2012 organisierte QPBDS Panels zum Thema „What is Queer BDS? Pinkwashing, Intersections, Struggles, Politics“, in der unter anderem auch Angela Davis einen Vortrag hielt. Davis ist eine feministische Theoretikerin und verortet sich selbst auch in der Kritischen Theorie. Wie lässt sich ihre Unterstützung von BDS anhand ihrer politischen Positionen und ihrer theoretischen Ansätze erklären?</p>
<p><strong><i>Stögner:</i></strong> Es ist unmöglich, Angela Davis’ Unterstützung von Queer BDS aus der Kritischen Theorie heraus zu erklären, der sie sich ja nach wie vor zurechnet. Ein Stück weit erklärbar wird ihr Zugang durch die Brüche, die sich zur Kritischen Theorie auftun: Kurz gesagt lässt Davis das Prinzip der Kritischen Theorie, die Dialektik und die damit verbundene immanente Kritik fahren, mit welcher allein aber der gesellschaftliche Widerspruch gefasst werden kann. Aus dieser „Verkürzung“ der Kritischen Theorie ergibt sich eine Komplexitätsreduktion, die dem Charakter des Gegenstandes nicht gerecht wird</p>
<p><strong><i>Jurdyga:</i></strong> Angela Davis setzt sich in ihren Arbeiten unter anderem für eine intersektionale Perspektive ein, die verschiedene Macht- und Herrschaftsverhältnisse und deren Verwobenheit miteinander ins Zentrum stellt. Oftmals zeigt sich in dieser Betrachtungsweise jedoch, dass Antisemitismus und Antizionismus in diesen Debatten nicht thematisiert werden. Was wären für Sie vorstellbare Gründe, warum dies meist passiert?</p>
<p><strong><i>Stögner:</i></strong> Queer BDS gibt vor, in einer intersektionalen Perspektive Homophobie nicht außerhalb der Bedingungen von Besatzung und Kolonisation sehen zu können. Wie dieses Ineinandergreifen aber tatsächlich aussieht, darüber geben die Texte von Queer BDS wenig Auskunft. Vielmehr geschieht genau das Gegenteil von Intersektionalität: Die höchst komplexe Problematik der Möglichkeit und Unmöglichkeit queerer Lebensweise von Palästinenser_innen wird eingeengt auf die Besatzung, ohne dass jedoch rational argumentiert wurde, warum und in welcher Weise dieser Konflikt den Konflikt um Geschlecht und Sexualität innerhalb der palästinensischen Gesellschaft strukturieren würde.</p>
<p>Abgesehen davon zeigt die Variante der Intersektionalitätsdebatte, die hier angewendet wird, eine Schwachstelle, indem der Fokus auf eine bestimmte Vorstellung von Ethnizität eingeschränkt wird, die sich an der hegemonialen Unterscheidung von „schwarz“ und „weiß“ orientiert. Dieser Blickwinkel ist der Entstehungsgeschichte des Konzepts im US-amerikanischen Civil Rights Movement und im Black Feminism geschuldet und macht vor dem Hintergrund massiver rassistischer Diskriminierung und Unterdrückung in den USA Sinn. Wird jedoch an der Trias race – class – gender exklusiv festgehalten, vermag das Konzept nicht die umfassende Diskriminierung, Unterdrückung und Verfolgung von Juden und Jüdinnen im globalen Antisemitismus zu fassen. Vielmehr gelten Juden und Jüdinnen aus dieser Sicht implizit als weiß, wodurch ihnen auch die Anerkennung als global diskriminierte Minderheit mit special interests vorenthalten bleibt.</p>
<p><strong><i>Jurdyga:</i></strong> Ist es Ihrer Meinung nach möglich, Antisemitismus und Antizionismus in die Intersektionalitätstheorie aufzunehmen? Ist dies überhaupt sinnvoll?</p>
<p><strong><i>Stögner:</i></strong> Intersektionalität setzt sich zur Aufgabe, verschiedene Unterdrückungs- und Ungleichheitsmechanismen in der Gesellschaft in Relation zueinander zu analysieren. Mit ihr kann im Sinn der Kritischen Theorie ein umfassendes Bild der gesellschaftlichen Totalität und des vielschichtigen gesellschaftlichen Widerspruchs gewonnen werden. Bei BDS-Diskursen ist aber zu beobachten, dass Intersektionalität nicht als analytisches Instrument verstanden wird, mit dessen Hilfe die vielschichtigen Zusammenhänge von Unterdrückung und Ausgrenzung kritisch durchdrungen werden können. Stattdessen wird Intersektionalität zum politischen Slogan und für politische Zwecke instrumentalisiert. Es ist aber durchaus sinnvoll, Intersektionalität als analytisches Konzept für eine kritische und feministische Theoriebildung zu bewahren und es für verändernde Praxis offen zu halten. Es wäre schade, hier das Feld einer politischen Rhetorik und Agitation zu überlassen, die unter dem Deckmantel von Diversität und globalen Menschenrechten erneut diskriminierend gegen eine bestimmte Gruppe agiert.</p>
<p>Demgegenüber plädiere ich für eine Rückbesinnung auf die analytische Kraft eines intersektionalen Zugangs, der eine dialektische Theorie der Gesellschaft erfordert, und aus dieser Sicht ist der Antisemitismus durchaus integrierbar. Die Kritische Theorie sieht den Antisemitismus als Schlüssel zum Verständnis der Gesellschaft als Ganzes, betrachtet jedoch seine ideologische Nachbarschaft nicht als zufällig. Deshalb bezogen Horkheimer und Adorno Antifeminismus, Homophobie, Nationalismus, und die Klassenverhältnisse zentral in die Analyse des Antisemitismus mit ein. Seine Flexibilität als Welterklärung gewinnt er gerade auch dadurch, dass er von Momenten anderer Ideologien durchdrungen ist. In meinen eigenen Arbeiten zu Intersektionalität folge ich dieser Erkenntnis, indem ich nicht nur auf die Ebene derer fokussiere, die von Diskriminierung und Unterdrückung betroffen sind und nicht nur auf die individuelle Ebene der Identitätsbildung, sondern zentral die strukturelle Ebene der Ideologiebildung und auch die Ebene der autoritären Persönlichkeit einbeziehe, also auch auf jene fokussiere, die bereitwillig exkludierenden und diskriminierenden Ideologien folgen. Ich nenne das die Intersektionalität von Ideologien. Und dann stellt sich die Frage nach der Funktion dieser ineinandergreifenden Ideologien. Diese ist wesentlich die implizite Rechtfertigung ungerechter Zustände, die einseitige Auflösung eines komplexen gesellschaftlichen Widerspruchs und die Externalisierung oder Projektion von Momenten des Eigenen auf einen vorgefertigten Anderen. Antisemitismus, Nationalismus, Rassismus, Xenophobie, Sexismus und Homophobie stehen allesamt im Zeichen solcher Komplexitätsreduktion und Externalisierung des Eigenen, wobei die zwar verwandten, aber doch je unterschiedlichen Projektionen, die beispielsweise im Rassismus einerseits und im Antisemitismus andererseits stattfinden, zu differenzieren wären. Das „Andere“ trägt dabei seinerseits Züge der Ambivalenz, da es nicht nur ungewollte Elemente des Eigenen widerspiegelt, sondern auch insgeheim begehrte, aber gesellschaftlich nicht zugelassene. Das zeigt sich deutlich, wie erwähnt, an Diskursen von Queer BDS, in denen die gesamte Problematik von Gender und Sexualität auf einen einzigen Fremden, nämlich Israel, projiziert wird.</p>
<h3>Fußnoten:</h3>
<p>1: https://bdsmovement.net/what-is-bds, letzter Zugriff: 30.04.2017.</p>
<p>2: http://www.pinkwatchingisrael.com/about-us/, letzter Zugriff: 30.04.2017.</p>
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		<title>„Wer die Hexen jagt, der jagt auch die Juden“[1]</title>
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		<dc:creator><![CDATA[FV GEWI]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 15 Jul 2017 14:37:56 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2017]]></category>
		<category><![CDATA[antisemitismus]]></category>
		<category><![CDATA[hexen]]></category>
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					<description><![CDATA[Über Hexenwahn, Antisemitismus und den Untergang der magischen Welt. In der Vorstellung ihrer Bevölkerung war die mittelalterliche Welt durchdrungen von Geistern und Dämonen. Die Natur schien beseelt von allerlei transzendenten Gestalten. Diese zur Verwirklichung eigener Zwecke anzurufen, war gängige Praxis.&#8230; <a href="https://gewi.bagru.at/gezeit/archiv/2017/wer-die-hexen-jagt-der-jagt-auch-die-juden/" class="more-link">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<h2>Über Hexenwahn, Antisemitismus und den Untergang der magischen Welt.</h2>
<p>In der Vorstellung ihrer Bevölkerung war die mittelalterliche Welt durchdrungen von Geistern und Dämonen. Die Natur schien beseelt von allerlei transzendenten Gestalten. Diese zur Verwirklichung eigener Zwecke anzurufen, war gängige Praxis. Ob bei Krankheit, schlechtem Wetter oder anderen Problemen, es wurde auf zahlreiche Zauber zurückgegriffen. Das magische Weltbild war somit, neben der christlichen Lehre, prägend für die mittelalterliche Gesellschaft. Die magische Praxis baute auf einem gewissen Näheverhältnis zwischen Mensch und Natur auf. Die Menschen begriffen sich noch nicht als von der Natur getrennt, sondern als Teil dieser. So spielte bei der Ausübung von Magie Mimesis, das Nachahmen natürlicher Vorgänge, eine große Rolle.[<a href="#note_2" name="link_2">2</a>]</p>
<p>Trotz ihrer faktischen Machtlosigkeit innerhalb der feudalen Gesellschaft, spielten Frauen im magischen Weltbild eine wichtige Rolle. Naturverbundenheit und damit auch magische Fähigkeiten waren weiblich konnotiert. Diese Verknüpfung basiert ursprünglich auf Unkenntnis über Prozesse der Zeugung und Geburt. Die gebärende Frau wurde in Analogie zur fruchtbaren Natur gesetzt und eine Verbindung zwischen beiden imaginiert. Daher waren es primär Frauen, die im Zusammenhang mit Heilung und Geburt magische Praktiken ausübten.[<a href="#note_3" name="link_3">3</a>] Nachdem die empirische Wissenschaft noch nicht entwickelt war, konnte dabei keine qualitative Unterscheidung zwischen Geisterbeschwörung und der realen Wirkung, etwa von Heilkräutern gezogen werden. Entsprechend dem ambivalenten Naturverhältnis hatten im magischen Weltbild sowohl der gute wie der böse Zauber ihren Platz. Die Verfolgung magischer Praktiken richtete sich demgemäß nicht gegen die Magie schlechthin, sondern nur gegen die vermeintlich bösen Zauberkundigen. Wer durch Glück und Geschick mit der richtigen Dosis Kräuter hantierte, wurde als Heilerin aufgesucht, wer versehentlich eine Überdosis verabreichte, fiel der Lynchjustiz des Mobs zum Opfer.[<a href="#note_4" name="link_4">4</a>]</p>
<h3>Der kirchliche Angriff auf die Hexen</h3>
<p>Im Zuge des chaotischen Umbruchs zwischen feudaler und kapitalistischer Gesellschaft, sollte das magische Weltbild des Mittelalters gemeinsam mit tausenden Frauen seinen Untergang erfahren. Reform und Gegenreformation, zahlreiche Kriege und Epidemien, sowie die sogenannte ursprüngliche Akkumulation, die Herausbildung des Kapitals, rissen die feudale Gesellschaft aus ihren Fugen. Das kirchliche Weltbild einer einmaligen, göttlichen Ordnung geriet ins Wanken. Angesichts massiver sozialer Umwälzungen und Verwerfungen schien es nicht mehr auszureichen, um Gesellschaft adäquat zu erklären. Als Reaktion leitete die Kirche einen Angriff auf das mit ihr konkurrierende magische Weltbild und seine Vertreter_innen ein. Die unheilige Allianz zwischen Menschen und von Dämonen durchdrungener Natur sollte ein Ende haben.[<a href="#note_5" name="link_5">5</a>] Im Zuge dieses Angriffs durchlief die kirchliche Einstellung zur Hexerei einen Wandlungsprozess. War etwa der Hexensabbat, ein nächtliches Treffen hunderter Hexen, in frühere Zeit noch für Unsinn erklärt worden, erschien er jetzt als reale Gefahr. Ende des 15. Jahrhunderts waren bereits zahlreiche kirchlich autorisierte Werke erschienen, die sich der Beschreibung von Hexerei und Hexen widmeten. Der Hexenwahn war geboren.[<a href="#note_6" name="link_6">6</a>]</p>
<h3>Der Staat, die Wissenschaft und der grassierende Hexenwahn</h3>
<p>Im Verlauf des 16. Jahrhunderts ging die Initiative zur Hexenjagd von kirchlichen zu weltlichen Autoritäten über. Der Staat begann eine immer größere Rolle im Kampf gegen das Hexenwesen zu spielen.[<a href="#note_7" name="link_7">7</a>] Dabei wurde in der Natur der Grund für allerlei Übel gesehen. In den Frauen, als Ausdruck der Naturverbundenheit und des Sich-Einlassens mit der Natur, wurden diese bekämpft.<br />
Zudem setzte sich in der im Entstehen begriffenen, modernen Wissenschaft, eine Trennung von Mensch und Natur durch. An Stelle des bisher bestehenden Nahe­verhältnisses sollte ein distanzierter Umgang treten. Nur so ließe sich die angestrebte Beherrschung der inneren wie äußeren Natur bewerkstelligen.[<a href="#note_8" name="link_8">8</a>] Erstere fasst dabei den Trieb, letzterer die Umwelt und ihre Kräfte. Mit Silvia Bovenschen lässt sich zusammen­fassen: „Es war [&#8230;] der Vorwurf der Komplizenschaft mit den geheimnis­vollen Kräften der Natur (die den Menschen identisch erschienen mit jenen, die das Sozialgefüge sprengten), der im Zentrum des Verdachts gegen die Hexen stand“.[<a href="#note_8" name="link_9">9</a>] Als verderblich und fortschrittshemmend begriffen, sollte das magische Weltbild in den Flammen verschwinden.</p>
<p>Jede verbrannte Hexe rief dabei eine neue Welle der Verfolgung hervor. Die Individuen, in Folge der zerfallenden feudalen Gesellschaft auf sich selbst zurückgeworfen, waren zum Wahn bereit. Massenangst vor und Massenwut auf die Hexen machte sich breit.[<a href="#note_10" name="link_10">10</a>] „Dies ging so weit, dass im Zuge der Vermehrung der Scheiterhaufen jedes Mißgeschick und jeder Unfall, der sich irgendwo ereignete, den Hexen zugeschrieben wurde; die so erschreckten Christen verdächtigten sich gegenseitig Sklaven des Satans zu sein, dessen Hand man überall wahrzunehmen glaubte“.[<a href="#note_11" name="link_11">11</a>]</p>
<h3>Melange der Stereotype: Hexen, Teufel und „der Jude“</h3>
<p>Etwa gleichzeitig mit dem aufkommenden Hexenwahn, erlebte auch das antisemitische Ressentiment eine Konjunktur. Die stereotypen Bilder von Hexen und Juden sind sich dabei teils sehr ähnlich. Auch der Teufel, welcher im Vorfeld und Zusammenhang mit der Hexen­verfolgung einen Bedeutungszuwachs erfuhr, spielte hier eine Rolle. Poliakov schreibt: „Wenn man jetzt die Legenden, die im gleichen Zeitraums (dem der Hexen­verfolgung Anm. M.R.) über die Juden im Umlauf sind, einer Überprüfung unterzieht [&#8230;], dann kommt man zu der Feststellung, daß sie in ihrer Person die neuen Merkmale des Teufels und der Hexen miteinander vereinigen“.[<a href="#note_12" name="link_12">12</a>] So erschienen die Juden im antisemitischen Stereotyp als männlich und weiblich zugleich.</p>
<p>In ihrer imaginierten Ähnlichkeit zum Teufel besitzen sie Merkmale übersteigerter Männlichkeit. Sie sind dem (christlichen) Menschen in gewisser Weise überlegen und werden unbewusst gefürchtet und beneidet. Im Gegensatz dazu leiden die Juden auch an allerhand Schwächen. In Zeiten massenhafter, misogyner Raserei sind es weibliche Attribute, welche die verachtenswerte Seite des Bösen repräsentieren. So gingen die zeitgenössischen Antisemit_innen davon aus, jüdische Frauen und Männer würden monatliche Blutungen haben.[<a href="#note_13" name="link_13">13</a>] „Die Gesetze gegen die Hexenmeister gehören übrigens zu den Verordnungen, die die rechtliche Stellung der Juden regeln; es erscheint als ganz selbstverständlich, daß die Juden gleichzeitig Zauberer sind“.[<a href="#note_14" name="link_14">14</a>]</p>
<p>Abschließend lässt sich festhalten, dass der Hexenwahn als Antwort auf soziale Veränderungen im Übergang zwischen feudalen und kapitalistischen Verhältnissen verstanden werden muss. Eine zentrale Rolle spielt die sich neu herausbildende Beziehung von Mensch und Natur. An Stelle einer bisher angenommen Einheit, trat das Gebot des distanzierten Verhältnisses.<br />
„In seinem Verlauf (des Prozesses der Hexen­verfolgung Anm. M.R.) wurden die letzten Momente einer Koinzidenz von Ich und Natur, die den magischen Praktiken der Hexen inhärent gewesen waren, zerstört“.[<a href="#note_15" name="link_15">15</a>] Frauen, in der magischen Welt des Mittelalters noch Subjekt der Naturbeherrschung, wurden zum Gegenstand der Unterdrückung. Einst war ihnen die Beschwörung der Naturkräfte als nützliche Potenz angerechnet worden. Nun erschien ihre Kontrolle aufgrund eines vorgeblichen Näheverhältnisses zur Natur als notwendig. Die damals grassierende Misogynie spiegelte sich auch im Antisemitismus wieder. Es waren die weiblichen Eigenschaften, welche den Juden, neben der ihnen zugeschriebenen Gefährlichkeit und Macht, auch eine verachtenswerte Komponente zukommen ließen.</p>
<h3>Fußnoten</h3>
<p><a href="#link_1" name="note_1">1</a>: Léon Poliakov (1978): Geschichte des Antisemitismus. Bd. 2. Das Zeitalter der Verteufelung und des Ghettos. Worms: Verlag Georg Heintz, S. 53</p>
<p><a href="#link_2" name="note_2">2</a>: Trumann, Andrea (2002): Feministische Theorie. Frauenbewegung und weibliche Subjektbildung im Spätkapitalismus, Stuttgart: Schmetterling-Verlag, S. 97ff</p>
<p><a href="#link_3" name="note_3">3</a>: Bovenschen (1977): Die aktuelle Hexe, die historische Hexe und der Hexenmythos. Die Hexe: Subjekt der Naturaneignung und Objekt der Naturbeherrschung. In: Becker, Bovenschen, Brackert u.a.: Aus der Zeit der Verzweiflung. Zur Genese und Aktualität des Hexenbildes. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 282ff</p>
<p><a href="#link_4" name="note_4">4</a>: Bovenschen (1977): S. 279 und S. 286f<br />
<a href="#link_5" name="note_5">5</a>: Bovenschen (1977): S. 276ff<br />
<a href="#link_6" name="note_6">6</a>: Popliakov (1978): S. 40ff<br />
<a href="#link_7" name="note_7">7</a>: Federici (2012): S. 209<br />
<a href="#link_8" name="note_8">8</a>: Trumann (2002): S. 98ff<br />
<a href="#link_9" name="note_9">9</a>: Bovenschen (1977): S. 281<br />
<a href="#link_10" name="note_10">10</a>: Bovenschen (1977): S. 42f<br />
<a href="#link_11" name="note_11">11</a>: Poliakov (1978): S. 43<br />
<a href="#link_12" name="note_12">12</a>: Poliakov (1978): S. 44f<br />
<a href="#link_13" name="note_13">13</a>: Poliakov (1978): S. 43ff<br />
<a href="#link_14" name="note_14">14</a>: Poliakov (1978): S. 45<br />
<a href="#link_15" name="note_15">15</a>: Bovenschen (1977): S. 292<br />
<a href="#link_16" name="note_16">16</a>: Bovenschen (1977): S. 292</p>
<h3>Literatur</h3>
<p>Federici, Silvia(2012): Caliban und die Hexe. Frauen, der Körper und die ursprüngliche Akkumulation. Wien: Mandelbaum Verlag</p>
<p>Bovenschen, Silvia (1977): die aktuelle Hexe, die historische Hexe und der Hexenmythos. Die Hexe: Subjekt der Naturaneignung und Objekt der Naturbeherrschung. In: Becker, Bovenschen, Brackert u.a.: Aus der Zeit der Verzweiflung. Zur Genese und Aktualität des Hexenbildes. Frankfurt am Main: Suhrkamp</p>
<p>Poliakov, Léon (1978): Geschichte des Antisemitismus. Bd. 2. Das Zeitalter der Verteufelung und des Ghettos. Worms: Verlag Georg Heintz</p>
<p>Trumann, Andrea (2002): Feministische Theorie. Frauenbewegung und weibliche Subjektbildung im Spätkapitalismus, Stuttgart: Schmetterling-Verlag</p>
<p>Göllner, Renate (2015): Hexenwahn und Feminismus. Über die Dialektik feministischer Aufklärung am Beispiel von Silvia Bovenschens Kritk. In: Sans Phrase. Zeitschrift für Ideologiekritik. Heft 7, Herbst 2015,</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Editorial: Zum Menschenrecht auf Beleidigtsein</title>
		<link>https://gewi.bagru.at/gezeit/archiv/2017/editorial-zum-menschenrecht-auf-beleidigtsein/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[FV GEWI]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 15 Jul 2017 14:24:34 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[2017]]></category>
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					<description><![CDATA[Eine Einleitung zu Antisemitismus und Geschlecht. Antisemitismus und Geschlecht sind zwei zentrale Elemente moderner Herrschaftsverhältnisse. Während alles eigene Weibliche &#8211; Passive, Sinnliche, Verletzliche etc. &#8211; zumeist verdrängt wird, soll es im Außen tendenziell absoluter Kontrolle und Verfügbarkeit unterliegen. Nur so&#8230; <a href="https://gewi.bagru.at/gezeit/archiv/2017/editorial-zum-menschenrecht-auf-beleidigtsein/" class="more-link">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<h2>Eine Einleitung zu Antisemitismus und Geschlecht.</h2>
<p>Antisemitismus und Geschlecht sind zwei zentrale Elemente moderner Herrschaftsverhältnisse. Während alles eigene <i>Weibliche</i> &#8211; Passive, Sinnliche, Verletzliche etc. &#8211; zumeist verdrängt wird, soll es im Außen tendenziell absoluter Kontrolle und Verfügbarkeit unterliegen. Nur so ist die strukturell-männliche Subjektform möglich. Funktional, instrumentell-rational, imaginär autonom und souverän. Real bleibt diese libidinös und reproduktiv vom <i>Weiblichen</i> abhängig und den gesellschaftlichen Zwängen und Prozessen gegenüber ohnmächtig.</p>
<p>Individueller und qua Identifikation kollektiver Narzissmus wird damit zu einem konstitutiven Moment. Sicherheit, Macht und Glück werden in imaginierten Kollektiven gesucht – im Postnazismus vor allem in Volksgemeinschaft und <i>Umma</i> sowie in ihren familiären und sonstigen Keimformen. Deren (verinnerlichte) Zwänge und Zumutungen passen nicht recht zum narzisstischen Ideal der harmonischen Gemeinschaft und werden dem ausgemachten Juden projektiv angelastet. Letztlich soll dann von der Vernichtung alles „Jüdischen“ das Glück der Welt abhängen.</p>
<p>Gelten in weiblichkeitsfeindlichen Projektionen deren Objekte als minderwertig, aber auch als verführerisch und damit moralisch zersetzend, wird Jüdinnen und Juden darüber hinaus eine globale Übermacht unterstellt. Sie steuern angeblich die weitgehend abstrakten und anonymen Herrschaftsverhältnisse der Moderne – vor allem Geld und Staaten, Krisen und Kriege. Die Herrschaftsverhältnisse selbst werden zumeist nicht in Frage gestellt, sondern im Abweichenden, Nicht-Identischen stellvertretend bekämpft.</p>
<p>Das Thema dieser Ausgabe ist also keineswegs beliebig gewählt, sondern für die Kritik der falschen und hochgradig widervernünftigen Gesellschaft wesentlich, was zugleich notwendige Voraussetzung für deren Überwindung ist: für eine Gesellschaft, die universale und damit individuelle Freiheit erst ermöglicht, wo man also mit allen Konsequenzen „ohne Angst verschieden sein kann“ (Adorno 2003: 116).</p>
<h3>I Kollektiver Narzissmus und Postnazismus</h3>
<p>Mit den historischen Niedergängen islamischer Imperien kommt es zu kolonialer und darauf aufbauend kapitalistischer Marginalisierung der Region. Diese Unterlegenheit ist auch abseits der realen Verheerungen offenkundig eine schwere Kränkung der ApologetInnen islamischer Herrschaft. Dabei werden auch die Ideale universeller Freiheit von der islamischen Reaktion und ihrer post-kolonialen Schützenhilfe auf den Müllhaufen der möglichen Menschwerdung geworfen.</p>
<p>Seinen vorläufigen Höhepunkt gewinnt dieser Kampf (<i>Djihad</i>) über die Allianz mit dem Nationalsozialismus. Letzterer liefert massive militärische und propagandistische Unterstützung – gegen den gemeinsamen Feind, also alles Westliche und Moderne, personalisiert im ewigen Juden. So sieht sich die verbliebene jüdische Bevölkerung nur drei Jahre nach dem formalen Ende des Nationalsozialismus erneut in ihrer schieren Existenz bedroht. Noch in der Gründungsnacht des israelischen Staates am 14. Mai 1948 leiten Ägypten, Syrien, Saudi-Arabien, Jordanien, der Libanon und der Irak einen als solchen erklärten Vernichtungskrieg gegen Israel ein. Als führende Experten für Propaganda, Folter und Vernichtung sind nationalsozialistische Veteranen daran maßgeblich beteiligt. Doch der Angriff kann bekanntlich unter schwierigsten Bedingungen zurückgeschlagen werden.</p>
<p>Die Niederlage gilt vielen Besiegten fortan als <i>Nakba</i> („<i>die Katastrophe</i>“). Dieser Mythos des „<i>Holocaust an den Palästinensern</i>“ dient als Relativierung der tatsächlichen Shoah und damit der Legitimierung ihrer Fortsetzung. So wird Antisemitismus vielfach konstitutiv für die Staaten im Nahen Osten. Auch nationale und/oder islamische Despotie sowie entsprechender Militarismus und Aufrüstung gewinnen dabei eine verschärfte Priorität vor reproduktiven Bedürfnissen. Die Ideologie des Opfers bleibt virulent, weitere Vernichtungsversuche folgen: 1956 (Suezkrise), 1967 (Sechstagekrieg), 1978 (Yom-Kippur-Krieg), die Intifadas und heute vor allem der Terrorexport des iranischen Regimes.</p>
<p>Deren Zurückschlagung erfolgt durch eine wehrhafte israelische Armee, die auch von Frauen, Homosexuellen und Transsexuellen getragen wird. Dies dürfte eine weitere Kränkung für die ApologetInnen des besonders brutalen islamischen Patriarchats darstellen. Auch diesem gilt letztlich alles <i>Weibliche</i> als minderwertig. Permanente Gängelung, ständige Todesdrohungen und statuierte Exempel an AbweichlerInnen bis hin zur systematischen und lebenslänglichen Qual durch <i>Female Genital Mutilitation</i> sind darin überwiegend Normalität.</p>
<p>Zentrales Feindbild des postnazistischen Selbst- und Weltverständnisses ist folglich alles, was individuelle und zumal sexuelle Selbstbestimmung ist oder zu sein scheint, was als „westlich“ gilt und die Kollektive erst zersetze.</p>
<h3>II Narzissmus und Gesellschaft</h3>
<p>Sigmund Freud schreibt in der Traumdeutung über den Narzissmus: „Für die uneingeschränkte Eigenliebe (den Narzissmus) des Kindes ist jede Störung ein <i>crimen laesae maiestatis</i>, und wie die drakonische Gesetzgebung setzt das Gefühl des Kindes auf alle solche Vergehen nur die eine nicht dosierbare Strafe“ (Freud GW II/III: 261, Fußnote).</p>
<p>Eine solche Strafsucht aus narzisstischer Kränkung findet sich nun keineswegs allein bei verzogenen Kindern, Staatsherren und IslamistInnen. Tatsächlich scheint der irrationale Hass, nicht selten in der präventiven Verteidigung imaginierter Gemeinschaften, demokratisiert worden zu sein. Das <i>crimen laesae maiestatis</i> – die Majestätsbeleidigung – wurde gewissermaßen zum <i>Menschenrecht auf Beleidigtsein</i> modifiziert.</p>
<p>Natürlich ist Aufklärung im falschen Ganzen letztlich nicht ohne narzisstische Kränkung zu haben. Die entsprechende Psychodynamik läuft daran zumeist vorbei: Ob von Rechts bis Links, ob von opfernarzisstischen Deutschen als Weltmeister der Herzen und der Aufarbeitung, fast alle sehen sich geeint in der sogenannten Israelkritik, die sich in der massiven finanziellen Unterstützung und politischen Legitimierung als Vernichtungswunsch offenbart.</p>
<p>Auch darüber hinaus fühlen sich die „vereinzelten Einzelnen“ (Marx) und gerne auch ganze Gruppen ständig entweder selbst oder stellvertretend für andere notorisch gekränkt und beleidigt: vor allem in ihren religiösen Gefühlen, ihrer Kultur und ihrer Männlichkeit.</p>
<p>„Sie fühlen sich verletzlich und benehmen sich wehleidig, auch wenn sie selbst heftig austeilen. Hinter der Lust an der Selbsterhöhung durch Erniedrigung und Beleidigung anderer steckt die Versagensangst. Das narzisstische Subjekt erfährt sein prekarisiertes Leben als Castingshow, in der es um das Auswählen und das Ausgewähltwerden geht. Es vergleicht sein Vermögen mit dem anderer und leidet an der Drohung des eigenen Unvermögens. Die Konsequenz daraus ist Nötigung zur Verhaltensauffälligkeit: Wer stumm und blass ist, kommt am Runway nicht weiter“ (Edlinger 2016).</p>
<p>Als Arbeitskraftbehältnis austauschbar und dem Verwertungsprozess ausgeliefert, neigen sie zur Identifizierung mit mächtigen Kollektiven, zu kompensatorisch-narzisstischem Größenwahn. Das geht regelmäßig, vor allem in politischen und ökonomischen Krisenzeiten, in regressive Massendynamik sowie damit in irrationalen Hass und Gewaltexzesse über. Hier phantasieren die „ewig Zukurzgekommenen“ (Leo Löwenthal) und die „verfolgende Unschuld“ (Karl Kraus) von politisch rechts bis links die Schuldigen zielsicher im „ewigen Juden“.</p>
<p>Der blanke antisemitische Hass wird im Postnazismus jedoch meist politisch korrekt codiert: es heißt nun „die da oben“, „der Westen“, „USrael“, sie heißen nun Banker und Spekulanten, sie sind nun der leere Signifikant <i>die Macht</i> – seien schuld an was auch immer. Dies wird nicht selten mühelos auf die Fremden, die lüsterne und verführerische Frau und nicht-reproduzierenden ZersetzerInnen komplementär erweitert, welche ebenfalls die heilige Familie und überhaupt die jeweilige imaginierte und reale Zwangsgemeinschaft erst „vergiften“ würden.</p>
<p>Schon weil der Mensch zunächst ein „unermüdlicher Lustsucher“ (Freud) und ein bedürftiges Wesen ohne beliebig ausdehnbare Schmerzgrenzen ist, kann es keine Herrschaft ohne Konflikte und Gewalt geben. Daran werden die nunmehr gespaltenen Subjekte oftmals wahnsinnig. Dieser Zustand ist schwer erträglich und bedarf der Abwehr. Das geht von mehr oder weniger harmlosen Ersatzhandlungen (Sublimierung) bis hin zur pathischen Projektion. Was die deformierten Subjekte und vor allem manifeste AntisemitInnen mehr oder weniger bewusst wollen, lässt sich entsprechend ziemlich genau an dem ablesen, was sie dem Juden unterstellen: Völkermord, Weltherrschaft, Rachsucht, Gier, Lüsternheit und Genussfähigkeit.</p>
<p>Innerhalb der Kollektive, die jene Ressentiments variierend forcieren, haben wir es offenbar mit Subjekten zu tun, die ihre reale Ohnmacht im falschen Ganzen durch narzisstische Großartigkeit, Reinheit und Einheit irrational zu überkommen suchen. Das kann bei Gelegenheit bis hin zur äußersten Gewalt gesteigert werden. Diese weist auch ein instrumentell-rationales Moment auf: vor allem die Opferung anderer aber auch ihrer selbst für den angeblich höheren Zweck – meist Kombinationen aus Ehre der Familie, Männlichkeit und Volksgemeinschaft oder <i>Umma</i>.</p>
<p>Die eigenen Zumutungen werden zu individueller Selbstknechtung, es entsteht ein sado-masochistischer, strukturell-männlicher Charakter. Dieser weist notwendig paranoide Elemente auf, weil er ständig die Wiederkehr des Verdrängten, speziell <i>weiblicher</i> Triebwünsche, fürchten muss und zu echtem menschlichen Kontakt, zu so etwas wie Hingabe ohne Märtyrium, fast unfähig ist. Die permanente Suche nach Objekten zur Abreaktion wird oft zur Obsession. Die Libido bleibt indes primär auf das (imaginäre Größen-)Selbst fixiert und verarmt dadurch.</p>
<p>Bei den maßgeblichen Entstehungsbedingungen solcher Subjekte haben wir es demnach – in Form abstrakter und konkreter Herr-schaft sowie der immer damit verbundenen Gewalt, Ideologie und materiellen Verknappung – exakt mit demjenigen zu tun, was letztlich unnötiges menschliches Leid bedeutet und für den Übergang in einen wahrhaft menschlichen Zustand aufzuheben wäre. Es bleibt die drängende ideologiekritische Frage, warum diese objektive Möglichkeit kaum angestrebt wird und die Menschheit stattdessen wiederkehrend in Formen der Barbarei versinkt (Adorno/Horkheimer 2000).</p>
<p>Wir möchten daher in dieser Ausgabe der <i>Gezeit</i> einen Beitrag zur Klärung der Interferenz von Antisemitismus und Geschlechterverhältnis leisten, wobei nicht alle Beiträge auf einer Rezeption der Kritischen Theorie beruhen. Entsprechend besteht innerhalb der Fakultätsvertretung Geisteswissenschaften, als Herausgeberin der <i>Gezeit</i>, keine Einigkeit über alle Inhalte der Beiträge.</p>
<h3>III Zu den Beiträgen</h3>
<p>Wir beginnen diese <i>Gezeit</i> mit dem Artikel von <b>Max Rigele</b>, der zur historischen Entstehung von Antisemitismus und Sexismus schreibt: „Wer die Hexen jagt, der jagt auch die Juden“.</p>
<p>Der zweite Beitrag ist ein Interview von <b>Sandra Jurdyga</b> mit Karin Stögner, in welchem grundsätzliche Aspekte der Interferenz von Sexismus und Antisemitismus anhand der Chancen und Probleme einer intersektionalen Herangehensweise angesprochen werden.</p>
<p>Im dritten Artikel skizziert <b>Colin Kaggl</b> die konstitutive Neigung der autoritären und speziell männlichen Persönlichkeit zu Antisemitismus und Misogynie. Die Kritische Theorie ist auch hierfür unverzichtbare Grundlage.</p>
<p><b>Brigitte Temel</b> schreibt über das Verhältnis der Linken zur „Boycott &#8211; Divestment &#8211; Sanctions“-Bewegung und zu Israel, wobei letzteres bekanntlich maßgeblich feindselig geprägt ist.</p>
<p>Dann widmet sich <b>Till Amelung </b>einem Aspekt linker Verschwörungstheorie namens <i>Pinkwashing</i>, wonach die israelische Politik Rechte für LGBT zur Kaschierung der vermeintlichen „Unterdrückung des palästinensichen Volkes“ nutze.</p>
<p>Der sechste Artikel ist eine psychoanalytische Abhandlung von <b>Yasemin Makineci</b> zum Trauma durch den Nationalsozialismus. Als Beispiel dienen hierzu in Israel verfasste pornographische Groschenromane, die als Bearbeitungsversuche jener Traumatisierungen untersucht werden.</p>
<p><b>Tom Uhlig</b> widmet sich in seinem Artikel dem Antisemitismus in queerfeministischen und postkolonialen Zusammenhängen, während <b>Frederike Schuh</b> anhand der Probleme und des Forschungsstandes der Erkenntnistheorie über die Entstehung wahnhafter Wahrnehmungsmuster schreibt.</p>
<p>Unsere GenossInnen aus Berlin <b>Bertolt Specht</b> und <b>Lilli Brandt </b>zeigen schließlich am Beispiel des Otto-Suhr-Instituts sehr eindrücklich, wie sich bürgerliche Subjekte durch den gemeinsamen Feind vereint finden.</p>
<p>Den Abschluss macht <b>Colin Kaggl </b>mit einem Kommentar zur inhärenten Menschenfeindlichkeit des Islam und dazu, wie diese speziell von der politischen Linken als revolutionäres Subjekt aufgeladen wird.</p>
<h3>Literatur</h3>
<p>Adorno, Theodor W. / Horkheimer, Max (2000). Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. Frankfurt am Main: Suhrkamp.</p>
<p>Adorno, Theodor W. (2003): Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben. Frankfurt am Main: Suhrkamp.</p>
<p>Edlinger, Thomas (2016): Ich bin beleidigt, also bin ich. http://www.zeit.de/kultur/2016-04/beleidigungen-jan-boehmermann-dieter-bohlen-recep-tayyip-erdogan/komplettansicht (20.6.2017)</p>
<p>Freud, Sigmund (1900): Die Traumdeutung. GW II/III, 3. Aufl. 1961. London: Imago Publishing.</p>
<p>Küntzel, Matthias (2003): Djihad und Judenhaß. Über den neuen antijüdischen Krieg. Freiburg: ça-ira.</p>
<p>Radonic, Ljiljana (2004): Die friedfertige Antisemitin? Kritische Theorie über Geschlechter verhältnis und Antisemitismus. Frankfurt am Main: Peter Lang.</p>
<p>Stögner, Karin (2014): Antisemitismus und Sexismus. Historisch-gesellschaftliche Konstellationen. Baden Baden: Nomos</p>
<p>Tenenbom, Tuvia (2014): Allein unter Juden. Eine Entdeckungsreise durch Israel. Frankfurt am Main: Suhrkamp.</p>
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