{"id":103,"date":"2010-10-26T01:39:50","date_gmt":"2010-10-25T23:39:50","guid":{"rendered":"https:\/\/www.fv-gewi.at\/gezeit\/?p=103"},"modified":"2018-04-05T13:28:49","modified_gmt":"2018-04-05T11:28:49","slug":"wos-rosa-draufsteht-ists-rosa-drin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gewi.bagru.at\/gezeit\/archiv\/2010\/wos-rosa-draufsteht-ists-rosa-drin\/","title":{"rendered":"Wo\u2019s rosa draufsteht, ist\u2018s rosa drin."},"content":{"rendered":"<p>\u00dcber Vermarktung, Verharmlosung und Verweiblichung \u2013 machen uns Pillen zu dem, was wir sein sollen?<\/p>\n<p>Hormonelle Verh\u00fctung als gro\u00dfe Revolution des 20. Jahrhunderts, als M\u00f6glichkeit auf Selbstbestimmung und sexuelle Freiheit \u2013 oder doch nicht? Doch eher ein Zwang an eine t\u00e4gliche Uhrzeit, ein Unterwerfen an Hormone, eine doppelte Verweiblichung?<\/p>\n<p>Keineswegs will ich der Pille ihre historische Bedeutung, ihre Verdienste um Unabh\u00e4ngigkeit der Frau in Verh\u00fctungsfragen absprechen. Keineswegs soll sich der Artikel einer Tradition von geforderter Renaturalisierung bei Verh\u00fctung anschlie\u00dfen oder sich biologistischer Argumente bedienen. Keineswegs geht es um \u201edo\u2019s &amp; don\u2019ts\u201c. M\u00f6glichkeiten zur Verh\u00fctung gibt es viele unterschiedliche und die Entscheidung bleibt jeder* (und jedem) selbst \u00fcberlassen \u2013 hier werden jedenfalls keine L\u00f6sungen pr\u00e4sentiert.<\/p>\n<p>Doch bei all den Dingen, die hier nicht Thema sein sollen, bleibt ein Problemfeld offen, das kritischer Hinterfragung bedarf. Herausgreifen m\u00f6chte ich einen eventuellen Zusammenhang zwischen einer auff\u00e4lligen Vermarktung in rosa als \u201eM\u00e4dchenprodukt\u201c und einer scheinbar vernachl\u00e4ssigbaren Nebenwirkung, Stimmungsschwankungen.<\/p>\n<h3>Unbehagen 1<\/h3>\n<blockquote><p><em>\u201eIch verschreibe Ihnen die Pille, die verbessert dann zugleich auch Ihr Hautbild.\u201c<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Frausein reicht ihn vielen F\u00e4llen schon v\u00f6llig f\u00fcr eine Verschreibung, ja geradezu eine \u00e4rztliche Empfehlung aus. Von der Frauen\u00e4rztin mit Rezept, einem Gratismuster in rosaroter Verpackung, Aufbewahrungsbox mit Kosmetikspiegel und Bl\u00fcmchen als Vergiss-mein-nicht-Aufkleber aus der Praxis geschickt (ohne wirklich mit der Absicht hingegangen zu sein), f\u00e4ngt das erste Unbehagen an. Der Name diesen Produktes ist mit einem weiblichen Diminutivaffix (-ette\/-elle\/etc.) versehen. Und statt des normalen Beipackzettels befindet sich in der kleinen Bl\u00fcmchenbox mit Spiegel ein ganzes B\u00fcchlein mit Vorteilen, Einnahmetipps und schlussendlich eine endlos lange Liste von Nebenwirkungen. Verpackung und Vermarktung machen klar: diese Pille ist f\u00fcr junge Frauen konzipiert.<br \/>\nDie Versicherung, dass durch eine besonders niedrige Dosierung jegliche Nebenwirkungen (insbesondere nat\u00fcrlich Gewichtszunahme) verringert werden konnten, trotzt der langen Liste. Auf der Homepage finden sich als Vorteile dieser \u201eMinipille\u201c (schon wieder eine Verkleinerungsform) bessere Haut und stabiles Gewicht; sogar ein Online-Rechner f\u00fcr den Body-Mass-Index steht dort bereit. In dem B\u00fcchlein zur Pille wird als h\u00e4ufige Nebenwirkung \u201eVergr\u00f6\u00dferung der Brust\u201c genannt \u2013 eine vielfach erw\u00fcnschte Wirkung, wie Eintr\u00e4ge in diversen Internetforen bezeugen. Abseits der sicheren Verh\u00fctung sind es also \u00e4u\u00dferst hinterfragensw\u00fcrdige Muster und Motivationen die Kauf und Verkauf dieser Pillen pr\u00e4gen. Macht uns erst die Pille zu besseren, \u201erichtigeren\u201c Frauen \u2013 Frauen, die die Verantwortung f\u00fcr Empf\u00e4ngnisverh\u00fctung alleine tragen (wohlgemerkt auch finanziell), mit reinem Hautbild, gr\u00f6\u00dferen Br\u00fcsten und stabilem Gewicht?! Ist es dieses unbehagliche Konstrukt, in welches wir, dank Pille, besser passen sollen?<\/p>\n<h3>Unbehagen 2<\/h3>\n<blockquote><p><em>\u201e\u00dcber Wirkung und m\u00f6gliche unerw\u00fcnschte Wirkungen informieren \u00c4rzt_in oder Apotheker_in\u2026?\u201c<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Vom stabilen Gewicht zur instabilen psychischen Verfassung.<\/p>\n<p>Angesichts der langen, angsteinfl\u00f6\u00dfenden Liste von Nebenwirkungen scheinen Stimmungsschwankungen, die an erster Stelle stehen (angegebene H\u00e4ufigkeit: bei mehr als 1 von 100, aber weniger als 1 von 10 Frauen), fast g\u00e4nzlich vernachl\u00e4ssigbar. Und \u00fcberhaupt, was sind schon Stimmungsschwankungen? Wie kann mensch sie messen, wissen, erkennen und zuordnen? Und wer kommt schon auf die Idee so etwas Eigenartiges (im Sinne von Suspekt-Sein, aber auch das eigene Selbst treffend) der Verh\u00fctungsmethode zuzuschreiben?<br \/>\nPers\u00f6nliche Erfahrungen und Gespr\u00e4che mit Freundinnen zeigen, dass es doch immer die kleinen und gro\u00dfen Krisen im Studium, die Schwierigkeiten bei der Diplomarbeit, die Selbstzweifel oder auch Beziehungsprobleme sind, die als Ausl\u00f6ser f\u00fcr langandauernde Stimmungsschwankungen gesehen werden. Und erst wenn frau sich ihr eigenes Verhalten nicht mehr erkl\u00e4ren kann, dann ist irgendwann die Idee, dass es an den t\u00e4glich verschluckten Hormonen liegen kann, nicht mehr so abwegig. Unerkl\u00e4rliche Weinkr\u00e4mpfe in der Nacht und das Unverm\u00f6gen auf jede unangenehme Situation anders als mit Tr\u00e4nen in den Augen zu reagieren; durch Hormone beeinflusst? Schlie\u00dflich war frau vorher eher ver\u00e4rgert, konnte ihrer Wut freien Lauf lassen, und war nicht von Kleinigkeiten emotional mitgenommen, deprimiert oder einfach nur traurig gestimmt.<\/p>\n<p>Frappant, dass solche Stimmungsschwankungen so sehr mit dem gesellschaftlich konstruierten Bild der schwachen Frau zusammenfallen. Jene, die besch\u00fctzt und getr\u00f6stet werden muss, weil sie so schnell sentimental, unsicher, weinerlich wird. Jene, die in solchen Momenten einen liebevollen oder freundschaftlichen Arm um die Schulter braucht und sich einfach anlehnen will. Und wenn ihr selbst diese Rolle nicht passt, dann folgt noch mehr Verzweiflung, das Gef\u00fchl, mit den eigenen Reaktionen nicht zurechtzukommen.<\/p>\n<h3>Die rosarote Brille abnehmen<\/h3>\n<p>Vielleicht also doch den K\u00f6rper aus dem st\u00e4ndigen Scheinzustand der Reproduktion herausholen und kurz produktiv-kritisch nachdenken: was ist das f\u00fcr eine Verh\u00fctung, die uns rosa-gebl\u00fcmt zu besseren Frauen machen will, uns aber zugleich mit gro\u00dfer Wahrscheinlichkeit Stimmungsschwankungen und emotionaler Schw\u00e4che aussetzt? Welche Formen von Biopolitik kommen darin zum Ausdruck? Ist das Mittel zur Selbstbestimmung zugleich auch eine Macht, die fremdbestimmt und oftmals schwer definierbar am eigenen K\u00f6rper wirkt?<\/p>\n<p>Verdammt, hier w\u00fcrde doch echt gut ein Foucault-Zitat passen:<\/p>\n<blockquote><p><em>\u201eBio-Politik der Bev\u00f6lkerung. Die Disziplinen des K\u00f6rpers und die Regulierungen der Bev\u00f6lkerung bilden die beiden Pole, um die herum sich die Macht zum Leben organisiert hat. Die Installation dieser [ &#8230; ] Technologie charakterisiert eine Macht, deren h\u00f6chste Funktion nicht mehr das T\u00f6ten, sondern die vollst\u00e4ndige Durchsetzung des Lebens ist. Die alte M\u00e4chtigkeit des Todes, in der sich die Souver\u00e4nit\u00e4t symbolisierte, wird nun \u00fcberdeckt durch die sorgf\u00e4ltige Verwaltung der K\u00f6rper und die rechnerische Planung des Lebens. [ &#8230; ] Ironie dieses Dispositivs: es macht uns glauben, da\u00df es darin um unsere \u201aBefreiung\u2018 geht.\u201c<\/em><br \/>\nMichel Foucault, Der Wille zum Wissen, Frankfurt a.M. 1983, S.136.<\/p><\/blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\">Elisabeth Hanzl<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber Vermarktung, Verharmlosung und Verweiblichung \u2013 machen uns Pillen zu dem, was wir sein sollen? 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