{"id":111,"date":"2010-10-31T19:51:37","date_gmt":"2010-10-31T18:51:37","guid":{"rendered":"https:\/\/www.fv-gewi.at\/gezeit\/?p=111"},"modified":"2018-04-05T13:28:11","modified_gmt":"2018-04-05T11:28:11","slug":"critical-whiteness-und-der-essenzialismus-des-rassismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gewi.bagru.at\/gezeit\/archiv\/2010\/critical-whiteness-und-der-essenzialismus-des-rassismus\/","title":{"rendered":"Critical Whiteness und der Essenzialismus des Rassismus"},"content":{"rendered":"<p>F\u00fcr die Wei\u00dfseinsforschung ist das Wei\u00dfe nicht eine blo\u00dfe Farbe, sondern ein gesellschaftliches Konzept.<\/p>\n<p>Durch das Aufbl\u00fchen der Kulturwissenschaften im Geistes- und Sozialwissenschaftlichen Wissenschaftsbetrieb hielten viele Disziplinen in die europ\u00e4ische Lehre und Forschung Einzug, wie es in der Form bis Dato nicht denkbar gewesen w\u00e4re. Es entstanden interdisziplin\u00e4re Forschungsbereiche, die sich mit den Themen Geschlecht und Gesellschaft besch\u00e4ftigen, postkoloniale Theorien entwikeln oder sich mit der Hautfarbe als gesellschaftlicher Kategorie auseinandersetzen. Was alle drei Bereiche eint, ist deren N\u00e4he zur Postmoderne, vor allem zum Poststrukturalismus, der besagt, dass sich eine Identit\u00e4tenbildung nur in der Abgrenzung zum Anderen konstituieren und erkannt werden kann.<\/p>\n<p>Die Wei\u00dfseinsforschung, als kritisches Gesellschaftsprinzip Critical Whiteness genannt, etablierte sich in den 1990er Jahren vor allem in den USA in Verbindung mit den Black- bzw. Afroamericanstudies, einem Forschungsbereich, der sich vor allem mit der Geschichte und der gesellschaftlichen Stellung der AfroamerikanerInnen besch\u00e4ftigt.<br \/>\nOtto Busse schildert in seinem Text \u201ewei\u00df-sein\u201c eine Szene aus dem allt\u00e4glichen Leben, anhand derer sich die Kernthesen der Wei\u00dfseinsforschung charakteristisch zeigen lassen. Daniela hat sich beim Gem\u00fcseschnippeln in den Finger geschnitten, sie blutet. Daniela holt sich ein Pflaster und verarztet sich.Die Wei\u00dfseinsforschung stellt sich die Frage, ob der Verlauf eines allt\u00e4glichen Ereignisses, in diesem Fall das einfache Schneiden mit einem Messer, f\u00fcr Daniela genauso ablaufen und stattfinden w\u00fcrde wenn sie schwarz w\u00e4re. W\u00e4re Daniela schwarz, so k\u00f6nnte sie sich kein Pflaster in ihrer Hautfarbe kaufen, denn in einer Gesellschaft wie unserer ist alles auf die Menschen mit wei\u00dfer Hautfarbe ausgerichtet. Das wei\u00dfe Pflaster, das auf ihrer schwarzen Haut kleben w\u00fcrde, w\u00fcrde sie kennzeichnen, w\u00fcrde allen, die an Daniela vorbeilaufen offenbaren: Daniela ist anders als die \u201eNormalen\u201c.<\/p>\n<p>Das Beispiel zeigt, dass viele gesellschaftliche Gegebenheiten, wie etwa das Produkt Pflaster, wei\u00dfe Privilegien sind. Das Wei\u00dfsein jedoch als Identit\u00e4t ist nicht eine blo\u00dfe Farbe.<br \/>\nEs ist ein Konzept, auf das sich das t\u00e4gliche Handeln und das t\u00e4gliche Empfinden st\u00fctzt. Schon Bobby Searle, der Begr\u00fcnder der Black Panther Party, formulierte vor fast 30 Jahren, dass das Wei\u00dfsein ein soziales Konstrukt sei. Es konstituiert sich am Anderen, am Schwarzen. Es ben\u00f6tigt laut Busse das Schwarzsein, um selbst zu existieren, um die eigene Identit\u00e4t zu entwickeln. W\u00e4hrend das Schwarze als das Besondere erscheint, wird im Gegenzug das Wei\u00dfe zum Normalen, zum Nichtsichtbaren.<br \/>\nOtto Busse schreibt: \u201eEs ist scheinbar keine Farbe und doch alle Farben in Einem, eine Leerstelle und doch universell, alles und nichts zugleich. Wei\u00df-Sein erzeugt das Andere, entzieht sich aber selbst der Definition durch Andere.\u201c<\/p>\n<p><strong>Herrschaft<\/strong> und Kategorienbildung sind f\u00fcr Michel Foucault sowie f\u00fcr den Poststrukturalismus aufs Engste miteinander verzahnt. Das Wei\u00dfsein, das sich in Abgrenzung zur Kategorie des Schwarzen konstituiert, sich jedoch nicht als eigenst\u00e4ndige Kategorie ausdr\u00fcckt, entwirft und manifestiert ein Herrschaftsverh\u00e4ltnis. Anders als die meisten Wissenschaften versucht die Wei\u00dfseinsforschung mit ihrem Konzept Critical Whiteness der gesellschaftlichen Wirklichkeit entgegenzuwirken. W\u00e4hrend sie sich vor allem mit der Analyse eines gesellschaftlichen Rassismus auf einer anderen Ebene besch\u00e4ftigt, ist es ebenfalls ihr Ziel, eine Praxis des Antirassismus zu entwickeln, die sich auf die Erkenntnis des Wei\u00dfseins als gesellschaftlichem Konstrukt st\u00fctzt.<\/p>\n<p>Walter Benn Michaels, Professor f\u00fcr Literaturwissenschaften an der University of Chicago, \u00e4u\u00dfert hingegen Bedenken an der Kategorisierung von Schwarz und Wei\u00df und stellt sich in seinem Text \u201eAutobiography of an Ex-White Man. Why Race is not a social construcion\u201c kritisch mit der These des Wei\u00dfseins als blo\u00dfer gesellschaftliche Kategorie auseinander. Er zitiert zu Beginn seines Textes aus James Weldon Johnstons Werk \u201eAutobiography of an Ex-Colored Man\u201c. Johnston schildert den Unterschied zwischen der Inspiration schwarzer und wei\u00dfen Musiker, die sich durch schwarze Musik (z.B. Jazz, Blues oder HipHop) inspirieren lassen. W\u00e4hrend die von Wei\u00dfen geschaffene schwarze Musik als Imitation bezeichnet wird, so wird die von Schwarzen erzeugte schwarze Musik als Inspiration interpretiert. \u201eRace Traitor\u201c, das wichtigste Magazin f\u00fcr die Wei\u00dfseinsforschung, bezeichnete die Imitation als eine Absprache des legitimen Erbes der Schwarzen.<\/p>\n<p>In Johnstons Werk jedoch ist die Rasse die <strong>Funktion<\/strong> des Blutes, w\u00e4hrend \u201eRace Traitor\u201c die mittlerweile anerkannte These vetritt, dass die Rasse keine \u201ebiologische\u201c, sondern \u201egesellschaftliche\u201c Tatsache ist. Dadurch wird das \u201epassing\u201c (Durchgehen oder Passieren) m\u00f6glich, durch das Schwarze, die ihre auf schwarzen Wurzeln basierende Inspiration vernachl\u00e4ssigen, zu Ex-Schwarzen werden.<br \/>\nSie werden dadurch zu Imitatoren, \u00e4hnlich wie es Wei\u00dfe sind, die schwarze Musik spielen. F\u00fcr \u201eRaice Traitor\u201c scheint es auch m\u00f6glich zu sein, dass Wei\u00dfe durch die Identifikation mit den Schwarzen zu Ex-Wei\u00dfen werden.<br \/>\nDennoch, w\u00e4hrend Schwarze ihr Schwarzsein durch die Verheimlichung ihrer Wurzeln verlieren, so k\u00f6nnen Wei\u00dfe nur durch die Zerst\u00f6rung ihrer wei\u00dfen Identit\u00e4t sich des Wei\u00dfseins entledigen.<\/p>\n<p>Walter Benn Michaels <strong>kritisiert<\/strong> die Auffassung der Rasse innerhalb der Wei\u00dfseinsforschung dahingehend, dass er darauf insistiert, dass der Begriff \u201eRasse\u201c seinen essentialistischen Grundkern behalten muss, wenn Rasse weiterhin als Rasse begriffen werden soll. Ihm geht es selbstverst\u00e4ndlich nicht um die Rettung eines Rassebegriffs, sondern er verweist auf die Notwendigkeit, Rasse nicht als gesellschaftliche Kategorie zu begreifen, wenn die gesellschaftlich rassistischen Praktiken aufgesp\u00fcrt und kritisiert werden sollen. Wenn Rasse antiessentialistisch aufgefasst werden kann, dann kann am Begriff der Rasse nicht mehr festgehalten werden, denn er hat f\u00fcr den Rassisten oder die Rassistin notwendigerweise einen essentiellen Kern. Wenn die Rasse notwendigerweise mit einem Essentialismus verkn\u00fcpft ist, dann ist das oben angef\u00fchrte Prinzip des \u201epassings\u201c unm\u00f6glich, denn f\u00fcr RassistInnenen bleibt der Schwarze immer noch Schwarz, auch wenn er sich gesellschaftlich nicht schwarz verh\u00e4lt oder gar seine Wurzeln verleugnet. Die Rasse war und ist f\u00fcr den Rassisten oder die Rassistin eine biologische Eigenschaft, die durch eine nachtr\u00e4gliche Erkl\u00e4rung zu einer sozialen Kategorie verharmlost wird.<\/p>\n<p><strong>Wei\u00dfseinskonzepte<\/strong> haben die Besch\u00e4ftigung mit der Rasse und dem Rassismus wieder in die akademische Auseinandersetzung gef\u00fchrt. Durch die Etablierung des Poststrukturalismus treffen Interpretationen aufeinander, die unterschiedlicher kaum sein k\u00f6nnen. W\u00e4hrend im angef\u00fchrten Beispiel Walter Benn Michaels von der Essentialit\u00e4t des Blutes und der Hautfarbe f\u00fcr den Rassisten ausgeht, so guckt die Wei\u00dfseinsforschung von einem ganz anderen Blickwinkel auf den Rassismus. Sie begreift ihn als Funktion zur Identit\u00e4tsstiftung des Wei\u00dfen ohne das Wei\u00dfsein an sich zu kategorisieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Grandhotel Abgrund<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F\u00fcr die Wei\u00dfseinsforschung ist das Wei\u00dfe nicht eine blo\u00dfe Farbe, sondern ein gesellschaftliches Konzept. 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