{"id":115,"date":"2010-10-31T19:54:04","date_gmt":"2010-10-31T18:54:04","guid":{"rendered":"https:\/\/www.fv-gewi.at\/gezeit\/?p=115"},"modified":"2018-04-05T13:28:33","modified_gmt":"2018-04-05T11:28:33","slug":"mit-rosa-gegen-die-nation","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gewi.bagru.at\/gezeit\/archiv\/2010\/mit-rosa-gegen-die-nation\/","title":{"rendered":"Mit Rosa gegen die Nation"},"content":{"rendered":"<p><strong>Es ist Rosa. Es ist ein Hase. Es ist gegen Deutschland.<\/strong><\/p>\n<p>Seit Judith Kerrs Roman \u201eAls Hitler das rosa Kaninchen stahl\u201c aus den 1970er Jahren kommt dem rosa Kaninchen auch eine politische Bedeutungen zu. Nicht mehr nur als Kuscheltier oder als mit Zuckergu\u00df verziertes s\u00fc\u00dfes.<br \/>\nEtwas schreibt sich das rosa Kaninchen in infantile Tr\u00e4umereien ein, sondern neuerdings erhebt es auch die Linke zum Sinnbild politischer Agitation in Zeiten der eigenen gesellschaftlichen Irrelevanz. Etwas Neues muss her, um spielerisch linksradikale Inhalte auch unter die OttonormalverbraucherInnen in Deutschland zu bringen. \u201ePink Rabbit against Germany\u201c nennt sich der nicht wirklich neue Gag der antinationalen berliner Politszene. Seit 2007 treibt der rosa Hase in berliner und brandburger Gefilden sein politisches Unwesen.<br \/>\nDabei scheint das rosa Kaninchen die ganze Bandbreite des linken Einmaleins auf dem Kasten zu haben. So beweist es sich als antirassistisch, wenn es in postmoderner Manier einfach mal aus der berliner \u201eMohrenstra\u00dfe\u201c durch zwei Punke die \u201eM\u00f6hrenstra\u00dfe\u201c macht und damit spielerisch dekonstruiert. Oder auch als geschichtsbegreifend, wenn der Hase auf der Premiere des Films \u201eValkyrie\u201c elegant mit Schirm und passendem Spruch \u201eDeutschland ist mir M\u00f6hre\u201c gegen den zum Mythos stilisierten reaktion\u00e4ren deutschen Widerstand zur NS-Zeit aufwartet. Auch dem deutschen Heldengedenken, wie es im Bund der Vertriebenen zelebriert wird, setzt der Hase St\u00f6raktionen in Form von Sprechch\u00f6ren entgegen.<\/p>\n<p>Doch besonders im Supergedenkjahr 2009, in dem sich die Bundesrepublik in mehrfacher Hinsicht zu beweihr\u00e4uchern wusste, verschaffte sich \u201ePink Rabbit\u201c mit Schirm, Charme und Melone \u00fcber die linksradikale \u00d6ffentlichkeit hinaus etwas Geh\u00f6r. Auf \u201eWir-feiern-Deutschland\u201c Festivit\u00e4ten wollte er Deutschland mit Kondomen verh\u00fcten, sp\u00fclte eine Deutschlandfahne vor der Kamera ins Klo und zeigte damit, dass ihm Deutschland \u2013 um es noch einmal zu sagen \u2013 ziemlich M\u00f6hre ist. Die politische Message ist dabei ziemlich eindeutig: Nationen, und die Deutsche im Besonderen, sind schei\u00dfe und geh\u00f6ren auf den M\u00fcllhaufen der Geschichte und damit abgeschafft. Doch kann einem\/einer Deutschland so M\u00f6hre sein? Im Angesicht der deutschen Vergangenheit, die \u2013 und da bedarf es keines hegelianischen Geschichtsbewusstseins \u2013 auch Teil der Gegenwart ist, sowie in Anbetracht der Nation, muss erkannt werden, dass beide gesellschaftliche Realit\u00e4t besitzen, die so einfach nicht im Klo heruntergesp\u00fclt werden kann. Hier dr\u00fcckt sich die in weiten Teilen der Linken verbreitete Theoriefeindlichkeit und typische Herangehensweise aus: Denn anstatt den Gegenstand zu erfassen und seine manifeste Wirklichkeit zu erkennen, wird der Zusammenhang von Sein und der M\u00f6glichkeit, dass es so wie es ist nicht sein muss, einseitig zugunsten letzterem in platten Parolen aufgel\u00f6st. Nicht nur heruntersp\u00fchlen, sondern auch dekonstruieren hilft jedoch wenig.<\/p>\n<p>Die Nation hat eine erfahrbare Allt\u00e4glichkeit, sowie historische Bedingungen. Sie ist nicht, wie es der antinationale linke Kanon immer zu wiederholen imstande ist, eine rein ideologische Erfindung, die den Zweck erf\u00fcllt, den identit\u00e4ren Kitt f\u00fcr die staatlich organisierte Kapitalakkumulation zu stellen, und mehr als die wohl bekannten Schlagw\u00f6rter \u201eInklusion und Exklusion\u201c zur Charakterisierung der Nation erahnen lassen. Mit diesem Verst\u00e4ndnis des Nationalen wird suggiert, dass die Nation allein innerhalb der Logik des Staates zu begreifen ist und eben keine eigene Bewusstsseinsform hervorbringt. Doch muss gesehen werden, dass die Genese der Nation ein Produkt der Moderne, sowie auch immanenter Bestandteil des bewussten gesellschaftlichen Seins ist. Als gesellschaftlich konstruierte Form der Gemeinschaft ist sie nicht gewolltes Ergebnis eines linearen geschichtlichen Prozesses. Die Entstehung der Nation als Gemeinschaftsprinzip beruht auf den durch die Moderne entstandenen neuen Wahrnehmungsformen, die seit dem 16. Jahrhundert eine ganz neue Perspektive auf ein \u00fcberregionales Gemeinwesen hervorriefen.<\/p>\n<p>Die Rationalisierung der Arbeitsprozesse, aber auch die f\u00fcr den einfachen Menschen m\u00f6glich gewordenen Bahnreisen, lie\u00dfen eine neue Form der gesellschaftlichen Gleich-zeitigkeit erwachsen, in der sich die Zeit laut Benedict Anderson durch einen homogenen und leeren Raum bewegt. Der nationale Buchdruck, die in Nationalsprachen erscheinenden B\u00fccher und Printmedien, die aus der S\u00e4ttigung des lateinischen Gelehrtenmarktes resultierten, brachten ein \u00fcberregionales Zugeh\u00f6rigkeitsempfinden hervor, das erst durch das m\u00f6glich gewordene Reisen konkret erfahrbar wurde. Auch die Konsumation einer national erscheinenden Tageszeitung trug dazu bei, da die Lesenden nachvollziehen konnten, dass \u201eihre\u201c Zeitung auch jenseits ihres Dorfes gelesen wurde \u2013 Hegel verglich einst das Konsumieren von Tageszeitungen mit einer Massenzelebration.<\/p>\n<p>Die Nation ist, auch wenn sie in vielen linken Kreisen unter dem Begriff einer Ideologie subsumiert wird, eine Wahrnehmungsform, die nicht nur als Legitimit\u00e4t des Staates fungiert, sondern einen immensen Bestandteil der gesellschaftlichen Wirklichkeit ausmacht. Zwar findet die Erfahrbarkeit der Nation in der Konstruierung einer eigenen Legende oder auch in Massenveranstaltungen ihren Ausdruck, doch ist dies nur der konkrete Ausdruck eines Alltags, der, ob nun bewusst oder unbewusst, kategorisch national ist. Benedict Anderson, Autor des f\u00fcr die Nationalismusforschung bahnbrechenden Werkes \u201eImagined Communities\u201c, verweist mit einer vorher noch nie ausgedr\u00fcckten Genauigkeit auf eben diese Wurzeln eines Nationalbewusstseins hin und trennt den Begriff eines Nationalbewusstseins von dem des Nationalchauvinismus. W\u00e4hrend das Wissen und das Reflektieren \u00fcber die Zugeh\u00f6rigkeit zu einer Nation als Nationalbewusstsein definiert wird, so wird die Hierarchisierung von Nationen zum Begriff des Nationalchauvinismus.<\/p>\n<p>Ob nun aus alter Liebe zum trotzkistischen Internationalismus oder aus neuer emotionaler Verbindung zur Postmoderne und der damit verkn\u00fcpften R\u00fcckbesinnung auf die philosophische Ontologie, also dem Ursprung des Seins, zu dem die Nation als konstruiertes Gebilde nicht geh\u00f6ren kann, stellen sich linke Kreise jeder ernsthaften Besch\u00e4ftigung mit Vehemenz gegen\u00fcber. Als w\u00e4re Andersons Erkenntnis, dass sich jede Revolution des 20. Jahrhunderts \u2013 wenn sie erfolgreich sein wollte \u2013 in nationalen Kategorien begreifen musste, nicht schon Grund genug daf\u00fcr, gerade als politische Linke sich dem Thema ernsthaft zu widmen, so scheint doch das letzte Argument daf\u00fcr zu sein, dass Marx, obwohl er sich gerade in dem nach Hobsbawm benannten Zeitalter der Nationalstaatsbewegungen befand, kaum Worte zum Thema Nation und Nationalismus niederschrieb. Er hielt zwar fest, dass jedes Proletariat erstmal mit ihrer eigenen (und somit nationalen) Bourgeoisie fertig werden m\u00fcsse, doch dabei belie\u00df er dann schlussendlich seine Analyse der bedeutsamen Wahrnehmungsform des Nationalen.<br \/>\nGerade anhand der mangelnden theoretischen Auseinandersetzung mit der Nation, sowie des sich f\u00fcr jede Analyse als problematisch erweisenden Vorrangs des Sollen vor dem Sein, erweist sich der antinationale rosa Hase als mieser Politgag. \u201ePink Rabbit\u201c ist ohne Frage ein s\u00fc\u00dfes, kuschliges und auch lustiges H\u00e4schen, aber von der k\u00fcnstlerisch-politischen Agitation, die ihre eigene inhaltliche Begr\u00fcndung und Legitimation notwendigerweise erzwingt, sollte es besser die Pfoten lassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Liebe_zum_Detail<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist Rosa. Es ist ein Hase. Es ist gegen Deutschland. 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