{"id":12,"date":"2016-10-19T15:35:03","date_gmt":"2016-10-19T13:35:03","guid":{"rendered":"https:\/\/www.fv-gewi.at\/gezeit\/?p=12"},"modified":"2018-04-05T13:28:30","modified_gmt":"2018-04-05T11:28:30","slug":"falsche-kapitalismuskritik-und-struktureller-antisemitismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gewi.bagru.at\/gezeit\/archiv\/2016\/falsche-kapitalismuskritik-und-struktureller-antisemitismus\/","title":{"rendered":"Falsche Kapitalismuskritik und struktureller Antisemitismus"},"content":{"rendered":"<h2>Zur Kritik der Personalisierung abstrakter Herrschaftsverh\u00e4ltnisse<\/h2>\n<p>Kapitalismuskritik ist nicht immer progressiv. Ganz im Gegenteil: Kritik, die den Kapitalismus als personelles Herrschaftsverh\u00e4ltnis missversteht und sich dabei in antisemitische Argumentationsmuster verstrickt ist allgegenw\u00e4rtig. Um diese erkennen und somit zur\u00fcckweisen zu k\u00f6nnen, ist es notwendig die Grundstruktur des antisemitischen Weltbildes zu kennen.<\/p>\n<h3>Moderner Antisemitismus<\/h3>\n<p>Im 19. Jahrhundert entstand der moderne Antisemitismus als eine politische Bewegung, die Stereotype des traditionellen und vor allem religi\u00f6s motivierten Antijudaismus forttr\u00e4gt und doch anders funktioniert. Mit dem Umbruch zur Moderne, der Entwicklung des industriellen Kapitalismus und damit aufkommenden Ver\u00e4nderungen und Unsicherheiten wurden <em>die Juden<\/em> als Sinnbild alles Schlechten identifiziert. J\u00fcdinnen und Juden werden dabei f\u00fcr die moderne Gesellschaft und allen damit einhergehenden Ver\u00e4nderungen schuldig gesprochen (vgl. etwa Bergmann\/Wyrwa 2011:1).<\/p>\n<p>Die eigentlichen Vorurteile sind jedoch schon viel fr\u00fcher entstanden. Die Kontinuit\u00e4t der alten Stereotype <em>des Juden<\/em> als <em>Wucherer<\/em> und der <em>j\u00fcdischen Weltverschw\u00f6rung<\/em> zeigt die historische Tragweite der Entwicklung des Antisemitismus. Der Ausschluss aus Handwerk und Agrarwirtschaft infolge der Christianisierung Europas f\u00fchrte zu einer Abdr\u00e4ngung vieler J\u00fcdinnen und Juden in die (kirchlich verp\u00f6nte) Geldwirtschaft und den Handel (vgl. ebd.: 11). Dies wiederum f\u00fchrte zu neuen Stereotypen und Anschuldigungen. Die Verbindung von J\u00fcdinnen und Juden mit Geld, Zins und Reichtum und mit Charaktereigenschaften wie Gier, Hinterlist und Intellekt sind traditionelle Stereotype, auf denen der moderne Antisemitismus aufbaut und derer sich auch heute in aktuellen Ausdrucksformen bedient wird. Auch der Vorwurf der Verschw\u00f6rung, mit dem eine weltweite Vernetzung aller J\u00fcdinnen und Juden behauptet wurde, die sich geheim tr\u00e4fen um Christus zu verspotten und nebenbei die Weltherrschaft anstrebten, hat seinen Weg zu modernen antisemitischen Verschw\u00f6rungstheorien gefunden (vgl. ebd.: 12). In Kombination alter antisemitischer Stereotype werden J\u00fcdinnen und Juden als <em>Drahtzieher_innen<\/em> ausgemacht und in ihnen alle negativen Seiten der modernen Welt personalisiert. Antisemitische Verschw\u00f6rungstheorien dienen der vermeintlichen Erkl\u00e4rung aller m\u00f6glichen ungeliebten Ph\u00e4nomene (Globalisierung, Terrorismus, Finanzkrise, etc.) und vor allem des Kapitalismus.<\/p>\n<h3>Kapitalismus und falsche Kapitalismuskritik<\/h3>\n<p>Diese Vorstellungen bauen auf einem falschen Verst\u00e4ndnis des Kapitalismus auf. So ist der moderne Antisemitismus auch eine Form falscher Kapitalismuskritik, die sich lediglich gegen die unverstandenen Aspekte der warenproduzierenden Gesellschaft richtet \u2013 und nicht das System als Ganzes im Blick hat. Dabei werden die aus den gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnissen resultierenden Unsicherheiten, \u00c4ngste und verdr\u00e4ngten W\u00fcnsche mit der einseitigen Beschuldigung von Einzelpersonen beantwortet (vgl. St\u00f6gner 2014: 109).<br \/>\nAnders als im Feudalismus, welcher auf klar erkennbaren personalen Herrschaftsstrukturen aufbaute, ist Herrschaft im Kapitalismus dinglich vermittelt. Der Tausch von Waren am freien Markt bildet die Basis kapitalistischer Vergesellschaftung (vgl. Schmidinger 2004: 16f.). Die Herrschenden lassen sich damit nicht mehr unmittelbar identifizieren. Die Verkennung des Kapitalismus als personelles Herrschaftsverh\u00e4ltnis f\u00fchrt zu der Vermutung, die Herrschenden w\u00fcrden versteckt, in Geheimb\u00fcnden organisiert und im Hintergrund die F\u00e4den ziehen (vgl. ebd.: 17).<\/p>\n<p>Demgegen\u00fcber richtet sich ein Begreifen des Kapitalismus als ein auf sachlicher Herrschaft beruhendes System von vornherein gegen jede Form personalisierender Kapitalismuskritik, denn als Personifikationen \u00f6konomischer Kategorien sind Kapitalist_innen ebenso existenziellen Sachzw\u00e4ngen ausgesetzt wie Lohnarbeiter_innen. Wollen Kapitalist_innen, dass ihre Unternehmen unter den Bedingungen der Konkurrenz bestehen bleiben, m\u00fcssen sie der Verwertungslogik des Kapitals folgen (vgl. Heinrich 2005: 85). \u201eDass der einzelne Kapitalist best\u00e4ndig versucht, seinen Gewinn zu vergr\u00f6\u00dfern, liegt nicht in irgendwelchen psychischen Eigenschaften begr\u00fcndet, wie etwa \u201aGier\u2018, es handelt sich vielmehr um ein durch den Konkurrenzkampf der Kapitalisten erzwungenes Verhalten\u201c (ebd.). Wollen sich Arbeiter_innen gleichsam unter den Bedingungen der Konkurrenz[<a href=\"#note_1\" name=\"link_1\">1<\/a>] ihre Existenz sichern, m\u00fcssen sie, ebenfalls jener Verwertungslogik folgend, ihre Arbeitskraft als Ware verkaufen (vgl. ebd.: 88). Die Menschen bringen also selbst, durch ihr rationales Verhalten, jene Verh\u00e4ltnisse hervor, die ihnen bereits als gegeben erscheinen. Sie unterwerfen sich einem Herrschaftsverh\u00e4ltnis, das sie permanent selbst reproduzieren: \u201eSie wissen das nicht, aber sie tun es\u201c (MEW 23, 88).<\/p>\n<p>Falsche Kritik fokussiert also auf die Erscheinungsebene des Kapitalismus und reduziert diesen auf unmittelbar zug\u00e4ngliche, oberfl\u00e4chliche Ph\u00e4nomene, die als die wahren Ursachen der Zumutungen des Kapitalismus ausgemacht werden. Dem Kapitalismus werden nur die Erscheinungen des vermeintlich Abstrakten (Zirkulationssph\u00e4re, Geld, Zins, etc.) zugeschrieben, w\u00e4hrend das vermeintlich Konkrete (Produktionssph\u00e4re, Arbeit, etc.) als nicht-kapitalistisch verstanden und zugleich positiv besetzt wird (vgl. Postone 1979: o. S.). Dass Arbeit in der Warengesellschaft (als abstrakte, wertbildende Arbeit) die Grundlage von Geld und Kapital ist und die Produktion von Gebrauchswerten (konkrete Arbeit) lediglich als (f\u00fcr die Verwertung des Werts) notwendiges Nebenprodukt fungiert, bleibt unbemerkt (vgl. Heinrich 2005: 46).<\/p>\n<p>Insbesondere beim zinstragenden Kapital ist jener Zusammenhang dem spontanen Bewusstsein nicht zug\u00e4nglich, denn in einer oberfl\u00e4chlichen Betrachtung erscheint die Bewegung des zinstragenden Kapitals ohne ihre notwendige Vermittlung: die Ausbeutung von Arbeitskraft in der produktiven Sph\u00e4re. Es scheint als vermehrte sich das Kapital von selbst. So schreibt Marx: \u201eIm zinstragenden Kapital erreicht das Kapitalverh\u00e4ltnis seine \u00e4u\u00dferlichste und fetischartigste Form. Wir haben hier G &#8211; G \u0301, Geld, das mehr Geld erzeugt, sich selbst verwertenden Wert, ohne den Proze\u00df, der die beiden Extreme vermittelt\u201c (MEW 25, 404; zu <em>Zinskritik<\/em> siehe auch Rakowitz 2010). Bei der Suche nach dem Ursprung jenes omin\u00f6sen Mehrwerts kommt es deshalb zu folgenreichen Fehlschl\u00fcssen \u2013 wie Finanzmarktkritiker_innen mit ihrer vermeintlichen Kapitalismuskritik immer wieder deutlich machen.<\/p>\n<h3>Struktureller Antisemitismus<\/h3>\n<p>Einige Ans\u00e4tze vermeintlicher Kapitalismuskritik funktionieren also auf eine \u00e4hnliche Weise wie der moderne Antisemitismus. Wenn als Schuldige nun nicht <em>die Juden<\/em> sondern andere Personengruppen ausgemacht werden, wird zwar kein offener Antisemitismus ausgesprochen, jedoch ein strukturell \u00e4hnliches Argumentationsmuster bedient. Diese Struktur\u00e4hnlichkeit von modernem Antisemitismus und falscher Kritik wird mit dem Begriff des strukturellen Antisemitismus deutlich.<\/p>\n<p>Die Struktur zeigt sich darin, dass einzelne Personen f\u00fcr Probleme verantwortlich gemacht werden, die sachlichen Zw\u00e4ngen entspringen. Eine solche Kritik ist personalisierend und wird ebenso im Antisemitismus bedient, wie auch in der oben beschriebenen falschen Kapitalismuskritik. Nicht der Kapitalismus wird bek\u00e4mpft, sondern die Kapitalist_innen (vgl. Schmidinger 2004: 19). Die Argumentation zielt also am System vorbei und schreibt die Verantwortung und Kontrolle struktureller Vorg\u00e4nge Einzelpersonen zu. Dabei werden dieselben Stereotype wie im modernen Antisemitismus auf \u201eneue\u201c vermeintlich Schuldige angewandt: (Finanz-)Kapitalist_innen, Banker_innen, Manager_innen werden als <em>geldgierig<\/em>, <em>hinterlistig<\/em> und <em>b\u00f6swillig<\/em> bezeichnet. Angegriffen werden dabei <em>die Reichen<\/em>, denen, als <em>skrupellose Bonzen<\/em> bezeichnet, eine absichtliche Verursachung von Ausbeutungsverh\u00e4ltnissen unterstellt wird. Mit Codew\u00f6rtern wie der Bezeichnung des ausgemachten Feindes als <em>die Spekulant_innen<\/em> an der Wall Street\/Ostk\u00fcste oder den angeblichen 1%, die die Welt beherrschen w\u00fcrden ist auch der Weg zu offen antisemitischen \u00c4u\u00dferungen nicht mehr weit.<\/p>\n<p>H\u00e4ufig wird dabei eine Verschw\u00f6rung <em>der M\u00e4chtigen<\/em> vermutet. Der Systemcharakter wird v\u00f6llig verkannt. So ist die einseitige Kritik am \u201eFinanzkapitalismus\u201c auch deswegen falsch, weil Investitionen auf Kapital- und Finanzm\u00e4rkten aufgrund der Konkurrenz Zwangscharakter haben. Ein Kapitalismus ohne Finanzm\u00e4rkte ist undenkbar. Der strukturelle Antisemitismus einer solchen Finanzmarktkritik l\u00e4sst sich wohl am deutlichsten mit einem Blick auf den \u201eAntikapitalismus\u201c des Nationalsozialismus verdeutlichen. Die auch in aktueller Finanzmarktkritik oft vorgenommene moralisierende Trennung von Industrie- und Finanzkapital zeigte sich dort in der Gegen\u00fcberstellung vom <em>schaffenden, nat\u00fcrlichen [arischen]<\/em> und <em>raffenden, k\u00fcnstlichen [j\u00fcdischen]<\/em> Kapital.<\/p>\n<p>Die strukturelle \u00c4hnlichkeit solch falscher Kapitalismuskritik zu offener Judenfeindschaft ist leicht zu erkennen \u2013 und nicht selten wird letztere damit auch gef\u00f6rdert. Tauscht man die Namen der als schuldig ausgemachten gegen <em>die Juden<\/em> aus, wird die Struktur des antisemitischen Weltbilds offensichtlich. Auch ohne offen antisemitisch aufzutreten, werden hier gleiche Bilder und Denkweisen transportiert. Falsche Kapitalismuskritik bleibt nicht harmlos, solange ihr Gegenstand nicht in J\u00fcdinnen und Juden personalisiert wird. In jedem Fall wird eine Feindschaft artikuliert, die jeder rationalen Grundlage entbehrt und sich fr\u00fcher oder sp\u00e4ter gewaltf\u00f6rmig zu entladen droht. Falsche Kritik muss in all ihren Ausdrucksformen als solche entlarvt und entschieden zur\u00fcckgewiesen werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Isolde Vogel &amp; Sebastian Schneider<\/p>\n<h3>Fu\u00dfnoten:<\/h3>\n<p><a href=\"#link_1\" name=\"note_1\">1<\/a>: Konkurrenzverh\u00e4ltnisse unter Lohnabh\u00e4ngigen beg\u00fcnstigen nicht zuletzt (unbewusste) W\u00fcnsche nach einer harmonischen Volksgemeinschaft und k\u00f6nnen auch in offen ausgetragenen Feindschaften \u2013 gegen jene die als nicht zu dieser Gemeinschaft zugeh\u00f6rig gelten \u2013 m\u00fcnden.<\/p>\n<p>GEWI empfiehlt zum weiterlesen: \u201e<a title=\"Volksgemeinschaft und Nationalsozialismus\" href=\"\/gezeit\/archiv\/2016\/volksgemeinschaft-und-nationalsozialismus\">Volksgemeinschaft und Nationalsozialismus<\/a>\u201c von Michael Fischer.<\/p>\n<h3>Literatur:<\/h3>\n<ul>\n<li>Bergmann, Werner\/Wyrwa, Ulrich (2011): Antisemitismus in Zentraleuropa. Deutschland, \u00d6sterreich und die Schweiz vom 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Darmstadt: WBG.<\/li>\n<li>Heinrich, Michael (2005): Kritik der Politischen \u00d6konomie. Eine Einf\u00fchrung. 3. Auflage. Stuttgart: Schmetterling.<\/li>\n<li>Marx, Karl (1979 [1867]): Das Kapital. Erster Band. MEW 23. Berlin.<\/li>\n<li>Marx, Karl (1983 [1894]): Das Kapital. Dritter Band. MEW 25. Berlin.<\/li>\n<li>Postone, Moishe (1979): Nationalsozialismus und Antisemitismus. Ein theoretischer Versuch. In: Krisis. Kritik der Warengesellschaft. http:\/\/www.krisis.org\/1979\/nationalsozialismus-und-antisemitismus [Zugriff: 28.04.2016]<\/li>\n<li>Rakowitz, Nadja (2010): Die Kritik am Zins \u2013 eine Sackgasse der Kapitalismuskritik. In: associazione delle talpe\/Rosa-Luxemburg-Initiative Bremen (Hg.): Maulwurfsarbeit. Aufkl\u00e4rung und Debatte, Kritik und Subversion, 17-21. https:\/\/www.rosalux.de\/fileadmin\/rls_uploads\/pdfs\/rls_papers\/Papers_Maulwurfsarbeit.pdf [Zugriff: 20.05.2016]<\/li>\n<li>Schmidinger, Thomas (2004): Struktureller Antisemitismus und verk\u00fcrzte Kapitalismuskritik. In: AStA der Geschwister-Scholl-Universit\u00e4t M\u00fcnchen (Hg.): Spiel ohne Grenzen. Zu- und Gegenstand der Antiglobalisierungsbewegung. Berlin: Verbrecher; 15-25.<\/li>\n<li>St\u00f6gner, Karin (2014): Antisemitismus und Sexismus. Historisch-gesellschaftliche Konstellationen. Baden-Baden: Nomos.<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zur Kritik der Personalisierung abstrakter Herrschaftsverh\u00e4ltnisse Kapitalismuskritik ist nicht immer progressiv. Ganz im Gegenteil: Kritik, die den Kapitalismus als personelles Herrschaftsverh\u00e4ltnis missversteht und sich dabei in antisemitische Argumentationsmuster verstrickt ist allgegenw\u00e4rtig. 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