{"id":122,"date":"2010-10-31T19:59:11","date_gmt":"2010-10-31T18:59:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.fv-gewi.at\/gezeit\/?p=122"},"modified":"2018-04-05T13:28:47","modified_gmt":"2018-04-05T11:28:47","slug":"rrose-selavy-alias-marcel-duchamp","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gewi.bagru.at\/gezeit\/archiv\/2010\/rrose-selavy-alias-marcel-duchamp\/","title":{"rendered":"Rrose S\u00e9lavy alias Marcel Duchamp"},"content":{"rendered":"<h2>Travestie als k\u00fcnstlerische Praxis<\/h2>\n<p>Der Name Rrose S\u00e9lavy wurde von vielen KunsthistorikerInnen mehrfach interpretiert. Rrose S\u00e9lavy ist nicht nur ein franz\u00f6sisches Wortspiel \u2013 \u00c9ros, c\u2019est la vie = Eros ist das Leben \u2013 sondern Rose ist auch Teil von vielen j\u00fcdischen Namen wie Rosenberg und Rosenthal. Es ist aber auch eine eindeutige geschlechtskonnotierte Farbe. Rosa f\u00fcr die M\u00e4dchen, Hellblau f\u00fcr die Buben. Und betont man das doppelte \u201er\u201c nicht, wird aus dem Namen: Rosa ist das Leben.<\/p>\n<p>F\u00fcr Marcel Duchamp, so der b\u00fcrgerliche Name, sind Selbstinszenierungen, Subjektinventionen und Interventionen sowohl eine Facette seiner Kunst, als auch Teil seines Lebens gewesen \u2013 zwei Bereiche, die bei ihm ineinandergreifen und sich gegenseitig bedingen.1 Sein Umfeld bietet ihm die daf\u00fcr n\u00f6tige Freiheit: Er war aus b\u00fcrgerlichem Hause, finanziell immer abgesichert und ohne Schaffenszwang.<br \/>\nDuchamp sagt dazu: \u201e[\u2026] die Familie zwingt Sie zur Aufgabe ihrer eigenen Ideen und Vorstellungen, zwingt Sie, diese gegen die von ihr und der ganzen Gesellschaft und dem ganzen Apparat akzeptierten Normen einzutauschen.\u201c2 Duchamp wandte sich also sowohl im Leben als auch in der Kunst gegen jede Art gesellschaftlicher Zw\u00e4nge und Normen, auch gegen die tradierte Vorstellung von Sexualit\u00e4t.3 Arturo Schwarz beschreibt seinen Lebensstil als \u201eunrestricted and unrestrictive lifestyle, a manner of living determined by his awareness of the servitude that social obligations impose on the individual. Duchamp\u2019s all-encompassing defiance of these obligations was directed against pre-established categories, whether on the practical or the semantic plane.\u201c4 Eine hier interessante Trennung gab es dennoch zwischen Kunst und Leben: Die fiktive Person Rrose S\u00e9lavy trat als Photographie, Autorin und Co-Autorin oder Urheberin auf, niemals jedoch in der \u00d6ffentlichkeit, als Performance.<\/p>\n<h3>K\u00f6rper + Zeichen = Identit\u00e4t<\/h3>\n<p>1921 gibt Duchamp der Autorfigur Rrose S\u00e9lavy einen K\u00f6rper \u2013 seinen K\u00f6rper. Die Abbildung zeigt Marcel Duchamp als Rrose S\u00e9lavy, deren Name bisher nur als Signatur auf Werken auftauchte und die hier selbst zum Gegenstand eines Kunstwerks wird. Zu einer Autogrammkarte, die mit \u201eRrose S\u00e9lavy alias Marcel Duchamp signiert ist. Eine Autogrammkarte weist auf einen gemeinsamen Moment mit der Person, die signiert hat, hin; sie verk\u00f6rpert diesen in Form einer Karte, die man besitzen kann. Dies wird von Duchamp durch die Inszenierung ironisch konterkariert, womit er zum Ausdruck bringt, dass man ihn nicht als festgelegte (K\u00fcnstler-)Identit\u00e4t besitzen kann.5 Der Fotograf Man Ray hat auch unterschrieben. Damit erweist Man Ray sich als Urheber des Fotos. Und Duchamp als Ursache des Moments oder als Verantwortlicher der Idee? Das hier verwendete \u201ealias\u201c wird in einem sp\u00e4teren Beispiel, dem Titel seiner Retrospektive von 1963 durch \u201eund\/oder\u201c ersetzt. Dies verkompliziert nicht nur die Identit\u00e4tsfrage, sondern versch\u00e4rft auch die Geschlechterfrage. Es ist nicht mehr Mann oder Frau sondern beides gleichzeitig.<\/p>\n<p>Was steht dahinter, wenn sich ein junger, attraktiver, wei\u00dfer, b\u00fcrgerlicher Mann 1920 in eine etwas \u00e4ltere, unattraktive, melancholische Frau verwandelt? Duchamp wollte bewusst auf eine im patriarchalen System schw\u00e4cher gestellte Position als die Seine umsteigen. Der erfolgreiche Mann identifiziert sich mit einer Minderheit: \u201e[\u2026] ich wollte meine Identit\u00e4t wechseln und hatte zuerst die Idee, einen j\u00fcdischen Namen anzunehmen. Ich war ja katholisch, und dieser Religionswechsel alleine bedeutete schon eine Ver\u00e4nderung. Ich fand aber keinen j\u00fcdischen Namen, der mir gefiel oder der mich irgendwie reizte, und da kam mir pl\u00f6tzlich die Idee: warum sollte ich eigentlich nicht mein Geschlecht wechseln? Das war doch viel einfacher!\u201c6<\/p>\n<p>Aus diesem Statement l\u00e4sst sich Duchamps Konzeption von Identit\u00e4t recht eindeutig herauslesen. Ob \u00dcberzeugungen wie Religion oder physische Merkmale wie Geschlecht, alles ist konstruiert und \u00fcberwindbar, die Identit\u00e4t wird zum gesellschaftlichen Konstrukt. Sein Kunstgriff bietet eine M\u00f6glichkeit der Identit\u00e4tsgestaltung \u00fcber Grenzen der traditionellen Rollenverteilung und des heteronormenGeschlechterverst\u00e4ndnisses hinweg. Die Inszenierung, um auf seine Strategien zur Dekonstruktion von Autorschaft zur\u00fcckzukommen, kritisiert aber auch die allgemein g\u00fcltigen Vorstellungen seiner Zeit:<br \/>\nDas Bild vom K\u00fcnstlers als m\u00e4nnliches, autonomes Genie und die Opposition zwischen m\u00e4nnlichem K\u00fcnstler\/Subjekt und weiblichem Modell\/Objekt. Diese Inszenierung und ihre Wirkungen waren nur dank vieler Umst\u00e4nde m\u00f6glich: \u201eAls selbstsicherer Mann konnte sich Duchamp \u00fcber sich lustig machen, er konnte h\u00e4sslich sein, zwielichtig, er konnte die Spie\u00dfer irritieren und ver\u00e4rgern. Aber das konnte er sich auch deshalb erlauben, weil ihm der Weg zur\u00fcck immer offen blieb und er als K\u00fcnstler Narrenfreiheit genoss.\u201c7 Rrose S\u00e9lavy trat nie in die \u00d6ffentlichkeit. Sie existierte rein als Kunstgriff, Kunstwerk und Werkzeug zur Dekonstruktion kunstwissenschaftlicher, allt\u00e4glicher und traditioneller Normen.<\/p>\n<p>Mit kritischem Blick k\u00f6nnte die Radikalit\u00e4t der Geste angezweifelt werden. Amelia Jones argumentiert, dass die Autorfigur der Rrose S\u00e9lavy vor allem durch ihr weiterreichen an Man Ray (ESORROSE SEL \u00c0 VIE, 1922) und Francis Picabia (Portrait of Rrose S\u00e9lavy, 1924) an Glaubw\u00fcrdigkeit verliert und im freud\u2019schen Sinne zu einem Beh\u00e4lter wurde. Auch verweist sie diesbez\u00fcglich auf die amerikanische Travestie-Kom\u00f6die Tootsie, in der die begehrteste Frau von einem Mann gespielt wird.2<br \/>\nFest steht, Duchamp entwirft ein neues K\u00fcnstlerbild, indem er sich der traditionellen Vorstellungen bedient wie der Farbtuben beim Malen. Duchamps widerspr\u00fcchliche Person k\u00f6nnte man also in seinem eigenen Statement am besten zusammenfassen und sich als Merksatz an die Pinnwand heften: \u201eI don\u2019t want to be pinned down to any position. My position is the lack of position [\u2026].\u201d 9<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Victoria Dejaco<\/p>\n<p>1 \u201eIch lebe lieber, atme lieber, als da\u00df ich arbeite. Und da ich nicht glaube, da\u00df die von mir geleistete Arbeit in der Zunkuft f\u00fcr die Gesellschaft irgendwie von Bedeutung sein wird, habe ich, wenn Sie so wollen, beschlossen, mein Leben zu meiner Kunst zu machen \u2013 und die Kunst zu leben zu praktizieren.\u201c Duchamp zu Pierre Cabanne in: Cabanne 1972, S. 108\/109.<\/p>\n<p>2 ebd., S. 116.<\/p>\n<p>3 Siehe Bourdieu 1987, Invention of the artist\u2019s life.<\/p>\n<p>4 Schwarz 1992, S. 73.<\/p>\n<p>5 Menches 2008, S.14.<\/p>\n<p>6 Cabanne 1972, S. 96.<\/p>\n<p>7 Friedrich 2006, S. 98.<\/p>\n<p>8 Jones 1994, S. 150-155.<\/p>\n<p>9 Duchamp 1969, zitiert nach Jones 1994, S. 105.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Travestie als k\u00fcnstlerische Praxis Der Name Rrose S\u00e9lavy wurde von vielen KunsthistorikerInnen mehrfach interpretiert. 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