{"id":133,"date":"2013-04-26T13:12:46","date_gmt":"2013-04-26T11:12:46","guid":{"rendered":"https:\/\/www.fv-gewi.at\/gezeit\/?p=133"},"modified":"2019-10-08T11:07:02","modified_gmt":"2019-10-08T09:07:02","slug":"kapazitaeten-studienplatzfianzierung-zugangsregeln-oder-doch-lieber-orientierung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gewi.bagru.at\/gezeit\/archiv\/2013\/kapazitaeten-studienplatzfianzierung-zugangsregeln-oder-doch-lieber-orientierung\/","title":{"rendered":"\u201eKapazit\u00e4ten\u201c \u2013 \u201eStudienplatzfianzierung\u201c \u2013 \u201eZugangsregeln\u201d oder doch lieber \u201eOrientierung\u201c?"},"content":{"rendered":"<p><big><strong>Eine kurze Auseinandersetzung mit StEOP, kapazit\u00e4tsorientierter Studienplatzfinanzierung und der Frage, warum Orientierung die Regulierung des Zugangs \u00fcber Aufnahmeverfahren ersetzen kann und sollte.<\/strong><\/big><\/p>\n<p>Ein kurzer <strong>R\u00fcckblick<\/strong>: Im Fr\u00fchjahr 2011 wurde die \u201eStudieneingangs- und Orientierungsphase\u201c geschaffen. Die Konsequenzen jahrelanger Unterfinanzierung der \u00f6sterreichischen Hochschulen sollten nicht durch notwendige Investitionen gel\u00f6st werden, sondern durch die Reduktion eines wesentlichen Kostenfaktors: der StudentInnen. In s\u00e4mtlichen Studienf\u00e4chern mussten \u201eEinf\u00fchrungsmodule\u201c geschaffen werden, deren erfolgreiche Absolvierung zur Voraussetzung f\u00fcr das weitere Studium erkl\u00e4rt wurde. Die Anzahl der zul\u00e4ssigen Wiederholungen wurde beschr\u00e4nkt. Unter dem Deckmantel der Orientierung wurden Knock-Out Phasen (Ausleseverfahren) implementiert, die resultierenden Probleme sind weitgehend bekannt: Studienanf\u00e4ngerInnen werden systematisch am Studienfortschritt gehindert, das erste Semester dreht sich weitgehend um die Sicherung des weiteren Studiums anstelle fachlicher Auseinandersetzung. Durch die rigiden Bestimmungen steht seither vor allem am Beginn jeden Studiums \u201eOrientierung\u201c drauf, drinnen sind vorwiegend Knock-Out und b\u00fcrokratische H\u00fcrden.<br \/>\nDie <strong>Fortsetzung<\/strong> folgte auf dem Fu\u00df: Rund ein Jahr nach der StEOP begann die Diskussion um die so genannte \u201ekapazit\u00e4tsorientierte Studienplatzfinanzierung\u201c. Aus dem Bundesministerium f\u00fcr Wissenschaft und Forschung hei\u00dft es, dabei handle es sich um den \u201egro\u00dfen Wurf\u201c, der schon seit Jahren \u00fcberf\u00e4llig ist. Nun w\u00fcrde die Finanzierung der Universit\u00e4ten auf eine solide Grundlage gestellt, die Unis sollen f\u00fcr jeden anzubietenden Studienplatz auch das n\u00f6tige Geld erhalten. Was auf den ersten Blick ganz vern\u00fcnftig klingt, ist auf den zweiten ebenso eine Chim\u00e4re wie die Orientierung im obigen Beispiel. Die budget\u00e4ren Probleme der Universit\u00e4ten sollen einmal mehr nicht dadurch gel\u00f6st werden, dass dringend ben\u00f6tigte Mittel bereit gestellt werden, sondern durch die Begrenzung der Anzahl der Studierenden. Es bleibt also alles beim Alten, nur darf jetzt in quantitativen und qualitativen Auswahlverfahren um Studienpl\u00e4tze gek\u00e4mpft werden, der Mechanismus zur Ausweitung auf alle Studienfelder wurde gleich mitgeliefert. Im Rahmen von Multiple-Choice Tests, Aufnahmegespr\u00e4chen und Selfassessments sollen nunmehr \u201edie Geeignetsten\u201c gefunden werden, um das jeweilige Fach zu studieren.<\/p>\n<h3>Offene oder geschlossene Hochschule?<\/h3>\n<p>Wer die Diskussion um bildungspolitische Ma\u00dfnahmen der letzten Jahre mitverfolgt hat, wei\u00df, dass dem Ruf nach Zugangsbeschr\u00e4nkungen meist die \u201eErhaltung des freien Hochschulzugangs\u201c entgegen gesetzt wird. Grundlegend hierf\u00fcr ist die Annahme, dass der Zugang zur Uni \u00fcber die Matura all jenen ein Studium erleichtert, die zu den so genannten \u201ebildungsfernen Schichten\u201c gez\u00e4hlt werden. Wer davon ausgeht, dass Bildung vor allem zur eigenen Entwicklung dienen oder auch die M\u00f6glichkeit zur Reflexion und Kritik er\u00f6ffnen soll, sollte sich dar\u00fcber hinaus auch dem Anspruch verpflichten, dass \u00fcber Bildung (und dem Zugang zu dieser) auch gesellschaftliche Verh\u00e4ltnisse in Frage gestellt und ver\u00e4ndert werden k\u00f6nnen. Wer sich also scheinbaren budget\u00e4ren Zw\u00e4ngen, die zur Rechtfertigung der Studienplatzbewirtschaftung dienen, nicht unhinterfragt beugen will, muss auch die Forderung nach Zugangsbeschr\u00e4nkungen in diesen Kontext setzen: Erstens sind alle \u201eZugangsregeln\u201c ein Instrument um Menschen den Zugang zu Bildung zu verweigern bzw. sie davon auszuschlie\u00dfen. Weiters ist f\u00fcr jedes noch so \u201eobjektive\u201c Verfahren belegt, dass Kinder aus AkademikerInnenfamilien \u00fcberdurchschnittlich gut abschneiden, w\u00e4hrend andere nach Ablauf der Verfahren massiv unterrepr\u00e4sentiert sind. Das liegt unter Anderem daran, dass Kinder von AkademikerInnen andere Vorraussetzungen in der Vorbildung, aber auch in der Pr\u00fcfungsvorbereitung mitbringen, und diese Verfahren vor allem auch auf das abzielen, was gerne als \u201eSoft-Skills\u201c bezeichnet wird.<br \/>\nSelbstdarstellung oder Selbsteinsch\u00e4tzung sind nur zwei Beispiele f\u00fcr Faktoren die in Aufnahmeverfahren stark zum Tragen kommen, aber aufgrund von Sozialisation massiv ungleichm\u00e4\u00dfig \u00fcber die Gesellschaft verteilt sind, und zwar nicht nur was den famili\u00e4ren Hintergrund, sondern etwa auch das Geschlecht betrifft. Wenn Bildung ein Vehikel sein soll, um die Verh\u00e4ltnisse zu hinterfragen, geraten zuvorderst Verwertungslogik, Selbstausbeutung oder Prekarisierung ins Blickfeld, ebenso die \u00dcberlegung wie im Rahmen des universit\u00e4ren Studiums Freir\u00e4ume geschaffen werden k\u00f6nnen, um diese in Frage zu stellen. So wichtig es ist, diese Perspektive einzubringen, so notwendig ist es auch, auf einer sehr pragmatischen Ebene einzugreifen und Szenarien zu erarbeiten, wie etwa ein \u201eaktiv offener Zugang\u201c zur Universit\u00e4t im Lichte der oben geschilderten Entwicklungen gestaltet werden kann. Drei\u00dfig Jahre freier Hochschulzugang alleine haben bekanntlich nicht dazu gef\u00fchrt, dass f\u00fcr den Unizugang \u201eChancengleichheit\u201c hergestellt wurde.<\/p>\n<h3>Gegen jegliche Auswahlverfahren<\/h3>\n<p>Wenn Bildung einen emanzipatorischen Anspruch haben soll, muss der Zugang zu den Unis aktiv ge\u00f6ffnet, die Wahl des jeweiligen Studiums den Anf\u00e4ngerInnen selbst \u00fcberlassen werden. Kompetenzen, F\u00e4higkeiten, Wissen und was auch sonst immer, sollen im Studium erworben werden &#8211; eigene \u201eSt\u00e4rken\u201c nach M\u00f6glichkeit ausgebaut und kreativ zum Einsatz gebracht, eigene \u201eSchw\u00e4chen\u201c akzeptiert bzw. bewusst gemacht und reflektiert werden. Auch wissenschaftliche (Aus)bildung ist in weiten Teilen und auf unterschiedlichen Ebenen \u201eTraining\u201c und nicht der Vollzug angeborener \u201eEignung\u201c. Wenn im Lichte der vergangenen Jahre und der verfehlten Bildungspolitik nunmehr der Ruf nach transparenten Aufnahmeverfahren, fairen Bedingungen und offen gelegten Regeln laut wird, ist dies nicht nur abzulehnen, vielmehr muss auch \u00fcberlegt werden, wie ein offener Studienanfang \u00fcberhaupt gestaltet werden k\u00f6nnte.<br \/>\nEin Blick auf die Zahlen von Studienanf\u00e4ngerInnen und -abbrecherInnen innerhalb der ersten Semester zeigt, dass der \u00fcberwiegende Teil aller AbbrecherInnen unter Anderem deshalb das urspr\u00fcnglich gew\u00e4hlte Studium verlassen, weil sie zu der Einsicht gelangt sind, dass es sich bei diesem Studium in irgendeiner Form nicht um \u201edas Richtige\u201c handelt. Auch dieser Zustand ist massiv sozial selektiv: Die M\u00f6glichkeit, nach ein bis zwei Jahren noch das Studium zu wechseln, wird oftmals durch finanzielle Probleme vereitelt, die Konsequenz ist daher oft der Abbruch. Beispielhaft sind hierf\u00fcr vor allem die \u201ebesonders \u00fcberlaufenen Massenf\u00e4cher\u201c.<br \/>\nWas es also nach wie vor braucht, ist das was seit Jahren \u00fcberall draufsteht, aber leider nach wie vor nirgends drinnen ist: Orientierung.<br \/>\nDiese kann zwar nicht davor bewahren, endlich ordentlich Geld in den Bildungssektor zu investieren, aber sie kann dazu beitragen, dass nicht enorm viel Zeit, Aufwand und vor allem Ressourcen investiert werden m\u00fcssen, um die endg\u00fcltige Studienwahl zu treffen. In der Folge werden einige Ma\u00dfnahmen vorgestellt, die diese Aufgabe einigerma\u00dfen gut erf\u00fcllen k\u00f6nnten.<br \/>\nDie daf\u00fcr notwendigen Mittel sind \u00fcberschaubar; vermutlich w\u00fcrden jene Summen reichen, die gegenw\u00e4rtig in die alles andere als billigen Auswahlverfahren investiert werden.<\/p>\n<h3>F\u00e4cherb\u00fcndel f\u00fcr Sch\u00fclerInnen und Anf\u00e4ngerInnen<\/h3>\n<p>Wer einen Blick in eine \u00f6sterreichische Maturaklasse wirft, wird festellten, dass sich die wenigsten unter den angestrebten oder ausgeschlossenen Studienf\u00e4chern etwas vorstellen k\u00f6nnen. Bis auf Wirtschaft, Jus, Medizin und Publizistik ist \u00fcber den Inhalt der bereits besuchten Schulf\u00e4chern hinaus nur wenig bekannt. Was an Universit\u00e4ten tats\u00e4chlich gelehrt wird, ist ein noch viel gr\u00f6\u00dferes Mysterium.<\/p>\n<p>Was k\u00f6nnte eine Uni wie die Uni Wien tun, um dieser Situation entgegen zu wirken? Neben bestehenden Beratungsm\u00f6glichkeiten muss ein Angebot geschaffen werden, das angehenden StudentInnen die Chance gibt, sich einen \u00dcberblick \u00fcber bestehende F\u00e4cher zu verschaffen und Gelegenheiten bieten, sich diese im Studienalltag anzusehen (siehe unten). Schon vor der Inskription muss es die M\u00f6glichkeit geben, sich realit\u00e4tsnah mit dem Studium auseinanderzusetzen.<br \/>\nWer noch vor der Studienwahl die Gelegenheit bekommt sich Lehrveranstaltungen anzusehen und sich mit studienspezifischen Inhalten mehrerer F\u00e4cher auseinanderzusetzen mitunter leichter eine Entscheidung treffen oder sich \u00fcberhaupt zum Studium entschlie\u00dfen, vor allem dann, wenn das pers\u00f6nliche Umfeld keine Erfahrungen aus der eigenen \u201eguten alten Studienzeit\u201c einbringen kann. Wer diesen Ansatz weiter denkt, kommt nicht umhin, das was momentan StEOP hei\u00dft, zu Gunsten anderer Modelle abzuschaffen. Wenn Universit\u00e4ten Interessierte und Studienanf\u00e4ngerInnen mit fachspezifischen Inhalten konfrontieren und den Blick \u00fcber den Tellerrand des begonnenen Faches hinaus erm\u00f6glichen, k\u00f6nnen ohne kostenintensive Auswahlverfahren und den Ausschluss von Studienanf\u00e4ngerInnen\u201c jene \u201eSteuerungseffekte\u201c erzielt werden, auf die Mangels sinnvoller Initiativen seit Jahren gewartet und gehofft wird. Gesetzt werden k\u00f6nnen erste Schritte an den Universit\u00e4ten selbst. Ausnahmsweise k\u00f6nnte hier die \u201eAutonomie\u201c dazu dienen, tats\u00e4chliche Verbesserungen herbeizuf\u00fchren, um den Einstieg ins Studium zu erleichtern.<\/p>\n<aside>\n<h2>3 Vorschl\u00e4ge zur Abwendung von Zugangsbeschr\u00e4nkungen<\/h2>\n<p>1. Wer Interesse f\u00fcr Publizistik hegt soll etwa die M\u00f6glichkeit erhalten sich in die Einf\u00fchrungslehrveranstaltung und diverse Vertiefungsvorlesungen zu setzen und sich selbst ein Bild zu machen, in welcher Relation Kommunikationswissenschaften und Journalismus stehen. Lehrveranstaltungen wie diese k\u00f6nnten ohne Aufwand und Kosten zu F\u00e4cherb\u00fcndeln fachnaher Studienfelder kombiniert und f\u00fcr Sch\u00fclerInnen und Anf\u00e4ngerInnen ge\u00f6ffnet werden. So kann im Rahmen des letzten Schuljahres, in zu \u00fcberbr\u00fcckenden Wartephasen oder aber zu Studienbeginn die Gelegenheit geschaffen werden, sich selbst seiner Interessen bewusst zu werden ehe auf Basis dessen eine fundierte Entscheidung f\u00fcr das weitere Studium gef\u00e4llt werden kann. Die B\u00fcndelung von Lehrveranstaltungen aus unterschiedlichen, aber fachnahen Bereichen kann dabei Perspektiven er\u00f6ffnen, die \u00fcber bisherige Vorstellungen hinausgehen. Dar\u00fcber hinaus w\u00fcrde die Durchl\u00e4ssigkeit zwischen einzelnen Bereichen erh\u00f6ht und die Wahrscheinlichkeit eines Abbruchs reduziert: Bessere Orientierung und erh\u00f6hte Durchl\u00e4ssigkeit sind letztlich ein Beitrag zur Reduktion von Selektivit\u00e4t.<\/p>\n<p>2. Neben diesen Angeboten k\u00f6nnten TeilnehmerInnen derartiger \u201eProbestudien\u201c auch mit allerhand Material und Informationen aus den Lehrveranstaltungen versorgt werden. Von einf\u00fchrender Literatur, \u00fcber PowerPoint Folien bis hin zu Live-Streams st\u00fcnde in E-Learning-Plattformen all das bereit, was zur intensiven Auseinandersetzung mit der Frage \u201eWill ich dieses Fach studieren?\u201c ben\u00f6tigt wird. Was ebenso fehlt, ist der Zugang f\u00fcr LehrerInnen, die mit einem Live-Stream und ein wenig Material wohl eher w\u00fcssten, wie sie ihre angehenden MaturantInnen \u00fcber Studium und Inhalte an Unis informieren k\u00f6nnten, als beim j\u00e4hrlichen Bummel durch die BeSt (Messe f\u00fcr Beruf, Studium und Weiterbildung).<\/p>\n<p>3. Informationsveranstaltungen zu Semesterbeginn: Wer \u00fcberlegt was in naher Zukunft inskribiert werden soll, sollte die M\u00f6glichkeit haben, sich bei einer Kickoffveranstaltung einen ausreichenden \u00dcberblick \u00fcber Studienangebote zu verschaffen. Neben Studienleitf\u00e4den und herk\u00f6mmlichem Beratungsmaterial sollen hier vor allem Lehrveranstaltungsb\u00fcndel zum Ausprobieren pr\u00e4sentiert werden um die aktive Auseinandersetzung zu unterst\u00fctzen.<\/p>\n<\/aside>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine kurze Auseinandersetzung mit StEOP, kapazit\u00e4tsorientierter Studienplatzfinanzierung und der Frage, warum Orientierung die Regulierung des Zugangs \u00fcber Aufnahmeverfahren ersetzen kann und sollte. Ein kurzer R\u00fcckblick: Im Fr\u00fchjahr 2011 wurde die \u201eStudieneingangs- und Orientierungsphase\u201c geschaffen. 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