{"id":141,"date":"2013-04-26T13:22:36","date_gmt":"2013-04-26T11:22:36","guid":{"rendered":"https:\/\/www.fv-gewi.at\/gezeit\/?p=141"},"modified":"2018-04-05T13:28:12","modified_gmt":"2018-04-05T11:28:12","slug":"das-maerchen-vom-feministischen-mainstream","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gewi.bagru.at\/gezeit\/archiv\/2013\/das-maerchen-vom-feministischen-mainstream\/","title":{"rendered":"Das M\u00e4rchen vom feministischen Mainstream"},"content":{"rendered":"<h2>Oder: Warum *M\u00e4nner keine Opfer sind<\/h2>\n<p>Alle Jahre wieder \u2013 meistens p\u00fcnktlich zu den \u00d6H-Wahlen \u2013 zeigt sich, dass mit dem Thema Feminismus im ansonsten recht eint\u00f6nigen Forderungsbrei der Fraktionen politisches Profil gezeigt werden kann. Dabei fallen neben den linken Fraktionen, deren Anrufungen nach mehr F\u00f6rderung von Studentinnen (sowie von Frauen in der Wissenschaft generell) und st\u00e4rkerer Verankerung von feministischen bzw. frauen- und geschlechterforschenden Thematiken zum Standardrepertoire ihrer Programminhalte geh\u00f6ren, zunehmend defensivere und aggressivere T\u00f6ne der konservativen und rechten Studierenden auf, die im Kontext eines zunehmenden antifeministischen (Medien-)Diskurses stehen.<\/p>\n<p>Dabei liegen die Fakten offen am Tisch: \u201eWo die Problembereiche liegen, wird (&#8230;) einmal mehr deutlich: W\u00e4hrend Frauen im \u2013 mittlerweile dreigliedrigen \u2013 Studium zahlenm\u00e4\u00dfig dominieren, sinkt ihr Anteil bis hin zur Ebene der Professuren drastisch ab\u201c [1], hei\u00dft es zum Beispiel in einer aktuellen Studie zur Gleichstellung von *Frauen und *M\u00e4nnern der Universit\u00e4t Wien. Gender Mainstreaming \u2013 wie es dieser Publikation zugrunde liegt \u2013 ist wahrlich nicht die Speerspitze radikalen Feminismus und m\u00f6chte weniger die den Ungleichheitsverh\u00e4ltnissen zugrunde liegenden Strukturen angreifen und ver\u00e4ndern, als lediglich [2] den Kreis der Privilegierten um *Frauen und unter Umst\u00e4nden auch einigen gl\u00fccklichen Wissenschaftler*innen mit Migrationshintergrund erweitern.<br \/>\nNeben F\u00f6rderungsprogrammen ist das sichtbarste Zeichen solcher Politiken vielleicht die Verwendung sogenannter geschlechtergerechter Sprache, die im universit\u00e4ren Kontext durchaus \u00fcblich geworden ist. Dabei gilt auch hier: Die Verwendung des Binnen-I\u2019s allein zeigt noch nicht unbedingt eine feministische oder kritische Haltung der Autor*in an, sondern weist lediglich auf den Umstand hin, dass Diskriminierung im (akademischen?) Umfeld nicht mehr ganz so offensichtlich ausge\u00fcbt werden kann.<\/p>\n<h3>\u201eGenderterror\u201c und benachteiligte M\u00e4nner<\/h3>\n<p>Angesichts eines eigentlich ern\u00fcchternden Res\u00fcmees feministischer K\u00e4mpfe nach fast f\u00fcnfzig Jahren \u201eZweite Frauenbewegung\u201c \u2013 Lohnschere, gl\u00e4serne Decke, Doppelbelastung, rape culture (um nur weniges zu nennen) \u2013 ist es dennoch nur scheinbar erstaunlich etwa im Wahlprogramm der Aktionsgemeinschaft (AG) f\u00fcr die \u00d6H-Wahl 2013 folgendes zu lesen. Die AG fordert als letzten Punkt in ihren \u201e10 Geboten\u201c:<\/p>\n<p><em>\u201eEine Wahlm\u00f6glichkeit der Studenten f\u00fcr Genderkurse in den Studienpl\u00e4nen, sowie die ausdr\u00fcckliche Klarstellung, dass fehlendes Gendern keinen Einfluss auf die Benotung wissenschaftlicher Arbeiten haben darf. Hier muss die Leistung im Vordergrund stehen!\u201c<\/em> [3]<\/p>\n<p>Als ge\u00fcbte Berufsemanze ist die Autorin irritiert. Wahlm\u00f6glichkeit f\u00fcr \u201eGenderkurse\u201c? Im Gegensatz etwa zur Johannes Kepler Universit\u00e4t Linz, in der Frauen- und Geschlechterforschung als Querschnittsmaterie in allen Curricula verankert ist, finden sich leider in nur sehr wenigen Studienpl\u00e4nen der Universit\u00e4t Wien verpflichtende Lehrveranstaltungen dazu.<br \/>\nUnd Gendern statt \u201eLeistung\u201c? Obwohl die Theorie durchaus f\u00fcr sich spricht, dass wer nicht \u201egendert\u201c, auch sonst nichts wirklich Geistreiches \u201eleistet\u201c, entspricht die hier formulierte Bef\u00fcrchtung (die sich in der Forderung ausdr\u00fcckt) ganz und gar nicht der Realit\u00e4t universit\u00e4rer Lehre.<\/p>\n<p>Obwohl es aber nun verf\u00fchrerisch w\u00e4re, achselzuckend \u00fcber diese Forderungen mit einem \u201eWenn es doch nur so w\u00e4re!\u201c hinwegzugehen, passen sich diese in aktuelle und medial weit verbreitete anti-feministische und reaktion\u00e4re Argumentationsdiskurse ein. Besonders interessant ist dabei eine neue vertretene \u201em\u00e4nnliche Opferideologie und die dazugeh\u00f6rende ,Berufung auf Gleichheit f\u00fcr die benachteiligten M\u00e4nner\u2018, das hei\u00dft das Eintreten f\u00fcr umfassend definierte M\u00e4nnerrechte.\u201c [4] Es ist ein g\u00e4ngiges Argumentationsmuster der sogenannten M\u00e4nnerrechtsbewegung, sich als die Verlierer der Emanzipation von *Frauen darzustellen. Aber anstatt dabei im Blick zu haben, dass die herrschenden Geschlechterverh\u00e4ltnisse mit ihren Zumutungen *M\u00e4nner ebenfalls einschr\u00e4nken (sie dennoch aber als Gruppe privilegieren), werden diese \u2013 etwa in Gestalt von Buben im angeblich weiblichen Kosmos Schule \u2013 als Opfer einer zu weit gegangen und falsch verstandenen Emanzipation imaginiert.<\/p>\n<p>In \u00e4hnliches Horn sto\u00dfen die AGgent*innen [5] , wenn sie postulieren, dass Student*innen aufgrund einer nicht-geschlechtergerechten Sprache benachteiligt w\u00fcrden. Dabei bedienen sie nicht nur das Argumentationsmuster der Ungleichbehandlung, sondern unterstellen zudem, dass *Frauenf\u00f6rderung notwendigerweise leistungsfeindlich sei. Ein Klassiker im antifeministischen Diskurs. Dabei wird die Angst, die eigenen Dom\u00e4nen \u2013 hart erworben durch M\u00e4nnerb\u00fcnde und m\u00e4nnlichem, akademischem Habitus auf Kosten des Ausschlusses anderer wie *Frauen, Migrant*innen oder jener aus bildungsferner Schichten (m\u00f6chte die Autorin hinzuf\u00fcgen) \u2013 zu verlieren, in Zeiten der Wirtschaftskrise und der damit einhergehenden Engp\u00e4sse etwa am Arbeitsmarkt durchaus ihre Rolle spielen. Anzumerken bleibt hier noch, dass es auch keineswegs so ist, dass *Frauen sich diese Positionen nicht ebenfalls zu eigen machen k\u00f6nnen und von ihnen profitieren.<\/p>\n<p>Die scheinbar harmlose Forderung also, die die Aktionsgemeinschaft in ihren \u201e10 Geboten\u201c formuliert hat, bedeutet, dass selbst die Gender Mainstreaming-Forderungen nach Verankerung von Frauen- und Geschlechterforschung in Curricula und der Anwendung geschlechtergerechter Sprache bedrohlich ist. Bedrohlich ist sie, weil in den Gegenst\u00e4nden und in der Sprache jene sichtbar werden, die bislang unsichtbar blieben. Und das hei\u00dft nicht zuletzt, dass auch *M\u00e4nner und deren Positionen nicht mehr als die unhintergehbare Norm zum Vorschein treten Aber von der AG kann wohl auch nicht erwartet werden, herrschaftskritisch und progressiv zu agieren.<\/p>\n<p>[1] Waltraud Schl\u00f6gl: \u201eD\u00fcnne Luft und langer Atem. Geschlechterverh\u00e4ltnisse an der Universit\u00e4t Wien.\u201c In: Gender im Fokus. Frauen und M\u00e4nner an der Universit\u00e4t Wien, 3. Brosch\u00fcre der Abteilung Frauenf\u00f6rderung und Gleichstellung der Universit\u00e4t Wien, 2011, S. 6. Online abrufbar unter: http:\/\/frauenfoerderung.<br \/>\nunivie.ac.at\/fileadmin\/user_upload\/personalwesen\/05_gender_im_fokus_kern_<br \/>\nhomepage.pdf. Zuletzt abgerufen am 15.04.2013<\/p>\n<p>[2] Keineswegs bestritten werden soll die Notwendigkeit derartiger Anliegen und die Hindernisse und Widerst\u00e4nde, die diesen entgegengebracht werden. Allerdings sind diese in ihrem Kern systemaffirmativ und daher nicht notwendigerweise gesellschaftsver\u00e4ndernd.<\/p>\n<p>[3] \u201e10 Gebote f\u00fcr die Aktionsgemeinschaft\u201c: http:\/\/www.aktionsgemeinschaft.at\/oeh-wahl-2013\/10-gebote-fuer-die-aktionsgemeinschaft. Zuletzt abgerufen am 15.04.2013.<\/p>\n<p>[4] Christa H\u00e4mmerle: \u201eGenderforschung aus neuer Perspektive? Erste und noch nachfragende Anmerkungen zum Neuen Maskuli(ni)smus. In: L\u2019Homme. Zeitschrift f\u00fcr Feministische Geschichtswissenschaft 2\/2012. Online abrufbar auf eurozine.com unter: http:\/\/www.eurozine.com\/articles\/2013-03-20-hammerle-de.html. Zuletzt abgerufen am 15.04.2013.<\/p>\n<p>[5] Selbstbezeichnung von Aktivist*innen der AG.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Oder: Warum *M\u00e4nner keine Opfer sind Alle Jahre wieder \u2013 meistens p\u00fcnktlich zu den \u00d6H-Wahlen \u2013 zeigt sich, dass mit dem Thema Feminismus im ansonsten recht eint\u00f6nigen Forderungsbrei der Fraktionen politisches Profil gezeigt werden kann. Dabei fallen neben den linken&hellip; <a href=\"https:\/\/gewi.bagru.at\/gezeit\/archiv\/2013\/das-maerchen-vom-feministischen-mainstream\/\" class=\"more-link\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"inline_featured_image":false,"footnotes":""},"categories":[23],"tags":[],"coauthors":[30],"class_list":["post-141","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-23"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/gewi.bagru.at\/gezeit\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/141","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/gewi.bagru.at\/gezeit\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/gewi.bagru.at\/gezeit\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/gewi.bagru.at\/gezeit\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/gewi.bagru.at\/gezeit\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=141"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/gewi.bagru.at\/gezeit\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/141\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":142,"href":"https:\/\/gewi.bagru.at\/gezeit\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/141\/revisions\/142"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/gewi.bagru.at\/gezeit\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=141"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/gewi.bagru.at\/gezeit\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=141"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/gewi.bagru.at\/gezeit\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=141"},{"taxonomy":"author","embeddable":true,"href":"https:\/\/gewi.bagru.at\/gezeit\/wp-json\/wp\/v2\/coauthors?post=141"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}