{"id":160,"date":"2014-03-24T14:33:00","date_gmt":"2014-03-24T13:33:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.fv-gewi.at\/gezeit\/?p=160"},"modified":"2018-04-05T13:28:09","modified_gmt":"2018-04-05T11:28:09","slug":"649-jahre-und-doch-nichts-gelernt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gewi.bagru.at\/gezeit\/archiv\/2014\/649-jahre-und-doch-nichts-gelernt\/","title":{"rendered":"649 Jahre und doch nichts gelernt?"},"content":{"rendered":"<section id=\"body\">\n<div class=\"inner\">\n<h2>Ein Versuch der Vers\u00f6hnung.<\/h2>\n<p>Wenn eine Universit\u00e4t Jubil\u00e4um feiert, tut sie das wohl, um ihr Image zu erneuern, zu unterst\u00fctzen oder aufzubessern. Bei der Uni Wien ist das nichts anderes. Aber ist das unbedingt ein schlechtes Zeichen f\u00fcr eine Universit\u00e4t, wenn sie sich dem Imagekampf ausliefert? Wenn sie versucht, durch Jubil\u00e4umsfeiern ihr Standing in der Gesellschaft zu verbessern?<\/p>\n<p>Wir blicken zur\u00fcck ins Jahr 1965 zur 600-Jahr-Feier der Universit\u00e4t Wien.<br \/>\nVor allem in eine Zeit, in der die Entnazifizierung selbst an den Universit\u00e4ten nicht unbedingt fruchtbar war. In der Burschenschaften schon seit \u00fcber zehn Jahren wieder zugelassen waren und in der Mitte der Gesellschaft wieder flei\u00dfig ihre deutschen Lieder gesungen haben. Und in eine Zeit, als der Siegfriedskopf, Denkmal und Gedenkort, stellvertretend f\u00fcr die im Ersten Weltkrieg gefallenen \u00abHelden\u00bb der Uni Wien noch in der Aula pr\u00e4sentiert wurde. Ein Denkmal, das bis heute einem uniformierten, rechtsradikalen M\u00e4nnerb\u00fcndel als Pilgerst\u00e4tte dient.<br \/>\nDie Vorstellung, dass Mitte der 60er Jahre in \u00d6sterreich revisionistische und deutsch-nationale Burschenschaften f\u00fcr ihre Alma Mater einen Umzug um den Wiener Ring veranstalteten und genau dort am Heldenplatz einen Opferkranz f\u00fcr die Bombenopfer Wiens im Zweiten Weltkrieg niederlegten, ist in Hinblick auf das Jubil\u00e4um 2015 nicht weniger aktuell als damals. Sich zudem knapp 50 Jahre danach nicht einmal damit auseinanderzusetzen, scheint mehr Bedienung als Reflexion des \u00f6sterreichischen Opfermythos zu sein.<\/p>\n<p>Wer ist hier das Opfer?<br \/>\nDer Austrofaschismus und der damals schon vorherrschende Antisemitismus in den \u00f6ffentlichen Institutionen \u00d6sterreichs f\u00fchrte 1938 schlichtweg dazu, dass nicht mehr viel zu tun war, um dem Nationalsozialismus die Tore zu \u00f6ffnen. An der Uni Wien wurden 45% der Studierenden und Lehrenden aus dem Lehrbetrieb ausgeschlossen und die Leerstellen mit systemtreuen Lehrenden besetzt. Die Entnazifizierung nach der Befreiung vom Nationalsozialismus 1945 trug dann aber auch nicht dazu bei, antisemitische oder rassistische Lehre an der Universit\u00e4t Wien auszuschlie\u00dfen. Exemplarisch daf\u00fcr und zeitlich an die 600-Jahr-Feier der Uni Wien herangehend steht die Borodajkewycz-Aff\u00e4re. Zu Beginn der 1960er konnten Alt-Nazis ihre antisemitische und nationalsozialismus-treue Lehre wieder unter die Studierenden bringen. So auch Taras Borodajkewycz. Die Aff\u00e4re gipfelte im Jubil\u00e4umsjahr der Uni Wien 1965 mit heftigen Studierendenprotesten und dem Tod des Antifaschisten Ernst Kirchweger. Obwohl die Mitschriften der Vorlesungen schon 1961\/62 an die \u00d6ffentlichkeit kamen, dauerte es trotzdem noch weitere f\u00fcnf Jahre bis Borodajkewycz 1966 endlich pensioniert wurde.<\/p>\n<p>Aber warum sollte uns die Vergangenheit interessieren, wenn wir in die Zukunft blicken k\u00f6nnen? So meinen es zumindest Vertreter*innen der Uni Wien, wenn es um das Jubil\u00e4um geht. Jubil\u00e4um bedeutet f\u00fcr sie Au\u00dfenwirkung, Publicity und Werbung fernab von Selbstreflexion oder historischer Aufarbeitung. Und wenn man schon \u00fcber die Zukunft sprechen mag, wie soll es dann mit den Jours fixes der Burschenschafter an der Unirampe weitergehen? Diesbez\u00fcglich darf man auch einmal die Frage stellen \u2013 gerade wenn man schon \u00fcber die Au\u00dfenwirkung der Universit\u00e4t spricht \u2013 welches Bild Burschen in vollem Wichs, mit Schmiss und in strammer deutsch-nationaler Tradition auf eine Universit\u00e4t werfen, die sich gleichzeitig in der \u00d6ffentlichkeit kein St\u00fcck weit kritisch mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzt.<\/p>\n<p>Nun, im kommenden Jahr feiert die Uni Wien ihr 650-j\u00e4hriges Bestehen mit einem schier endlosen Programm. Man will mit einer Leistungsschau die Arbeit der Universit\u00e4t in Forschung und Lehre auch einer \u201ebreiteren Bev\u00f6lkerung\u201c n\u00e4her bringen. Vielleicht sehen es die Verantwortlichen wirklich als einen Anlass zum Feiern und daher weigern sie sich vehement gegen jedwede kritische Aufarbeitung der Universit\u00e4tsgeschichte. Und am Ende bleibt zu sagen: Wenn heute Rechtsradikale und Korporierte in Lehre und Studium an der Uni Wien so gut integriert sind, wie eh und je, dann gibt es keinen Grund zum Feiern. Der Versuch einer Vers\u00f6hnung bleibt dann ein bisher hoffnungsloser, wenn er denn \u00fcberhaupt get\u00e4tigt wurde.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Vince Moon<\/p>\n<\/div>\n<\/section>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Versuch der Vers\u00f6hnung. Wenn eine Universit\u00e4t Jubil\u00e4um feiert, tut sie das wohl, um ihr Image zu erneuern, zu unterst\u00fctzen oder aufzubessern. Bei der Uni Wien ist das nichts anderes. 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