{"id":162,"date":"2014-03-24T14:34:47","date_gmt":"2014-03-24T13:34:47","guid":{"rendered":"https:\/\/www.fv-gewi.at\/gezeit\/?p=162"},"modified":"2018-04-05T13:28:09","modified_gmt":"2018-04-05T11:28:09","slug":"wie-in-hogwarts","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gewi.bagru.at\/gezeit\/archiv\/2014\/wie-in-hogwarts\/","title":{"rendered":"\u201eWie in Hogwarts.\u201c"},"content":{"rendered":"<h2>Die visuelle Selbstinszenierung der Uni Wien rund um das 650-Jahre-Jubil\u00e4um.<\/h2>\n<h3>Der Dreh um das Visuelle<\/h3>\n<p>Eigentlich klingt die Aussage <em>das Visuelle umgibt und beeinflusst uns in immer st\u00e4rkerem Ausma\u00df<\/em> wie ein billiger Allgemeinplatz. Tats\u00e4chlich besch\u00e4ftigen sich die Sozialwissenschaften aber noch gar nicht so lange mit Wechselwirkungen von visuellen Medien, und gesellschaftlichen Ordnungen.<\/p>\n<p>Mit dem \u201apictorial turn\u2019 Anfang der 1990er Jahre wurde den Sozialwissenschaften eine weitere Drehung hinzugef\u00fcgt. W. J. T. Mitchell, standsicherer Vertreter dieser Drehbewegung, beschreibt die visuelle Kultur als wechselseitige Beeinflussung von Visuellem und Gesellschaft. Darin spiegeln Bilder und Photographien einerseits soziale Herrschafts- und Machtverh\u00e4ltnisse wider, andererseits erschaffen und perpetuieren sie so auch bestimmte Vorstellungen, weshalb sie auch zur (Nicht-)Ver\u00e4nderung der Gesellschaft beitragen.<br \/>\nBilder sind niemals nur \u201aharmlose\u2019 Abbildungen einer Situation, sie schaffen erst den Kontext ihrer Erz\u00e4hlung und verfolgen dabei eigene Kommunikationsstrategien.<\/p>\n<p>Dass das Visuelle allgegenw\u00e4rtig ist und Institutionen nicht nur durch das geschriebene Wort, sondern vor allem durch ihre visuelle Inszenierung wahrgenommen werden, ist auch der Universit\u00e4t Wien nicht entgangen.<\/p>\n<h3>The sky is not my pimmel<\/h3>\n<p>Die Bildtheorie geht davon aus, dass Bilder nicht nur auf einer denotativen, darstellenden Ebene mit uns kommunizieren, sondern auch auf einer konnotativen Ebene symbolische Inhalte und Werte vermitteln. Eine kritische Bildanalyse verlangt jedoch nicht nur, diese konnotativen Bedeutungen aufzudecken, sondern auch aufzuzeigen, was letztlich unsichtbar bleibt und wer nicht repr\u00e4sentiert wird.<\/p>\n<p>Betrachtet man vor diesem Hintergrund jenes Bild mit der programmatischen Aufschrift \u201eThe sky is not the limit. Since 1365\u201c, das auf einem riesigen Plakat vor dem Haupteingang der Uni Wien thront, ist die Assoziation von Penis mit der ins All aufsteigenden Rakete nicht mehr weit, nicht nur wegen ihrer Form. Das Bild der Rakete, die in die Tiefen das Weltalls eindringt, um dort die Geheimnisse zu erkunden, erinnert in diesem Eroberungsgestus an die gewaltvolle Rhetorik Francis Bacons.<\/p>\n<p><a href=\"\/gezeit\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2014\/03\/the_sky_is_not_the_limit.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-247 size-large\" title=\"The Sky is not the limit. Since 1365.\" src=\"\/gezeit\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2014\/03\/the_sky_is_not_the_limit-700x462.jpg\" alt=\"The Sky is not the limit. Since 1365.\" width=\"600\" height=\"396\" srcset=\"https:\/\/gewi.bagru.at\/gezeit\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2014\/03\/the_sky_is_not_the_limit-700x462.jpg 700w, https:\/\/gewi.bagru.at\/gezeit\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2014\/03\/the_sky_is_not_the_limit-300x198.jpg 300w, https:\/\/gewi.bagru.at\/gezeit\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2014\/03\/the_sky_is_not_the_limit-768x507.jpg 768w, https:\/\/gewi.bagru.at\/gezeit\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2014\/03\/the_sky_is_not_the_limit.jpg 1239w\" sizes=\"auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><\/a><\/p>\n<p>F\u00fcr Bacon, den Begr\u00fcnder der deduktiven Methode in der Wissenschaft, war Natur weiblich konnotiert. Es galt, in ihre \u201eGeheimnisse (&#8230;) ein|zu]dringen um an diese \u201everschlossenen Pl\u00e4tze\u201c [&#8230;] \u201edurch[zu]dringen\u201c.[1] Historisch gesehen mag es zwar akkurat sein, die Uni mit einem phallischen Symbol zu repr\u00e4sentieren, d\u00fcrfen doch Frauen* erst seit ein bisschen mehr als 100 Jahren an der Uni Wien studieren, aber es stellt sich die Frage, ob dies der heutigen Zeit angemessen ist.<\/p>\n<p>Die Rakete schie\u00dft nach oben, der Rand des Bildes scheint ihr ebenso wenig Grenze wie der Himmel selbst. Sie steht f\u00fcr den z\u00fcgellosen Fortschritt, den Aufbruch ins Neue und Unbekannte. Sie ist f\u00fcr H\u00f6heres gemacht, ebenso wie jene, die an der Uni Wien studieren auch die Besten der Besten sein sollen. Zumindest h\u00e4tte das die Uni gerne so und gibt mit Mitteln wie Zugangsbeschr\u00e4nkungen, Knock-Out-Pr\u00fcfungen und Studiengeb\u00fchren ihr Bestes, um den Zugang zur Bildung zu limitieren.<\/p>\n<p>Und letztlich bleibt auch das Bild der Wissenschaft, das dieses Plakat pr\u00e4sentiert, sehr unpers\u00f6nlich. Wissenschaft, das sind Raketen und Satelliten. Die Menschen, deren Arbeit hinter der Rakete steckt, bleiben unsichtbar.<\/p>\n<p>Das Produkt der Forschung steht im Vordergrund, nicht aber der Forschungsprozess und die darin eingeflossenen Wert- und Normvorstellungen. Durch den Fokus auf das Materielle muss der historische Kontext der Forschung nicht ber\u00fccksichtig werden. Denn wer forscht hier \u00fcberhaupt, mit welchen Erwartungshaltungen und unter welchen Bedingungen? Wer finanziert, wer profitiert und was sind m\u00f6gliche positive oder negative Konsequenzen?<\/p>\n<p>Es w\u00e4re eine \u00dcberlegung wert, ob die Erkundung des Alls die bestm\u00f6gliche Forschung zur Befriedigung der menschlichen Bed\u00fcrfnisse ist oder ob vielleicht andere Fragen eine h\u00f6here Priorit\u00e4t haben k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Wie hip, cool und modern die Universit\u00e4t Wien seit 650 Jahren ist, versucht sie auch in einem knapp 4-min\u00fctigen Video auf ihrer Homepage darzustellen[2]. Mit peppiger Musik und einer angenehmen Frauenstimme wird hier erkl\u00e4rt, dass die Uni Wien ein \u201aLebensraum\u2018 ist. Der leicht gr\u00f6\u00dfenwahnsinnige Anspruch nach H\u00f6he und Exzellenz wird hier auch durch die Darstellung der verschiedensten Standorte der Uni Wien aus der Vogelperspektive und nicht zuletzt durch das Zeigen der Sternwarte im T\u00fcrkenschanzpark visuell unterst\u00fctzt. Eingeblendete Schriftz\u00fcge, die nicht selten aus den K\u00f6pfen dargestellter Personen sprie\u00dfen, bieten zus\u00e4tzliche Informationen \u00fcber die Uni, etwa den Leitsatz \u201eDie Wissenschaft und ihre Lehre ist frei.\u201c Wie \u201afrei\u2018 die Wissenschaft etwa w\u00e4hrend des Nationalsozialismus war oder was der herrschende Ressourcenmangel, auf Ausschluss ausgerichtete Curricula und die hierarchischen Strukturen an der Uni f\u00fcr eine \u201afreie\u2018 Lehre bedeuten, wird dabei ausgeblendet. Und wenn sich die Uni als multikulturell und weltoffen pr\u00e4sentiert, sollte nicht vergessen werden, mit welchen erschwerten Bedingungen Studierende aus nicht EWR-L\u00e4ndern oft konfrontiert sind.<\/p>\n<h3>Uni 2.0?<\/h3>\n<p>Die Uni Wien schafft es zwar nicht, eine f\u00fcr Smartphones geeignete Homepage zu haben, will aber dennoch auch im Web 2.0 kr\u00e4ftig mitmischen. Deshalb hat die Universit\u00e4t Wien einen offiziellen Twitter- und seit Oktober 2013 auch einen Instagramaccount[3].<\/p>\n<p>W\u00e4hrend man auf Twitter immerhin noch knappe 140 Zeichen hat, um zu kommunizieren (mit wem ist wohl nie so ganz klar), kann der Erfolg von Instagram als Siegeszug des Visuellen \u00fcber die Kommunikation verstanden werden, als Ausdruck einer Kommunikationskultur, die nur noch des Bildes und (eventuell) einer Bildunterschrift bedarf um alles zu sagen. Instagram ist visuelle Kultur in Reinform. Die Instagram-Photos von univienna bieten einen informativen \u00dcberblick \u00fcber die visuelle Selbstinszenierung der Uni Wien. Der Informationsgehalt ist gering, hier geht es vor allem darum, viel Uni zu zeigen, die Studis bei Laune zu halten und ein \u201aWir\u2018-Gef\u00fchl zu erzeugen. Zu finden sind neben Tieren, die als Lernhilfe pr\u00e4sentiert werden und den saisonal angepassten Gr\u00fc\u00dfen, v.a. Bilder der Fahnen vor der Uni, Bilder von R\u00e4umlichkeiten der Uni, Bilder von Studierendenausweisen, oder Bilder von Studierenden, die brav auf die Uni gehen und flei\u00dfig lernen. Hierzu darf nat\u00fcrlich das Bild des prall gef\u00fcllten Lesessaals der Hauptbibliothek nicht fehlen, das sich in Variationen auch auf Twitter, auf der Homepage der Uni Wien, in einem Kalender des Raum- und Ressourcenmanagements und ebenso in oben erw\u00e4hntem Video wiederfindet. \u201eFast wie Hogwarts\u201c hei\u00dft es dazu auf Instagram, \u201eUnsere Studis zur Pr\u00fcfungszeit\u201c auf Twitter und im Video geht es um \u201eWissen aufsaugen\u201c. Hier wird Gemeinschaftsgef\u00fchl erzeugt, die Gemeinschaft der willig Lernenden, die anscheinend der Uni geh\u00f6rt. Dass es umgekehrt sein k\u00f6nnte, steht au\u00dfer Frage. Klar ist, wenn du brav b\u00fcffelst, das Wissen in dich aufsaugst, geh\u00f6rst du dazu und darfst Teil des (exzellenten) Kollektivs sein.<br \/>\nDoch wer ist eigentlich nicht auf diesem Bild? Wer hat vielleicht keinen Platz bekommen? Wer muss gerade arbeiten oder Pflegeaufgaben erf\u00fcllen und kann daher nicht genug leisten, um ganz vorne mit dabei zu sein? Die altehrw\u00fcrdigen Geb\u00e4ude, die B\u00fcsten all der M\u00e4nner*, die einmal an der Uni studiert haben (Frauen* gibt es da ja keine), die B\u00fccher \u2013 all das verweist auf Tradition.<br \/>\nAber ist es eine Tradition, auf die die Uni Wien stolz sein kann, oder vielleicht eher eine, die auf Ausschluss, auf hierarchische Strukturen und auf die gl\u00e4serne Decke verweist?<\/p>\n<p>Mit ihrer visuellen Selbstinszenierung zeigt die Uni Wien ein Bild von sich, das die permanenten Ausschl\u00fcsse ihrer Geschichte reproduziert, ohne sie jedoch zu thematisieren oder kritisch zu hinterfragen. So gesehen entspricht die visuelle Kultur der Uni ihrer sonstigen Politik. Raum f\u00fcr Ver\u00e4nderung oder Platz f\u00fcr Kritik gibt es darin nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Norberta Hood<\/p>\n<h3>Fu\u00dfnoten:<\/h3>\n<p>1: Francis Bacon In: Merchant, Carolyne: The Death of Nature. Women, Ecology and the Scientific Revolution. Harper Collins. New York (1980)<\/p>\n<p>2: <del datetime=\"2017-10-26T18:37:11+02:00\">http:\/\/www.univie.ac.at\/de\/universitaet\/filmportraet\/<\/del><br \/>\n<a href=\"https:\/\/medienportal.univie.ac.at\/videos\/meine-universitaet\/detailansicht\/artikel\/die-universitaet-wien-im-filmportraet\/\">https:\/\/medienportal.univie.ac.at\/videos\/meine-universitaet\/detailansicht\/artikel\/die-universitaet-wien-im-filmportraet\/<\/a><\/p>\n<p>3: twitter: @univienna, instagram: univienna<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die visuelle Selbstinszenierung der Uni Wien rund um das 650-Jahre-Jubil\u00e4um. 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