{"id":164,"date":"2014-03-24T14:36:24","date_gmt":"2014-03-24T13:36:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.fv-gewi.at\/gezeit\/?p=164"},"modified":"2018-04-05T13:28:10","modified_gmt":"2018-04-05T11:28:10","slug":"besserwisserin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gewi.bagru.at\/gezeit\/archiv\/2014\/besserwisserin\/","title":{"rendered":"Besserwisserin?"},"content":{"rendered":"<section id=\"body\">\n<div class=\"inner\">\n<h2>\u00dcber die systematische Exklusion von Frauen von der Universit\u00e4t Wien<\/h2>\n<p>Seit Beginn des Wintersemesters 2013\/2014 r\u00fchrt das Rektorat f\u00fcr die Zelebrierung des bald 650\u00ad-j\u00e4hrigen Bestehens der Universit\u00e4t Wien kr\u00e4ftig die Werbetrommel. Nicht nur kr\u00e4ftig, sondern auch historisch und faktisch falsch. Geradezu omnipr\u00e4sent sind seit Oktober die Poster und das Merchandise der \u201eBesserwisserin \u2013 seit 1365\u201c-Kampagne, durch die sich die Leitung der Universit\u00e4t im Geschichtsrevisionismus \u00fcbt. Nicht, dass sie nicht bereits genug \u00dcbung darin h\u00e4tte. Dieses Beispiel der Selbstinszenierung als St\u00e4tte einer progressiven, egalit\u00e4ren und demokratischen Kultur ist ungl\u00fccklicherweise nicht das einzige, das eine immense Diskrepanz zu den realen Zust\u00e4nden an der Hochschule vorweist. Bereits seit der Gr\u00fcndung der Universit\u00e4t Wien strotzt diese nur so vor strukturellen Mechanismen der Exklusion von Frauen als auch Alltagssexismus.<\/p>\n<p>Letzterer findet in einem schockierenden, ekelerregenden Ausma\u00df statt und \u00e4u\u00dfert sich nicht nur durch sexistische Kommentare von Dozenten (und -innen!) \u201evom alten Schlag\u201c oder antifeministischen, konservativen Bemerkungen von Kommilitonen (und -innen!) in Lehr-<\/p>\n<p>veranstaltungen oder durch unfaire Benotungen. Nein \u2013 auf Fakult\u00e4tskonferenzen werden Wissenschaftlerinnen der Universit\u00e4t Wien von ihren Kollegen diskreditiert und diskriminiert. Auf Institutsweihnachtsfeiern wird Frauen von pragmatisierten Chauvinisten wie einem gewissen Dr. phil. am Institut f\u00fcr Zeitgeschichte, gegen den bereits mehrere Disziplinarverfahren eingeleitet wurden, auf die Br\u00fcste gestarrt und simultan verbal verdeutlicht, dass keine ihrer Aussagen Wert oder Legitimation besitzt. Dies dient dann einem Teil der angetrunkenen m\u00e4nnlichen Belegschaft zur Belustigung.<\/p>\n<p>Solche F\u00e4lle stellen ungl\u00fccklicherweise weder Ausnahmen noch die gravierendsten \u00dcbergriffe dar. Sexismus hat hier also System und Struktur \u2013 und dies schon seit der Gr\u00fcndung der Alma Mater Rudolphina 1365.<\/p>\n<p>\u00d6sterreich war neben Preu\u00dfen das letzte Land in Europa, welches Frauen zum Studium an der Universit\u00e4t zulie\u00df. 1897 wurde Studentinnen der Zutritt zur Philosophischen, 1900 zur Medizinischen und 1919 zur Juridischen Fakult\u00e4t gestattet. Anzumerken ist, dass zu jener Zeit nicht blo\u00df die Anzahl der au\u00dferordentlichen und ordentlichen H\u00f6rerinnen extrem gering war, sondern auch die jener Frauen, denen es \u00fcberhaupt m\u00f6glich war, eine Matura abzulegen und somit die Hochschulreife zu erlangen. Denn laut dem vorherrschenden androkratischen Kanon war die Gesellschaft in die private und die \u00f6ffentliche Sph\u00e4re zu trennen und Frauen sollten demnach abgeschottet in der Privatheit ihr Dasein fristen. Au\u00dferdem wurde der Charakter der Universit\u00e4t als ein berufsbildender, nicht allgemeinbildender verstanden und blo\u00df M\u00e4nnern die Aus\u00fcbung von Karrieren wie der des Arztes, Richters etc. bzw. das Interesse daran zugestanden. Beides \u00e4u\u00dferte sich in einem Gutachten des Akademischen Senats von 1873 durch diese Feststellung: \u201e(&#8230;) so lange der Schwerpunkt der Leitung der sozialen Ordnung noch in dem m\u00e4nnlichen Geschlecht ruht, liegt auch keine N\u00f6tigung vor, den Frauen an der Universit\u00e4t ein Terrain einzur\u00e4umen, welches in den weiteren Folgen unm\u00f6glich zu begrenzen w\u00e4re.\u201c [1] .<br \/>\nDes Weiteren w\u00e4re es notwendig, die Wissenschaft \u201ef\u00fcr Frauen angemessener\u201c zu gestalten, worunter die m\u00e4nnliche \u201eElite\u201c zu leiden h\u00e4tte. Auch die Gef\u00e4hrdung der moralischen Sitte durch die Vermischung der Geschlechter an der Hochschule war ein Argument f\u00fcr die Vertreter der Universit\u00e4t Wien, um Frauen weiterhin den Zugang zum Studium zu verunm\u00f6glichen oder zumindest zu erschweren, obwohl diese bis 1971 ohnehin sozio\u00f6konomisch immens gut situiert sein mussten, um ein Studium verfolgen zu k\u00f6nnen. [2] Kurz: Frauen stellten durch ihre angebliche sexuelle Wollust eine Ablenkung und Bedrohung der \u201eLeistungstr\u00e4ger\u201c und \u201eElite\u201c \u00d6sterreichs dar und w\u00e4ren au\u00dferdem zu d\u00e4mlich und inkompetent, um einer (akademischen) Karriere nachgehen zu k\u00f6nnen \u2013 ein erb\u00e4rmlicher Versuch der Verschleierung der Ebenb\u00fcrtigkeit von Frauen und ein Ausdruck der Angst vor weiblicher Konkurrenz.<\/p>\n<p>Von 1933 bis 1945 wurden j\u00fcdische und dem \u201elinken\u201c Spektrum zugeordnete Wissenschaftler*innen, darunter Elise Richter, vertrieben, verfolgt und exekutiert. Die Exklusion von Frauen aus dem akademischen Umfeld war Teil der austrofaschistischen und nationalsozialistischen Ideologie und bedeutete eine Z\u00e4sur in der Umsetzung von intellektuellen und beruflichen emanzipatorischen Bestrebungen von Frauen in der Zwischenkriegszeit [3] . Diese ist immer noch pr\u00e4sent und wirkt in den gegenw\u00e4rtigen Hochschulbetrieb hinein, z.B. in Form der M\u00e4nnerb\u00fcndelei im Cartellverband oder deutschnationalen Burschenschaften, innerhalb derer Beziehungen f\u00fcr die zuk\u00fcnftige Karriere gekn\u00fcpft werden bzw.die oftmals als Karrieresprungbrett dienen.<\/p>\n<p>Der Unwille der Universit\u00e4t Wien, die Vergangenheit zu thematisieren und aufzuarbeiten bzw. die entschlossene Tabuisierung dieser zeigt sich unter anderem in der Benennung von zwei S\u00e4len nach Elise Richter, eine der vermutlich vielen Frauen, die dem Matilda-Effekt 4 zum Opfer fielen, und Marietta Blau. Dies ist blo\u00df ein l\u00e4cherliches Instrument der Selbstinszenierung als bez\u00fcglich der Gleichstellung der Geschlechter progressive Institution gegen\u00fcber der \u00d6ffentlichkeit, vor allem wenn im Arkadenhof den B\u00fcsten von ausschlie\u00dflich m\u00e4nnlichen, teils h\u00f6chst antisemitischen Wissenschaftlern eine einzige Gedenktafel einer Frau, Marie von Ebner\u00ad-Eschenbach, gegen\u00fcber steht. Von der aufrichtigen W\u00fcrdigung szientifischer Errungenschaften von Frauen kann also nicht die Rede sein.<\/p>\n<p>Denn obwohl 2013 die Zahl der Absolventinnen von BA-, MA- und Doktoratsstudien beinahe in jeder Studienrichtung h\u00f6her war als die der Absolventen, wurden Professuren 2012 zu 61% an M\u00e4nner vergeben. Den Vorsitz stellen in Berufungskommission sieben M\u00e4nner und \u2013 ja, genau \u2013 null Frauen. Auch in Habilitationskommissionen stehen drei vorsitzende Frauen 18 M\u00e4nnern gegen\u00fcber und doppelt bis dreimal so viele M\u00e4nner als Frauen \u00fcben Stellen als Professor*innen oder Dozent*innen und Leitungsfunktionen als (Vize-)Dekan*innen, (Vize-)StudienprogrammleiterInnen oder Institutsvorstehende aus (Hallo, Gl\u00e4serne Decke!). Ein (struktureller) Grund hierf\u00fcr ist die Erschwerung bzw. Verunm\u00f6glichung der Vereinbarkeit von Familien- und Privatleben und Beruf. 5 Andere Gr\u00fcnde sind zum einen die Tatsache, dass \u201e\u00c4hnlichkeit im Sinne von Geschlecht und sozialer Herkunft eine gro\u00dfe Rolle bei F\u00f6rderbeziehungen spielt\u201c [6] , zum anderen unmittelbare Misogynie.<\/p>\n<p>Selbstredend bestehen Instanzen wie das 2000 gegr\u00fcndete, h\u00f6chstengagierte Referat f\u00fcr Frauenf\u00f6rderung und Gleichstellung, der Gender-Ausschuss der geisteswissenschaftlichen Fakult\u00e4ten und der Arbeitskreis f\u00fcr Gleichbehandlungsfragen. Letzterer gleicht allerdings einer Farce: Er \u00fcbt eine beratende, nicht bindende Funktion aus und hat als Einrichtung, welche sich vor allem dem Vorgehen gegen Diskriminierung aufgrund des Geschlechts verschrieben hat, einen m\u00e4nnlichen Vorstand.<br \/>\nAu\u00dferdem weisen die Notwendigkeit der Etablierung der \u00abGender Studies\u00bb und des Studiums der \u00abFrauen- und Geschlechtergeschichte\u00bb sowie die \u00abSammlung Frauennachl\u00e4sse\u00bb auf den offensichtlichen Androzentrismus in der Forschung hin, welcher Frauen nicht nur als Akteurinnen ausblendet, sondern auch deren Aufzeichnungen als Quellen kaum oder nicht beachtet.<\/p>\n<p>Die Existenz solcher wichtiger Institutionen verweist also auf die Allgegenw\u00e4rtigkeit von sexistischen und patriarchalen Strukturen und Methodiken. Diese werden nicht nur toleriert oder akzeptiert, sondern oftmals gar bef\u00fcrwortet und forciert.<br \/>\nDie Universit\u00e4t Wien ist eine der St\u00e4tten, an denen dies geschieht. Sie versucht noch dazu, oberfl\u00e4chliche Sch\u00f6nungen und Selbstbeweihr\u00e4ucherung vorzunehmen, um die realen Zust\u00e4nde zu tabuisieren und vertuschen.<br \/>\nIhr Vorgehen sowie die konstante Aufregung von Mitarbeiter*innen und Studierenden \u00fcber Frauenquoten und die F\u00f6rderung und Umsetzung von Projekten, Lehrveranstaltungen, Studien etc. zur Unterst\u00fctzung von Frauen best\u00e4rken mich und andere darin, dass radikal-feministische Arbeit und Kritik mehr als notwendig ist und fortgef\u00fchrt werden muss.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Tina Sanders<\/p>\n<h3>Fu\u00dfnoten:<\/h3>\n<p>1: Zit. bei Karl Lemayer, Die Verwaltung der \u00f6sterreichischen Hochschule von 1868 bis 1877 (Wien 1878) 97 f. in: Waltraud Heindl, Marina Tichy, Durch Erkenntnis zu Freiheit und Gl\u00fcck&#8230;\u201c. Frauen an der Universit\u00e4t Wien (ab 1897) (Wien 1990) 19.<\/p>\n<p>2: Sylwia Bukowska, Referat Frauenf\u00f6rderung und Gleichstellung, Frauen \u2013 Leben \u2013 Wissenschaft. 110 Jahre Wissenschafterinnen an der Universit\u00e4t Wien (Wien 2007)<br \/>\nIn den 1970ern f\u00fchrte die Abschaffung der Studiengeb\u00fchren sowie eine st\u00e4rker ausgepr\u00e4gte Bildungspolitik zu einem rasanten Anstieg von &#8211; vor allem weiblichen &#8211; Studierenden. Allerdings ist das Leben als Student*in immer noch fast ausschlie\u00dflich Menschen mit privilegiertem finanziellen Hintergrund vorbehalten.<\/p>\n<p>3: ebd.<\/p>\n<p>4 http:\/\/edoc.bbaw.de\/volltexte\/2007\/388\/pdf\/20oEFZF4qxqJs_388.pdf (Stand: 17.2.2014) Der Terminus des \u00abMatilda-Effekts\u00bb, eine Weiterentwicklung von Mertons \u00abMatth\u00e4us-Effekt\u00bb, wurde von Margaret W. Rossiter begr\u00fcndet und besagt, dass Frauen und ihre wissenschaftlichen Beitr\u00e4ge oftmals kein oder kaum Ansehen fanden und finden und dass ihre Erkenntnisse stattdessen m\u00e4nnlichen Forschern zugeschrieben wurden und werden.<\/p>\n<p>5 http:\/\/gleichstellung.univie.ac.at\/fileadmin\/user_upload\/personalwesen\/pers_frauen\/aktuelles\/WEB_gender_im_fokus_2013.pdf (Stand: 15.2.2014) 31. 35. Die hohe Anzahl von Frauen, welche Elternkarenz in Anspruch nehmen und Teilzeitarbeit vollbringen, weisen auf ungleiche Ressourcen- und Arbeitsaufteilung und eine damit einhergehende Doppelund Dreifachbelastung von Frauen (Haushaltsf\u00fchrung, Kindererziehung und Beruf) hin. Dies ist allerdings ein gesamt\u00f6sterreichisches Ph\u00e4nomen.<\/p>\n<p>6 http:\/\/gleichstellung.univie.ac.at\/fileadmin\/user_upload\/personalwesen\/pers_frauen\/aktuelles\/WEB_gender_im_fokus_2013.pdf (Stand: 15.2.2014) 62.<\/p>\n<\/div>\n<\/section>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber die systematische Exklusion von Frauen von der Universit\u00e4t Wien Seit Beginn des Wintersemesters 2013\/2014 r\u00fchrt das Rektorat f\u00fcr die Zelebrierung des bald 650\u00ad-j\u00e4hrigen Bestehens der Universit\u00e4t Wien kr\u00e4ftig die Werbetrommel. 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