{"id":166,"date":"2014-03-24T14:37:43","date_gmt":"2014-03-24T13:37:43","guid":{"rendered":"https:\/\/www.fv-gewi.at\/gezeit\/?p=166"},"modified":"2018-04-05T13:28:07","modified_gmt":"2018-04-05T11:28:07","slug":"der-goettliche-trick","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gewi.bagru.at\/gezeit\/archiv\/2014\/der-goettliche-trick\/","title":{"rendered":"\u201eDer g\u00f6ttliche Trick\u201c"},"content":{"rendered":"<h2>Feministische Wissenschaftskritik des hegemonialen Objektivit\u00e4tsbegriffs<\/h2>\n<p>In vielen Studieng\u00e4ngen ist der Objektivit\u00e4tsbegriff fr\u00fcher oder sp\u00e4ter relevant \u2013 vor allem in jenen, in welchen auch empirische Forschung gelehrt wird. Dabei wird an der Uni Wien meist eine ganz bestimmte Art von Objektivit\u00e4t vertreten, welche als unabdingbare Voraussetzung von \u201eWissenschaftlichkeit\u201c gilt [1]. In diesem Artikel werde ich zun\u00e4chst kurz das vorherrschende Verst\u00e4ndnis von der \u201eWichtigkeit\u201c von Objektivit\u00e4t am Beispiel der Psychologie darstellen, um dann auf feministische Wissenschaftskritik am hegemonialen Objektivit\u00e4tsbegriff einzugehen. Dazu werde ich mich auf Donna Haraway beziehen, welche in der von ihr 1995 herausgegebenen Monographie Die Neuerfindung der Natur g\u00e4ngige Vorstellungen und \u00dcberzeugungen von Objektivit\u00e4t kritisiert hat und anhand des Begriffs des situiertes Wissens eine m\u00f6gliche Alternative zeigt.<\/p>\n<p>Der Objektivit\u00e4tsbegriff in der Psychologie stellt einen der drei so genannten G\u00fctekriterien dar, welche die \u201eWissenschaftlichkeit\u201c einer Forschung gew\u00e4hrleisten sollen. Diese drei sind die Validit\u00e4t, die Reliabilit\u00e4t sowie die Objektivit\u00e4t. Objektivit\u00e4t kommt die Funktion einer intersubjektiven Nachpr\u00fcfbarkeit zu, es geht also um \u201eeine Standardisierung des Vorgehens durch methodische Regeln [&#8230;] und die vollst\u00e4ndige Dokumentation von Untersuchungen\u201c (Bortz, D\u00f6ring 2006: 32). Das hei\u00dft konkret, dass einerseits zum Beispiel Forschungsmethoden oder Auswertungsverfahren nach genau festgelegten (standardisierten) Regeln angewandt werden, andererseits durch die Offenlegung des Forschungsprozesses Transparenz in die gewonnenen Ergebnisse gew\u00e4hrleistet werden soll.<br \/>\nDem Begriff der Objektivit\u00e4t kommt in der Psychologie vor allem in der quantitativen Forschung eine zentrale Rolle zu. Hier bedeutet Objektivit\u00e4t, dass ein Test oder ein Fragebogen dann objektiv ist, \u201ewenn verschiedene Testanwender bei denselben Personen zu den gleichen Resultaten gelangen, d.h., ein objektiver Test ist vom konkreten Testanwender unabh\u00e4ngig\u201c (ebd.: S. 195). Charakteristisch f\u00fcr den hegemonialen Objektivit\u00e4tsbegriff ist demnach, dass er verstanden wird \u201eals eine Form der Erkenntnisgewinnung, die unabh\u00e4ngig von der forschenden Person ist\u201c (Br\u00fcck et.al. 1997 : 24), sowie dass unabh\u00e4ngig von der untersuchenden Person, der untersuchten Sachverhalte, oder der angewandten Methoden die gleichen Ergebnisse gewonnen werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die beiden Schlagw\u00f6rter, die im Zusammenhang mit Objektivit\u00e4t also zu nennen sind, hei\u00dfen Standardisierung und Transparenz. Abgesehen von der nahe liegenden Frage, ob und inwieweit eine derartige Objektivit\u00e4t \u00fcberhaupt umsetzbar oder realistisch ist, stellt sich die Frage, warum dieser Objektivit\u00e4tsbegriff nun problematisch ist und von Feministinnen wie Sandra Harding oder Donna Haraway kritisch hinterfragt wird.<\/p>\n<p>Die G\u00fctekriterien und insbesondere jenes der Objektivit\u00e4t legen fest, was als Wissen gelten darf und was nicht. Durch diese (konstruierte) Grenzziehung wird also nicht nur ausschlie\u00dflich ein ganz bestimmtes Wissen zugelassen, es wird auch immer Wissen verloren gehen, welches diesen Anforderungen nicht gerecht wird und somit als \u201aNichtwissen\u2019 keine weitere Beachtung erf\u00e4hrt und keinen Eingang in den Diskurs findet. Somit hat ein derartiges Objektivit\u00e4tsverst\u00e4ndnis auch mit Macht zu tun, mit Hierarchien und Exklusion [2] .<\/p>\n<p>Donna Haraway nennt dar\u00fcber hinaus als weiteren grossen Kritikpunkt am g\u00e4ngigen Objektivit\u00e4tsbegriff die damit verbundene Entk\u00f6rperung, auf welche eingangs (Stichwort: theoretische Austauschbarkeit der forschenden Person) bereits eingegangen wurde. Um diese Kritik auszuf\u00fchren, bedient sie sich der Metapher der Vision, welche wohl im Weitesten als Blick \u00fcbersetzt werden kann. Dieser entk\u00f6rperte Blick bezeichnet nach Haraway \u201edie unmarkierte Position des Mannes und des Wei\u00dfen\u201c (Haraway 1995: 80) und was erg\u00e4nzend noch hinzuzuf\u00fcgen ist, des Heterosexuellen[3]. Dieser entk\u00f6rperte und unmarkierte Blick \u201eschreibt sich auf mythische Weise in alle markierten K\u00f6rper ein und verleiht der unmarkierten Kategorie die Macht zu sehen, ohne gesehen zu werden sowie zu repr\u00e4sentieren und zugleich der Repr\u00e4sentation zu entgehen (ebd.: 80). Diese Entk\u00f6rperung des Blicks wird durch Visualisierungsinstrumente noch weiter verst\u00e4rkt. Am Beispiel der Psychologie w\u00e4ren das etwa Computertomographien oder fMRT. Diese Illusion, \u201ealles von nirgendwo aus sehen zu k\u00f6nnen\u201c (ebd.: 81) bezeichnet Haraway als \u201eg\u00f6ttlichen Trick\u201c (ebd.: 81).<\/p>\n<p>Haraway geht es nun darum \u201edie K\u00f6rperlichkeit aller Vision\u201c (ebd.: 80) hervorzuheben. Ausgehend von dieser Betonung von K\u00f6rperlichkeit des Blicks pl\u00e4diert sie f\u00fcr eine \u00dcbersetzung feministischer Objektivit\u00e4t als das, was sie situiertes Wissen nennt. Dieses Verst\u00e4ndnis von Objektivit\u00e4t hat \u201emit partikularer und spezifischer Verk\u00f6rperung zu tun\u201c (ebd.: 82) oder, wie Haraway es ausdr\u00fcckt: \u201eNur eine partiale Perspektive verspricht einen objektiven Blick\u201c (ebd.: 82).<br \/>\nEine derartige Auffassung von Objektivit\u00e4t w\u00fcrde sich durch seine spezifische Situierung auch nicht der Verantwortung f\u00fcr die Forschung entziehen, sondern sich ihr vielmehr stellen.<\/p>\n<p>F\u00fcr eine feministische Objektivit\u00e4t spielen demnach vor allem begrenzte Verortung und situiertes Wissen eine zentrale Rolle, im Gegensatz zu Standardisierung und Transparenz des hegemonialen Objektivit\u00e4tsverst\u00e4ndnisses. Es geht darum, dass Wissen immer verk\u00f6rpert und somit eben auch verortet und lokalisierbar ist. Oder, um es anders zu formulieren: Jeder Mensch macht spezifische Erfahrungen und ist auf spezifische Art in der Welt\/Gesellschaft\/&#8230; situiert und verk\u00f6rpert. Allein daraus ergibt sich ein bestimmter Blick auf das Forschungsthema. Dieser bestimmte Blick wird nun noch dadurch verst\u00e4rkt, welche Vorannahmen im Vorfeld vorhanden sind, auf welche Theorien Bezug genommen wird, mit welchen Methoden gearbeitet wird und wie schlie\u00dflich die vorhandenen Ergebnisse interpretiert werden. Insofern gibt es keinen \u201eunschuldigen\u201c oder \u201eneutralen\u201c Blick, vielmehr pr\u00e4gt der jeweils spezifische verk\u00f6rperte Blick jede einzelne Entscheidung im Forschungsprozess und beeinflusst diese.<\/p>\n<p>Um also abschlie\u00dfend nochmals mit Haraway zu sprechen: \u201eFeministinnen brauchen keine Objektivit\u00e4tslehre, die Tranzendenz verspricht, weder als Geschichte, die die Spur ihrer Vermittlungen immer dann verliert, wenn jemand f\u00fcr etwas verantwortlich gemacht werden k\u00f6nnte, noch als unbegrenzte instrumentelle Macht\u201d (Haraway 1995: 79). Es gilt, eine Objektivit\u00e4t anzustreben, welche sich als situiert und partiell begreift, um so nicht nur unterschiedliches Wissen zu gew\u00e4hrleisten und zuzulassen, sondern auch die Illusion des \u201eg\u00f6ttlichen Tricks\u201c aufzugeben und im Gegenzug Verantwortung f\u00fcr die eigene Forschung zu \u00fcbernehmen. Dabei reicht es nicht aus, zu Beginn der vollendeten Forschungsarbeit schriftlich festzuhalten, aus welcher Position geforscht wurde \u2013 vielmehr gilt es, den Anspruch zu haben, dass das Bewusstsein um das eigene situierte Wissen w\u00e4hrend des gesamten Forschungsprozesses immer wieder mitreflektiert wird und auch f\u00fcr die Leser*innen nachvollziehbar gemacht wird, wie der eigene Blick die Forschung mitbestimmt hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Brigitte<\/p>\n<h3>Fu\u00dfnoten:<\/h3>\n<p>1: Ich erhebe hier nicht den Anspruch, f\u00fcr alle Studienrichtungen zu sprechen. Meine Erfahrungen beziehen sich vor allem auf Sozialwissenschaften und Psychologie, weshalb ich in diesem Artikel aus einer von diesen Disziplinen geformten Perspektive \u00fcber Objektivit\u00e4t schreiben werde.<\/p>\n<p>2: Als konkretes Forschungsbeispiel aus der Psychologie w\u00e4re etwa die Studie von Singh, Devendra et.al. (1999) zu nennen, in welcher butch und femme Lesben* auf ganz spezifische Art und Weise aus einem heteronormativen Blick heraus konstruiert wurden. Eine fundierte Kritik zu dieser Studie liefert Bettina Bock von W\u00fclfingen (2005).<\/p>\n<p>3: Damit spricht Haraway an, dass es vor allem wei\u00dfe (heterosexuelle) M\u00e4nner* sind, welche in der Wissenschaft \u201etonangebend\u201c sind (hier kn\u00fcpft etwa auch feministische Wissenschaftskritik an, wenn von gender bias in den Wissenschaften die Rede ist, um auf die Unterrepr\u00e4sentanz von Frauen* in Forschung\/Lehre hinzuweisen.<\/p>\n<h3>Literatur:<\/h3>\n<ul>\n<li>Bortz, J\u00fcrgen\/D\u00f6ring, Nicola (2006): Forschungsmethoden und Evaluation f\u00fcr Human- und Sozialwissenschaftler. Springer Medizin Verlag Heidelberg<\/li>\n<li>Br\u00fcck, Brigitte et.al. (1997): Feministische Soziologie. Eine Einf\u00fchrung. Campus Verlag, Frankfurt am Main.<\/li>\n<li>Haraway, Donna (1995): Die Neuerfindung der Natur. Primaten, Cyborgs und Frauen. Campus Verlag<\/li>\n<li>Singh, Devendra et.al. Lesbian erotic role identification: behavioral, morphological, and hormonal correlates. In: Journal of Personality and Social Psychology, 1999, Vol. 76. S. 1035-1049.<\/li>\n<li>Bock von W\u00fclfingen, Bettina (2005): Geschlechtsk\u00f6rper \u2013 hormonell stabilisiert oder flexibilisiert? (Das Lesbenhormon). In: Bath, Corinna; Bauer, Yvonne; Bock von W\u00fclfingen, Bettina; Saupe, Angelika; Weber Jutta (Hg.): Materialit\u00e4t denken. Studien zur technologischen Verk\u00f6rperung \u2013 Hybride Artefakte, posthumane K\u00f6rper. transcript: Bielefeld, 85-115.<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Feministische Wissenschaftskritik des hegemonialen Objektivit\u00e4tsbegriffs In vielen Studieng\u00e4ngen ist der Objektivit\u00e4tsbegriff fr\u00fcher oder sp\u00e4ter relevant \u2013 vor allem in jenen, in welchen auch empirische Forschung gelehrt wird. 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