{"id":168,"date":"2014-03-24T14:38:34","date_gmt":"2014-03-24T13:38:34","guid":{"rendered":"https:\/\/www.fv-gewi.at\/gezeit\/?p=168"},"modified":"2018-04-05T13:28:49","modified_gmt":"2018-04-05T11:28:49","slug":"weil-schweigen-nichts-hilft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gewi.bagru.at\/gezeit\/archiv\/2014\/weil-schweigen-nichts-hilft\/","title":{"rendered":"Weil Schweigen nichts hilft"},"content":{"rendered":"<section id=\"body\">\n<div class=\"inner\">\n<h2>Interview mit einer Naturwissenschaftlerin<\/h2>\n<p>Der Frauen*anteil in den Naturwissenschaften allgemein und an der Universit\u00e4t Wien im besonderen ist nach wie vor erschreckend gering [1] und je weiter der Blick die Unihierarchie hinauf wandert, desto geringer ist er. Im folgenden Interview spricht die Dissertantin E.L. \u00fcber ihre Erfahrungen mit Sexismus und \u00fcber Hindernisse, die jungen Wissenschaftlerinnen in den Weg gelegt werden. E.L. hat an der Universit\u00e4t Wien in einem naturwissenschaftlichen Fach studiert und arbeitet mittlerweile an einem Forschungsprojekt im Rahmen ihrer Dissertation. Sie ist Feministin und hat sich eingehend mit den Themen Hierarchie und Geschlecht auseinandergesetzt.<br \/>\nNach eigenen Angaben hat ihr das geholfen zu verstehen, dass viele der Schwierigkeiten, mit denen sie allt\u00e4glich konfrontiert wird, nichts mit ihr selbst oder ihren Leistungen zu tun haben, sondern Teil eines strukturellen Problems sind.<\/p>\n<p><strong>Wie ist das Geschlechterverh\u00e4ltnis in deinem jetzigen Arbeitsumfeld und wie wirkt sich das aus?<\/strong><\/p>\n<p>Das Verh\u00e4ltnis ist so: Neben dem Orgapersonal, das durchgehend weiblich ist, gibt es inklusive mir vielleicht 10-15 % Frauen* in einem sehr beschr\u00e4nkten Arbeitsumfeld, also in einer Gruppe. In \u00e4hnlichen Gruppen gibt es gar keine Frauen*. Das ist sp\u00fcrbar.<\/p>\n<p><strong>Aber worin liegt das Problem, in der \u00dcberzahl von M\u00e4nnern oder in ihrem Verhalten?<\/strong><\/p>\n<p>Sie verhalten sich ja so, wie sie sich verhalten, weil sie in der \u00dcberzahl sind.<br \/>\nDas Problem ist, dass du als Frau* isoliert wirst, als Frau* wirst du nicht um deine Meinungen gefragt zu wissenschaftlichen Problemen, du f\u00fchlst dich nicht als Teil der Gruppe und wirst beispielsweise nicht eingeladen zum abendlichen Trinken gehen oder \u00e4hnliches.<br \/>\nAlltagssexismen sind nicht so schlimm wie diese Isolation.<br \/>\nAndere Forscherinnen*, zu denen ich auf Konferenzen Kontakt schlie\u00dfen konnte, arbeiten auch oft isoliert und sind nicht Teil der Community, sie werden seltener zu Vortr\u00e4gen oder zur Mitarbeit eingeladen, haben dadurch weniger Publikationen und genau das ist aber das Hauptqualit\u00e4tsmerkmal in den Naturwissenschaften.<\/p>\n<p><strong>Letztes Jahre war das ein Thema bei den Zeitschriften \u201aScience\u2018 und \u201aNature\u2018, in den unterdurchschnittlich wenige Beitr\u00e4ge von Frauen ver\u00f6ffentlicht wurden. \u201aNature\u2018 \u00fcbte dann \u00f6ffentliche Selbstkritik und versprach, in Zukunft \u00f6fter auf Frauen* zuzugehen und sie um Beitr\u00e4ge zu bitten. Hast du davon geh\u00f6rt?<\/strong><\/p>\n<p>Diese Geschichte ist mir bekannt, aber ich f\u00fcrchte, das sind leider nur leere Lippenbekenntnisse. Eine der Zeitschriften brachte dann einen Spezialartikel zu Frauen* in den Naturwissenschaften heraus. Ich finde es gut, dass dieses Thema angesprochen wurde, es darf aber nicht bei Lippenbekenntnissen bleiben. Es m\u00fcssen auf verschiedenen Ebenen aktiv Frauen* eingeladen werden: zu Vorstellungsgespr\u00e4chen, zur Zusammenarbeit, zu Vortr\u00e4gen. Das Problem ist: Es muss eine Ver\u00e4nderung in den K\u00f6pfen stattfinden und dazu braucht es keine Top-Down Entscheidungen, dazu m\u00fcssen alle beitragen.<br \/>\nEs braucht eine Erh\u00f6hung des Frauen*anteils auf allen Ebenen, aber zum Beispiel auch allgemein die Erh\u00f6hung des Anteils von Personen aus weniger privilegierten gesellschaftlichen Schichten.<\/p>\n<p><strong>Inwieweit sind Sexismus oder andere Diskriminierungsformen ein ansprechbares Thema bei anderen Betroffenen die du kennst, welche Strategien des Umgangs gibt es und wo findet Austausch dar\u00fcber statt?<\/strong><\/p>\n<p>In Europa oder im deutschsprachigen Raum gibt es keine Organisation f\u00fcr Frauen* in den Naturwissenschaften. In Amerika gibt es eine solche Organisation, hier fehlt aber eine entsprechende Plattform. Konferenzen gibt es zwar, aber kein gro\u00dfes gemeinsames Bekenntnis. Das merkt man auch in Situationen, in denen sich Frauen* gegen andere Frauen* stellen, beziehungsweise fallen den wenigen, die es in Spitzenpositionen geschafft haben, Benachteiligungen gar nicht mehr auf und sie sind nicht gewillt, anderen Frauen* zu helfen. Bei Peers bedeutet das Zugeben von Diskriminierungen, eine Schw\u00e4che zuzugeben, und das will niemand, weil viele damit auch schlechte Erfahrungen gemacht haben.<br \/>\nDie Diskussion wird, wenn sie stattfindet, oft zu einem pers\u00f6nlichen Problem gemacht, etwa im Sinne von: \u201cSie beschwert sich, sie will damit nur \u00fcberdecken, dass sie keine gute Naturwissenschaftlerin ist.\u201d Das macht den Kampf gegen Sexismen sehr schwierig.<\/p>\n<p><strong>Wie hat sich dein Erleben von Sexismus im Laufe deiner Unikarriere ver\u00e4ndert? Was waren positive und negative Highlights, lie\u00df sich eine Ver\u00e4nderung feststellen (z.B. mehr Anerkennung in h\u00f6heren Semestern, weniger Freiraum in weniger anonymen Arbeitsr\u00e4umen..?)<\/strong><\/p>\n<p>Am Anfang ist mir das alles nicht so aufgefallen, ich war auch nicht entsprechend sensibilisiert. In \u00dcbungen und Vorlesungen w\u00e4hrend meiner Studienzeit war transparent, welche Leistungen man erbringen musste, um weiter zu kommen. Dadurch, dass es diese relativ transparenten Bewertungen gibt (es gibt trotzdem Ungerechtigkeiten), ist es leichter \u201cgut\u201d zu sein und sich \u201cgut\u201d zu f\u00fchlen. Beginnend mit der Diplomarbeit werden die Kriterien, um als gut anerkannt zu werden, weniger klar und es kommen zwischenmenschliche Mechanismen ins Spiel von denen M\u00e4nner profitieren. Das passiert dadurch, dass die Naturwissenschaft nach wie vor sehr m\u00e4nnlich gepr\u00e4gt ist, vor allem die Professor*innenkurie. Da gibt es wenig Platz f\u00fcr Diversifizierung.<br \/>\nMenschen, die nicht dem wei\u00dfen, m\u00e4nnlichen Ideal entsprechen, f\u00fchlen sich oft weniger wohl, werden weniger anerkannt und auch nicht als \u201cgut\u201c erkannt.<\/p>\n<p><strong>Sind dir und deinen Kolleg*innen Ma\u00dfnahmen bekannt, welche die Uni Wien zur Verf\u00fcgung stellt, um Gleichbehandlung zu erreichen? Hast du sie in Anspruch genommen und f\u00fcr wie wirksam h\u00e4ltst du sie?<\/strong><\/p>\n<p>Es gab ein Mentoring-Programm, an dem ich jedoch nicht teilgenommen habe.<br \/>\nDer Einstieg war kompliziert und nur zu einem gewissen Zeitpunkt m\u00f6glich. Es schien auch haupts\u00e4chlich f\u00fcr Postdocs, also bereits Habilitierende, gedacht zu sein.<br \/>\nIch wei\u00df nicht, wie gut diese Programme sind, es gibt aber auch zu wenig.<\/p>\n<p><strong>Was mit Ausschuss f\u00fcr Gleichbehandlung etc.?<\/strong><\/p>\n<p>Dar\u00fcber kann ich nichts sagen, mir ist aber aufgefallen, dass gerade bei Bewerbungsgespr\u00e4chen nach wie vor Sexismus und Nepotismus vorherrschen. Und dieser Nepotismus hilft in den Naturwissenschaften M\u00e4nnern und benachteiligt Frauen*.<\/p>\n<p><strong>Kennst du denn an der Uni Wien auch Wissenschaftlerinnen, die quasi eine Vorbildrolle einnehmen?<\/strong><\/p>\n<p>Das ist sehr schwierig, aber es gibt soweit ich wei\u00df eine Biochemikerin namens Schr\u00f6der[2], die mir imponiert hat. Sie ist auch feministisch und r\u00fccksichtslos darin, zum Beispiel ist sie aus der \u00d6sterreichischen Akademie der Wissenschaften ausgetreten aus Protest gegen die dortige vorherrschende M\u00e4nnerb\u00fcndelei und Dominanz des CV[3], soweit ich wei\u00df.<\/p>\n<p><strong>Wie sensibilisiert sind deine Kolleg*innen und Betreuer*innnen gegen\u00fcber dem Thema Sexismus und Gleichbehandlung?<\/strong><\/p>\n<p>Das sind sie \u00fcberhaupt nicht, ich denke aber auch nicht dass es helfen w\u00fcrde, sie in entsprechende Workshops zu setzen. Wenn ich Probleme anspreche, werde ich \u00fcberh\u00f6rt und ich h\u00f6re deshalb zwar auch nicht auf, weil Schweigen mir nicht helfen wird &#8211; aber es gibt scheinbar bei vielen eine Weigerung, \u00fcber sich selbst nachzudenken.<\/p>\n<p><strong>Hat das deiner Meinung nach etwas mit dem Fach zu tun, bzw. sind das spezifische Probleme, die nur auf dein Fach oder die Naturwissenschaften zutreffen?<\/strong><\/p>\n<p>In unserer Gesellschaft werden die Naturwissenschaften immer noch m\u00e4nnlich dominiert, bzw. M\u00e4nnlichkeit wird ihnen zugeordnet. Zum Beispiel wird in den Naturwissenschaften verst\u00e4rkt auf den Genie-Begriff zur\u00fcckgegriffen und es gibt ein Bild vom m\u00e4nnlichen Einzelg\u00e4nger, der alleine gro\u00dfe Taten vollbringt. Da haben die Stereotype, die Frauen* zugeordnet werden und Frauen* selbst \u00fcberhaupt keinen Platz. Das ist sicher ein Unterschied zu den Geisteswissenschaften.<br \/>\nFachspezifisch ist auch die Anwendung von pseudowissenschaftlichen Ma\u00dfst\u00e4ben wie dem Hirschfaktor[4]. Solche pseudo-objektiven Ma\u00dfe benachteiligen wieder Frauen*. Ich sage deshalb pseudo-objektiv, weil auch sie den Mann als Ideal heranziehen, der Mann dadurch nochmal besser bewertet wird&#8230;<\/p>\n<p><strong>Wie sieht es aus mit Karrierepl\u00e4nen, Zukunftschancen. Hast du das Gef\u00fchl oder die Sorge, einen Nachteil durch dein Gender zu erfahren?<\/strong><\/p>\n<p>Duh!<br \/>\nEs ist sehr trist. Wenn ich mir Karrieren von Wissenschaftlerinnen*, die zehn Jahre \u00e4lter sind als ich, und deren Lebensl\u00e4ufe ansehe, dann sehe ich darin, wie diese diskriminiert werden\/wurden. Es wirkt auch nicht so, als ob es besser wird. Aber ich plane zu k\u00e4mpfen. Mal schauen was wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Lydia<\/p>\n<h3>Fu\u00dfnoten:<\/h3>\n<p>1: Anmerkung der Redaktion: Der Frauenanteil in naturwissenschaftlichen F\u00e4chern ist extrem unterschiedlich. W\u00e4hrend zum Beispiel in der Physik nur 26% Frauen studieren und in der Informatik 28%, sind es in den Ern\u00e4hrungswissenschaften 85%. (Daten von der Universit\u00e4t Wien http:\/\/gleichstellung.univie.ac.at\/fileadmin\/user_upload\/personalwesen\/pers_frauen\/aktuelles\/WEB_gender_im_fokus_2013.pdf [Zugriff 05.03.2014]. Allerdings gilt anzumerken, dass mit insgesamt 50% Frauenanteil in allen naturwissenschaftlichen Studienrichtungen dieser immer noch unter dem Universit\u00e4tsdurchschnitt von 65% liegt.<\/p>\n<p>2 Gemeint ist Ren\u00e9e Schr\u00f6der, eine \u00f6sterreichische Forscherin und Universit\u00e4tsprofessorin am Department f\u00fcr Biochemie der Max F. Perutz Laboratories, ein Joint Venture der Universit\u00e4t Wien und der Medizinischen Universit\u00e4t Wien. s.h. http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ren%C3%A9e_Schroeder [Zugriff 05.03.2014], Anmerkung der Redaktion<\/p>\n<p>3: Cartellverband, katholischer M\u00e4nnerbund.<\/p>\n<p>4 Hirschfaktor: Hirsch-Index: auch h-Index, Hirsch-K\u00f6ffizient oder h-number genannt. Der Hirsch-Index ist ein biometrisches Ma\u00df, das auf Zitationen von Publikationen eines\/einer Autor*in zu einem bestimmten Zeitpunkt basiert. Ein hoher h-Index spricht f\u00fcr gro\u00dfen wissenschaftlichen Einfluss des Autors\/der Autorin. Der h-Index zur Bewertung wissenschaftlicher Leistungen wurde 2005 von dem argentinischen Physiker Jorge E. Hirsch entwickelt.<\/p>\n<h3>Literatur:<\/h3>\n<ul>\n<li>Handbuch zur Gleichstellungspolitik an Hochschulen: Von Der Frauenf\u00f6rderung zum Diversity Management?, Hg: E. Blome, A. Erfmeier, u.a.<\/li>\n<li>Schr\u00f6der: http:\/\/medienportal.univie.ac.at\/uniview\/uni-intern\/detailansicht\/artikel\/mikrobiologin-renee-schr\u00f6der-wird-60\/<\/li>\n<li>Science und Nature Diskussion zum Nachlesen: http:\/\/science.orf.at\/stories\/1708385<\/li>\n<\/ul>\n<\/div>\n<\/section>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Interview mit einer Naturwissenschaftlerin Der Frauen*anteil in den Naturwissenschaften allgemein und an der Universit\u00e4t Wien im besonderen ist nach wie vor erschreckend gering [1] und je weiter der Blick die Unihierarchie hinauf wandert, desto geringer ist er. 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