{"id":170,"date":"2014-03-24T14:39:32","date_gmt":"2014-03-24T13:39:32","guid":{"rendered":"https:\/\/www.fv-gewi.at\/gezeit\/?p=170"},"modified":"2018-04-05T13:28:31","modified_gmt":"2018-04-05T11:28:31","slug":"kastalia-traeumt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gewi.bagru.at\/gezeit\/archiv\/2014\/kastalia-traeumt\/","title":{"rendered":"Kastalia tr\u00e4umt"},"content":{"rendered":"<section id=\"body\">\n<div class=\"inner\">\n<h2>oder die M\u00e4nner und Musen des Arkadenhofs<\/h2>\n<p><em>\u201e[D]ie Musen haben an sich wenige Bed\u00fcrfnisse, und sind hier nicht verw\u00f6hnt\u201c.<\/em> &#8211; Hegel Gesammelte Werke Bd. 10,1, S. 464, 1809<\/p>\n<p>Wenn man den Arkadenhof der Universit\u00e4t Wien \u00fcber die Aula betritt, blickt man geradeaus auf die Brunnenfigur Kastalia. Den meisten Studierenden d\u00fcrfte nicht klar sein, wer Kastalia ist oder wof\u00fcr die Skulptur steht. Dabei versinnbildlicht sie wie kaum eine andere die Behandlung von Frauen im akademischen Bereich. Kastalia ist keine Wissenschaftlerin sondern wird (f\u00e4lschlicherweise) als Muse gesehen. Musen: die Wesen, welche Dichtern und Wissenschaftlern Inspiration f\u00fcr ihre Werke geben.<br \/>\nFrauen waren schon immer Teil des akademischen Bereiches, doch entweder kamen sie nie zu den gleichen Ehren wie ihre m\u00e4nnlichen Kollegen, oder sie wurden im Nachhinein aus der Geschichte geschrieben, bewusst oder unbewusst herabgew\u00fcrdigt und herabgesetzt.<\/p>\n<p>Dabei wirken vielf\u00e4ltige Mechanismen aufeinander ein (Rossiter 2003: 200) [1]. Auch heute noch ist die Situation von Frauen im gesamten akademischen Bereich nicht mit der von M\u00e4nnern gleichgestellt. Wir alle kennen die Zahlen: 60% der Studierenden sind Frauen, aber nur 25% der Professor*innen. Im Arkadenhof sieht die Situation noch d\u00fcsterer aus: Von den 154 Denkm\u00e4lern sind 153 M\u00e4nnern gewidmet und nur eine Schrifttafel einer Frau. Diese f\u00e4llt dann auch noch aus dem Rahmen, da Marie von Ebner-Eschenbach \u201enur\u201c Ehrendoktorin der Universit\u00e4t Wien war und keine Lehrende.<\/p>\n<h3>Der Arkadenhof als Ged\u00e4chtnisort<\/h3>\n<p>Laut dem franz\u00f6sischen Historiker Pierre Nora kristallisiert sich in Ged\u00e4chtnisorten die kollektive Erinnerung. Denkm\u00e4ler bezeichnet er dahingehend als \u201eErkennungszeichen und Merkmale von Gruppenzugeh\u00f6rigkeit\u201c, sie dienen der Konstruktion von Identit\u00e4ten. Hier stellt die Universit\u00e4t die Lehrenden aus, welcher sie gedenken will, welche Identifikations\u00adcharakter haben sollen f\u00fcr die Studierenden. Frauenidenti\u00e4ten sucht man hier lange (Meisel 2007: 11).<\/p>\n<p>Der Arkadenhof wurde von dem Architekten Heinrich von Ferstel nach dem Vorbild der Renaissancearchitektur Italiens gestaltet. Von Anfang an waren B\u00fcsten und Ehrentafeln Teil des Konzepts. Verdiente Mitglieder des (damals ausschlie\u00dflich m\u00e4nnlichen) Lehrk\u00f6rpers konnten f\u00fcnf Jahre nach ihrem Tod[2] hier geehrt werden. Von Anfang an durften der Universit\u00e4t Wien durch die Aufstellung der Denkm\u00e4ler keine Kosten entstehen. Einzelne oder Gruppen, welche die Aufstellung eines Denkmals erwirken wollten, mussten selbst die Kosten aufbringen oder vorhandene B\u00fcsten stiften. Bis 1918 wurden 80 Denkm\u00e4ler aufgestellt, das sind mehr als die H\u00e4lfte aller vorhandenen. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam es zum zweiten \u201eDenkmalsboom\u201c, seit 1973 wurden lediglich 13 neue Denkm\u00e4ler aufgestellt (ebd. 17).<\/p>\n<p>Der zunehmend offene Antisemitismus und die antisemitischen Ausschreitungen ab den 1920ern machten auch vor der Universit\u00e4t Wien und dem Arkadenhof nicht halt[3]. Beim samst\u00e4glichen Bummel der Burschenschaftler war der Arkadenhof Ort gewaltt\u00e4tiger Angriffe auf j\u00fcdische Studierende, auch Sachbesch\u00e4digungen von Denkm\u00e4lern j\u00fcdischer Lehrender fanden statt.<\/p>\n<p>Nach der Macht\u00fcbernahme 1938 war im November desselben Jahres die \u201eLangemarck\u201c-Feier durch NS-Studenten in der Aula vorgesehen (ebd. 14). Am Tag vor der Feier kam es zu einer sogenannten \u201ewilden Arisierung\u201c des Arkadenhofs: Mehrere Denkm\u00e4ler wurden besch\u00e4digt oder umgest\u00fcrzt. Die Pr\u00e4senz von Denkm\u00e4lern angeblich j\u00fcdischer Professoren schien den Burschenschaftlern und NS-Studenten unertr\u00e4glich. Bezeichnend war, welche B\u00fcsten den rechten Recken zum Opfer fielen. Diese schienen sich vorher n\u00e4mlich nicht ganz so genau informiert zu haben, welche der Dargestellten nun zum strammen Volk der Deutschen geh\u00f6rte und welche nicht. Die Auswahl wurde aufgrund von Namensformen und Ger\u00fcchten getroffen. Denkm\u00e4ler von nicht-j\u00fcdischen Wissenschaftlern wurden besch\u00e4digt, wohingegen Denkm\u00e4ler von j\u00fcdischen Wissenschaftlern aufgrund ihrer angeblich so deutschen Namen verschont blieben.<\/p>\n<p>Nach dieser Ausschreitung wurden die 15 Denkm\u00e4ler abgetragen, welche nach den NS-Rassengesetzen keine \u201eArier\u201c abbildeten. Der Rektor Fritz Knoll, ein Nazi wie er im Buche steht[4], hatte schon Wochen zuvor angeordnet, die Denkm\u00e4ler auf ihre Rassenkonformit\u00e4t zu pr\u00fcfen (ebd. 15). 1947 wurden die Denkm\u00e4ler wieder an ihren alten Platz im Arkadenhof gestellt.<\/p>\n<p>Mit dem Antisemitismus der dargestellten Herren hat die Universit\u00e4t Wien augenscheinlich wenig Probleme.<br \/>\nSo wird beispielsweise nirgends am Denkmal erw\u00e4hnt, dass Gerard van Swieten eine \u201eUnvertr\u00e4glichkeit gegen die Juden\u201c hatte, sich gegen j\u00fcdische \u00c4rzte aussprach und J\u00fcd*innen den Zugang zur Universit\u00e4t verweigern wollte[5].<\/p>\n<h3>Frauen im Arkadenhof<\/h3>\n<p>Frauen werden im Arkadenhof an drei Orten dargestellt: die erw\u00e4hnte Tafel f\u00fcr Marie von Ebner-Eschenbach, die Brunnenskulptur der Nymphe Kastalia und seit 2009 ist in den Boden des Arkadenhofs der Schatten einer Frau mit erhobener Faust eingelassen, das Kunstwerk tr\u00e4gt den Namen \u201eDer Muse reicht\u2018s!\u201c. Der Schatten setzt sich aus Silhouetten von Mitarbeiterinnen der Universit\u00e4t zusammen, welche sich von der K\u00fcnstlerin Iris Andraschek fotografieren lie\u00dfen. Er geht von der Skulptur der Kastalia aus, auf dem nahe gelegenen Sockel steht: \u201eAUS DEM SCHATTEN TRETEN DIE, DIE KEINEN NAMEN HABEN\u201c.<\/p>\n<p>Der damalige Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer der Bundesimmobilien-Gesellschaft, Christoph Stadlhuber, und der damalige Rektor Georg Winckler \u00fcberschlugen sich gar mit Eigenlob, es w\u00e4re mutig, dass \u201eman sich getraut hat ein solches gesellschaftspolitisches Projekt durchzusetzen\u201c, so Stadlhuber[6] .<br \/>\nBezeichnend, wenn sich M\u00e4nner selbst so mutig finden, einen Schatten der \u201eMuse\u201c k\u00e4mpferisch darzustellen.<br \/>\nBezeichnend, dass es seitdem nicht mehr den geringsten Versuch gab Frauen st\u00e4rker in die Erinnerungspolitik der Universit\u00e4t Wien einzubinden.<\/p>\n<p>Andraschek ist mit ihrer Installation zwar ein Statement gelungen, doch die Dominanz der M\u00e4nnlichkeiten konnte auch diese nicht brechen. Vielleicht gerade deswegen, weil das Kunstwerk im Boden eingelassen ist und die meisten Besucher*innen des Hofes den Schatten nicht als Frauenfigur, geschweige denn als k\u00e4mpfende Muse\/Wissenschaftlerin wahrnehmen. \u201eDie bereits eingetretenen Ver\u00e4nderungen an der Universit\u00e4t auch endlich symbolisch sichtbar zu machen\u201c, wie Winckler es formulierte, das konnte die Muse nur unzureichend erf\u00fcllen.<\/p>\n<p>Wie denn auch, wenn sich die k\u00e4mpferische Muse allein gegen 154 M\u00e4nner stellt? Die 154 alten Herren stehen unter \u201eEnsembleschutz\u201c und sind daher unverr\u00fcckbar (f\u00fcr alle Zeit?) in den Arkadenhof eingebrannt (Wimmer\/Ash 2011: 1156). Und von welchen Ver\u00e4nderungen reden wir \u00fcberhaupt? Bislang galt die Regel, dass nur Professor*innen der Universit\u00e4t hier ausgestellt werden durften. Auch heute sind nur 25% der Professor*innen Frauen[7]: Das w\u00e4ren dann 37 Denkm\u00e4ler. Auch nach so langer Zeit ist die Universit\u00e4t Wien immer noch eine Trutzburg der M\u00e4nnerb\u00fcnde.<\/p>\n<p>Die Geschichte der Brunnenfigur Kastalia in der Mitte des Arkadenhof verk\u00f6rpert die Dominanz der M\u00e4nner in den Wissenschaften nur noch mehr, als dass sie diese als zentrale (weibliche) Gestalt noch aufbricht.<\/p>\n<h3>\u201eKastalia, die Tochter des Achel\u00f3os\u201c<\/h3>\n<p>Um die Skulptur der Kastalia zu verstehen, muss man sie in ihren mythologischen Ursprung einbetten und die Entstehung des Brunnenensembles beleuchten. Durch eine subversive Lesart wird sie zur Metapher der Behandlung von Frauen in der Wissenschaft.<\/p>\n<p>Kastalia ist keine Muse, sondern gleichzeitig Nymphe und Quelle, an deren Ufer die Musen siedelten. Nymphen waren \u201esymbolische Medien der \u00dcbertragung\u201c (Wimmer\/Ash 2011: 1150). Kastalia ist keine Verk\u00f6rperung von Wissen, sondern nur ein Medium, durch das Wissen flie\u00dft.<\/p>\n<p>Die Quelle Kastalia lag in unmittelbarer N\u00e4he des Orakels Delphi. Dieser mythologische Hort des Wissens war der Mutter der Musen gewidmet, bis sich Apollo mit Gewalt des Ortes bem\u00e4chtigte. Er stellte Kastalia, einer jungen Frau, nach, ergo, er versuchte, sie zu vergewaltigen; Kastalia aber beging lieber Selbstmord und st\u00fcrzte sich in die Quelle, zu deren Namensgeberin und Nymphe sie wurde. Um sich dem Wissen Delphis zu bem\u00e4chtigen, musste Apollo die weibliche Schlange Python bek\u00e4mpfen, welche den Ort f\u00fcr die Mutter der Musen besch\u00fctzte.<br \/>\nAuch Python ist im Brunnenensemble zu finden, sie liegt geschlagen zu den F\u00fc\u00dfen der Kastalia. Homer legt Apollo nach seinem Sieg \u00fcber Python die Worte in den Mund \u201eVerfaule du hier auf dem Boden, der M\u00e4nner n\u00e4hrt.\u201c (zit. nach ebd.). Der g\u00f6ttliche, m\u00e4nnliche Apollon t\u00f6tet die erdverschmierte Python \u2013 Figur des Weiblichen \u2013 und bem\u00e4chtigt sich des vormals nur Frauen vorbehaltenen Wissens, welches von nun an nur noch den M\u00e4nnern zug\u00e4nglich sein soll.<\/p>\n<p>Die Universit\u00e4t Wien als institutionelle Verwalterin der Wissenschaften war bis 1897 ein Boden, der nur M\u00e4nnern zug\u00e4nglich war und der Arkadenhof veranschaulicht genau das mit seinen 99% m\u00e4nnlichen Denkm\u00e4lern. Vielleicht ist die Universit\u00e4t also nur ehrlich, wenn sie die \u201edenkmalgesch\u00fctzten\u201c Herren unverr\u00fcckbar als Teil ihres K\u00f6rpers eingeschrieben hat und in ihrer bald 650-j\u00e4hrigen Geschichte Frauen kaum sichtbar versteckt wie Ebner-Eschenbach; k\u00e4mpfende aufbegehrende Musen nur als Umriss und Schatten gestattet oder als Kastalia &#8211; Opfer und Medium der M\u00e4nner?<\/p>\n<p>Brav sitzt sie da, die Kastalia: die H\u00e4nde in den Scho\u00df gebettet, die Augen geschlossen. Als ob sie brav auf Apollon gewartet h\u00e4tte und sich nicht lieber umgebracht h\u00e4tte, als die Selbstbestimmung \u00fcber ihren K\u00f6rper aufzugeben. Verdammt seit einem Jahrhundert, das stille Medium der M\u00e4nner zu sein.<br \/>\nDas w\u00fcrde so ziemlich jeder reichen und wom\u00f6glich liegt gerade darin die St\u00e4rke der Installation \u201eDer Muse reicht\u2018s!\u201c. Der Schatten als erster Sprung aus der Starre!<\/p>\n<p>Doch noch sitzt Kastalia da. Reglos. Um ihre Rolle noch zu verdeutlichen, ist am Sockel der Statue ein Schriftzug auf Griechisch angebracht: \u201eMein Schlaf ist f\u00fcrwahr ein Tr\u00e4umen, mein Traum aber ward zur Erkenntnis.\u201c Kastalia tr\u00e4umt, sie stiftet nur Inspiration f\u00fcr die m\u00e4nnlichen Erzeuger der Erkenntnis.<\/p>\n<p>Fast trauernd sitzt Kastalia da. So wurde sie auf Gedenkbl\u00e4ttern im Ersten Weltkrieg als Motiv verwendet und bald war dann auch endlich klar, um wen Kastalia trauert. Der volksdeutsche All-Time-Favorite\/deutscheste aller Komponisten Richard Wagner l\u00e4sst in einem seiner St\u00fccke einen Wanderer auf die schlafende Seherin Erda treffen. Die vom Wanderer Geweckte legt Wagner die aus dem Griechischen \u00fcbersetzte Inschrift Kastalias in den Mund. Der Namen des St\u00fcckes: Siegfried.<\/p>\n<p>Der \u201eSiegfriedskopf\u201c wurde 1923 als Gefallenendenkmal in der Aula auf Initiative der nationalsozialistischen \u201eDeutschen Studentenschaft \u00d6sterreichs\u201c errichtet. Dabei sollte es eigentlich gar kein Kopf bleiben, geplant war eine \u00fcberlebensgro\u00dfe liegende Ganzk\u00f6rperplastik, welche fast den gesamten Raum der Aula eingenommen h\u00e4tte.<br \/>\nAus Kostengr\u00fcnden blieb der Kopf dann ohne K\u00f6rper. Kastalia blickt mit geschlossenen Augen auf den gefallenen Siegfried, der der Heimt\u00fccke zum Opfer gefallen ist. Siegfried, die Personifikation der Dolchsto\u00dflegende[8].<br \/>\nIm Zuge des Umbaus der Aula wurde der Siegfriedskopf 2006 verr\u00fcckt und im Arkadenhof in einen Glaskasten eingebettet, welcher Ausz\u00fcge der Erinnerungen Minna Lachs tr\u00e4gt, Zeitzeugin des aggressiven Antisemitismus auf der Universit\u00e4t Ende der 1920er Jahre. Siegfried ist dem Blick Kastalias entschwunden.<\/p>\n<h3>Arakadenhof \u2013 Quo vadis?<\/h3>\n<p>\u201eDie wiederkehrenden Rituale institutioneller Selbstvergewisserung aus Anlass von Jubil\u00e4en und Feierlichkeiten sichern eine ganz bestimmte Form von Tradition und \u00f6ffentlicher Selbstvergewisserung der Universit\u00e4t als zentraler gesellschaftlicher Institution der Wahrung von Wissen und Wahrheit.\u201c (Wimmer\/Ash 2011: 1146)<br \/>\n2015 feiert die Universit\u00e4t Wien ihr 650. Jubil\u00e4um. Wieder ein Grund, die Universit\u00e4t Wien als Hort von Wissen und Wahrheit zu feiern.<\/p>\n<p>Schon die Plakatkampagne \u201eBesserwisserin\u201c der Universit\u00e4t zeigt, dass man sich hier wohl nicht sonderlich mit der jahrhundertelangen Exklusion von Frauen besch\u00e4ftigen mag. Es kann davon ausgegangen werden, dass der Arkadenhof eine zentrale \u00d6rtlichkeit der Feierlichkeiten werden wird. Dass die Universit\u00e4t Wien angeben wird mit den Genies, die an den W\u00e4nden des Arkadenhofs kleben. In der Festschrift des 50-j\u00e4hrigen Jubil\u00e4ums des Universit\u00e4ts-Baus am Ring meinte der Rektor:<\/p>\n<p><em>\u201eIn der Mitte des Hofes der Kastalia-Brunnen. [&#8230;] die Nymphe [&#8230;] wurde weissagende Kraft beigelegt und die Nymphe der Quelle galt als Inspiratorin der Dichtung und Weisheit\u201c<\/em> (zit. nach ebd. 1147)<\/p>\n<p>Als Quelle der Inspiration, als Muse, als Helferinnen, als Ehegattinnen hatte man mit Frauen auf der Universit\u00e4t Wien weniger Probleme als mit Wissenschaftlerinnen.<\/p>\n<p>So kann man die exklusive M\u00e4nnergesellschaft erstens gut im Arkadenhof erkennen und zweitens gut verteidigen.<br \/>\nEs g\u00e4be einfach keine weiblichen Lehrenden, derer man gedenken k\u00f6nne. Es liegt wohl auch nicht im Sinne der Universit\u00e4t Wien, die unsichtbar gemachten Frauen wieder sichtbar zu machen. Der Arkadenhof ist denkmalgesch\u00fctzt, daran k\u00f6nne man nicht r\u00fccken. So schnell kann man sich die H\u00e4nde abputzen. Ob manche dieser alten Herren ihren Platz verdient haben oder nicht, wird nicht mehr in Frage gestellt.<\/p>\n<p>Es w\u00e4re nicht die schlechteste Idee die Ausgestellten einmal n\u00e4her zu untersuchen. Wer dort so alles steht: Kinder ihrer Zeit, sicher. Aber wie der bereits erw\u00e4hnte van Swieten tun sich einige schon bei oberfl\u00e4chlicher Betrachtung mit krassem Antisemitismus und Misogynie hervor.<br \/>\nRichard von Krafftr-Ebing pathologisierte Ende des 19. Jahrhunderts in seinem Standardwerk Homosexualit\u00e4t und ist daf\u00fcr verantwortlich, dass Homosexuelle in geschlossenen Anstalten \u201ebehandelt\u201c wurden.<br \/>\nIgnaz Seipel war die klerikale rechte Hand von Engelbert Dollfu\u00df und unterst\u00fctzte faschistoide Milizen, die Aufz\u00e4hlung lie\u00dfe sich ohne weiteres fortsetzen.<\/p>\n<p>Der Arkadenhof der Universit\u00e4t Wien ist ein Abbild der Geschichte dieser Institution. Eine \u201emehrfach gebrochene Erinnerungslandschaft\u201c (zit. nach ebd. 1156). Das unverr\u00fcckbare Ensemble der repr\u00e4sentierten M\u00e4nnlichkeiten zeigt die jahrhundertelange Vormachtstellung von M\u00e4nnern in der Wissenschaft auf. Feministische Kritik daran ist wichtig und notwendig, diese gab es auch schon in der Vergangenheit von linken Studierendengruppen.<\/p>\n<p>W\u00e4re es allerdings wirklich schon genug, eine Auswahl an weiblichen Wissenschaftlerinnen dem Ensemble hinzuzuf\u00fcgen? Ist es nicht vielleicht sogar ehrlicher, die Universit\u00e4t als das zu zeigen, was sie jahrhundertelang war und was sie immer noch ist? Eine Institution patriarchaler Hegemonie, welche Frauen und andere diskriminierte Gruppen die l\u00e4ngste Zeit ausschloss, um die eigene Herrschaft durch institutionelles Wissen abzusichern und zu verteidigen. So steht der Arkadenhof immer noch sinnbildlich f\u00fcr die Geschichte der Universit\u00e4t: Ein m\u00e4nnlicher \u00c4ltestenrat umringt eine junge Frau, die zum Schweigen und zur Inspiration verdammt ist; das Denkmal f\u00fcr die sogenannten \u201edeutschen Helden\u201c kaum verh\u00fcllt durch die Gr\u00e4ueltaten deren Br\u00fcder im Geiste; doch Kastalia strahlt einen Schatten aus, \u201eDer Muse reicht\u2018s\u201c.<\/p>\n<p>Frauen aber sind mehr als ein Schatten, seit Jahrhunderten sind Frauen wissenschaftlicht\u00e4tig, auch wenn das der Universit\u00e4t Wien nur einen dunklen Umriss auf dem Boden wert ist. Kastalia reicht es schon lange. Zur 650-Jahr-Feier wird sich die Uni wieder in der eigenen Lobhudelei suhlen. Es ist Aufgabe einer kritischen Studierendenschaft, die sicher zahlreichen Besch\u00f6nigungen ihrer eigenen Geschichte nicht unbemerkt durchgehen zu lassen, sondern den Finger in die Wunde zu legen und der Uni das selbst abfeiern so schwer als m\u00f6glich zu machen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Anne Marie Faisst<\/p>\n<h3>Fu\u00dfnoten:<\/h3>\n<p>1\u2003Rossiter schrieb den wegweisenden Text \u201eDer Matilda Effekt\u201c, welche die systematische Exklusion von Frauen im wissenschaftlichen Bereich beschreibt. http:\/\/bbaw.opus.kobv.de\/volltexte\/2007\/388\/pdf\/20oEFZF4qxqJs_388.pdf [Zugriff 19.02.2014]<\/p>\n<p>2\u2003Die Frist wurde 1926 auf zehn Jahre ausgedehnt und 1973 auf 15 Jahre.<\/p>\n<p>3\u2003Empfehlenswert zu den antisemitischen Ausschreitungen an der Universit\u00e4t Wien ist Stefan Zweigs Biographie \u201eDie Welt von Gestern\u201c<\/p>\n<p>4\u2003Bereits 1937 NSDAPr-Parteimitglied, machte er nach dem \u201eAnschluss\u201c schnell Karriere und wurde 1938 Rektor der Universit\u00e4t Wien. Mit Beginn seiner Amtszeit setzte er sogleich drei der wichtigsten Grundz\u00fcge nationalsozialistischer Hochschulpolitik um: Umgestaltung des Lehrk\u00f6rpers durch \u201eS\u00e4uberung\u201c und politische Rekrutierungspraxis, Heranziehen einer NS-loyalen Studentenschaft und Umgestaltung der Hochschulverfassung nach dem \u201eF\u00fchrerprinzip\u201c.Zudem bereicherte er sich an von j\u00fcdischen Wissenschaftlern beschlagnahmtem Eigentum. (sh. hierzu http:\/\/derstandard.at\/1362107200728\/Die-zwei-Karrieren-des-Fritz-Knoll)<\/p>\n<p>5\u2003http:\/\/magiaposthuma.blogspot.co.at\/2007\/05\/van-swietens-kampf.html<\/p>\n<p>6\u2003http:\/\/diestandard.at\/1254311964935\/Auchr-Musenr-reichtr-esr-mal [Zugriff 19.02.2014]<\/p>\n<p>7\u2003Was mit einem feministischen Anspruch auch nur schn\u00f6de Statistik ist.<\/p>\n<p>8\u2003F\u00fcr eine eingehendere Besch\u00e4ftigung mit dem \u201eSiegfriedskopf\u201c und seiner Bedeutung sh. Ruttner, Florian (2009): Der Siegfriedskopf &#8230; oder wie die neue \u201eAufarbeitung der Vergangenheit\u201c funktioniert. BURSCHI-Brosch\u00fcre<\/p>\n<\/div>\n<\/section>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>oder die M\u00e4nner und Musen des Arkadenhofs \u201e[D]ie Musen haben an sich wenige Bed\u00fcrfnisse, und sind hier nicht verw\u00f6hnt\u201c. &#8211; Hegel Gesammelte Werke Bd. 10,1, S. 464, 1809 Wenn man den Arkadenhof der Universit\u00e4t Wien \u00fcber die Aula betritt, blickt&hellip; <a href=\"https:\/\/gewi.bagru.at\/gezeit\/archiv\/2014\/kastalia-traeumt\/\" class=\"more-link\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"inline_featured_image":false,"footnotes":""},"categories":[22],"tags":[],"coauthors":[42],"class_list":["post-170","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-22"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/gewi.bagru.at\/gezeit\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/170","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/gewi.bagru.at\/gezeit\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/gewi.bagru.at\/gezeit\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/gewi.bagru.at\/gezeit\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/gewi.bagru.at\/gezeit\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=170"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/gewi.bagru.at\/gezeit\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/170\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":171,"href":"https:\/\/gewi.bagru.at\/gezeit\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/170\/revisions\/171"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/gewi.bagru.at\/gezeit\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=170"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/gewi.bagru.at\/gezeit\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=170"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/gewi.bagru.at\/gezeit\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=170"},{"taxonomy":"author","embeddable":true,"href":"https:\/\/gewi.bagru.at\/gezeit\/wp-json\/wp\/v2\/coauthors?post=170"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}