{"id":172,"date":"2014-03-24T14:40:28","date_gmt":"2014-03-24T13:40:28","guid":{"rendered":"https:\/\/www.fv-gewi.at\/gezeit\/?p=172"},"modified":"2018-04-05T13:28:47","modified_gmt":"2018-04-05T11:28:47","slug":"ueber-eine-tafel-iwan-franko-die-universitaet-wien-und-eine-verpasste-debatte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gewi.bagru.at\/gezeit\/archiv\/2014\/ueber-eine-tafel-iwan-franko-die-universitaet-wien-und-eine-verpasste-debatte\/","title":{"rendered":"\u00dcber eine Tafel: Iwan Franko, die Universit\u00e4t Wien und eine verpasste Debatte"},"content":{"rendered":"<section id=\"body\">\n<div class=\"inner\">\n<blockquote><p><em>\u201e\u00dcber einen etwaigen wissenschaftlichen Diskurs zum Leben und Werk Frankos anl\u00e4sslich der Anbringung der Tafel ist keine Dokumentation vorhanden. Dieser Diskurs wurde nun nachgeholt, nachdem Mitglieder der IKG den Vorwurf erhoben haben, Frankos Werk sei antisemitisch.\u201c<\/em>[1]<\/p><\/blockquote>\n<p>Diese beiden bemerkenswerten S\u00e4tze finden sich in einer Pressemeldung, die die Universit\u00e4t Wien am 6. November 2013 ver\u00f6ffentlichte. Thema ebendieser Erkl\u00e4rung ist der Beschluss der Universit\u00e4t eine erkl\u00e4rende Zusatztafel an einer B\u00fcste des ukrainischen Schriftstellers Iwan Franko anzubringen, die 1993 am Gang des Instituts f\u00fcr Germanistik errichtet worden war. Diese Tafel war offenbar notwendig geworden, nachdem der Protest gegen die B\u00fcste nicht mehr nur von den \u00fcblichen Verd\u00e4chtigen innerhalb der \u00f6sterreichischen Hochsch\u00fcler*innenschaft formuliert worden war, sondern weitere Kreise zog.<\/p>\n<p>Eben diese weiteren Kreise sind es nun, die die oben formulierten S\u00e4tze zum einen so bemerkenswert machen.<br \/>\n\u201eMitglieder der IKG haben den Vorwurf erhoben\u201c. Diesen Satz sollte man sich auf der Zunge zergehen lassen.<br \/>\nMitglieder der israelitischen Kultusgemeinde werfen also der Universit\u00e4t Wien etwas vor; mit anderen Worten und gut \u00f6sterreichisch: Die Juden geben keine Ruhe. Offenbar reicht diese implizite Feststellung und massive Relativierung des Vorwurfes allerdings nicht aus; damit den geneigten Leser*innen auch alles klar ist, muss au\u00dferdem noch zum sprachlichen Mittel des Konjunktivs gegriffen werden (\u201esei\u201c), um klarzumachen, dass das schon alles nicht so schlimm ist. Nun, ein Schelm, wer B\u00f6ses dabei denkt, aber offenbar ist es unangenehm, dass es immer wieder j\u00fcdische Stimmen sind, die die ruhigen Kreise der universit\u00e4ren Selbstwahrnehmung st\u00f6ren. Seien es zuletzt Eric Candel, Ruth Kl\u00fcger oder Robert Schindel (dieser \u00fcberdies Sohn j\u00fcdischer Kommunisten \u2013 Jessas!), die sich zur Umbenennung des Lueger-Rings ge\u00e4u\u00dfert haben, sei es \u2013 und daran erinnert diese Aff\u00e4re besonders \u2013 die Initiative des kanadischen Mediziners William E. Seidelman und von Yad Vashem, die 1995 die Universit\u00e4ten Wien und Innsbruck nach der Entstehungsgeschichte des Pernkopf-Atlas fragten[2]. Die daraufhin eingeleitete Untersuchung und wissenschaftliche Aufarbeitung bis 1998 wird von der Universit\u00e4t Wien (beziehungsweise der Medizinischen Universit\u00e4t) heute als Good-Practice-Beispiel f\u00fcr den Umgang mit ihrer Vergangenheit verkauft, der Anlass daf\u00fcr und die Person Eduard Pernkopf allerdings gerne im Hintergrund gehalten. Doch dazu sp\u00e4ter mehr.<\/p>\n<p>Der zweite Aspekt, der in den eingangs zitierten S\u00e4tzen auff\u00e4llt, ist die begriffliche Unbeholfenheit. Als ob ein \u201ewissenschaftlicher Diskurs\u201c einfach mal so \u201edokumentiert\u201c und, noch besser, dann einfach mal \u201enachgeholt\u201c werden k\u00f6nnte. Das Wort, das hier h\u00e4tte Verwendung finden m\u00fcssen, w\u00e4re \u201eAuseinandersetzung\u201c gewesen.<br \/>\nDann h\u00e4tten die S\u00e4tze zumindest inhaltlich Sinn ergeben.<br \/>\nDar\u00fcber, warum anstelle von passenden Begrifflichkeiten \u201eDiskurs\u201c gew\u00e4hlt wurde, l\u00e4sst sich nur mutma\u00dfen.<br \/>\nAllerdings liegt, will man den Verfasser*innen nicht blo\u00dfe Inkompetenz vorwerfen, eine Erkl\u00e4rung nahe. Sobald Diskurs dasteht, wirkt das Ganze, und ist es noch so gro\u00dfer Bl\u00f6dsinn, schon fast wissenschaftlich. Es ist also Fassade. Es ist ebenso Fassade, wie die ganze Debatte, die nun dargestellt wird.<\/p>\n<h3>Eine Konferenz als Debattenersatz<\/h3>\n<p>Um das Ganze besser einordnen zu k\u00f6nnen, erst eine kurze Darstellung der Geschehnisse. 1993 wurde anl\u00e4sslich eines ukrainischen Staatsbesuchs eine Tafel des ukrainischen Dichters und Nationalhelden Iwan Franko errichtet. Anwesend waren jeweils ein ukrainischer und ein \u00f6sterreichischer Minister und die allf\u00e4llige universit\u00e4re Nomenklatura. Grund f\u00fcr die Errichtung des guten St\u00fccks war, dass Franko 1892\/93 an der Universit\u00e4t Wien studierte.<\/p>\n<p>Obwohl potentiell antisemitische T\u00f6ne im Werk des Dichters immer \u2013 also auch schon zum Zeitpunkt der Errichtung der Tafel \u2013 bekannt waren und die Studienvertretung Germanistik immer wieder darauf dr\u00e4ngte, dass etwas unternommen werden m\u00f6ge, passierte nun lange Zeit nichts. Erst in den letzten Jahren geriet die Tafel wieder in das Blickfeld von Interessierten und 2013 schlie\u00dflich wurde sie dank Interventionen der Israelitischen Kultusgemeinde und sekundierenden Medienberichten zu einem so dr\u00e4ngenden Problem f\u00fcr die Universit\u00e4t, dass sich jene zum Handeln gezwungen sah.<\/p>\n<p>Dazu erneut ein Zitat aus der eingangs bereits zitierten Pressemeldung:<\/p>\n<blockquote><p><em>\u201eDas Rektorat hat Fachgutachten eingeholt sowie das Institut f\u00fcr Slawistik und das [\u2026] Doktoratskolleg ,Das \u00f6sterreichische Galizien und sein multikulturelles Erbe\u2018 beauftragt, eine wissenschaftliche Konferenz zu veranstalten. Die Konferenz ,Iwan Franko und die j\u00fcdische Frage in Galizien\u2018 hat am 24. und 25. Oktober 2013 an der Universit\u00e4t Wien stattgefunden. Es haben ausgewiesene WissenschaftlerInnen aus der Ukraine, aus Polen, den USA, Israel und \u00d6sterreich teilgenommen.\u201c<\/em>[3]<\/p><\/blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\">das kleine ichbinich<\/p>\n<h3>Fu\u00dfnoten:<\/h3>\n<p>1\u2003http:\/\/medienportal.univie.ac.at\/presse\/aktuelle-pressemeldungen\/detailansicht\/artikel\/iwan-franko-universitaet-wien-bringt-zusatztafel-an\/, 24.02.2014<\/p>\n<p>2\u2003Der Pernkopfr-Anatomieatlas ist ein anatomischer Atlas, der unter der Leitung des Universit\u00e4tsprofessors Eduard Perkopf von 1937\u20131960 herausgegeben wurde. Seine darstellerische Brillanz verdankt sich nicht zuletzt der Tatsache, dass mit hoher Wahrscheinlichkeit f\u00fcr die anatomischen Skizzen Unmengen an Pr\u00e4paraten von hingerichteten NS-Opfern verwendet worden waren.<\/p>\n<p>3\u2003http:\/\/medienportal.univie.ac.at\/presse\/aktuelle-pressemeldungen\/detailan-<\/p>\n<\/div>\n<\/section>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201e\u00dcber einen etwaigen wissenschaftlichen Diskurs zum Leben und Werk Frankos anl\u00e4sslich der Anbringung der Tafel ist keine Dokumentation vorhanden. 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