{"id":184,"date":"2015-05-26T15:59:16","date_gmt":"2015-05-26T13:59:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.fv-gewi.at\/gezeit\/?p=184"},"modified":"2018-04-05T13:28:31","modified_gmt":"2018-04-05T11:28:31","slug":"koerper-macht-und-normativitaet-der-uni","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gewi.bagru.at\/gezeit\/archiv\/2015\/koerper-macht-und-normativitaet-der-uni\/","title":{"rendered":"K\u00f6rper, Macht und Normativit\u00e4t der Uni"},"content":{"rendered":"<h2>Transsexualit\u00e4t an der Hochschule<\/h2>\n<p>Zum Schwerpunkt \u201eK\u00f6rper, Macht und Sex\u201c im Zusammenhang mit der Universit\u00e4t kamen mir sofort die Machtstrukturen in den Sinn, denen Menschen in einem durchrationalisierten Universit\u00e4tsalltag unterworfen sind. Angelehnt an meine eigenen Erfahrungen als wei\u00dfe Trans*-Person[<a href=\"#note_1\" name=\"link_1\">1<\/a>] , die seit einigen Jahren an Hochschulen studiert, versuche ich \u00fcber diskriminierende Strukturen zu schreiben, die Trans*-Personen betreffen k\u00f6nnen und werde konkrete Handlungs- und Verbesserungsvorschl\u00e4ge aufzeigen.<\/p>\n<p>Zwar schreibe ich aus Trans*-Perspektive, da wir jedoch viele und divers sind, kann es sein, dass ich nicht alle Bed\u00fcrfnisse von Trans*-Menschen auf dem Schirm habe, oder auch gegenl\u00e4ufige Anliegen vertrete als andere Trans*-Personen. Das versuche ich in meinen \u00dcberlegungen zu ber\u00fccksichtigen, da meine Intention nicht ist, Bed\u00fcrfnisse gegeneinander auszuspielen, sondern zusammen mit Verb\u00fcndeten Anliegen zu formulieren und durchzusetzen um einen trans*freundlicheren Universit\u00e4ts-Alltag erreichen zu k\u00f6nnen. Auf die Belange von Inter*-Personen m\u00f6chte ich auf Grund der L\u00e4nge des Artikels und meiner pers\u00f6nlichen Position als nicht-inter* nicht eingehen. Diese sollten jedoch beachtet werden, da sie nochmal unterschiedlich von denen von Trans*-Personen sein k\u00f6nnen und insbesondere durch die historische und gewaltvolle Komponente der \u201egeschlechtszuweisenden Ma\u00dfnahmen\u201c von Inter*-Personen an Universit\u00e4tskliniken, mit besonderem Augenmerk behandelt werden sollten.<\/p>\n<p>Meine eigenen Erfahrungen an der Hochschule sind gepr\u00e4gt von anf\u00e4nglicher starker Angst in Zusammenhang mit Trans*. Der \u00f6ffentliche Raum des Studiums hatte f\u00fcr mich das problematische Moment inne, dass ich mit Menschen, die mir nicht nahe stehen, in irgendeiner Form \u00fcber pers\u00f6nliche Themen kommunizieren musste, um zu erreichen, dass mein neuer Name und meine geschlechtliche Anrede respektiert wurden. Die Angst vor Zur\u00fcckweisung und Unverst\u00e4ndnis hatte zur Folge, dass ich mich mehrere Semester von der Universit\u00e4t entfernte um mich als Vermeidungsstrategie Queer[<a href=\"#note_2\" name=\"link_2\">2<\/a>]-Politik f\u00fcr andere, nicht f\u00fcr mich, zu widmen. Das K\u00fcmmern um die Belange von anderen Queers, verschaffte mir das Selbstbewusstsein, das ich brauchte um \u00c4ngste abzulegen und wieder an die Universit\u00e4t zur\u00fcckzukehren.<\/p>\n<p>Viele Erfahrungen, die sich um Trans* drehen, haben mit der \u00e4u\u00dferlichen Erscheinung zu tun, wenn ich auf Grund Uneindeutigkeit h\u00e4misch gefragt werde, ob ich ein \u201eMann\u201c oder eine \u201eFrau\u201c sei, oder mir spontan die Lust auf Seminarbeteiligung fl\u00f6ten geht, wenn ich merke, dass Dozent_innen Seminarteilnehmer_innen nach \u00e4u\u00dferlicher Fremdzuschreibung gendern.<\/p>\n<h3>DIE TOILETTENFRAGE<\/h3>\n<p>Am mitunter beeindruckendsten, was die Einschr\u00e4nkung des Studienalltags betraf, stellte sich f\u00fcr mich die Nutzung der richtigeren Toiletten heraus. Mit \u201erichtigerer\u201c Toilette meine ich, dass Toiletten eben nur zweigegendert sind. In einem System, welches vor allem die zwei Geschlechter \u201eFrauen\u201c und \u201eM\u00e4nner\u201c respektiert, und bestimmte Faktoren, wie Stimme, Bartwuchs, Haltung, etc. stark geschlechtlich interpretiert werden, werden geschlechtliche Grenz\u00fcberschreitungen und weitere Geschlechtsformen oder nicht-Geschlechtsformen, wie Agender, als Obskurit\u00e4ten und Anomalien abgetan.<\/p>\n<p>Dies findet ebenso in allen Fachbereichen des Universit\u00e4tsalltags statt, ob in den Bereichen Biologie, Sportwissenschaften, Psychologie, kann mitunter aber auch in den Gender Studies zu finden sein. Dort etwa, wenn Trans*-Personen in manchen Seminaren und Vorlesungen als Objekt betrachtet werden, es jedoch nicht in Erw\u00e4gung gezogen wird, dass diese auch anwesend sein k\u00f6nnten. Das hat zur Folge, dass Sichtbarkeit und\/oder Awareness von Semester zu Semester aufs Neue erk\u00e4mpft werden m\u00fcssen. Dies kostet Ressourcen, welche durch Verb\u00fcndete, wie Kommiliton_innen auch \u00fcbernommen werden k\u00f6nnen, wenn diese auch wenn es sie nicht betrifft \u00ad auf die (cis-)Normativit\u00e4t von Lehrinhalten hinweisen k\u00f6nnen.<\/p>\n<h3>TASTENDE FORTSCHRITTE<\/h3>\n<p>An der Schweizer Universit\u00e4t Luzern gab es 2013 einen Fortschritt: Das Pr\u00e4sidium gab eine Richtlinie[<a href=\"#note_3\" name=\"link_3\">3<\/a>] heraus, welche es Personen erm\u00f6glichte ihren Namen und Geschlecht formal zu wechseln, auch wenn sie keine rechtskr\u00e4ftige Namens- und Personenstands\u00e4nderung vorgenommen hatten. Grundlage dessen war auch, dass Name und Personenstand eben keine ausreichende Identifikationsgrundlage bieten, sondern eine Identifikation z.B. durch Matrikelnummer, oder bei Universit\u00e4ts-Angestellten durch die Sozialversicherungsnummer erreicht werden kann.<\/p>\n<p>Sprich: Es ist rechtlich nicht erhebbar mit welchem Namen und Geschlecht Personen auftreten, da sie auf anderem Wege identifiziert werden k\u00f6nnen. Abstrakt bef\u00fcrchteter Betrug durch Namens\u00e4nderung kann also ausgeschlossen werden. Nachteil der Richtlinie in Luzern ist, dass Personen nur innerhalb des zweigeschlechtlichen Systems von Frau -&gt; Mann und von Mann -&gt; Frau ihren Geschlechtseintrag \u00e4ndern k\u00f6nnen. Trans*-Personen, die sich also nicht dauerhaft oder eindeutig als Mann oder Frau definieren, sind erneut durch diese &#8211; f\u00fcr manche Trans*-Personen entlastende &#8211; Richtlinie diskriminiert und erneut unsichtbar gemacht.<\/p>\n<p>Die Annahme eines zweigeschlechtlichen Systems zeigt sich nicht nur an der Luzerner Universit\u00e4t, sondern zieht sich durch verschiedene Bereiche des Uni-Alltags: neben r\u00e4umlichen Aufteilungen, wie Toiletten und Umkleiden im Hochschulsport, kennen auch Formulare und F\u00f6rderprogramme nur zwei Optionen. Des Weiteren gibt es spezielle F\u00f6rderprogramme im Bezug auf Geschlecht meist nur f\u00fcr Frauen, nicht etwa f\u00fcr Trans*-Personen. Auch eine Quotierung und politische Teilhabe von Trans*-Personen findet nicht statt, da vermutlich einfach keine Sensibilisierung vorhanden ist .<\/p>\n<p>Gro\u00dffl\u00e4chig fehlt es an Informationsmaterialien zum Thema Trans* und Universit\u00e4t, welche sich an alle Universit\u00e4ts-Angeh\u00f6rigen richten. Auch Ansprechpersonen und Stellen, die sich um die Anliegen von Trans*-Personen k\u00fcmmern, sind rar. So k\u00f6nnten Diversit\u00e4ts-Beauftragte diese Aufgabe theoretisch \u00fcbernehmen, sehen sie sich doch trotzdem meist eher als Frauenbeauftragte mit neuem Namen, welche die gleichen F\u00e4higkeiten wie vorher mit sich bringen und oft keine Erfahrung in der Beratung und Interessenvertretung von Trans*-Personen stellen.<\/p>\n<h3>WAS BLEIBT ZU TUN?<\/h3>\n<p>Generell fehlt an der Hochschule, wie in vielen anderen Teilen der Gesellschaft, eine Sensibilisierung f\u00fcr Lebensweisen au\u00dferhalb einer heteronormativen Lebensrealit\u00e4t. Das hei\u00dft konkret, dass ein Verst\u00e4ndnis daf\u00fcr fehlt, dass geschlechtliche Anreden nicht zwangsl\u00e4ufig mit einem bestimmten Namen zu tun haben, Pronomensw\u00fcnsche unabh\u00e4ngig von der \u00e4u\u00dferlichen Erscheinung einer Person existieren k\u00f6nnen und Toiletten f\u00fcr viele Trans*-Personen ein nicht immer spa\u00dfig-abenteuerliches Dungeon darstellen, durch das diese sich k\u00e4mpfen m\u00fcssen. Beim Neubau von Toiletten k\u00f6nnte daher z.B. darauf geachtet werden mehr Einzeltoiletten zu errichten, die eben keine geschlechtliche Etikettierung erfordern, da kein geteilter Vorraum von N\u00f6ten ist. Die Toilette als R\u00fcckzugsraum w\u00e4re f\u00fcr Cis*frauen ebenso wie f\u00fcr Trans*-Menschen gegeben. Weiterhin k\u00f6nnten diese meist barrierefrei konzipiert werden und so dazu dienen Personen mit Gehbehinderungen oder rollstuhlfahrenden Menschen die Nutzung einer regul\u00e4ren Toilette zu erm\u00f6glichen.<\/p>\n<p>Weiterhin fehlen transparente und gut kommunizierte Richtlinien und Formulare, um Namen und Geschlechtseintr\u00e4ge \u00e4ndern zu k\u00f6nnen. Denn ohne b\u00fcrokratische Formalia wissen viele Universit\u00e4ts-Angestellte nicht, wie sie mit den Anliegen von Trans*-Personen umgehen sollen. Bei der Ausbildung von Universit\u00e4tspersonal (also nicht nur Lehrpersonal), sollte auf die Sensibilisierung f\u00fcr unterschiedliche Lebensrealit\u00e4ten geachtet werden.<\/p>\n<p>Da alle Universit\u00e4ten und (Bundes-)L\u00e4nder Statistiken erheben, w\u00e4re auch zu hinterfragen, ob das Geschlecht der Universit\u00e4tsangeh\u00f6rigen in der jetzigen Form erhoben werden muss, und ob es nicht einfach erweitert werden kann um andere Kategorien, die mehr Freiheiten au\u00dferhalb einer bin\u00e4ren Norm lassen. Der Programmieraufwand f\u00fcr weitere Kategorien in den Statistik- und Datenverarbeitungsprogrammen w\u00e4re marginal. Statistiken f\u00fcr Frauenf\u00f6rderungen k\u00f6nnten erhalten bleiben, jedoch z.B. auch F\u00f6rderprogramme f\u00fcr Trans*-Personen oder z.B. auch f\u00fcr Personen, welche sich nicht oder nur teilweise einem der beiden etablierten Geschlechter zugeh\u00f6rig f\u00fchlen, installiert und mit Statistiken \u00fcberblickt werden.<\/p>\n<p>Meiner Meinung nach fehlt es auch an Rollenbildern, welche der Emanzipation einiger Trans*-Personen helfen w\u00fcrden. Selbstverst\u00e4ndlich muss darauf geachtet werden, dass der Wunsch vieler Trans*-Personen existiert, nicht \u00f6ffentlich als Trans*-Person sichtbar sein zu wollen. Dies kann jedoch nicht damit einhergehen, dass die Bed\u00fcrfnisse und Belange von Trans*-Personen ebenso unsichtbar sind.<\/p>\n<h3>WELCHE HANDLUNGSR\u00c4UME GIBT ES?<\/h3>\n<p>Ebenso komplex und un\u00fcbersichtlich wie Hochschule sein kann, so viele Handlungsspielr\u00e4ume besitzt du. Bedenke, dass du nicht alleine agieren musst, sondern auch in Gruppen vorgehen kannst. Dozierende k\u00f6nnen z.B. auf cis-normative Lehrinhalte hingewiesen werden, Universit\u00e4tsleitungen und Senate k\u00f6nnen angeschrieben werden, in wie weit diese die Bed\u00fcrfnisse von Trans*-Personen im Bewusstsein haben. Inhalte k\u00f6nnen sich dabei z.B. von simpel umsetzbaren Anliegen, wie trans*freundlicheren Toilettenr\u00e4umen (z.B. die Etablierung von M\u00fclleimern auf \u201eHerrentoiletten\u201c oder die Umetikettierung ebensolcher R\u00e4ume durch trans*-inkludierende Beschilderung) bis zu F\u00f6rderprogrammen f\u00fcr Trans*-Personen drehen.<\/p>\n<p>\u00c4hnliches funktioniert auch in Studierendengremien, in denen auch Initiativen wie die Gr\u00fcndung von Trans*-Hochschul-Referaten gestartet werden k\u00f6nnen, um eine etablierte Interessenvertretung zu schaffen. Weiterhin k\u00f6nnten Dozent_innen angesprochen werden, wenn der Wunsch nach Pronomensrunden in Seminaren aufkommt. Gerade auf Grund der M\u00f6glichkeit, dass dies von anwesenden Trans*-Menschen nicht erw\u00fcnscht sein kann, ist der vertrauliche Austausch untereinander wichtig, um eine positive Absicht nicht dazu f\u00fchren zu lassen, dass sich diese negativ auswirkt.<\/p>\n<p>Auch jenseits vom Lokalen gibt es M\u00f6glichkeiten sich zu bet\u00e4tigen: So hat sich 2014 die AG \u201eTrans*emanzipatorische Hochschulpolitik\u201c gegr\u00fcndet, eine Initiative aus Trans*-Leuten, die an Hochschulen studieren und arbeiten und die Studien- und Arbeitsbedingungen von Trans*-Menschen an den jeweiligen Hochschulen verbessern wollen. Dazu z\u00e4hlen das Schaffen von Sichtbarkeit, Sensibilisierung und Awareness f\u00fcr Trans*-Themen und eine Vernetzung im deutschsprachigen Raum. Die ersten Treffen fanden in Deutschland, mit \u00f6sterreichischer Beteiligung, statt. Kontakt zur Arbeitsgruppe k\u00f6nnt ihr aufnehmen unter ag_transemanzipatorische_hopo@lists.riseup.net.<\/p>\n<h3>DANN MAL LOS!<\/h3>\n<p>Um gegen trans*-diskriminierende Strukturen vorzugehen gibt es nicht die eine Strategie oder den einen L\u00f6sungsweg. Ausdifferenzierte Bed\u00fcrfnisse ben\u00f6tigen unterschiedliche L\u00f6sungswege. Ihr m\u00fcsst nicht alles wissen, um Diskriminierungen anzugehen, k\u00f6nnt euch also auch Inspiration aus anderen St\u00e4dten, anderen Hochschulen oder durch Vernetzungsarbeit holen. Macht- und Diskriminierungsstrukturen existieren, aber das hei\u00dft nicht, dass ihr sie hinnehmen m\u00fcsst &#8211; also freudig ran die Arbeit!<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Mara Otterbein<\/p>\n<p><a href=\"#link_1\" name=\"note_1\">1<\/a>: Trans*: Trans* bezieht sich auf Konzepte wie Transgender, Transidentit\u00e4t, Transsexualit\u00e4t. Gemeint ist, dass sich Trans*-Personen nicht, teilweise oder wechselhaft mit dem bei ihrer Geburt zugewiesenen Geschlecht definieren. Als Pendant dazu wird \u201eCis\u201c benutzt: Cis-Personen sind Menschen, die sich mit dem bei ihrer Geburt zugewiesenen Geschlecht (weitestgehend unhinterfragt) definieren.<\/p>\n<p><a href=\"#link_2\" name=\"note_2\">2<\/a>: Queer: Queer ist ein Sammelbegriff, der unterschiedliche Geschlechts- und Begehrensformen beschreibt, welche sich selbst als nicht-heteronormativ begreifen.<\/p>\n<p><a href=\"#link_3\" name=\"note_3\">3<\/a>: https:\/\/www.unilu.ch\/fileadmin\/universitaet\/unileitung\/dokumente\/reglemente_studium\/richtlinien-transmenschen.pdf<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Transsexualit\u00e4t an der Hochschule Zum Schwerpunkt \u201eK\u00f6rper, Macht und Sex\u201c im Zusammenhang mit der Universit\u00e4t kamen mir sofort die Machtstrukturen in den Sinn, denen Menschen in einem durchrationalisierten Universit\u00e4tsalltag unterworfen sind. 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