{"id":191,"date":"2015-05-26T16:02:07","date_gmt":"2015-05-26T14:02:07","guid":{"rendered":"https:\/\/www.fv-gewi.at\/gezeit\/?p=191"},"modified":"2018-04-05T13:28:10","modified_gmt":"2018-04-05T11:28:10","slug":"bi-und-pansexualitaet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gewi.bagru.at\/gezeit\/archiv\/2015\/bi-und-pansexualitaet\/","title":{"rendered":"Bi- und Pansexualit\u00e4t"},"content":{"rendered":"<section id=\"body\">\n<div class=\"inner\">\n<h2>Zwischen Unsichtbarkeit, Fehldarstellung und Akzeptanz<\/h2>\n<p>\u201eWer nicht bisexuell ist, verpasst doch das Beste\u201c soll die Schauspielerin Inge Meysel (\u2020) 2001 in einem Interview mit der Illustrierten \u201eBunte\u201c gesagt haben. Meysel geh\u00f6rte zu einer Gruppe weiblicher* Film-Stars, die offen zu ihrer Bisexualit\u00e4t stehen, und damit zu einer breiteren Sichtbarkeit der \u201aKategorie Bi\u2018 beitragen. In Serien und anderen Medien hat die Anzahl bisexueller Charaktere zugenommen. In Anbetracht dessen, dass Bi*sexualit\u00e4t innerhalb und au\u00dferhalb queerer Communities als \u201eunsichtbar\u201c galt und gilt, finde ich es angebracht der erh\u00f6hten Sichtbarkeit von Bi* in Mainstream-Medien [1] besondere Beachtung zu schenken. F\u00fchrt Sichtbarkeit zu einem besseren Verst\u00e4ndnis daf\u00fcr, was Bi*sexualit\u00e4t ist und wie diese Form des Begehrens von Menschen erlebt wird? Oder verst\u00e4rken neue Repr\u00e4sentationen von Bi* bestehende Stereotype? Auch Meysels positiver Zugang zur (in diesem Fall eigenen) Bisexualit\u00e4t klingt zwar erfreulich, verschleiert aber Probleme, mit denen viele, sich als bi- oder pansexuell identifizierende Menschen konfrontiert sind.<\/p>\n<h3>UNSICHTBARKEIT<\/h3>\n<p>Warum gilt Bi* \u00fcberhaupt als \u201eunsichtbar\u201c? Eine Besonderheit die Bi*sexualit\u00e4t von Homosexualit\u00e4t unterscheidet, liegt darin, dass sie sich schwer offensichtlich machen l\u00e4sst. Menschen werden, sofern sie in einer monogamen Paarbeziehung leben, entweder als hetero- oder homosexuell wahrgenommen und anderen Seite ihres Begehrens geraten in Vergessenheit. Dieses \u201a\u00dcbersehen\u2018 von Bi*sexualit\u00e4t fusst in einem Denken von Sexualit\u00e4t in zwei Kategorien oder der Negation der Existenz von Bi\/Pan\/Omni-Sexualit\u00e4t. Zum einen h\u00e4lt sich hartn\u00e4ckig die Sichtweise, dass \u201aeigentlich\u2018 heterosexuelle Personen in verschiedenen Lebensphasen \u201aexperimentieren\u2018 und letztlich zu einem heterosexuellen Lebensplan zur\u00fcckfinden. Auf der anderen Seite wird auch in schwul-lesbischen Kreisen zum Teil davon ausgegangen, dass es sich bei Bi*sexualit\u00e4t nicht um eine eigenst\u00e4ndige Form der sexuellen Orientierung handelt, sondern um ein \u00dcbergangsstadium von Hetero- zu Homosexualit\u00e4t. Auch die Vorstellung, Bi*sexualit\u00e4t sei eine frei w\u00e4hlbare Art zu leben und nicht wie andere Sexualit\u00e4ten \u201eangeboren\u201c, h\u00e4lt sich (noch).<\/p>\n<h2>Bi &#8211; eine Begriffsfrage<\/h2>\n<p>Es gibt keinen \u201erichtigen\u201c Begriff, um Menschen deren Begehren sich auf zwei oder mehrere Geschlechter richtet, zu bennenen. \u201eBisexualit\u00e4t\u201c ist wahrscheinlich die im deutschsprachigen Raum gel\u00e4ufigste Bezeichnung f\u00fcr diese Begehrensform. Eine m\u00f6gliche Definition von Bi*(Bi = zwei, beides) lautet: Begehren des eigenen UND anderer Geschlechter. Ein anderer Erkl\u00e4rungsansatz sieht die Gleichzeitigkeit von Homo- und Heterosexualit\u00e4t.<\/p>\n<p>So verstanden ist der Begriff spannend: Er reproduziert einerseits die Annahme einer Binarit\u00e4t von sexuellem Begehren (homo oder hetero) und l\u00f6st sie gleichzeitg auf indem er eine weitere Art des Begehrens hinzuf\u00fcgt. Das Bi von Bisexualit\u00e4t bezieht sich nicht auf Zweigeschlechtlichkeit, trotzdem wird pansexuell (vom griechischen pan = alle) gegenw\u00e4rtig oft als ein umfassenderer Begriff verstanden, welcher expliziter auch gender-queere Geschlechtsidentit\u00e4ten und Trans*-Personen inkludiert.<\/p>\n<p>Bef\u00fcrworter_innen des Bi-Begriffs entgegnen jedoch, dass Pan eine sinnlose begriffliche Erg\u00e4nzung sei. Au\u00dferdem w\u00fcrde \u201eBi\u201c an die Geschichte eines Kampfes um Anerkennung von bisexuellen Menschen als sexuelle Minderheit und Teil der LGB (sp\u00e4ter: -TIQA_) Community erinnern. Viele Menschen lehnen somit die als identit\u00e4r interpretierten Kategorie Bi\/Pan oder kurzum jegliches Label ab und umschreiben ihre sexuelle Orientierung mit queer und \u201aIch liebe Menschen und nicht Geschlechter\u2018; oder \u00e4hnlichen Aussagen. Es l\u00e4sst sich dar\u00fcber streiten, welche Haltung zielf\u00fchrender ist, wenn es um die Sichtbarkeit von nicht heteronormen Lebensweisen geht.<\/p>\n<p>Im Folgenden verwende ich die Abk\u00fcrzung Bi*, weil mir \u201aBi\u2018 als h\u00e4ufigste Selbstbezeichnung untergekommen ist, das * steht stellvertretend f\u00fcr die anderen beschriebenen Bezeichnungen.<\/p>\n<h3>STEREOTYPEN UND AUSSCHL\u00dcSSE<\/h3>\n<p>Der Identifikation mit einer bestimmten Begehrensform geht f\u00fcr viele Menschen eine teilweise schmerzhafte Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Sexualit\u00e4t voraus. Wird diese nicht anerkannt oder falsch gelesen, kann dass verletzten und Selbstzweifel ausl\u00f6sen.<\/p>\n<p>In solchen Momenten w\u00e4re die Unterst\u00fctzung aus LGBTIQA_Kreisen wichtig, aber leider wird bi*sexuellen Menschen auch und gerade innerhalb \u201aqueerer\u2018 Communities mit Vorurteilen begegnet. Dazu geh\u00f6rt unter anderem die Wahrnehmung von bi*\/pan als \u201aangenehmste Form\u2018 von Nicht-Heterosexualit\u00e4t. Viele Menschen glauben, dass Bi*sexuelle (theoretisch) die M\u00f6glichkeit h\u00e4tten, die Privilegien eines heteronormativ angepassten Lebens zu genie\u00dfen. Dabei wird oft \u00fcbersehen, dass sich beispielsweise auch gender-queer identifizierende Menschen als bi* bezeichnen. Au\u00dferdem \u00e4ndert sich die Sexualit\u00e4t einer Person nicht, mit welchem Menschen eine_r gerade in einer romantischen Beziehung lebt. Gerade wenn eine Beziehung nach au\u00dfen hin als heterosexuell wahrgenommen wird, ist es f\u00fcr viele Bi*-Personen schwierig und gleichzeitig wichtig, ihrer\/m Partner_in, oder ihren Partner_innen, Freunde_innen und der Familie gegen\u00fcber klar zu machen, dass die Bezeichnung \u201aheterosexuell\u2018 auf sie nicht zutrifft und sie in ihrer eigenen Identit\u00e4t akzeptiert werden wollen. Sie treffen meist auf Unverst\u00e4ndnis und Ausschl\u00fcsse von verschiedenen Seiten:<br \/>\nQueere R\u00e4ume verschlie\u00dfen sich, weil Partner_innen nicht eingebunden werden k\u00f6nnen und es unm\u00f6glich wird, aus einer \u201agleicherma\u00dfen beteiligten\u2018 Perspektive zu sprechen. Hetererosexuelle R\u00e4ume bleiben verschlossen, da auch Bi*sexualit\u00e4t in der breiten Mehrheitsgesellschaft nicht allgemein akzeptiert ist und ihr mit Ausgrenzung und Ablehung begegnet wird.<\/p>\n<h3>SICHTBARKEIT IN MEDIEN<\/h3>\n<p>Sichtbarkeit dessen, was Bi*sexualit\u00e4t ist, sollte idealerweise zu einem besseren Verst\u00e4ndnis der Probleme von bi*sexuellen Menschen f\u00fchren, und erm\u00f6glichen, den beschriebenen Ausgrenzungen entgegen zu wirken. Betrachtet eine_r allerdings g\u00e4ngige Repr\u00e4sentationen von Bi* in Medien, so wird in diesen selten bis nie auf die Probleme von Bi* identifizierenden Personen innerhalb von Beziehungen, Communities oder mit Diskriminierungen eingegangen. Auch entspricht die Zunahme eines bestimmten Typus von Bi*-Charakteren nicht der Verschiedenartigkeit von Lebensrealit\u00e4ten von bi*sexuellen Menschen.<\/p>\n<p>Werden in popul\u00e4ren Medien wie Fernsehserien Menschen gezeigt, die sich von mehr als einem Geschlecht angezogen f\u00fchlen, sind es in vielen F\u00e4llen junge, normativ attraktive Cis-Frauen. Der R\u00fcckgriff auf weibliche bisexuelle Charaktere ist kein Zufall. Ihm liegt die Annahme zu Grunde, Repr\u00e4sentationen von weiblicher gleichgeschlechtlicher Sexualit\u00e4t w\u00fcrden von heterosexuellen M\u00e4nnern nicht als bedrohlich wahrgenommen werden, da sie deren eigene Sexualit\u00e4t nicht in Frage stellen. Solche Annahmen k\u00f6nnen die m\u00e4nnliche Heterosexualit\u00e4t sogar noch \u201abest\u00e4rken\u2018, wenn betreffende Frauen sich zu einem sp\u00e4teren Zeitpunkt \u201edoch wieder\u201c f\u00fcr einen Mann entscheiden.<\/p>\n<p>Malinda Lo, Autorin queerer Jugendromane, beschreibt wie Bisexualit\u00e4t als eine \u201ewatered-down version of gay\u201c behandelt wird, und dieser Zugang zu einer \u00dcberrepr\u00e4sentation stereotyper Darstellungen von weiblicher Bi*sexualit\u00e4t f\u00fchrt: \u201eThis perception enables mainstream cultural creators to think: Oh, I should have some LGBT representation, let\u2019s stick in a bisexual girl (&#8230;). Then that bisexual female character can have a fling with another girl to attract attention\/check the \u201cdiversity\u201d box, but meanwhile she can mostly be involved in a relationship with a man, so she largely appears straight.\u201c [2]<br \/>\nDerartige Darstellungen f\u00fchren, laut Lo, zur Ausl\u00f6schung der Vorstellung von Bi*sexualit\u00e4t. Im deutschssprachigen Fernsehen, wo besonders viele \u201alesbische P\u00e4rchen\u2018 als Kombination eines lesbischen und eines bi\/pansexuellen Charakters dargestellt werden, dient die Charakterauswahl zus\u00e4tzlich dazu, weibliche Homosexualit\u00e4t zu relativieren: Mindestens ein Charakter ist dann \u201anur\u2018 bi. [3]<\/p>\n<p>Im Gegensatz dazu werden Darstellungen m\u00e4nnlicher Bi*sexualit\u00e4t oft g\u00e4nzlich vermieden. Sie stellen Heteronomativit\u00e4t anders in Frage als zum Beispiel m\u00e4nnliche Homosexualit\u00e4t, denn sie zeigen, wie Sexualit\u00e4t fluide sein kann. Sogar die TV-Serie \u201aQueer as Folk\u2018, die das Leben von mehrheitlich schwulen Freunden beschreibt, kommt ohne einen einzigen m\u00e4nnlichen bi- oder pansexuellen Charakter aus.<\/p>\n<p>Darstellungen von Bi*sexualit\u00e4t kommen oft ohne eine Benennung derselbigen aus. In \u201eHow to get away with murder\u201c schreibt ein Mann, der sich seiner derzeitigen Freundin gegen\u00fcber f\u00fcr eine fr\u00fchere Beziehung mit einem Mann verteidigt, diese als \u201ehormonelle Verwirrung\u201c ab und die M\u00f6gliche einer (Selbst-)Definition als bi* wird vermieden. Auch Serien, die f\u00fcr ihre LGBTI_ Charaktere bekannt sind bilden hier keine Ausnahme. In \u201aOrange is the New Black\u2018 beispielsweise wird eine der Hauptfiguren in Beziehungen mit jeweils einem Mann und einer Frau gezeigt, und als \u201aexlesbisch\u2018 oder \u201awieder\u2018 lesbisch bezeichnet. Erst in der zweiten Staffel wird die Frage aufgeworfen, ob sie eventuell \u201abi\u2018 sein k\u00f6nnte; die Frage bleibt unbeantwortet. In \u201aThe L-Word\u2018 hat ein Trans*mann zun\u00e4chst mehrere Beziehungen mit Frauen und sp\u00e4ter mit einem Mann. Sein Begehren wird als Wandel von lesbisch (der Charakter outet sich im Laufe der Serie als Trans*) zu heterosexuell, zu schwul, beschrieben. Um es zusammenzufassen: Die Zunahme der Darstellungen von Bisexualit\u00e4t f\u00fchrt nicht im eigentlichen Sinne zu einer besseren Sichtbarkeit von Bisexualit\u00e4t. Weder wird mit den Stereotypen von Bi* als einer vor\u00fcbergehenden Phase im Leben eines Menschen aufger\u00e4umt, noch werden die Charaktere und ihre Beziehungen realistisch gezeichnet. Zudem herrscht eine starke Diskrepanz in der Repr\u00e4sentation unterschiedlicher Geschlechtsidentit\u00e4ten.<\/p>\n<h3>SELBST SICHTBAR MACHEN<\/h3>\n<p>Es braucht also neue und andere Bilder, Worte und Geschichten, um die Lebensrealit\u00e4ten von bi*sexuellen Personen zu beschreiben und ihnen in der Auseinandersezung mit ihrer Sexualit\u00e4t zu helfen. Geschichten \u00fcber Bisexualit\u00e4t sollten vorallem von denjenigen Menschen erz\u00e4hlt werden, die mit dieser Begehrensform verbundene Probleme, aber auch die sch\u00f6nen Seiten des Erlebens von Bi*sexualit\u00e4t aus eigener Erfahrung kennen. Der Kampf um Sichtbarkeit ist weder in der \u201aGesamtgesellschaft\u2018 noch in queeren Communities abgeschlossen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Jasmin<\/p>\n<h3>Fu\u00dfnoten:<\/h3>\n<p>1: Ich beziehe mich im folgenden haupts\u00e4chlich auf TV Serien aus dem deutschsprachigen Raum oder den U.S.A.<br \/>\n2: http:\/\/diversityinya.tumblr.com\/post\/48782460776\/beyond-diversity-101-on-bisexual-characters-and<br \/>\n3: http:\/\/www.coffee2watch.at\/homosexualitat-fernsehen-vs-realitat<\/p>\n<h3>Weitere Quellen:<\/h3>\n<ul>\n<li>http:\/\/www.uic.edu\/depts\/quic\/bisandallies\/myths.html<\/li>\n<li>http:\/\/www.theatlantic.com\/entertainment\/archive\/2013\/10\/bisexuality-on-tv-its-getting-better\/280850\/<\/li>\n<li>http:\/\/www.huffingtonpost.com\/emily-dievendorf\/bisexual-invisibility-has_b_1370079.html<\/li>\n<li>Gender and Sexual Identity Transcending Feminist and Queer Theory (2014) Julie L. Nagoshi \u00b7 Craig T. Nagoshi Stephan\/ie Brzuzy (Hg)<\/li>\n<li>Bisexual Invisibilty: http:\/\/sf-hrc.org\/sites\/sf-hrc.org\/files\/migrated\/FileCenter\/Documents\/HRC_Publications\/Articles\/Bisexual_Invisiblity_Impacts_and_Recommendations_March_2011.pdf<\/li>\n<\/ul>\n<\/div>\n<\/section>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwischen Unsichtbarkeit, Fehldarstellung und Akzeptanz \u201eWer nicht bisexuell ist, verpasst doch das Beste\u201c soll die Schauspielerin Inge Meysel (\u2020) 2001 in einem Interview mit der Illustrierten \u201eBunte\u201c gesagt haben. 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