{"id":193,"date":"2015-05-26T16:02:56","date_gmt":"2015-05-26T14:02:56","guid":{"rendered":"https:\/\/www.fv-gewi.at\/gezeit\/?p=193"},"modified":"2018-04-05T13:28:32","modified_gmt":"2018-04-05T11:28:32","slug":"lgbtiaq","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gewi.bagru.at\/gezeit\/archiv\/2015\/lgbtiaq\/","title":{"rendered":"LGBTI(A?)Q"},"content":{"rendered":"<section id=\"body\">\n<div class=\"inner\">\n<h2>Asexualit\u00e4t als queere Praktik<\/h2>\n<blockquote><p>\u201eWer krank ist, hat meist keine Lust auf Sex. Wer lustlos ist,ist wom\u00f6glich krank.\u201c [X]<\/p><\/blockquote>\n<p>Unter dem Wikipedia-Eintrag zum Thema \u201eAsexualit\u00e4t\u201c sind folgende Links zu thematisch verwandten Artikeln aufgelistet: \u201eAnaphrodisie, \u201eFrigidit\u00e4t\u201c, \u201eSexualangst\u201c. Lediglich ganz zum Schluss findet sich ein positiv besetzter Begriff, n\u00e4mlich \u201eSexuelle Selbstbestimmung\u201c. [1] Die Pathologisierung von Asexualit\u00e4t ist offenbar nach wie vor so akzeptabel wie allgegenw\u00e4rtig. Dies zeigt sich aber nicht nur in Eintr\u00e4gen zum Thema in Online-Enzyklop\u00e4dien, sondern auch in akademischen Diskursen 2,3 und in der diesbez\u00fcglichen medialen Berichterstattung. Die Vorstellung, dass sexuelles Begehren und die sich als daraus logisch ergebend imaginierte sexuelle Aktivit\u00e4t ein selbstverst\u00e4ndlicher Teil des Lebens jedes \u201egesunden\u201c erwachsenen Menschens sei, bzw. das Ergebnis einer erfolgreichen psychosexuellen Entwicklung, ist nach wie vor nicht nur weit verbreitet, sondern oftmals eine unhinterfragte und selbstverst\u00e4ndliche Grundannahme. Wie das Fokus-Magazin 2001 schreibt: \u201eJedes gesunde menschliche Wesen, das jemals auf dieser Erde herumgelaufen ist, kennt diesen Drang\u201c. 4 Sowohl in LGBTIQ*-politischen wie auch in queertheoretischen Kontexten wurde \u201edieser Drang\u201c jedoch jahrzehntelang dekonstruiert, kritisiert, analysiert, so er doch lange Zeit etwas sehr Spezifisches meinte und eine sehr enge Norm gesellschaftlich akzeptierten sexuellen Ausdruckes bezeichnete: n\u00e4mlich eine monosexuelle 5 , heterosexuelle, monogame.<br \/>\nWas aber, wenn \u201edieser\u201c Drang nicht nur eine Form annimmt, welche aus heteronormativer, monosexistischer und heterosexistischer Perspektive inakzeptabel erscheint, sondern gar nicht vorhanden ist? Asexuelle Menschen entsprechen, ebenso wie bisexuelle, homosexuelle oder pansexuelle, nicht oben genannter enger Heteronorm und sind daher mit \u00e4hnlichen Problemen konfrontiert. Die erste (und bislang ihrer Art einzige) Studie, die feindliche Einstellungen gegen\u00fcber Asexuellen erforscht, wurde 2012 von MacInnis\/Hodson 6 durchgef\u00fchrt. Sie verglich das Ausma\u00df an negativen Vorurteilen heterosexuellen, homosexuellen, bisexuellen und asexuellen Menschen gegen\u00fcber. Wenig \u00fcberraschend stellte sich heraus, dass Heterosexuelle durchwegs am positivsten beurteilt werden. Etwas unerwarteter sind allerdings die weiteren Ergebnisse: Von den drei angef\u00fchrten sexuellen Minderheiten werden homosexuelle Menschen am positivsten beurteilt, gefolgt von bisexuellen. Die umfassendsten Vorurteile und am meisten dehumanisierenden Vorstellungen wurden in der Studie Asexuellen gegen\u00fcber festgestellt: \u201e[N]ot only are more negative attitudes leveled toward sexual minorities (vs. heterosexuals), but antiasexual prejudice is the most pronounced of all.\u201c (MacInnis\/Hodson 7)<\/p>\n<p>An dieser Stelle gilt es anzumerken, dass die Studie nicht darauf eingeht, dass Menschen nat\u00fcrlich mehrfach von Diskriminierungen und Vorurteilen betroffen sein k\u00f6nnen. Asexuelle, die beispielsweise homoromantisch oder biromantisch leben, k\u00f6nnen so von Vorteilen gegen\u00fcber Asexuellen als auch von Vorurteilen gegen\u00fcber Homosexuellen und\/oder Bisexuellen betroffen sein. Diese Ausf\u00fchrungen machen deutlich, wie wichtig es ist, dass asexuelle Menschen in der LGBTIQ*-Community einen sicheren Ort finden.<br \/>\nGerade deshalb, weil sie mit Pathologisierung, Stigmatisierung und Ausgrenzung konfrontiert sind, sind sie auch (selbst dann, wenn sie heteroromantisch leben) als queere Menschen zu verstehen. Den oft schmerzhaften Prozess des Coming Outs, mit den dazugeh\u00f6rigen potentiell traumatischen Erfahrungen des Andersseins, der Ausgrenzung, der Versuche dazuzugeh\u00f6ren und m\u00f6glichen Diskriminierungs-\/Mobbingerfahrungen auf Basis dieser Andersheit teilen asexuelle Menschen mit anderen LGBTIQ*s. Asexualit\u00e4t ist also ein queerer sexueller Ausdruck.<\/p>\n<p>In einem Aspekt unterscheidet sich die Formierung einer asexuellen Identit\u00e4t allerdings nach wie vor von Homo\/Bisexualit\u00e4t. N\u00e4mlich darin, dass die Kategorie, bedingt durch ein Unwissen dar\u00fcber, dass Asexualit\u00e4t eine sexuelle Orientierung und nicht eine Dysfunktion darstellt, bis heute oft gar nicht zur (positiven) Selbstidentifikation zur Verf\u00fcgung steht. Dies macht es schwierig, (A)Sexualit\u00e4t zu \u201ebegreifen\u201c (in eine begriffliche Kategorie zur Selbstidentifikation einzuordnen) und diese nach au\u00dfen zu kommunizieren, da sich asexuelle Menschen nach wie vor am Rande dessen, was Butler als \u201eIntelligibilt\u00e4t\u201c bezeichnet, befinden. 7 Auch gibt es f\u00fcr asexuelle Menschen keine positiven medialen Repr\u00e4sentationen, die Identifikationsm\u00f6glichkeiten und ein in der Mehrheitsgesellschaft bekanntes und akzeptiertes Coming Out-Narrativ zur Verf\u00fcgung stellen. Das Nichtvorhandensein begrifflicher Kategorisierung gilt zudem auch f\u00fcr das Ph\u00e4nomen der Asexuellenfeindlichkeit. W\u00e4hrend wir diskriminierendes Verhalten oder negative Vorurteile gegen\u00fcber Homosexuellen, Bisexuellen oder Transgender-Personen als Homophobie, Biphobie und Transphobie bezeichnen k\u00f6nnen, existiert bis heute kein Begriff, der negative Vorurteile und diskriminierendes Verhalten gegen\u00fcber Asexuellen beschreibt.<br \/>\nDoch es gibt auch Fortschritte.<\/p>\n<p>In j\u00fcngster Zeit schl\u00e4gt sich in der medialen Berichterstattung eine Anerkennung von Asexualit\u00e4t als sexueller Orientierung (im Gegensatz dem bisher \u00fcblichen Verst\u00e4ndnis als pathologischem Zustand oder Dysfunktion) nieder (vgl. u.a. Hurst: 2012, Hilbk: 2009, Groessing 2014), w\u00e4hrend und weil asexuelle Menschen auch zunehmend als politische Gruppe auftreten und einen Platz in der LGBTIQ*-Bewegung f\u00fcr sich reklamieren (siehe: MacInnis\/Hodson 2). Neben ihrer Geschichte der Pathologisierung und Stigmatisierung ist im Moment also in Reaktion darauf auch die Formation einer asexuellen Bewegung, sowie ein neues Selbstverst\u00e4ndnis asexueller Menschen als (politisierte) sexuelle Minderheit (und damit als Teil der LGBTIQ*-Bewegung) zu beobachten 8 . Foucault (1977) 9 und Halperin (2000) 10 beschreiben im Zusammenhang mit der Entwicklung der Kategorie der (m\u00e4nnlichen) Homosexualit\u00e4t im 19.Jahrhundert, wie vormals in unterschiedlichen Konzepten gefasste \u201edeviante\u201c Praktiken und Identifikationen in einer begrifflichen Kategorie zusammenfallen. Foucault legt besonderes Augenmerk darauf, wie durch pathologisierende Diskurse ein homosexuelles Subjekt entsteht, wo davor lediglich von Normen \u201eabweichendes\u201c oder gegen Gesetze versto\u00dfendes Verhalten war. Mit Foucault gedacht, formiert sich, durch das begriffliche Verst\u00e4ndnis von Asexualit\u00e4t als sexueller Identit\u00e4t, im Moment ein asexuelles Subjekt. Dieses neue Verst\u00e4ndnis erm\u00f6glicht asexuellen Menschen Selbstidentifikation und die Kommunikation dieser Identifikation nach au\u00dfen, sodass ein Coming Out tats\u00e4chlich erst m\u00f6glich wird. Sowohl die Kategorisierung \u201ehomosexuell\u201c als auch \u201easexuell\u201c waren zu Beginn welche, die pathologisierender Absicht von au\u00dfen vorgenommen wurden und sp\u00e4ter wichtige politische und identifikatorische Selbstbezeichnungen f\u00fcr die damit kategorisch gefassten Menschen wurden.<\/p>\n<p>Auf der Homepage des \u201eAsexual Visibility and Education Network\u201c wird Asexualit\u00e4t nicht nur definiert, es wird auch eine weitere Auflistung ihrer verschiedenen Erscheinungsformen geboten. Asexualit\u00e4t ist hier als \u00dcberbegriff zu verstehen, der in sich verschiedene Ausdifferenzierungen vereint. 11 Nachdem Asexulit\u00e4t und Sexualit\u00e4t keine zwei klar differenzierbare Kategorien sind, sondern ein Spektrum darstellen, gibt es auch Identit\u00e4ts-kategorien \u201egray-asexuality\u201c oder \u201egraysexuality\u201c, welche eine Identifikation zwischen Sexualit\u00e4t und Asexualit\u00e4t bezeichnen, beispielsweise, weil jemand nur selten oder in geringem Ausma\u00df oder nur unter bestimmten Bedingungen sexuelles Begehren empfindet. Als Sonderform von gray-sexuality kann Demisexualit\u00e4t betrachtet werden, welche eine sexuelle Orientierung bezeichnet, bei der nur nach der Bildung einer starken emotionalen (allerdings nicht notwendigerweise romantischen) Bindung sexuelles Begehren empfunden wird. Zudem unterscheiden asexuelle Menschen in der Beschreibung ihrer eigenen Sexualit\u00e4t oft zwischen \u00e4sthetischer Anziehung (aussehensbezogene Anziehung, welche nicht sexueller oder romantischer Natur sein muss), romantischer Anziehung (welche nicht notwendigerweise auch sexueller Natur sein muss), sensueller Anziehung (das Bed\u00fcrfnis nach nicht-sexuellem physischen Kontakt) und sexueller Anziehung (welche das Bed\u00fcrfnis nach sexueller Interaktion bezeichnet). 12<\/p>\n<p>Diese neue begriffliche Differenzierung und Diversifizierung erm\u00f6glicht nicht nur asexuellen Menschen, sondern letztlich auch allen anderen, ein differenziertes Verst\u00e4ndnis und eine nuanciertere Artikulation der eigenen Sexualit\u00e4t. Als sexuelle Minderheit, welche bislang vor allem pathologisierenden Diskursen \u00fcber sich ausgesetzt war und damit zumeist aus einer Au\u00dfenperspektive diskutiert wurde, waren asexuelle Menschen lange mit einer begrifflichen Leere in Bezug auf eine angemessene Artikulation des eigenen (a)sexuellen und (a)romantischen In-der-Welt-Seins konfrontiert. Dies erforderte das Etablieren eines eigenen Vokabulars mit welchem eine solche Artikulation erst m\u00f6glich wird. Die asexuelle Community hat so auch f\u00fcr andere Gruppen zu einem wesentlich umfassenderen und differenzierteren Verst\u00e4ndnis von Sexualit\u00e4t und sexuellem Begehren beigetragen. Und dennoch, auch in LGBTIQ*-Kontexten finden Menschen, die sich als asexuell begreifen, bis heute kaum einen Platz, sind Missverst\u00e4ndnis und Vorurteil ausgesetzt. Ablinger (2011) verweist darauf; dass zwar die \u201e[&#8230;]Kreativit\u00e4t und Unbegrenztheit[&#8230;]\u201c veschiedener Arten zu leben, zu lieben und zueinander in Beziehung zu treten in queeren Communities \u201egefeiert\u201c w\u00fcrde, gleichzeitig \u201ewerden genau die gleichen Qualit\u00e4ten in der gr\u00f6\u00dferen Gesellschaft als Motive genutzt, asexuelle oder platonische Beziehungen zu entwerten. Leider kommt diese Entwertung auch in der queeren Community vor.\u201c (Ablinger 2011) 13 Ein anderer Weg w\u00e4re, die Vielfalt in der Menschen zueinander in Beziehung treten als Bereicherung zu sehen und den Austausch mit jenen, welche dies anders tun als man selbst, den Kontakt mit anderen erotisch-romantischen Erfahrungswelten, als eine Chance zur Horizonterweiterung und zu einem nuancierteren Verst\u00e4ndnis des eigenen erotischen und romantischen In-der-Welt-Seins zu sehen. Schlie\u00dflich liegt den meisten LGBTIQ(A?)*-politischen Bewegungen und queertheoretischen \u00dcberlegungen die Utopie einer Welt zugrunde, in der Menschen dieses ihr In-der-Welt-Sein auch ohne Scham, Angst und Urteil von au\u00dfen leben und zum Ausdruck bringen k\u00f6nnen, egal ob in Bezug auf Geschlecht oder Anzahl der gew\u00e4hlten sexuellen oder romantischen Partner_innen, ob in Bezug auf pr\u00e4ferierte Sexualpraktiken oder in Bezug auf Ausma\u00df und Art des empfundenen Begehrens oder gelebter Beziehungsrealit\u00e4ten; eine Welt, in welcher diese verschiedenen Formen des (a)sexuellen Ausdruckes nicht zueinander in Hierarchie gebracht oder in \u201egesund\u201c\/\u201ckrank\u201c, \u201enat\u00fcrlich\u201c\/\u201cunnat\u00fcrlich\u201c und letztlich in \u201egut\u201c\/\u201cschlecht\u201c eingeordnet werden; \u201esexuelle Selbstbestimmung\u201c eben. Und bis dahin, sollten vor allem LGBTIQ*- Kontexte solche sicheren R\u00e4ume sein, auch f\u00fcr asexuelle Menschen: LGBTIAQ*. Es gibt noch viel zu tun.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Beatrice Frasl<\/p>\n<h3>Fu\u00dfnoten:<\/h3>\n<p>X: Bengsch, Danielle. 2011. \u201eRegelm\u00e4\u00dfiger Sex mit dem richtigen Partner ist gesund\u201c In: DIE WELT. 06.05.2011. &lt;http:\/\/www.welt.de\/gesundheit\/article13354851\/Regelmaessiger-Sex-mit-dem-richtigen-Partner-ist-gesund.html&gt; [Zugriff: 20.11.2014]<br \/>\n1: Wikipedia. 2014. \u201eAsexualit\u00e4t\u201c. 20.10.2014. &lt;http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/asexualit%c3%a4t&gt; [Zugriff: 20.11.2014]<br \/>\n2: Das DSM-IV der American Psychiatric Association listet beispielsweise noch 2000 \u201ehyposexual desire disorder\u201c als Krankheit: American Psychiatric Association. 2000. Diagnostic and statistical manual of mental disorders. DSM-IV-TR. 4th Edition, Text Revision. American Psychiatric Association, Washington DC[3]. Wikipedia. 2014. \u201eAsexualit\u00e4t\u201c. 20.10.2014. &lt;http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/asexualit%c3%a4t&gt; [Zugriff: 20.11.2014]<br \/>\n3: Im DSM \u2013 V wurde die Diagnosekriterien ver\u00e4ndert und geschlechtsspezifisch differenziert (siehe: American Psychiatric Association. 2013. Diagnostic and statistical manual of mental disorders. DSM-V. American Psychiatric Association, Washington DC.)<br \/>\n4: Fisher, zitiert in: Miketta, Gaby. 2001. \u201eSexforschung: Wie viel Sex braucht der Mensch?\u201c in: FOCUS Magazin. 12.03.2001. &lt;http:\/\/www.focus.de\/wissen\/natur\/sexforschung-wieviel-sex-braucht-der-mensch_AID_187457.html&gt; [Zugriff: 20.11.2014]<br \/>\n5: \u201eMonosexualit\u00e4t\u201c ist ein Sammelbegriff f\u00fcr sexuelle Orientierungen (in der Regel Heterosexualit\u00e4t und Homosexualit\u00e4t), welche die sexuelle\/romantische Anziehung gegen\u00fcber einem Geschlecht beinhalten (im Gegensatz zu Multisexualit\u00e4ten, wie Pansexualit\u00e4t oder Bisexualit\u00e4t)<\/p>\n<\/div>\n<\/section>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Asexualit\u00e4t als queere Praktik \u201eWer krank ist, hat meist keine Lust auf Sex. 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