{"id":446,"date":"2017-07-15T17:08:44","date_gmt":"2017-07-15T15:08:44","guid":{"rendered":"https:\/\/www.fv-gewi.at\/gezeit\/?p=446"},"modified":"2018-07-14T17:10:34","modified_gmt":"2018-07-14T15:10:34","slug":"unheimliche-animositaeten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gewi.bagru.at\/gezeit\/archiv\/2017\/unheimliche-animositaeten\/","title":{"rendered":"Unheimliche Animosit\u00e4ten"},"content":{"rendered":"<h3>Antisemitismus in queerfeministischen und postkolonialen Zusammenh\u00e4ngen.<\/h3>\n<p>Die Problemkonstellation, Antisemitismus in queerfeministischen und postkolonialen Szenen, wird insbesondere augenf\u00e4llig in den B\u00fcndnispolitiken: So organisierte etwa, unter anderen mit Rasmeah Odeh, eine pal\u00e4stinensische Terroristin, die mit einem Sprengstoffanschlag zwei junge Israelis t\u00f6tete und neun weitere verletzte, den US-weiten Streik zum Weltfrauenkampftag 2017. Auch beim <i>women\u2018s march on Washington<\/i> war mit Linda Sarsour eine Organisatorin beteiligt, die \u2013 wenn sie schon niemanden selbst umgebracht hat \u2013 zumindest Sympathien f\u00fcr Muhammad Allan, einem Mitglied des <i>Islamic Jihad<\/i> hegt. Den leichtfertigen Schulterschluss mit Apologeten der Gewalt gegen\u00fcber J\u00fcdinnen und Juden findet sich in \u00e4hnlichen aktivistischen Zusammenh\u00e4ngen zuhauf, von den <i>queers for palestine<\/i> \u00fcber den regressiven Antizionismus Judith Butlers (welche einst die Hamas als Teil der globalen Linken bezeichnete).<br \/>\nAn dieser Stelle m\u00f6chte ich darauf verzichten, weitere Beispiele aneinander anzureihen, sondern m\u00f6chte eher versuchen, den Blick auf die blinden Flecken der theoretischen Grundlagen dieser aktivistischen Gegenpolitiken zu lenken, die den virulenten Antisemitismus beg\u00fcnstigen. Es geht mir dabei darum, zu fragen, warum eine Bewegung, die derart sensibel f\u00fcr intersektionale Verschr\u00e4nkungen der Diskriminierung ist, vielmals nicht in der Lage scheint, Antisemitismus zu sehen. Die Gegenstandsbestimmung kann bei diesem Unterfangen bereits auf ersten Widerspruch sto\u00dfen: Warum sollte man postkoloniale und queere Theorie zusammenwerfen? Sind das nicht eigentlich zwei ganz unterschiedliche Interventionen, mit einer ganz unterschiedlichen Geschichte? Das trifft sicher zu, dennoch halte ich es nicht f\u00fcr unlauter, hier beide Ans\u00e4tze zu diskutieren, zielt ihre politische Praxis doch \u2013 verk\u00fcrzt gesagt \u2013 auf zwei simultane Momente ab: einerseits marginalisierte Identit\u00e4ten sprechen zu lassen und andererseits Identit\u00e4t zu dekonstruieren. So widerspr\u00fcchlich dieses Nebeneinander scheint, reflektiert es doch eine strategische Notwendigkeit: Hebt die Dekonstruktion auf einen <i>kommenden<\/i> Zustand ab, in welchem der starre Zwang zur Identit\u00e4t aufgehoben ist, in einer \u201afreien Wahl\u2018 von Selbstpositionierungen, so stellt die Repr\u00e4sentationskritik, welche der Stimme der <i>Subalternen<\/i> Geh\u00f6r verschaffen will, der sozialen Realit\u00e4t ihre <i>derzeitige<\/i> Machtlosigkeit in Rechnung. In der Ablehnung von Fremdzuschreibung, dem <i>Othering<\/i>, der Positionierung durch andere, finden die Strategien von Identit\u00e4ts- und Repr\u00e4sentationskritik zueinander. So sinnf\u00e4llig ihr Wechselspiel auch in der Kritik von Rassismus oder Sexismus scheint, so wenig vermag diese Kritik die Erscheinungsformen des modernen Antisemitismus\u2019 zu fassen, und wendet sich im Falle des antisemitischen Ressentiments sogar unmittelbar gegen jene, die immer noch einer totalen Vernichtungsdrohung ausgesetzt sind, den J\u00fcdinnen und Juden. Wie Bini Adamczak schreibt:<br \/>\n\u201eDie Dichotomie J\u00fcdinnen\/Deutsche l\u00e4sst sich darum nicht auf dieselbe Weise dekonstruieren wie die Dichotomie Mann\/Frau, weil zu keinem Zeitpunkt der Geschichte gegen Frauen, Transsexuelle und auch Homosexuelle eine totale Vernichtungsdrohung formuliert wurde. [\u2026] Auschwitz hat die Kategorien J\u00fcdinnen und Deutsche in besonderer Weise in die Welt gezwungen &#8211; dieses historische Gewicht l\u00e4sst sich nicht einfach abtragen\u201c (S. 237).<\/p>\n<p>J\u00fcdinnen und Juden sind sp\u00e4testens seit dem Aufkommen des Nationalstaates mit der Unterstellung einer unverr\u00fcckbaren Identit\u00e4t konfrontiert. Gleich ihrer Assimilationsbem\u00fchungen galten sie dem Nationalismus als Dritte, die mit ihrer vermeintlichen Homogenit\u00e4t eine Ambivalenz verk\u00f6rpern, welche das nationale Gef\u00fcge bedroht. Eine Dekonstruktion der j\u00fcdischen Identit\u00e4t zu fordern, welche ihnen nicht zuletzt im Stande der Unfreiheit und letztlich der Vernichtung aufgezwungen wurde, negiert, dass die Gefahr l\u00e4ngst nicht vor\u00fcber ist: Denn im Gegensatz zum rassistischen Bewusstsein, welches durchaus der ethnopluralistischen Teilung der Welt geneigt ist, duldet das antisemitische Bewusstsein auch keine Juden auf dem Mond.<br \/>\nDer Zionismus, welcher letztlich zur Gr\u00fcndung des Staates Israel f\u00fchrte, ist jenseits seiner theologischen Dimension eine Reaktion auf eben diesen modernen Antisemitismus. Unf\u00e4hig oder Unwillens, diese existentielle Bedrohung ernst zu nehmen, machen sich aber Theoretiker_innen wie Judith Butler ans Werk, die j\u00fcdische Identit\u00e4t zu dekonstruieren. Wie Ljiljana Radoni\u0107 (2016) herausarbeitet, versteht Butler J\u00fcdisch-Sein in der Diaspora als anti-identit\u00e4res Projekt: \u201ein diesem Sinne hei\u00dft Jude \u201asein\u2018 sich von sich selbst zu trennen\u201c, und weiter, \u201edie Betrachtung des J\u00fcdischseins im Moment seiner Begegnung mit dem Nicht-J\u00fcdischen und der sich daraus ergebenden Zerstreuung des Selbst\u201c (zit. nach ebd.: 213). Wirkt die Identit\u00e4tskritik angesichts der fortw\u00e4hrenden Bedrohung zynisch, greift hier auch die Repr\u00e4sentationskritik daneben, wenn sie einer Finte des modernen Antisemitismus auf den Leim geht: Seit der Vernichtung der europ\u00e4ischen J\u00fcdinnen und Juden \u00e4u\u00dfert sich Antisemitismus nicht l\u00e4nger unverhohlen, sondern kryptisch, \u00fcber Umwege. Die Bilder, deren sich bedient wird, verraten ihre antisemitische Abkunft einerseits durch die Tradition, in der sie stehen (vom Brunnenvergiften zum Wasserabgraben), und andererseits durch die dahinterliegenden Affekt- und Ressentimentstrukturen. Sie aufzurufen ist attraktiv, weil sie die gleichen psychischen wie gesamtgesellschaftliche Funktionen erf\u00fcllen, wie der \u201aungesch\u00f6nte\u2018 Antisemitismus.<\/p>\n<p>Gleichzeitig verschwindet in der queer-feministischen Theorie und ihrer aktivistischen Praxis das Moment des Sexuellen, und damit die Einsicht in eine grundlegende Zerrissenheit moderner Subjektivit\u00e4t. Mit der Fokussierung auf Anerkennung und Repr\u00e4sentation marginaler Identit\u00e4ten geht eine Reduktion des Sexuellen auf seine augenf\u00e4lligsten Erscheinungsformen einher, auf bestimmte Formen des Begehrens, die mit der psychischen Instanz des Ichs assoziiert sind. Kaum wo deutlicher kommt diese Tendenz zum Ausdruck als im Diskurs \u00fcber die sogenannten Asexuellen \u2013 Menschen, die kein Verlangen nach Sex haben. Gleich dieser Diskurs nicht selten psychoanalytisch informiert auftritt, negiert er doch grunds\u00e4tzlich, was nach Freud das besondere an dem Sexuellen ist. Dieses beschr\u00e4nkt sich eben nicht auf Ausdrucksformen des intimen Geschlechtsverkehrs, sondern umfasst s\u00e4mtliche Triebregungen. Der Begriff Asexualit\u00e4t suggeriert irref\u00fchrend, es k\u00f6nne Menschen ohne Sexualit\u00e4t geben. So aber scheint sich die zeitgen\u00f6ssische queer-feministische Theorie das Sexuelle zu denken, als ein Beiwerk zur (Geschlechts-)Identit\u00e4t, welches einerseits durch die heterosexuelle Matrix fixiert ist, andererseits aber auch verschoben werden kann. Diese Marginalisierung des Sexuellen korrespondiert durchaus mit der allgemeinen zeitgen\u00f6ssischen Entwicklung der Psychoanalyse und leistet dem antisemitischen Ressentiment insofern Vorschub, als dass es den Riss kaschiert, der sich durchs Subjekt zieht, und damit das Phantasma m\u00f6glicher Ganzheit n\u00e4hrt. Vergeschlechtlichung geht immer mit der Erfahrung des Mangels einher. Nach Freud (1909) ist der Kastrationskomplex \u201edie tiefste unbewusste Wurzel des Antisemitismus, denn schon in der Kinderstube h\u00f6rt der Knabe, da\u00df dem Juden etwas am Penis \u2013 er meint ein St\u00fcck des Penis \u2013 abgeschnitten werde, und dies gibt ihm das Recht, den Juden zu verachten\u201c (Anm. von mir, ebd.: 271). Die Angst vor der Kastration, der Entmannung, und dem damit einhergehenden Autonomieverlust, f\u00fchrt zum <i>Untergang des \u00d6dipuskomplexes<\/i>: Die Objektbesetzung der Mutter durch den Jungen wird aufgegeben, zugunsten einer Identifikation mit der v\u00e4terlichen Autorit\u00e4t, welche jedoch nur um den Preis der Unterwerfung unter selbige zu haben ist. Die Beziehung des Jungen zum Vater ist fortan ambivalent gepr\u00e4gt: Einerseits lockt in der Identifikation mit ihm das Versprechen, sich eines Tages an seine Stelle setzen zu k\u00f6nnen; andererseits untersagt das patriarchale Gesetz den unmittelbaren Lustgewinn. Die Wut gegen die Versagung richtet sich gegen das Ich mit der Aufrichtung einer psychischen Instanz, die das Gesetz im Inneren repr\u00e4sentiert, das \u00dcber-Ich. Die Individuation des Jungen geht also mit der Opferung einer Objektbindung zur Mutter einher, damit der weiblichen Selbstanteile. Wie der Sozialpsychologe Sebastian Winter res\u00fcmiert: \u201eUnter dem \u00f6dipalen Gebot von dem Jungen Verdr\u00e4ngtes werde [\u2026] auf die beschnittenen Juden projiziert. Sie vertr\u00e4ten das Versagte, die regressiven \u201aWeiblichkeitsw\u00fcnsche\u2018 und tr\u00fcgen das Mal der Strafe\u201c (Winter 2013: 82). Beim M\u00e4dchen geht Freud (1925) zun\u00e4chst von einem analogen Modell weiblicher Sexualentwicklung aus, welches er jedoch in sp\u00e4teren Arbeiten revidiert: \u201eBeim kleinen M\u00e4dchen, meinten wir, m\u00fcsse es \u00e4hnlich zugehen, aber doch in irgendeiner Weise anders\u201c (ebd.: 21). In <i>Einige psychische Folgen des anatomischen Geschlechtsunterschieds<\/i> gelangt er zu dem Schluss, der Kastrationskomplex und dazu komplement\u00e4r der Penisneid des M\u00e4dchens m\u00fcsse dem \u00d6dipuskomplex zeitlich vorgelagert sein: \u201eW\u00e4hrend der \u00d6dipus-Komplex des Knaben am Kastrationskomplex zugrunde geht, wird der des M\u00e4dchens durch den Kastrationskomplex erm\u00f6glicht und eingeleitet.\u201c (ebd.: 28) Eine progressive, psychoanalytisch informierte und feministische Kritik, wie sie beispielsweise Luce Irigaray in den 1970ern formulierte, m\u00fcsste nun weniger auf eine Leugnung dieser Sozialisationsverh\u00e4ltnisse abzielen, indem sie das Schmerzhafte der Sexualit\u00e4t zugunsten des Phantasmas der Identit\u00e4t negiert, sondern eben auf ihre Anerkennung als gesellschaftliche Realit\u00e4t. Damit das triebhafte Subjekt die eigenen Bed\u00fcrfnisse, die der Mangel ihm schl\u00e4gt, nicht auf den Anderen, also historisch wie aktuell, die J\u00fcdinnen und Juden projiziert, muss es sich von der Illusion einer gelungenen, widerspruchsfreien Identit\u00e4t verabschieden, zumindest unter gegenw\u00e4rtigen gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnissen.<\/p>\n<p>Die postkoloniale und queer-feministische Theorie richtet sich vornehmlich gegen (tradierte) kolonialrassistische und sexistische Konstruktionen. Dem kolonialen und sexistischen Denken wohnt eine Dichotomie inne, welche die Eigengruppe aus der Abwertung einer homogenisierten Fremdgruppe formt. Antisemitismus, gesellschaftstheoretisch verstanden, l\u00e4sst sich aber nur teilweise mit der Konstruktion einer entwerteten Gruppe begreifen. Vielmehr richtet sich der Antisemitismus historisch wie aktuell in seiner Wut gegen die Bedrohung der Dichotomie, gegen die Ambivalenz, welche die manich\u00e4ische Spaltung der Welt verunsichert (vgl. Bauman 2002). Dies wird etwa deutlich in der Betrachtung der widerstreitenden Motive, welche im antisemitischen Bewusstsein erscheinen: \u201aDer Jude\u2018 ist hier einerseits Weltbeherrscher und Parasit, l\u00fcstern und verklemmt, bolschewistisch und finanzkapitalistisch, patriarchal und feminin, Imperialist und Marionette, vergeistigt und triebhaft. Es ist die eigene Ambivalenz, die subjektive Unaushaltbarkeit der eigenen widerstrebenden Kr\u00e4fte im Subjekt, die \u2013 in der Diktion Horkheimers und Adornos \u2013 pathisch projiziert werden. Die Projektion gesellschaftlicher wie innerpsychischer Widerspr\u00fcche auf die konkrete Tr\u00e4gerInnengruppe der J\u00fcdinnen und Juden, steht im Zeichen der Komplexit\u00e4tsreduktion, der Vereinfachung der Welt zugunsten ihrer vermeintlichen Beherrschbarkeit. Im Antisemitismus erscheinen die J\u00fcdinnen und Juden als Verk\u00f6rperung der Unsicherheit, der objektiven Zumutungen moderner Verh\u00e4ltnisse, und treten so selbst ihren Verfolgern als Verfolger auf. In der Konsequenz unterscheidet sich Antisemitismus gravierend vom Rassismus. W\u00e4hrend im Rassismus eher eine ethnopluralistische Teilung der Welt angestrebt wird, die vermeintlich inferioren V\u00f6lker gewaltsam an ihren \u201aangestammten Platz\u2018 verwiesen werden, ben\u00fcgt sich der Antisemitismus der Moderne nicht l\u00e4nger in der Ghettoisierung von J\u00fcdinnen und Juden, sondern zielt auf ihre Vernichtung ab. \u201aDer Jude\u2018 irritiert die eigene Identit\u00e4t, welche durch den kolonialrassistisch und sexistisch konstruierten Anderen eher gefestigt wird. Dies l\u00e4sst sich etwa im nationalen Antisemitismus leicht ausmachen: Nach Hannah Arendt wurden die in der Diaspora lebenden J\u00fcdinnen und Juden f\u00fcr das nationalistische Bewusstsein zu einem Problem, in einer Zeit, in welcher sie sich in gesellschaftlichen Teilbereichen emanzipieren beziehungsweise assimilieren konnten (vgl. Salzborn 2010b: S. 398f.), also sich r\u00e4umlich wie sozial weniger aus- und eingrenzen lie\u00dfen. Die Durchl\u00e4ssigkeit, die mangelnde Abgrenzbarkeit der eigenen nationalen Zugeh\u00f6rigkeit, schien zum Problem zu werden, weshalb \u201adem Juden\u2018 als Dritten, der Nation zersetzende Kr\u00e4fte zugeschrieben wurden. Es liegt eine gewisse Tragik darin, dass aus Bewegungen, welche sich der Verteidigung von Ambivalenz verschrieben haben, gegen jene geschossen wird, die als Verk\u00f6rperung der Ambivalenz der permanenten Morddrohung ausgesetzt sind, so wie generell eine Tragik in der Linken liegt, einerseits die Begriffe entwickelt zu haben, Antisemitismus zu \u00fcberkommen, und andererseits diesen st\u00e4ndig zu reproduzieren.<\/p>\n<p>Gleichzeitig ist der Vernichtungswille des antisemitischen Ressentiments heute in westlichen L\u00e4ndern kaum mehr artikulierbar. Der moderne Antisemitismus, welcher seinerseits im Entstehen bereits bem\u00fcht war, sich wissenschaftlich zu legitimieren, vom \u201aRadauantisemitismus\u2018 der Stra\u00dfe abzugrenzen, hat sich historisch desavouiert. Ihn zu \u00e4u\u00dfern ist nicht l\u00e4nger opportun und schlie\u00dft die SprecherInnen aus der sozialen Gemeinschaft aus. Die staatstragende Parteinahme f\u00fcr die im deutschen Vernichtungswahn ermordeten J\u00fcdinnen und Juden kontrastiert jedoch stark mit dem privaten Alltagsantisemitismus (vgl. Pollock 1955). Dieser kann sich im \u00f6ffentlichen Raum nur kryptisch artikulieren (vgl. Adorno 1971), nur \u00fcber Chiffren, die dann von den Zuh\u00f6rerInnen verstanden werden m\u00fcssen. Eine der derzeit g\u00e4ngigsten Umwege, \u00fcber welche das antisemitische Ressentiment sich Geh\u00f6r verschaffen kann, ist die Kritik am Staate Israel, womit nicht die Kritik bestimmter politischer Vorg\u00e4nge gemeint ist, sondern die Ablehnung des j\u00fcdischen Staates als solchen. Im israelbezogenen Antisemitismus lassen sich sowohl \u201aklassische\u2018 Stereotype ausdr\u00fccken, wie der j\u00fcdische Griff nach der Weltherrschaft, als auch Motive sekund\u00e4ren Antisemitismus, der intendierten Lockerung des Schuldzusammenhangs, welcher Deutschland als Rechtsnachfolgestaat mit dem Dritten Reich verbindet. Israel werden so Verbrechen zugeschrieben, die das nationalsozialistische Deutschland selbst an den J\u00fcdinnen und Juden begangen hat. Die postkoloniale Kritik entwertender Fremdkonstruktionen, die rassistische Dichotomie der Welt, zielt an der Besonderheit des modernen Antisemitismus vorbei. Gleichzeitig bedient sie dort, wo das antiimperialistische Erbe im politischen Aktivismus postkolonialer TheoretikerInnen aufgehoben ist, einen Manich\u00e4ismus, welcher strukturellen Antisemitismus reproduziert. Den \u201aguten\u2018 V\u00f6lkern, den ethnisch bestimmten Gruppen, welche mit dem Boden \u00fcber Geschichte und Tradition verwurzelt seien, steht dann eine zersetzende (kultur-)imperialistische Kraft gegen\u00fcber, welche vielmals mit den Staaten Israel und USA identifiziert wird. In dieser komplexit\u00e4tsreduzierenden, ethnopluralistischen Weltsicht \u2013 welche sich wie ein roter Faden beispielsweise durch die Werke Edward Saids zieht \u2013 wird Emanzipation fehlverstanden als eine Ablehnung sogenannter \u201awestlicher Werte\u2018, den Prinzipien der Aufkl\u00e4rung, Rationalit\u00e4t und individueller Freiheit. Damit f\u00e4llt sie hinter die Argumentation Frantz Fanons \u2013 des postkolonialen Theoretikers <i>avant la lettre<\/i> \u2013 zur\u00fcck, in welcher die universalistischen Versprechen unhintergehbar und vom postkolonialen Subjekt zu transzendieren sind: Die Verdammten dieser Erde werden hier aufgefordert durch die Aufkl\u00e4rung <i>hindurchzugehen<\/i> nicht diese abzusch\u00fctteln.<\/p>\n<p>Insbesondere im postnationalsozialistischen Deutschland kann die Vereinfachung des postkolonialen Diskurses dazu dienen, ein Bed\u00fcrfnis nach Schuldabwehr zu befriedigen. Wie Astrid Messerschmidt (2008) feststellt, wurden bis in die 1980er Jahre Rassismus und Antisemitismus meist unter den Nationalsozialismus subsumiert. Neben der Historisierung der beiden Ph\u00e4nomene habe deren Gleichsetzung zu einem Reduktionismus gef\u00fchrt, welcher wahlweise Antisemitismus aus Rassismus erkl\u00e4rt oder umgekehrt. Wider diese Tendenz fordert Messerschmidt: \u201eDie Verankerung der Kolonialgeschichte im kollektiven Ged\u00e4chtnis der Deutschen kann nicht additiv geschehen [\u2026] sondern bedarf einer Reflexion des zeitgeschichtlichen Kontextes nach Auschwitz\u201c (ebd., S. 53). Die postkoloniale Theorie steht in Deutschland vor der Aufgabe, den kolonialen Rassismus eingedenk der nationalsozialistischen Vergangenheit zu kritisieren, ohne ihn darauf zu reduzieren, und so Sensibilit\u00e4t gegen\u00fcber (strukturellem) Antisemitismus zu entwickeln.<\/p>\n<h3>Literatur<\/h3>\n<p>Adamczak, Bini (2005). Antisemitismus dekonstruieren? Essentialismus und Antiessentialismus in queerer und antinationaler Politik. In: A.G. Gender-Killer (Hrsg.). Antisemitismus und Geschlecht. Von \u201emaskulinisierten J\u00fcdinnen\u201c, \u201eeffeminierten Juden\u201c und anderen Geschlechterbildern. M\u00fcnster.<\/p>\n<p>Bauman, Zygmunt (2002). Dialektik der Ordnung. Die Moderne und der Holocaust. Hamburg.<\/p>\n<p>Freud, Sigmund (1909). Analyse der Phobie eines f\u00fcnfj\u00e4hrigen Knaben. GW Bd. VII. Frankfurt a.M.<\/p>\n<p>Freud Sigmund (1925). Einige psychischen Folgen des anatomischen Geschlechtsunterschieds. GW Bd. XIV. Frankfurt a.M.<\/p>\n<p>Radoni\u0107, Ljiljana (2016). Von der friedfertigen Antisemitin zur queer-theoretischen Post-Zionistin. In: Charlotte Busch, Martin Gehrlein &amp; Tom Uhlig (Hrsg.). Schiefheilungen. Zeitgen\u00f6ssische Betrachtungen \u00fcber Antisemitismus. Wiesbaden.<\/p>\n<p>Winter, Sebastian (2013). Geschlechter- und Sexualit\u00e4tsenw\u00fcrfe in der SS-Zeitung Das Schwarze Korps. Eine psychoanalytisch-sozialpsychologische Studie. Gie\u00dfen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Antisemitismus in queerfeministischen und postkolonialen Zusammenh\u00e4ngen. 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