{"id":470,"date":"2017-07-15T16:39:59","date_gmt":"2017-07-15T14:39:59","guid":{"rendered":"https:\/\/www.fv-gewi.at\/gezeit\/?p=470"},"modified":"2018-07-14T16:44:58","modified_gmt":"2018-07-14T14:44:58","slug":"queer-bds-intersektionalitaet-auf-falschen-wegen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gewi.bagru.at\/gezeit\/archiv\/2017\/queer-bds-intersektionalitaet-auf-falschen-wegen\/","title":{"rendered":"Queer BDS: Intersektionalit\u00e4t auf falschen Wegen"},"content":{"rendered":"<h2>Interview mit Karin St\u00f6gner.<\/h2>\n<p><strong><i>Jurdyga:<\/i><\/strong> <i>Boycott, Divestment, Sanctions <\/i>(kurz: BDS) ist eine Kampagne, die 2005 mithilfe von 171 pro-pal\u00e4stinensischen Organisationen entstand. Laut eigenen Aussagen ist es ihr Ziel, mittels akademischer, kultureller und \u00f6konomischer Boykotte, Rechte f\u00fcr Pal\u00e4stinenser_innen in Israel einzufordern, sowie die \u201eBesetzung und Kolonialisierung arabischen Landes\u201c durch Israel aufzuheben.<sup>1<\/sup> Mittlerweile wird die Kampagne international von verschiedenen Einzelpersonen und Organisationen unterst\u00fctzt.<br \/>\n<i>Palestinian Queers for BDS<\/i> (QPBDS) ist eine Organisation, die BDS unterst\u00fctzt und sich aus verschiedenen queeren pro-pal\u00e4stinensischen Aktivist_innen zusammensetzt. Gemeinsam mit der Gruppe <i>Pinkwatching Israel<\/i> kritisieren sie, dass Israel mittels des Hochhaltens von LGBT-Rechten nicht nur von der Unterdr\u00fcckung der Pal\u00e4stinenser_innen ablenke, sondern auch arabische und pal\u00e4stinensische Gesellschaften als r\u00fcckschrittlich, repressiv und intolerant darstelle.<br \/>\nHier stellt sich die Frage, wo der Zusammenhang zwischen den \u201eGr\u00e4ueltaten gegen Pal\u00e4stinenser_innen\u201c<sup>2<\/sup>, wie es Pinkwatching Israel nennt, und der Rechte von LGBTIQ in Israel besteht. Wo ist der Sinn und Zweck einer Herstellung solch eines Zusammenhanges?<\/p>\n<p><strong><i>St\u00f6gner:<\/i><\/strong> Queer BDS operiert im Grunde genau mit dem kulturalistischen Diskurs, den es Israel vorwirft. Zusammengeh\u00f6rigkeit stiftet nicht das Queer-Sein, sondern das Pal\u00e4stinenser_innen-Sein. Deshalb wollen die Aktivist_innen von <i>alQaws<\/i> auch nicht mit israelischen LGBTIQ zusammenarbeiten, da es sich um zwei unterschiedliche Gesellschaften mit unterschiedlichen Kulturen handelt. Der pal\u00e4stinensischen f\u00fchlt man sich zugeh\u00f6rig, der israelischen nicht. Kultur sticht also sexuelle Orientierung, selbst wenn diese in der anderen Kultur bessere Bedingungen der Anerkennung findet. Queer BDS er\u00f6ffnet die M\u00f6glichkeit, die eigene Viktimisierung zu thematisieren und die eigene Kultur dabei zu schonen, indem die sexuelle Unterdr\u00fcckung auf einen Schuldigen externalisiert wird, der die eigene Kultur bedroht. Solche Ambivalenz der Identit\u00e4t, die zwischen sexueller Befreiung und kultureller\/religi\u00f6ser Gebundenheit schwankt, ist kein pal\u00e4stinensisches Spezifikum, sondern eine recht allgemeine Problematik, mit der auch LGBTIQ anderswo konfrontiert sind. Den pal\u00e4stinensischen LGBTIQ bietet sich aber die universelle Projektionsfl\u00e4che Israel, mit Hilfe derer der Konflikt scheinbar gel\u00f6st werden kann: der eigene Anspruch auf sexuelle Diversit\u00e4t bleibt aufrecht und auch die eigene Kultur, denn es sind in dieser Sicht einzig Israel und die Besatzung, die der Entfaltung von beiden im Weg st\u00fcnden.<br \/>\nPal\u00e4stinensische Aktivist_innen von Queer BDS m\u00f6chten sich offensichtlich als Teil der pal\u00e4stinensischen Gesellschaft sehen und finden Einheit mit dieser durch das gemeinsame Feindbild, das die realen Konflikte innerhalb der pal\u00e4stinensischen Gesellschaft \u00fcbert\u00fcncht. Was immer pal\u00e4stinensische LGBTIQ von der pal\u00e4stinensischen Mainstream-Gesellschaft trennen mag, welche Unterdr\u00fcckung sie auch immer in der eigenen Gesellschaft erfahren m\u00f6gen, das Einende mit dieser Gesellschaft bleibt die Erfahrung der Unterdr\u00fcckung durch die israelische Besatzung. Die Utopie aus dieser Sicht ist, dass mit dem Verschwinden Israels von der Landkarte eine L\u00f6sung f\u00fcr die queere Problematik gefunden sei. Wenn Pal\u00e4stina erst dekolonisiert sei, dann h\u00e4tte man eine Gesellschaft, auf die LGBTIQ sich verlassen k\u00f6nnten und die sexuelle Diversit\u00e4t und Andersheit respektieren w\u00fcrde. Dies ist alles nachzulesen auf der Homepage von <i>alQaws<\/i>.<\/p>\n<p><strong><i>Jurdyga:<\/i><\/strong> 2012 organisierte QPBDS Panels zum Thema \u201eWhat is Queer BDS? Pinkwashing, Intersections, Struggles, Politics\u201c, in der unter anderem auch Angela Davis einen Vortrag hielt. Davis ist eine feministische Theoretikerin und verortet sich selbst auch in der Kritischen Theorie. Wie l\u00e4sst sich ihre Unterst\u00fctzung von BDS anhand ihrer politischen Positionen und ihrer theoretischen Ans\u00e4tze erkl\u00e4ren?<\/p>\n<p><strong><i>St\u00f6gner:<\/i><\/strong> Es ist unm\u00f6glich, Angela Davis\u2019 Unterst\u00fctzung von Queer BDS aus der Kritischen Theorie heraus zu erkl\u00e4ren, der sie sich ja nach wie vor zurechnet. Ein St\u00fcck weit erkl\u00e4rbar wird ihr Zugang durch die Br\u00fcche, die sich zur Kritischen Theorie auftun: Kurz gesagt l\u00e4sst Davis das Prinzip der Kritischen Theorie, die Dialektik und die damit verbundene immanente Kritik fahren, mit welcher allein aber der gesellschaftliche Widerspruch gefasst werden kann. Aus dieser \u201eVerk\u00fcrzung\u201c der Kritischen Theorie ergibt sich eine Komplexit\u00e4tsreduktion, die dem Charakter des Gegenstandes nicht gerecht wird<\/p>\n<p><strong><i>Jurdyga:<\/i><\/strong> Angela Davis setzt sich in ihren Arbeiten unter anderem f\u00fcr eine intersektionale Perspektive ein, die verschiedene Macht- und Herrschaftsverh\u00e4ltnisse und deren Verwobenheit miteinander ins Zentrum stellt. Oftmals zeigt sich in dieser Betrachtungsweise jedoch, dass Antisemitismus und Antizionismus in diesen Debatten nicht thematisiert werden. Was w\u00e4ren f\u00fcr Sie vorstellbare Gr\u00fcnde, warum dies meist passiert?<\/p>\n<p><strong><i>St\u00f6gner:<\/i><\/strong> Queer BDS gibt vor, in einer intersektionalen Perspektive Homophobie nicht au\u00dferhalb der Bedingungen von Besatzung und Kolonisation sehen zu k\u00f6nnen. Wie dieses Ineinandergreifen aber tats\u00e4chlich aussieht, dar\u00fcber geben die Texte von Queer BDS wenig Auskunft. Vielmehr geschieht genau das Gegenteil von Intersektionalit\u00e4t: Die h\u00f6chst komplexe Problematik der M\u00f6glichkeit und Unm\u00f6glichkeit queerer Lebensweise von Pal\u00e4stinenser_innen wird eingeengt auf die Besatzung, ohne dass jedoch rational argumentiert wurde, warum und in welcher Weise dieser Konflikt den Konflikt um Geschlecht und Sexualit\u00e4t innerhalb der pal\u00e4stinensischen Gesellschaft strukturieren w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Abgesehen davon zeigt die Variante der Intersektionalit\u00e4tsdebatte, die hier angewendet wird, eine Schwachstelle, indem der Fokus auf eine bestimmte Vorstellung von Ethnizit\u00e4t eingeschr\u00e4nkt wird, die sich an der hegemonialen Unterscheidung von \u201eschwarz\u201c und \u201ewei\u00df\u201c orientiert. Dieser Blickwinkel ist der Entstehungsgeschichte des Konzepts im US-amerikanischen Civil Rights Movement und im Black Feminism geschuldet und macht vor dem Hintergrund massiver rassistischer Diskriminierung und Unterdr\u00fcckung in den USA Sinn. Wird jedoch an der Trias race \u2013 class \u2013 gender exklusiv festgehalten, vermag das Konzept nicht die umfassende Diskriminierung, Unterdr\u00fcckung und Verfolgung von Juden und J\u00fcdinnen im globalen Antisemitismus zu fassen. Vielmehr gelten Juden und J\u00fcdinnen aus dieser Sicht implizit als wei\u00df, wodurch ihnen auch die Anerkennung als global diskriminierte Minderheit mit special interests vorenthalten bleibt.<\/p>\n<p><strong><i>Jurdyga:<\/i><\/strong> Ist es Ihrer Meinung nach m\u00f6glich, Antisemitismus und Antizionismus in die Intersektionalit\u00e4tstheorie aufzunehmen? Ist dies \u00fcberhaupt sinnvoll?<\/p>\n<p><strong><i>St\u00f6gner:<\/i><\/strong> Intersektionalit\u00e4t setzt sich zur Aufgabe, verschiedene Unterdr\u00fcckungs- und Ungleichheitsmechanismen in der Gesellschaft in Relation zueinander zu analysieren. Mit ihr kann im Sinn der Kritischen Theorie ein umfassendes Bild der gesellschaftlichen Totalit\u00e4t und des vielschichtigen gesellschaftlichen Widerspruchs gewonnen werden. Bei BDS-Diskursen ist aber zu beobachten, dass Intersektionalit\u00e4t nicht als analytisches Instrument verstanden wird, mit dessen Hilfe die vielschichtigen Zusammenh\u00e4nge von Unterdr\u00fcckung und Ausgrenzung kritisch durchdrungen werden k\u00f6nnen. Stattdessen wird Intersektionalit\u00e4t zum politischen Slogan und f\u00fcr politische Zwecke instrumentalisiert. Es ist aber durchaus sinnvoll, Intersektionalit\u00e4t als analytisches Konzept f\u00fcr eine kritische und feministische Theoriebildung zu bewahren und es f\u00fcr ver\u00e4ndernde Praxis offen zu halten. Es w\u00e4re schade, hier das Feld einer politischen Rhetorik und Agitation zu \u00fcberlassen, die unter dem Deckmantel von Diversit\u00e4t und globalen Menschenrechten erneut diskriminierend gegen eine bestimmte Gruppe agiert.<\/p>\n<p>Demgegen\u00fcber pl\u00e4diere ich f\u00fcr eine R\u00fcckbesinnung auf die analytische Kraft eines intersektionalen Zugangs, der eine dialektische Theorie der Gesellschaft erfordert, und aus dieser Sicht ist der Antisemitismus durchaus integrierbar. Die Kritische Theorie sieht den Antisemitismus als Schl\u00fcssel zum Verst\u00e4ndnis der Gesellschaft als Ganzes, betrachtet jedoch seine ideologische Nachbarschaft nicht als zuf\u00e4llig. Deshalb bezogen Horkheimer und Adorno Antifeminismus, Homophobie, Nationalismus, und die Klassenverh\u00e4ltnisse zentral in die Analyse des Antisemitismus mit ein. Seine Flexibilit\u00e4t als Welterkl\u00e4rung gewinnt er gerade auch dadurch, dass er von Momenten anderer Ideologien durchdrungen ist. In meinen eigenen Arbeiten zu Intersektionalit\u00e4t folge ich dieser Erkenntnis, indem ich nicht nur auf die Ebene derer fokussiere, die von Diskriminierung und Unterdr\u00fcckung betroffen sind und nicht nur auf die individuelle Ebene der Identit\u00e4tsbildung, sondern zentral die strukturelle Ebene der Ideologiebildung und auch die Ebene der autorit\u00e4ren Pers\u00f6nlichkeit einbeziehe, also auch auf jene fokussiere, die bereitwillig exkludierenden und diskriminierenden Ideologien folgen. Ich nenne das die Intersektionalit\u00e4t von Ideologien. Und dann stellt sich die Frage nach der Funktion dieser ineinandergreifenden Ideologien. Diese ist wesentlich die implizite Rechtfertigung ungerechter Zust\u00e4nde, die einseitige Aufl\u00f6sung eines komplexen gesellschaftlichen Widerspruchs und die Externalisierung oder Projektion von Momenten des Eigenen auf einen vorgefertigten Anderen. Antisemitismus, Nationalismus, Rassismus, Xenophobie, Sexismus und Homophobie stehen allesamt im Zeichen solcher Komplexit\u00e4tsreduktion und Externalisierung des Eigenen, wobei die zwar verwandten, aber doch je unterschiedlichen Projektionen, die beispielsweise im Rassismus einerseits und im Antisemitismus andererseits stattfinden, zu differenzieren w\u00e4ren. Das \u201eAndere\u201c tr\u00e4gt dabei seinerseits Z\u00fcge der Ambivalenz, da es nicht nur ungewollte Elemente des Eigenen widerspiegelt, sondern auch insgeheim begehrte, aber gesellschaftlich nicht zugelassene. Das zeigt sich deutlich, wie erw\u00e4hnt, an Diskursen von Queer BDS, in denen die gesamte Problematik von Gender und Sexualit\u00e4t auf einen einzigen Fremden, n\u00e4mlich Israel, projiziert wird.<\/p>\n<h3>Fu\u00dfnoten:<\/h3>\n<p>1: https:\/\/bdsmovement.net\/what-is-bds, letzter Zugriff: 30.04.2017.<\/p>\n<p>2: http:\/\/www.pinkwatchingisrael.com\/about-us\/, letzter Zugriff: 30.04.2017.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Interview mit Karin St\u00f6gner. Jurdyga: Boycott, Divestment, Sanctions (kurz: BDS) ist eine Kampagne, die 2005 mithilfe von 171 pro-pal\u00e4stinensischen Organisationen entstand. 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