{"id":612,"date":"2020-07-21T15:25:42","date_gmt":"2020-07-21T13:25:42","guid":{"rendered":"https:\/\/www.fv-gewi.at\/gezeit\/?p=612"},"modified":"2020-08-02T20:13:46","modified_gmt":"2020-08-02T18:13:46","slug":"virulenz-einer-tradition","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gewi.bagru.at\/gezeit\/archiv\/2020\/virulenz-einer-tradition\/","title":{"rendered":"Virulenz einer Tradition"},"content":{"rendered":"\n<p>Im Zuge der Corona-Krise hat sich die Situation f\u00fcr Roma_Romnja in ganz Europa, insbesondere aber in osteurop\u00e4ischen L\u00e4ndern zugespitzt. Zur ohnehin von Gewalt und Ausgrenzung gepr\u00e4gten Situation trat eine versch\u00e4rfte Repression hinzu, so wurden etwa Ma\u00dfnahmen, die \u00fcber die allgemeinen hinausgingen, \u00fcber Roma-Siedlungen verh\u00e4ngt.<br>In Bulgarien etwa ergriffen lokale Beh\u00f6rden auf Zuruf der extremen Rechten zus\u00e4tzliche Ma\u00dfnahmen, die ausschlie\u00dflich Roma_Romnja betrafen; ganze Stadtteile, in denen \u00fcberwiegend Roma_Romnja leben, wurden abgeriegelt, obwohl es darin oft noch keinen einzigen Covid-19 Fall gab. <a href=\"#note_1\" id=\"link_1\">[1]<\/a> \u00c4hnliche Ma\u00dfnahmen gab es auch in anderen Teilen Osteuropas, wie Rum\u00e4nien oder der Slowakei. &nbsp;<br>Immer waren die Ma\u00dfnahmen mit dem Ger\u00fccht verbunden, Roma_Romnja w\u00fcrden das Virus einschleppen und stets zielten die zus\u00e4tzlichen Quarant\u00e4ne-Ma\u00dfnahmen auf Roma_Romnja als Kollektiv ab, w\u00e4hrend Quarant\u00e4ne Ma\u00dfnahmen, die auch den Rest der Bev\u00f6lkerung betrafen, jeweils individuell durchgef\u00fchrt wurden. Zudem arbeiten viele der Roma_Romnja nicht in festen Arbeitsverh\u00e4ltnissen, sondern leben als Tagel\u00f6hner in extrem prek\u00e4ren Verh\u00e4ltnissen. Das sind jene Arbeitsstellen, die, ohne jeden rechtlichen Schutz, in der \u00f6konomischen Krise zuerst aufgek\u00fcndigt werden, wodurch den Betroffenen ihr Einkommen und somit den Zugang zu Lebensmitteln verwehrt wird. Gro\u00dfe Teile der Roma_Romnja-Bev\u00f6lkerung stehen daher vor einer Katastrophe: Abgeschnitten von der grundlegendsten medizinischen, Lebensmittel- und h\u00e4ufig sogar Wasserversorgung und zusammengepfercht in abgeriegelten informellen Siedlungen sind die hygienischen Bedingungen, der Ausbreitung des Virus entgegenzuwirken denkbar schlecht. Die derzeitige Situation f\u00fchrt damit exemplarisch vor Augen, wie durch antiziganistische Zuschreibungen Ursache und Wirkung systematisch vertauscht werden: einerseits werden diese Menschen durch Ausgrenzung und Stigmatisierung in eine Lage gebracht, die f\u00fcr sie das Virus besonders gef\u00e4hrlich macht, andererseits werden sie beschuldigt, f\u00fcr dessen Ausbreitung verantwortlich zu sein \u2013 was wiederum als Rechtfertigung f\u00fcr jene repressiven Ma\u00dfnahmen dient. Die in der Gesellschaft vorhandenen antiziganistischen Ressentiments k\u00f6nnen also jederzeit aktiviert werden, um von politischen Vers\u00e4umnissen abzulenken und nationales Gemeinschaftsgef\u00fchl herzustellen. Sind die Roma_Romnja Osteuropas insbesondere seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion ohnehin regelm\u00e4\u00dfigen Pogromen ausgeliefert <a href=\"#note_2\" id=\"link_2\">[2]<\/a>, so evozieren solche Schuldzuweisungen wiederum nicht nur die oben skizzierte antiziganistische repressive Ordnungspolitik, sondern ruft recht verl\u00e4sslich auf Vernichtung zielenden faschistischen Terror auf den Plan. <a href=\"#note_3\" id=\"link_3\">[3]<\/a>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<br>Dass es in \u00d6sterreich nicht zu solchen Abriegelungen gekommen ist, d\u00fcrfte einzig daran liegen, dass es gr\u00f6\u00dfere Roma-Siedlungen hierzulande schlicht nicht gibt. Das Ger\u00fccht, Roma_Romnja stellten eine Gefahr f\u00fcr die Volksgesundheit dar, findet man hingegen auch hierzulande <a href=\"#note_4\" id=\"link_4\">[4]<\/a>, der sozialdemokratische B\u00fcrgermeister von Linz bekundete etwa \u00f6ffentlich seinen \u00c4rger dar\u00fcber, dass es keine gesetzliche Handhabe gebe \u201ediese Menschen daran zu hindern, von A nach B zu reisen.\u201c <a href=\"#note_5\" id=\"link_5\">[5]<\/a> Zuvor war ein in Steyr campierender Roma-\u201eClan\u201c, wie diese Menschen in&nbsp; \u00f6sterreichischen Lokalmedien genannt werden,&nbsp; \u201emit Hilfe der Polizei nach Linz verwiesen\u201c, also zwangsumgesiedelt worden.&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<br>H\u00e4ufig und mit gewissem Recht liest man dieser Tage den Satz, dass gesellschaftliche Widerspr\u00fcche sich in Krisenzeiten zuspitzten; zweifellos stellen etwa polizeiliche Abriegelungen von Roma-Vierteln eine Versch\u00e4rfung ohnehin vorhandener Ghettoisierung in z.B. Bulgarien dar. Dennoch greift diese Auffassung zu kurz, die Virulenz des Antiziganismus w\u00e4re vielmehr spezifisch zu fassen. Im Folgenden soll auf die historisch-gesellschaftlichen Voraussetzungen antiziganistischer Ideologie eingegangen werden, um diese im n\u00e4chsten Schritt auf die strukturelle Krisenhaftigkeit b\u00fcrgerlicher Subjektivit\u00e4t zu beziehen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Die urspr\u00fcngliche Akkumulation und die Erschaffung der \u201aZigeuner\u2018&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Das Kapital bedarf nach Marx historisch-gesellschaftlicher Voraussetzungen, die es nicht aus sich selbst heraus herstellen kann: Zwei verschiedene Sorten von Warenbesitzern m\u00fcssen sich gegen\u00fcbertreten, einerseits Eigent\u00fcmer von Geld und Produktionsmitteln, andererseits freie Arbeiter in dem Doppelsinn, dass sie weder wie Sklaven oder Leibeigene zu den Produktionsmitteln geh\u00f6ren, noch selbst welche besitzen. <a href=\"#note_6\" id=\"link_6\">[6]<\/a> Die Herstellung einer solchen Klasse von doppelt freien Arbeiter_innen vollzog sich durch die von Marx \u201eurspr\u00fcngliche Akkumulation\u201c genannte gewaltsame und massenhafte Vertreibung von Menschen von ihren Subsistenzmitteln und ist mit der Durchsetzung fr\u00fchkapitalistischer Territorialstaaten verbunden. <a href=\"#note_7\" id=\"link_7\">[7]<\/a> In diesen historischen Zusammenhang der Disziplinierung jenes vogelfreien Proletariats, der ab dem 16. Jahrhundert einsetzenden Gesetzgebung gegen Vagabundage, durch welche das \u201evon Grund und Boden gewaltsam expropriierte, verjagte und zum Vagabunden gemachte Landvolk durch grotesk-terroristische Gesetze in eine dem System der Lohnarbeit notwendige Disziplin hineingepeitscht, -gebrandmarkt, -gefoltert\u201c <a href=\"#note_8\" id=\"link_8\">[8]<\/a> wurde, f\u00e4llt die Genese antiziganistischer Ideologie; das&nbsp; Bild des \u201aZigeuners\u2018 war dabei zun\u00e4chst nicht eindeutig rassistisch bestimmt, bezeichnete vielmehr eine bestimmte deviante soziale Gruppen bzw. eine Lebensweise, die von \u201eM\u00fc\u00dfiggang, Stehlen, Huren, Fressen, Sauffen, Spielen u.s.w.\u201c gepr\u00e4gt sei. <a href=\"#note_9\" id=\"link_9\">[9]<\/a> Der \u00dcbergang zur Konstruktion der \u201aZigeuner\u2018 als ethnische, rassifizierte Gruppe wurde hingegen erst im 18. Jahrhundert hegemonial. <a href=\"#note_10\" id=\"link_10\">[10]<\/a>Antiziganistische Ideologie ist daher von der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft und ihrem Arbeitsethos nicht zu trennen, und ist f\u00fcr die Herrschaft des Kapitals funktional. Die Disziplinierung des Proletariats war aber kein rein \u00e4u\u00dferlicher Prozess, sondern bestand auch in innerlicher Zurichtung und Triebunterdr\u00fcckung. Die H\u00e4rte und Grausamkeit antiziganistischer Ma\u00dfnahmen r\u00fchrt daher nicht nur von der Angst der Herrschaft, soziale Devianz k\u00f6nne auf die Mehrheitsgesellschaft \u00fcberspringen, sondern begr\u00fcndet sich auch mit dem heimlichen Groll gegen die eigene Zurichtung. <a href=\"#note_11\" id=\"link_11\">[11]<\/a> Gleichzeitig liegt gerade in der Zuschreibung von M\u00fc\u00dfiggang und Disziplinlosigkeit die Wurzel jener romantisierenden Vorstellung vom \u201alustigen Zigeunerleben\u2018, welche im Bild des Zigeuners mal mehr, mal weniger aber jedenfalls pr\u00e4sent ist. Auf die Trag\u00f6die folgt bekanntlich die Farce, die deswegen nicht weniger tragisch ist: Wird Roma_Romnja traditionell vorgeworfen, f\u00fcr die Arbeit und also die b\u00fcrgerliche Gesellschaft nicht diszipliniert genug zu sein, so beschuldigt man sie w\u00e4hrend der Corona-Zeit nicht diszipliniert genug f\u00fcr ebenjene Ma\u00dfnahmen, die auf ein Aussetzen von Arbeit und Gesellschaft zielen, zu sein.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Krise als b\u00fcrgerliche \u201aUr-Angst\u2018<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Unter sp\u00e4tkapitalistischen (\u201eneoliberalen\u201c) Bedingungen freilich, scheint die hier skizzierte Disziplinierung der Menschen zu produktiven Arbeitskr\u00e4ften vollst\u00e4ndig verinnerlicht zu sein, Warenproduktion und Kapitalakkumulation den Menschen ganz zur zweiten Natur geworden zu sein. Doch das Kapitalverh\u00e4ltnis ist ohne periodisch auftretende Krisen zu haben und daher ist die Krise als hintergr\u00fcndiges Bedrohungsszenario stets gegenw\u00e4rtig. Weil die kapitalistische Zirkulation konstitutiv f\u00fcr b\u00fcrgerliche Subjektivit\u00e4t ist, ist die Krise selbst auch in Zeiten kapitalistischer Normalit\u00e4t verinnerlichtes, potenziell stets gegenw\u00e4rtiges Moment derselben: \u201eSie [die Krise, Anm.] existiert nicht unabh\u00e4ngig vom Bewu\u00dftsein, das die Menschen von ihr haben. Denn dieses Bewusstsein ist seinerseits ein Moment jener Identit\u00e4t, die sich in der Krise unnachgiebig durchsetzt.\u201c <a href=\"#note_12\" id=\"link_12\">[12]<\/a> Das b\u00fcrgerliche Konkurrenzsubjekt ahnt, dass es, obwohl dazu gen\u00f6tigt, nicht Herr seiner Verh\u00e4ltnisse ist. Seine Konstitution als Subjekt h\u00e4ngt vom erfolgreichen Verwertungsprozess des Kapitals ab. Insofern ger\u00e4t mit dem Kapital auch die Subjektform, die von ihm konstituiert wird, in die Krise. Das Bewusstsein der eigenen Ohnmacht wird also durch Verachtung gegen jene, deren Ohnmacht nicht zu leugnen ist \u2013 Bettelnde, Gefl\u00fcchtete, Obdachlose, etc. \u2013 abgewehrt. Ihre blo\u00dfe Existenz erinnert leibhaftig an die grundlegendste Wahrheit, die \u00fcber die kapitalistische Gesellschaft zu haben ist, dass in ihr n\u00e4mlich entgegen aller Selbstvergewisserungen \u201eein General oder Bankier eine gro\u00dfe, der Mensch schlechthin dagegen eine sehr sch\u00e4bige Rolle spielt\u201c <a href=\"#note_13\" id=\"link_13\">[13]<\/a> und die Abscheu gegen jene Notleidenden verweist auf den Abgrund, der sich denjenigen \u00f6ffnet, die aus den Verwertungsketten des Kapitals herausfallen.&nbsp; Die krisenanf\u00e4llige Permanenz m\u00f6glichen sozialen Abstiegs \u201er\u00fchrt an die Ur-\u00c4ngste b\u00fcrgerlicher Subjektivit\u00e4t.\u201c <a href=\"#note_14\" id=\"link_14\">[14]<\/a> Unter den Bedingungen der psychologischen Subsumtion unters Kapital im Sp\u00e4tkapitalismus festigt jene Angst vorm gesellschaftlichen Abgrund die zur Identit\u00e4t verinnerlichte gesellschaftliche Herrschaft. Anstatt kritisch zur Denunziation der herrschenden Verh\u00e4ltnisse gewendet zu werden, wird die gesellschaftliche Kluft, in die das krisenanf\u00e4llige Subjekt zu st\u00fcrzen droht, abgewehrt und auf die Notleidenden projiziert, welchen die Schuld am Elend zugewiesen bekommen und die die Rache f\u00fcr die Zurichtung in der Konkurrenz zu sp\u00fcren bekommen. Der Selbstoptimierungszwang des neoliberalen Subjekts w\u00e4re dabei als die postmoderne Variante des faschistischen Produktivit\u00e4tskults zu begreifen und kann jederzeit in diesen umschlagen. Von der objektiv-gesellschaftlichen Seite her betrachtet, erf\u00fcllt der Antiziganismus heute denselben Zweck wie zu Zeiten der Durchsetzung fr\u00fchkapitalistischer Herrschaft \u201edie eigenen Reihen von jenen zu s\u00e4ubern, die der b\u00fcrgerlichen Arbeitsmoral unf\u00e4hig und unwillig zu begegnen scheinen.\u201c <a href=\"#note_15\" id=\"link_15\">[15]<\/a> Indem der antiziganistisch Projizierende offen zu seiner Sache macht, dass jene, die leben ohne gebraucht zu werden, ohne Angst nicht leben k\u00f6nnen, exekutiert er das Prinzip der Herrschaft und zementiert zugleich jene \u201aUr-Angst\u2018 vor dem sozialen Abstieg, welche die krisenhafte b\u00fcrgerliche Subjektivit\u00e4t ohnehin kennzeichnet.&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<br>Antiziganismus jedoch geht \u00fcber blo\u00dfe Abscheu hinaus, ist vielmehr durch Ambivalenz gekennzeichnet: das Bild der \u201aZigeuner\u2018 wird sowohl verachtet als auch insgeheim beneidet. Denn das Bild des \u201aZigeuners\u2018 steht f\u00fcr das durch die b\u00fcrgerliche Zivilisation nicht zu b\u00e4ndigende Naturhafte, triebhafte Lustprinzip. Wie beim Rassismus leben die \u201aZigeuner\u2018 in der projektiven Vorstellungswelt der Antiziganist_innen vom unmittelbar vorgefundenen, allerdings bewegen sich \u201adie Zigeuner\u2018 hier anders als die Rassifizierten nicht in der Natur, sondern in der Zivilisation und w\u00fcrden also auch von dieser leben. Der \u201aJude\u2018 verk\u00f6rpert Zirkulation, der \u201aZigeuner\u2018 hingegen labe sich daran ohne an ihr produktiv und gleichberechtigt teilzunehmen; daher r\u00fchrt die Vorstellung, \u201aZigeuner\u2018 w\u00e4ren von Natur aus kleinkriminell&nbsp; und w\u00fcrden so von den Produkten \u201aehrlicher Arbeit\u2018, welche die Angeh\u00f6rigen der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft hergestellt h\u00e4tten, auf quasi \u201aparasit\u00e4re\u2018 Weise leben. <a href=\"#note_16\" id=\"link_16\">[16]<\/a> In diesen Zusammenhang w\u00e4re auch das antiziganistische Verschw\u00f6rungsdenken einzuordnen: die imaginierte Verschw\u00f6rung findet, anders als beim Antisemitismus nicht im weltweiten Ausma\u00df statt, vielmehr k\u00f6nne sie an jeder Stra\u00dfenecke lauern und ist ubiquit\u00e4r an die allt\u00e4gliche Lebenswelt gekn\u00fcpft. Mit der Vorstellung, \u201aZigeuner\u2018 w\u00fcrden den Prozess der Zivilisation (und also die b\u00fcrgerliche Subjektkonstitution) unterlaufen, l\u00e4sst sich nicht nur erkl\u00e4ren, dass jene nicht zur Arbeit, die f\u00fcr das b\u00fcrgerliche Subjekt konstitutiv ist, nicht taugten.&nbsp; Auch die \u201azigeunerische\u2018 Unf\u00e4higkeit zur b\u00fcrgerlichen Vernunft, die dem Tauschprinzip entspringt und gerade darum in der Aufkl\u00e4rung ins autonome (b\u00fcrgerliche) Subjekt verlegt wurde, findet darin ihren Ausdruck. Die Unf\u00e4higkeit zur Vernunft wiederum findet ihren Ausdruck im zugeschriebenen Hang zum Lustprinzip, dessen Unterdr\u00fcckung f\u00fcr das zivilisierte Subjekt nach Horkheimer und Adorno konstitutiv ist. Weil jene herrschaftlich geforderte Triebunterdr\u00fcckung ohne Zurichtung, Leid und Entsagung nicht zu haben ist, ruft sie, ebenso wie die vermeintliche Ortslosigkeit, nicht nur die antiziganistische Wut, sondern auch eine romantisierende, philoziganistische Zivilisationskritik auf den Plan.<a href=\"#note_17\" id=\"link_17\">[17]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Krise bezeichnet eine gesellschaftliche Konstellation, in der die Identit\u00e4t des Ganzen sich gewaltsam geltend macht und insofern schl\u00e4gt in ihr die Stunde des Staates: er ist das Subjekt der Gewalt in der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft. Im Ausnahmezustand hallt daher etwas nach von jener \u201eblutigen Haupt- und Staatsaktion\u201c, ohne die das Kapital nicht sein kann. F\u00fcr emanzipatorische Bestrebungen h\u00e4ngt daher vieles davon ab, wie es um die Kritik der gesellschaftlichen Herrschaft bestellt ist und das hei\u00dft auch und vor allem, ob die Menschen in der Lage sind, die individuellen Entsagungen, welche mit der gesellschaftlichen Ohnmacht einhergehen zu als solche zu erfahren und kritisch gegen die herrschenden Verh\u00e4ltnisse zu wenden.<br><\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Quellenverzeichnis&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; <\/h3>\n\n\n\n<p><a href=\"#link_1\" id=\"note_1\">[1]<\/a> Lambreva, Diljana: Roma unter Corona-Verdacht, Zeit online, URL: <a href=\"https:\/\/bit.ly\/2UVy83t\">https:\/\/bit.ly\/2UVy83t<\/a> (Zugriff: 1.7.2020);&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Rorke, Bernard: More toxic than COVID? The politics of anti-Roma racism in Bulgaria, european roma rights centre, URL: <a href=\"https:\/\/bit.ly\/2V4DXvA\">https:\/\/bit.ly\/2V4DXvA<\/a> (Zugriff: 1.7.2020)<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#link_2\" id=\"note_2\">[2]<\/a> Espinoza, Luis Liendo: B\u00fcrgerkrieg gegen Roma in Europa 1990-2014. Eine unvollst\u00e4ndige Chronologie, in: sans phrase (4\/2014), 177-190<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#link_3\" id=\"note_3\">[3]<\/a>\n Lee, Jonathan: Roma camp attacked and tents burned down by unknown assailants in Ukraine, European roma rights centre, URL: <a href=\"https:\/\/bit.ly\/3djvLhh\">https:\/\/bit.ly\/3djvLhh<\/a> (Zugriff: 1.7.2020)<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#link_4\" id=\"note_4\">[4]<\/a> Tschiderer, Martin: Roma in der Krise, Wiener Zeitung, URL:&nbsp; <a href=\"https:\/\/bit.ly\/31277z4\">https:\/\/bit.ly\/31277z4<\/a> <a href=\"https:\/\/www.wienerzeitung.at\/nachrichten\/politik\/oesterreich\/2056814-Roma-in-der-Krise.html\"><\/a>(Zugriff: 1.7.2020)<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#link_5\" id=\"note_5\">[5]<\/a>\nEdlinger, Anneliese: Ausgangsbeschr\u00e4nkung: Roma m\u00fcsssen in Wohnw\u00e4gen bleiben, O\u00d6Nachrichten, URL: <a href=\"https:\/\/bit.ly\/3dioyxG\">https:\/\/bit.ly\/3dioyxG<\/a> (Zugriff: 1.7.2020)<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#link_6\" id=\"note_6\">[6]<\/a>\n Marx, Karl\/ Engels, Friedrich: Werke. Band 23, Berlin 1988, 742<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#link_7\" id=\"note_7\">[7]<\/a>\n Scholz, Roswitha: Homo Sacer und \u201eDie Zigeuner\u201c. Antiziganismus \u2013 \u00dcberlegungen zu einer wesentlichen und deshalb \u201evergessenen\u201c Variante des modernen Rassismus, in: EXIT! 4 (2007), URL: <a href=\"https:\/\/bit.ly\/2V0tRvA\">https:\/\/bit.ly\/2V0tRvA<\/a>&nbsp; (Zugriff: 1.7.2020)<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#link_8\" id=\"note_8\">[8]<\/a>\n MEW 23., 765<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#link_9\" id=\"note_9\">[9]<\/a>\n Zedler, 1749, zit. nach Scholz, Roswitha: Homo Sacer und \u201eDie Zigeuner\u201c. Antiziganismus \u2013 \u00dcberlegungen zu einer wesentlichen und deshalb \u201evergessenen\u201c Variante des modernen Rassismus, in: EXIT! 4 (2007), URL: <a href=\"https:\/\/bit.ly\/310Htei\">https:\/\/bit.ly\/310Htei<\/a> (Zugriff: 1.7.2020)<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#link_10\" id=\"note_10\">[10]<\/a>\n Berger, Claudia: Grellmann \u2013 der \u201eZigeunerforscher\u201c der Aufkl\u00e4rung, in: Engbring-Romang, Udo\/Strau\u00df, Daniel (Hg.): Aufkl\u00e4rung und Antiziganismus. Beitr\u00e4ge zur Antiziganismusforschung, Seeheim 2003, 50-65, 52f<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#link_11\" id=\"note_11\">[11]<\/a> B\u00f6ttcher, Elisabeth: Antisemitismus und Antiziganismus als best\u00e4ndige Krisenideologien der Arbeitsgesellschaft, in: Busch, Charlotte\/Gehrlein, Martin\/Uhlig, Tom David (Hg.): Schiefheilung. Zeitgen\u00f6ssische Betrachtungen \u00fcber Antisemitismus, Wiesbaden 2016, 83-110, 86<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#link_12\" id=\"note_12\">[12]<\/a>\n Scheit, Gerhard:&nbsp; Die Meister der Krise, Freiburg 2001, 15<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#link_13\" id=\"note_13\">[13]<\/a>\n MEW 23., 59<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#link_14\" id=\"note_14\">[14]<\/a> Scholz, Roswitha: Homo Sacer und \u201eDie Zigeuner\u201c. Antiziganismus \u2013 \u00dcberlegungen zu einer wesentlichen und deshalb \u201evergessenen\u201c Variante des modernen Rassismus, in: EXIT! 4 (2007), URL: <a href=\"https:\/\/bit.ly\/2V0tRvA\">https:\/\/bit.ly\/2V0tRvA<\/a>&nbsp; (Zugriff: 1.7.2020)<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#link_15\" id=\"note_15\">[15]<\/a>\n Hund, Wulf D.: Romantischer Rassismus. Zur Funktion des Zigeunerstereotyps, in: Hund, Wulf D. (Hg.): Zigeunerbilder. Schnittmuster rassistischer Ideologie, Duisburg 2000, 24<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#link_16\" id=\"note_16\">[16]<\/a> Schreiter, Nikolai: \u201eEingeschleppte Parasiten\u201c. Antiziganismus und die Bettelmafia als pathische Projektion, in: sans phrase 7 (1\/2015), 49-62, 52<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#link_17\" id=\"note_17\">[17]<\/a>\n Horkheimer, Max\/Adorno, Theodor W.: Dialektik der Aufkl\u00e4rung. Philosophische Fragmente, Frankfurt am Main 2009, 40f, 208f und 218f; Neuburger, Tobias: \u201eDa\u00df beide zwei ganz verschiedene V\u00f6lker sind\u201c. Zum Verh\u00e4ltnis von Antisemitismus und Antiziganismus, in: sans prase 7 (1\/2015), 63-70<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Zuge der Corona-Krise hat sich die Situation f\u00fcr Roma_Romnja in ganz Europa, insbesondere aber in osteurop\u00e4ischen L\u00e4ndern zugespitzt. 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