{"id":69,"date":"2016-10-19T18:24:30","date_gmt":"2016-10-19T16:24:30","guid":{"rendered":"https:\/\/www.fv-gewi.at\/gezeit\/?p=69"},"modified":"2018-04-05T13:28:33","modified_gmt":"2018-04-05T11:28:33","slug":"naturbeherrschung-und-ideologie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gewi.bagru.at\/gezeit\/archiv\/2016\/naturbeherrschung-und-ideologie\/","title":{"rendered":"Naturbeherrschung und Ideologie"},"content":{"rendered":"<h2>Eine ausschweifende Leseempfehlung zu \u201eAntisemitismus und Sexismus\u201c von Karin St\u00f6gner<\/h2>\n<p>\u201eWo Natur blo\u00df zur bearbeiteten Materie herabgedr\u00fcckt wird, bedeutet mit ihr identifiziert zu werden ein Verdikt.\u201c (26) Mit diesem Satz fasst Karin St\u00f6gner in ihrer Studie \u201eAntisemitismus und Sexismus\u201c pr\u00e4gnant den Dreh- und Angelpunkt ihrer materialistischen Kritik zusammen. Alle bisherige Vergesellschaftung war repressiv, Herrschaft \u00fcber Natur, und in der aktuellen Gesellschaft sind Sexismus und Antisemitismus darauf fu\u00dfende Ideologien. St\u00f6gner konstatiert, dass nicht zuletzt \u201emit dem Siegeszug der Naturwissenschaften im 19. Jahrhundert sowohl Frauen als auch Juden mit Natur identifiziert wurden\u201c (283) und so mehr als andere eher Objekte als Subjekte der Herrschaft wurden. Auf sie projizieren jene, die \u201eNatur krampfhaft beherrschen\u201c (Adorno, zit. n. 26) W\u00fcnsche und \u00c4ngste. Sie k\u00f6nnen sie nicht zulassen, um \u201edem identischen und zweckgerichteten m\u00e4nnlichen Selbst zu entsprechen\u201c (ebd.), und verfolgen sie deshalb an denen, die sie zum Clich\u00e9e gemacht haben.<\/p>\n<p>Auf dieser Grundlage der Kritik der Einteilung von Menschen folgt St\u00f6gner den Bildern von Weiblichkeit und J\u00fcdischsein \u00fcber die Zeit und analysiert deren Verstrickungen und Verschiebungen.<br \/>\nNie geht es bei ihr um ein vermeintlich nat\u00fcrliches \u201eWesen\u201c der Frauen oder der Juden und J\u00fcdinnen, immer um die Gedankenwelt der SexistInnen und AntisemitInnen und deren Fundierung in der Welt. In anderen Worten, um die Naturalisierung und damit die Legitimierung der beiden Ideologeme. Den Vergleich zwischen Antisemitismus und Sexismus zieht St\u00f6gner am Ende des Buches anhand der konkreten Erlebnisse von sechs j\u00fcdischen Frauen in \u00d6sterreich, die sie interviewt hat. Ein allgemeiner Vergleich aber w\u00e4re, dessen ist St\u00f6gner sich stets bewusst, gerade vor dem Hintergrund der Shoah, eine Verharmlosung des Vernichtungswillens, der dem Antisemitismus, nicht aber dem Sexismus, immanent war und vor allem ist.<\/p>\n<h3>Aufkl\u00e4rung, die ans Geschlecht erinnert<\/h3>\n<p>Materialistische Kritik des Sexismus hat leider Seltenheitswert. Wer sich auf die Suche danach macht, was Sexismus genau meint und warum es ihn gibt, muss schnell feststellen, dass ein solcher entfalteter Begriff kaum existiert. Auch zur Frage der Verbindung, wie Sexismus die abstrakten Formen der falschen Gesellschaft mit der Kollektivierung in Geschlechter und ihren Rollen f\u00fcllt und was er den SexistInnen bringt, wird es d\u00fcnn. Anders beim Antisemitismus. Dessen Kritik ist zwar auch viel zu selten und viel zu dringlich, aber sie fu\u00dft auf einer l\u00e4ngeren Tradition. Ihre Grundlagen wurden in den 1940er Jahren vor der Erfahrung des Nationalsozialismus gelegt.<br \/>\nUm die Frage zu beantworten, wie es sein konnte, dass die deutschen und \u00f6sterreichischen Massen sich dem Projekt der Judenvernichtung verschrieben statt Revolution zu machen, entwickelten Leute wie Theodor W. Adorno, Max Horkheimer, Ernst Simmel oder Otto Fenichel die bis heute tragenden Fundamente aus der Synthese der Kritik der politischen \u00d6konomie, der Kritik der Kulturindustrie und der Psychoanalyse. Das aber \u00e4ndert nichts daran, dass die nach wie vor zahlreichen AntisemitInnen drohen, ihren Wunsch nach dem Tod der Juden und J\u00fcdinnen wahr zu machen und dies, wo sie nicht daran gehindert werden, auch regelm\u00e4\u00dfig tun.<\/p>\n<p>Vergleichbare theoretische Arbeit hat es zum Sexismus nicht gegeben. \u201eIm Zuge der Aufkl\u00e4rung wurde die Geschlechterbinarit\u00e4t nicht im gleichen Ma\u00df kritisch aufgegriffen wie die soziale Benachteiligung von Juden. Diese Leerstelle bot sodann die M\u00f6glichkeit der wirksamen Vermengung antisemitischer Diskurse mit dem Geschlechterdiskurs.\u201c (49) St\u00f6gner expliziert deshalb in ihrem Buch Aussagen der Kritischen Theorie zur Geschlechtlichkeit und zum Geschlechterverh\u00e4ltnis, die zu selten in den Fokus ger\u00fcckt werden. Sie entschl\u00fcsselt einerseits die Vermengungen von Antisemitismus und Sexismus und dechiffriert andererseits die Herkunft der beiden Ideologien, die bei \u00e4hnlicher Grundlage und Funktion in ihren Auswirkungen sich doch ums Ganze unterscheiden.<\/p>\n<h3>Naturalisierung der Identit\u00e4t<\/h3>\n<p>Mit Horkheimer und Adorno geht St\u00f6gner von einem Naturbegriff aus, der \u201enicht auf eine Vorstellung \u201aurspr\u00fcnglicher\u2018 Natur\u201c rekurriert und \u201ean keiner Stelle vorgesellschaftlich [&#8230;], sondern als verstrickt in die gesellschaftlich-hostorische Dialektik von Fortschritt und Regression, Aufkl\u00e4rung und Mythos\u201c (23) gedacht ist. Vor diesem materialistischen Hintergrund greift sie Themen auf, die ansonsten eher aus dem postmodernen Feminismus bekannt sind: Repr\u00e4sentation und Alltagsbilder. Mit Marx legt sie etwa dar, wie Waren- und Geldfetisch entstehen \u2013 also die Erscheinung des Wertes als nat\u00fcrliche Eigenschaft \u2013 und wie das Geld als \u201edas Abstrakte, das Zeichensystem schlechthin\u201c (116) mystifiziert wird. Es wird mit einer Sinnlichkeit aufgeladen, der zugeschrieben wird, Disziplin, Eindeutigkeit und Volkstum durch \u201ej\u00fcdisch-demokratisch-feministische[n] Mammongeist\u201c (Ludwig Langemann, zit. n. 118) zu untergraben. \u201eDie dem Geld zugesprochene Sinnlichkeit kristallisiert sich sowohl im Bild des \u201aGeldjuden\u2018 als auch in dem der \u201aHure\u2018.\u201c (119) Im Fin de Si\u00e8cle fand sowohl in den moralisierenden und projektiven Diskursen \u00fcber die Prostitution wie im rassistischen Antisemitismus eine \u201e\u201aWiederbeleibung\u2018 der im Abstraktionsprozess desinkarnierten Zeichen\u201c (ebd.), des Geldes, statt. Die Prostituierte wurde und wird das unerkannte t\u00e4glich Brot aller, der Verkauf der Arbeitskraft projiziert, der als Verkauf der Person missverstanden wird. So tritt die Prostituierte \u201eals Verk\u00e4uferin und Ware zugleich in Erscheinung\u201c (121) und verwischt dadurch die Grenzen der getrennten Geschlechtersph\u00e4ren. \u201eWas sich nicht einordnen l\u00e4sst, sich dem Identit\u00e4ts- und Definitionszwang widersetzt, wirkt penetrant, ist verd\u00e4chtig und birgt die Gefahr, die hart erworbenen und fest gef\u00fcgten Grenzen aufzul\u00f6sen.\u201c (87) Diese aber sind Grundlage f\u00fcr die krampfhafte Beherrschung der Natur. Deshalb ist \u201edas Bed\u00fcrfnis nach Einheit, Eindeutigkeit und Ordnung f\u00fcr Antisemitismus und Sexismus grundlegend\u201c (ebd.). Andere Bilder, an welchen St\u00f6gner Antisemitismus und Sexismus analysiert, sind die \u201esch\u00f6ne J\u00fcdin\u201c, die \u201eJewish American Princess\u201c oder die Darstellung von NS-T\u00e4terinnen als \u201esingul\u00e4re Monstren\u201c (228).<\/p>\n<h3>Bekanntes neu betrachtet<\/h3>\n<p>Manches Bekannte r\u00fcckt Karin St\u00f6gner in ein neues Licht. Zuweilen erschrickt man beim Lesen vor der eigenen Bildheit f\u00fcr Offensichtliches: Die \u201eFeminisierung des Faschismus\u201c (221) nach 1945 etwa diente dazu, sich durch die Identifikation des Faschismus mit dem untergeordneten Weiblichen selbst dar\u00fcber erheben und also davon distanzieren zu k\u00f6nnen. St\u00f6gner zeigt diese offensichtliche Feminisierung in einem der bekanntesten S\u00e4tze Bertolt Brechts: \u201eDer Scho\u00df ist fruchtbar noch, aus dem das kroch\u201c. (223) Und das, was heute als Sexismus in der Werbung verhandelt wird, erfasst St\u00f6gner mit einem Zitat von Walter Benjamin: \u201eUnter der Herrschaft des Warenfetischs tingiert sich der sex-appeal der Frau mehr oder minder mit dem Appell der Ware. [&#8230;] Die moderne Reklame erweist von einer Seite, wie sehr die Lockungen von Weib und Ware mit einander verschmelzen k\u00f6nnen.\u201c (121)<\/p>\n<p>Die St\u00e4rke des Buches liegt darin, nicht nur ein wissenschaftliches Werk zu sein, sondern ankn\u00fcpfend an offene Fragen und Erlebtes mit theoretischer Fundierung aufzukl\u00e4ren. Bei Karin St\u00f6gner f\u00fcllt sich die abstrakte Form sogleich historisch konkret. Das Buch arbeitet nicht isoliert an den Begriffen des Sexismus und des Antisemitismus, sondern ist grundlegende materialistische Gesellschaftskritik, die zudem sprachlich Freude macht.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Nikolai Schreiter<\/p>\n<p>Karin St\u00f6gner (2014): Antisemitismus und Sexismus. Historisch-gesellschaftliche Konstellationen. Baden-Baden: Nomos-Verlag, 330 Seiten, 49,- Euro.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine ausschweifende Leseempfehlung zu \u201eAntisemitismus und Sexismus\u201c von Karin St\u00f6gner \u201eWo Natur blo\u00df zur bearbeiteten Materie herabgedr\u00fcckt wird, bedeutet mit ihr identifiziert zu werden ein Verdikt.\u201c (26) Mit diesem Satz fasst Karin St\u00f6gner in ihrer Studie \u201eAntisemitismus und Sexismus\u201c pr\u00e4gnant&hellip; <a href=\"https:\/\/gewi.bagru.at\/gezeit\/archiv\/2016\/naturbeherrschung-und-ideologie\/\" class=\"more-link\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"inline_featured_image":false,"footnotes":""},"categories":[2],"tags":[],"coauthors":[10],"class_list":["post-69","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-2"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/gewi.bagru.at\/gezeit\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/69","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/gewi.bagru.at\/gezeit\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/gewi.bagru.at\/gezeit\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/gewi.bagru.at\/gezeit\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/gewi.bagru.at\/gezeit\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=69"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/gewi.bagru.at\/gezeit\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/69\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":419,"href":"https:\/\/gewi.bagru.at\/gezeit\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/69\/revisions\/419"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/gewi.bagru.at\/gezeit\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=69"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/gewi.bagru.at\/gezeit\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=69"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/gewi.bagru.at\/gezeit\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=69"},{"taxonomy":"author","embeddable":true,"href":"https:\/\/gewi.bagru.at\/gezeit\/wp-json\/wp\/v2\/coauthors?post=69"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}