{"id":718,"date":"2020-08-02T20:08:37","date_gmt":"2020-08-02T18:08:37","guid":{"rendered":"https:\/\/www.fv-gewi.at\/gezeit\/?p=718"},"modified":"2020-08-02T20:12:04","modified_gmt":"2020-08-02T18:12:04","slug":"in-zeiten-brennender-mobilfunk-masten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gewi.bagru.at\/gezeit\/archiv\/2020\/in-zeiten-brennender-mobilfunk-masten\/","title":{"rendered":"In Zeiten brennender Mobilfunk-Masten"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Digitalisierung ist in aller Munde \u2013 zugleich scheint eine zweifelhafte Klarheit dar\u00fcber zu herrschen, worum es sich dabei \u00fcberhaupt handelt. Nach Ausbruch der COVID-19-Pandemie sind in diesem Zusammenhang in den vergangenen Monaten Auswirkungen und Ph\u00e4nomene sichtbar geworden, welche die spezifische Verdinglichung der Wirklichkeit durch die Digitalisierung ideologisch einh\u00fcllen und damit verdecken, was sich dem gesellschaftlichen Bewusstsein entzieht. Eine kritische Beschreibung, Analyse und Diagnose der Gegenwart sowie ihrer Prophet_innen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Es scheint auf der Hand zu liegen, von einem Ausnahmezustand, gar einer Krise fern der Normalit\u00e4t zu sprechen. Die von nahezu allen Regierungen weltweit vorgenommenen Pandemie-Verordnungen und ihre massiven Einschr\u00e4nkungen des \u00f6ffentlichen Lebens, wie wir es bisher kannten, l\u00f6sen diesen Affekt unwillk\u00fcrlich aus. Es scheint, als br\u00e4che der Lauf der Zeit entzwei in die moderne Welt vor und die nach der Pandemie. Dieser Einschnitt definiert so ein Ende des Bestehenden und deutet zugleich den Anfang einer noch unbestimmten Zukunft an. Wenig \u00fcberraschend und scheinbar automatisch hallt nun auf einmal ein verklungenes Echo nach dem Ruf eines \u201arevolution\u00e4ren Moments\u2018 zur\u00fcck. Gar allzu messianisch verhei\u00dfen zahlreiche Stimmen aller politischen Spektren, dass jetzt die Zeit einer Neueinrichtung der Welt gekommen sei. <a href=\"#note_1\" id=\"link_1\">[1]<\/a> Von zuhause aus? Wenn aber unerwarteterweise die Streaming-Verbindung der \u201arevolution\u00e4ren Zelle\u2018 abrei\u00dft, weil der_die Nachbar_in lieber die gesamte Bandbreite mit <em>Haus des Geldes<\/em> auf <em>Netflix<\/em> in Beschlag nimmt, dr\u00e4ngt sich einem_einer ern\u00fcchternd auf, die \u201aVerh\u00e4ltnisse\u2018 haben einen Strich durch die Rechnung gemacht. Offenbar ist es leider doch wieder kompliziert.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>\u201eDie sogenannte urspr\u00fcngliche Akkumulation\u201c vom K\u00fcchentisch<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Mitte M\u00e4rz 2020 \u00fcberschlagen sich die Nachrichten. Es schlie\u00dfen Kinderg\u00e4rten, Universit\u00e4ten, Museen, Theater, Kinos, Clubs \u2013 Arbeitsst\u00e4tten. Besch\u00e4ftigte werden entlassen, beurlaubt, in Kurzarbeit oder direkt ins <em>home office<\/em> geschickt. Die ganze Welt geht nach Hause \u2013 solang sie ein Zuhause hat. Die Stra\u00dfen sind leer, aber die Kabel der Netze gl\u00fchen. Was nun geschieht, ist alles andere als Stillstand. W\u00e4hrend wie von Geisterhand der Fernsehsender <em>ARTE<\/em> Live-Sets von menschenlosen Berliner Tanzfl\u00e4chen sendet, um vermeintlich das Sterben der Diskotheken aufzuhalten und Freundeskreise sich von nun an \u00fcber <em>ZOOM<\/em> gemeinsam gegen die Einsamkeit betrinken, startete am 03. April die<em> ZDF<\/em>-Miniserie \u201eDrinnen \u2013 Im Internet sind alle gleich\u201c, produziert von der <em>Bildundtonfabrik<\/em> (BTF) als kondensiertes Sinnbild dieses Zustandes.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDie 35-j\u00e4hrige Charlotte (Lavinia Wilson) wollte ihr Leben umkrempeln, und zwar so richtig. Mit ihrem Job in der Werbeagentur hadert sie schon lange und mit ihrer Familie l\u00e4uft es auch nicht rund. [\u2026][P]l\u00f6tzlich kommt die Pandemie und alles wird anders. Eigentlich wollte Charlotte einfach nur raus. Raus aus dem Job, raus aus der Ehe, aber jetzt muss sie erstmal inne halten und bleibt DRINNEN.\u201c <a href=\"#note_2\" id=\"link_2\">[2]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Geschrieben, produziert und gedreht direkt aus dem <em>home office<\/em>, hei\u00dft es gerade zu euphorisch vom ZDF-Hauptredaktionsleiter Frank Zervos. <a href=\"#note_3\" id=\"link_3\">[3]<\/a> Als Dreh- und Angelpunkt der Handlung fungiert das MacBook der Protagonistin. Doch anders als nur \u201aUnterhaltung\u2018 bringt die 15-teilige ZDFneo-Miniserie damit ganz unscheinbar das Wesen der aktuellen Lage hervor. Viel deutlicher als bei vergleichbaren weltpolitischen Situationen bisher, tritt auf einmal ein gesellschaftsformendes Prinzip aus dem Schatten heraus, welches scheinbar so allgegenw\u00e4rtig wie unerkannt ist. Nennen wir es der Einfachheit halber vorsichtig <em>Digitalisierung <\/em>. Bel\u00e4chelnd und mit einer gewissen Skepsis lie\u00dfe sich behaupten, dass es sich dabei lediglich um eines unter zahlreichen postmodernen ,Buzzwords\u2018 handele. Doch dies soll nicht dar\u00fcber hinweg t\u00e4uschen, dass es ohne Frage als solches gebraucht wird; was sich aber dahinter verbirgt, soll sich noch zeigen. Die blo\u00dfe Schlussfolgerung, aus wahrnehmbaren alltagskulturellen Ver\u00e4nderungen der vergangenen Monate von einer wie auch immer gearteten Krise oder einem Ausnahmezustand zu sprechen, vernebelt den \u00dcbergang von <em>Analogem <\/em>zu<em> Digitalem<\/em>. Eine materialistische Betrachtung dessen kann wom\u00f6glich grundlegend f\u00fcr die Durchdringung gesellschaftlicher Wirklichkeit sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Von zuhause aus zu arbeiten kann selbstredend auf den ersten Blick sehr komfortabel sein. Doch was geschieht, wenn das die einzige M\u00f6glichkeit ist, den eigenen Lebensunterhalt zu bestreiten oder die jeweilige Ausbildung fortzusetzen? Prek\u00e4re, nicht-systemrelevante Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnisse m\u00fcssen sich so kurzerhand und gezwungenerma\u00dfen den Raum mit Reproduktionsarbeit teilen. Vermittelt durch eine Datenleitung, scheint sich auf einmal die \u00f6ffentliche Sph\u00e4re auf wenige bewohnte Quadratmeter zu komprimieren. Eine solide Verbindung des Informationsaustausches und seine digitale Verlagerung der Sph\u00e4re des \u00d6ffentlichen in die private Wohnung hinein f\u00fchrt nun dazu, dass sich Lohnarbeitsverh\u00e4ltnisse weiter prek\u00e4r versch\u00e4rfen, da Arbeitgeber_innen \u00fcber das Diktum einer vielbeschworenen \u201eFlexibilit\u00e4t\u201c nun direkter Einfluss auf die Arbeitnehmer_innen nehmen k\u00f6nnen. Das geschieht durch die Expropriation der Privatsph\u00e4re und ihrer warenf\u00f6rmigen Reglementierung mittels der impliziten Erwartung, auch au\u00dferhalb regul\u00e4rer Arbeitszeiten und au\u00dferhalb der eigentlichen Arbeitsst\u00e4tte, n\u00e4mlich nun in den eigenen vier W\u00e4nden, f\u00fcr das Lohnarbeitsverh\u00e4ltnis verf\u00fcgbar sein zu m\u00fcssen. In diesem Sinne ist dieser Prozess unter dem Marx\u2019schen Begriff der urspr\u00fcnglichen Akkumulation zu begreifen. Grunds\u00e4tzlich hei\u00dft dies, dass Arbeiter_innen vom Eigentum ihrer Arbeitsbedingungen getrennt \u2013 enteignet \u2013 werden und damit zwangsweise in ein Verh\u00e4ltnis der Lohnarbeit \u00fcbergehen. <a href=\"#note_4\" id=\"link_4\">[4]<\/a> Dies beschrieb Marx zun\u00e4chst historisch im \u00dcbergang der b\u00e4uerlichen Arbeit zur doppeltfreien Lohnarbeit. Jedoch gilt es hierbei nicht, den Prozess der \u201esogenannten urspr\u00fcnglichen Akkumulation<em>\u201c<\/em> als ein spezifisch-historisches, sondern vor allem als ein allgemein-permanentes Verh\u00e4ltnis zu verstehen, das sich so auch in den t\u00e4glichen Zoom-Meeting-Marathons am K\u00fcchentisch oder aus dem Bett wirkm\u00e4chtig zeigt. Eigentumsverh\u00e4ltnisse, die bislang der Privatsph\u00e4re zugeschrieben waren, werden nun zu St\u00e4tten, an denen sich abstrakte Arbeit unter Konsumption materieller Bedingungen \u2013 wie beispielsweise die W\u00e4rme der Gasheizung, die eigenen gekauften M\u00f6bel und nicht zuletzt die Internetverbindung \u2013 in Wert vergegenst\u00e4ndlicht. Wenn man den Ausf\u00fchrungen von Marx folgt, dann m\u00fcssen wir davon ausgehen, dass durch eine globale Vernetzung eine vermittelte und unumkehrbare M\u00f6glichkeit geschaffen ist, eine bislang nicht zug\u00e4nglich gewesene materielle Basis zu erschlie\u00dfen, die somit an ein Kapitalverh\u00e4ltnis gekn\u00fcpft ist. Das anf\u00e4nglich als emanzipatorisches Moment proklamierte Internet als <em>global village<\/em> hat sich schon l\u00e4ngst im Dienste des Weltmarktes sowie des industrialisierten Fortschritts in ihr Gegenteil verkehrt. Zwar mag vielleicht gerade jetzt durch <em>home office<\/em>-Instastories dieses Ausbeutungsverh\u00e4ltnis zunehmend sichtbarer werden, doch scheinen die Bedingungen dieser Ausbeutung kaum jemanden hinter dem Ofen hervor zu holen, in dem das h\u00e4usliche <em>DIY<\/em>-Sauerteigbrot b\u00e4ckt.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Was nicht digital ist, findet nicht statt<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Denken wir nun an die \u201ainnovativen\u2018 Einf\u00e4lle und Angebote der letzten Monate: Theater streamen Aufzeichnungen \u201alegend\u00e4rer\u2018 Auff\u00fchrungen. Die Deutschen Bundesregierung hackt gemeinsam mit tausenden Freiwilligen an \u201aSolutions\u2018 (<em>#wirvsvirus<\/em>). Unz\u00e4hlige Online-Spendenaufrufe fluten die <em>Feeds<\/em> und alle Universit\u00e4ten stellen ihr Lehrangebot auf sogenanntes <em>home-learning<\/em> um. An all diesen Beispielen wird es kaum vorstellbar, dem stoischen und fast schon wahnhaften inh\u00e4rentem Diktum zu entkommen: alles <em>kann<\/em> digitalisiert werden, also <em>muss<\/em>&nbsp; alles digitalisiert werden. Noch 2019 benannte die Universit\u00e4t Wien ein neues Vizerektorat mit dem Titel \u201eDigitalisierung und Wissenstransfer\u201c, welches vom Wirtschaftsinformatiker Ronald Maier besetzt wurde. Angefangen bei der Digitalisierung von Forschung und Lehre reicht sein Arbeitsbereich \u00fcber die IT-Infrastruktur der Universit\u00e4t bis hin zur \u201e(Weiter-)Entwicklung digitaler Prozesse inklusive des Managementinformationssystems\u201c. <a href=\"#note_5\" id=\"link_5\">[5]<\/a> Die erste Amtshandlung Ronald Maiers war es, das neue \u201abahnbrechende\u2018 Erweiterungscurriculum \u201eDigitalisierung verstehen und mitgestalten\u201c zusammen mit der Ringvorlesung \u201eDigitale Transformationen\u201c aus der Taufe zu heben. Als Gegenstand einer ubiquit\u00e4ren Herausforderung kommt der Digitalisierung darin fast schon die Rolle einer \u201awilden Natur\u2018 zu, die es zu beherrschen gelte. Mit den Worten Ronald Maiers m\u00fcsse man ihr einfach \u201emit Freude\u201c begegnen, indem man \u201e\u00c4ngste adressiert\u201c, weil sich \u201edie Menschen sorgen\u201c w\u00fcrden. <a href=\"#note_6\" id=\"link_6\">[6]<\/a> Diese Aussage wirkt in ihrem funktionalen Jargon geradezu absurd und auch bezeichnend f\u00fcr die Virulenz der Thematik. Roger Behrens versucht in seinem Text \u201eWas ist das Digitale?\u201c die kulturhistorische Bedeutung des Begriffs innerhalb seiner jeweiligen ideologischen Bedingungen auszuloten und liefert darauf eine grundlegend kritische Diagnose. \u201eDer Kulturpessimismus von einst [h\u00e4tte sich] in einen Kulturoptimismus verwandelt\u201c und sei seit je dennoch im Geiste zwischen \u201ePopdiskursen\u201c und \u201epostb\u00fcrgerliche[m] Feuilleton\u201c konservativ geblieben. <a href=\"#note_7\" id=\"link_7\">[7]<\/a> Der Umgang mit der Digitalisierung finde so rein affirmativ-praktisch statt, doch worum es sich im materialistischen Sinne konkret handelt, wenn wir von Digitalisierung oder dem Digitalen sprechen, bleibt allzu oft unbeantwortet. Um die Digitalisierung aus dieser augenscheinlichen Mystifizierung zu befreien, w\u00e4re es notwendig, sie in erster Linie hinsichtlich des Naturverh\u00e4ltnisses, also ihrem Bezug zur gesamten wahrnehmbaren Welt der Dinge zu befragen, um somit eine begriffliche Pr\u00e4zisierung zu erm\u00f6glichen. So steht das Wort digital <em>digitus<\/em> etymologisch f\u00fcr den Finger oder die Zehen und damit einerseits f\u00fcr einen zeigenden Gestus, andererseits f\u00fcr eine Z\u00e4hlbarkeit von Dingen. In dieser rudiment\u00e4ren Funktion hat dies noch kaum etwas mit dem gemein, was wir landl\u00e4ufig als Digitalisierung bezeichnen w\u00fcrden. Trotzdem verbirgt sich darunter bereits ein Prinzip, die <em>erste Natur<\/em> formhaft und so beschreibbar zu machen. Dies geschieht jedoch nur unter dem Preis eines getakteten Reduktionismus, durch die Vereinzelung der mannigfaltigen Natur zu Monaden. Zeit wie auch Wert, beides gesellschaftlich durch Diskretion hervorgebracht, erm\u00f6glichen eine Quantifizierung als nur scheinbar unabh\u00e4ngige und gesetzm\u00e4\u00dfige Unterscheidbarkeit von Zust\u00e4nden. Erst dadurch kann die erste Natur als digitales Signal kommodifiziert werden. Gestaltlose erste Natur wird in dieser Weise \u00e4sthetisiert bzw. in eine vergesellschaftete <em>zweite Natur<\/em> \u00fcberf\u00fchrt. Die Dinge werden damit gewisserma\u00dfen der unbestimmten Welt enthoben.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch anders als in einem analogen System, wo in einem kontinuierlichen Vorgang durch die direkte Umwandlung von Energie Informationen angeh\u00e4uft werden, geschieht dies in einem digitalen System mittels unterschiedlicher Ann\u00e4herungsverfahren, beispielsweise innerhalb sogenannter Analog-Digital-Umsetzer. Dazu ist es notwendig, physische und zu \u00fcbersetzende Signale durch eine elektronische Spannungs\u00e4nderung zu erfassen, deren spezifischer Wert im dualen Zahlensystem mit der Leistung zahlreicher Logikgatter speicherbar und abrufbar wird. Da diese Mechanik begrenzten physikalischen Gesetzen unterliegt, produziert ein digitales System in jedem Fall Verluste gegen\u00fcber der ersten Natur. Diese Verluste lassen sich f\u00fcr die menschlichen Sinne zwar nicht unmittelbar wahrnehmen und scheinen so auf den ersten Blick unwesentlich, die dadurch erzeugten \u201aFehler\u2018 sind aber gerade \u201asystemrelevant\u2018, indem sie die Funktionalit\u00e4t gew\u00e4hrleisten. Greifen wir jetzt wieder die \u201eurspr\u00fcngliche Akkumulation\u201c auf, so zeigt sich, dass genau durch den von der Digitalisierung vorgenommenen rationalisierten und entfremdenden Zugriff auf die Privatsph\u00e4re die Produktion von Wert erst m\u00f6glich wird. Obgleich sich materiell weder etwas an den Dingen der Welt noch augenscheinlich dem Eigentum ge\u00e4ndert hat, wurde etwas hinzugef\u00fcgt, das sich der ersten Natur entzieht. Alfred Sohn-Rethel erkennt an diesem Moment die bereits von Marx ins Spiel gebrachte Teilung von geistiger und materieller Arbeit.<a href=\"#note_8\" id=\"link_8\">[8]<\/a> Dem \u201eexakten Begriff der Natur\u201c, wie ihn Alfred Sohn-Rethel darin denkt, wird zugleich das mechanistische Denken in derselben vorausgesetzt, das ebenso seinen Ursprung in der Prim\u00e4rabstraktion des Tauschverh\u00e4ltnisses hat und aus der sich damit die Handlung wechselseitiger privater Aneignung pr\u00e4sentiert. <a href=\"#note_9\" id=\"link_9\">[9]<\/a> Sohn-Rethel gelingt es so, die idealistische Fetischisierung der Mathematik als mutma\u00dfliches Produkt reinen Verstandes wieder auf das gesellschaftliches Sein zur\u00fcck zu f\u00fchren. Die Mathematik ist demnach weniger als blo\u00df abstrakt und formelhaft, sondern vielmehr als Grundlage eines verdinglichten&nbsp; Bewusstseins zu begreifen. Jedoch zeugt die Wirklichkeit des grassierenden, undialektischen Irrationalismus wohl eher vom Scheitern oder einer Schrumpfform dieser Erkenntnis.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Bill Gates in der \u201eVerwalteten Welt\u201c<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Eine Pandemie ist zun\u00e4chst eine Naturkatastrophe besonderer Art, da sie sich unserer direkten sinnlichen Wahrnehmung entzieht. Die Auswirkungen eines Tsunamis, Erdbebens oder einer Lawine hingegen sind in erster Linie kausal mit der Zerst\u00f6rung, die sie hinterlassen und damit unmittelbar nachvollziehbar. Die stete Ausbreitung von SARS-CoV-2 kann so f\u00fcr uns nur durch Ziffern darstellbar und begreifbar gemacht werden. Allzu pr\u00e4sent sind die Diagramme der John-Hopkins-University <a href=\"#note_10\" id=\"link_10\">[10]<\/a> sowie die modellhaften Prognosen des zeitlichen Infektionsverlaufs durch eind\u00e4mmende Ma\u00dfnahmen. Es handelt sich dabei um nichts anderes als die Vergesellschaftung von Natur. Wenngleich diese blo\u00dfe Verdatung der Natur im Vertrauen in evidenzbasierte Medizin und Wissenschaft keinerlei Zweifel hegt, zeigt es sich, dass eine altbekannte \u201aSkepsis\u2018 die Runde macht. Es f\u00e4llt schwer, bekennende Antisemit_innen und Verschw\u00f6rungstheoretiker_innen als Skeptiker_innen zu benennen. W\u00e4hrend man jene gutgl\u00e4ubig in der Vormoderne w\u00e4hnt, fristen sie ihr Dasein direkt vor unseren Augen auf <em>Youtube<\/em>, <em>Facebook<\/em> und Co. In diesem spezifischen Aspekt einen sich viele der kruden Erkl\u00e4rungsversuche. Mal ist es das Virus, das einem hochtechnologischen Labor entstamme, dann ist es wieder Bill Gates, dessen erkl\u00e4rtes Ziel es sei, mit der Unterst\u00fctzung der WHO und einer Erforschung des Impfstoffes die Menschheit zu \u201emicro-chippen\u201c, und mal wird der Ausbau des 5G-Netzes f\u00fcr die Pandemie verantwortlich gemacht. Die Basis dieses \u201aaufkl\u00e4rerischen\u2018 Bewusstseins formiert sich aus einer Melange von Moderne- und Technikfeindlichkeit, die wahnhaft intrigante Herrschaftsordnungen herbeiphantasiert. Sicherlich lie\u00dfe sich ihnen lapidar ein fehlender Realit\u00e4tssinn attestieren, wenn nicht gerade darin das Problem l\u00e4ge. Paradigmatisch f\u00fcr das, was Adorno und Horkheimer die \u201eVerwaltete Welt\u201c nennen, ver\u00e4u\u00dfern sich verzweifelte Subjekte, denen die Verdinglichung zu Kopf gestiegen ist. <a href=\"#note_11\" id=\"link_11\">[11]<\/a> Gem\u00e4\u00df Adorno findet der antinomische Bruch von Kultur und Verwaltung, der sich in der Trennung von geistiger und materieller Arbeit durchsetzt, seine ideologische Aufwertung und damit seine Untrennbarkeit von der integralen Vergesellschaftung. Ob nun spekulativer Fortschrittsoptimismus oder regressive Feindseligkeit gegen\u00fcber dem Fortschritt: hier verbirgt sich ein falsches Bewusstsein, das an der eigenen Irrationalit\u00e4t gegen\u00fcber der Wirklichkeit scheitert und durch ein beherrschbares Wunschdenken substituiert wird. Die Versprechungen m\u00f6gen noch so befreiend klingen, doch sind sie totalit\u00e4r und blo\u00dfer Schein.<\/p>\n\n\n\n<p>Angesichts hunderttausend sterbender Menschen weltweit, notwendiger Einschr\u00e4nkungen von Grundrechten und nicht zuletzt zunehmender Prekarisierung, wirkt der Versuch geradezu absurd, in irgendeiner Form Hoffnung zu sch\u00f6pfen. Deshalb ist es in jeder Hinsicht undenkbar, von einer \u201arichtigen Zeit\u2018 zu sprechen, wenn sich dann nur der Irrationalismus als Ausdruck eines vernebelten, naturalisierten, aber doch allgegenw\u00e4rtigen Zustandes zu erkennen gibt. Denn ebenso wenig wie ein veganer Koch wird ein Vizerektor f\u00fcr Digitalisierung dem gerecht, was einer emanzipatorischen Gesellschaftskritik bedarf. Sich von den \u201aVerh\u00e4ltnissen\u2018 blind machen zu lassen, ist keine Frage des Studiums, sondern Ausdruck von ideologisiertem Pragmatismus.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Fu\u00dfnoten<\/h2>\n\n\n\n<p><a href=\"#link_1\" id=\"note_1\">[1]<\/a> Es sei hier auf die bezeichnenden \u201aVisionen\u2018 des \u201aZukunftsforschers\u2018 Matthias Horx verwiesen: \u201eVielleicht war der Virus nur ein Sendbote aus der Zukunft. Seine drastische Botschaft lautet: Die menschliche Zivilisation ist zu dicht, zu schnell, zu \u00fcberhitzt geworden. Sie rast zu sehr in eine bestimmte Richtung, in der es keine Zukunft gibt. Aber sie kann sich neu erfinden.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Horx, Matthias: Die Welt nach Corona, URL: <a href=\"https:\/\/bit.ly\/2Z3s0Yi\">bit.ly\/2Z3s0Yi<\/a> (abgerufen 22.06.2020).<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#link_2\" id=\"note_2\">[2]<\/a> ZDF: DRINNEN &#8211; Im Internet sind alle gleich, URL: <a href=\"https:\/\/bit.ly\/2zQsIiH\">bit.ly\/2zQsIiH<\/a> (abgerufen 01.06.2020).<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#link_3\" id=\"note_3\">[3]<\/a> vgl. ZDF Presse und Informationen: ZDFneo startet aktuelle Serie \u201eDrinnen \u2013 Im Internet sind alle gleich\u201c, URL: <a href=\"https:\/\/bit.ly\/3csYC2k\">bit.ly\/3csYC2k<\/a> (abgerufen 01.06.2020).<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#link_4\" id=\"note_4\">[4]<\/a> vgl. Marx, Karl: Das Kapital. Kritik der Politischen \u00d6konomie Erster Band, MEW Bd. 23. Dietz. Berlin 1962, S. 742.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#link_5\" id=\"note_5\">[5]<\/a> Medienportal Universit\u00e4t Wien: Universit\u00e4t Wien: Neues Rektorat ab Oktober 2019, URL: <a href=\"https:\/\/bit.ly\/2ZRlTbs\">bit.ly\/2ZRlTbs<\/a> (abgerufen 01.06.2020). Universit\u00e4t Wien: Ronald Maier Gesch\u00e4ftsbereich, URL: <a href=\"https:\/\/bit.ly\/3gH06sX\">bit.ly\/3gH06sX<\/a> (abgerufen 01.06.2020).<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#link_6\" id=\"note_6\">[6]<\/a> Center for Teaching and Learning (CTL) Universit\u00e4t Wien: Short&amp;Sweet Summary 2: Ringvorlesung \u201eDigitale Transformationen\u201c, WS 2019\/20, Uni Wien, Youtube, URL: <a href=\"https:\/\/youtu.be\/YKij_10XrDM?t=585\">youtu.be\/YKij_10XrDM?t=585<\/a> (abgerufen 01.06.2020).<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#link_7\" id=\"note_7\">[7]<\/a> Behrens, Roger: \u201eWas ist das Digitale?\u201c, URL: <a href=\"https:\/\/bit.ly\/3gDB65Q\">bit.ly\/3gDB65Q<\/a> (abgerufen 01.06.2020).<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#link_8\" id=\"note_8\">[8]<\/a> Alfred Sohn-Rethel schreibt dar\u00fcber hinaus: \u201eEs ist purer Formalismus der zweiten Natur und bezeugt durch seine Beschaffenheit indirekt, da\u00df in der Antike die Kapitalform des Geldes, also der Funktionalismus der zweiten Natur, zuletzt steril geblieben ist, n\u00e4mlich zwar die Arbeit entsklavt, aber doch die produktive Verwendung der freigelassenen Arbeitskraft in keiner beachtenswerten Weise, wenn \u00fcberhaupt, erh\u00f6ht hat.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Sohn-Rethel, Alfred: Geistige und k\u00f6rperliche Arbeit, VCH. Weinheim 1989, S. 122.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#link_9\" id=\"note_9\">[9]<\/a> vgl. ebd., S. 125, 127.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#link_10\" id=\"note_10\">[10]<\/a> John-Hopkins Universiy &amp; Medicine: COVID-19 Dashboard by the Center for Systems Science and Engineering (CSSE) at Johns Hopkins University (JHU), URL: <a href=\"https:\/\/bit.ly\/36MDuCQ\">bit.ly\/36MDuCQ<\/a> (abgerufen 01.06.2020).<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#link_11\" id=\"note_11\">[11]<\/a> So schreibt Adorno: \u201eVerwaltung aber repr\u00e4sentiert notwendig, ohne subjektive Schuld und ohne individuellen Willen, das Allgemeine gegen das Besondere. Das Gef\u00fchl des Windschiefen, Unvereinbaren im Verh\u00e4ltnis von Kultur und Verwaltung heftet sich daran. Es bezeugt den stets noch antagonistischen Charakter einer stets weiter sich vereinheitlichenden Welt.\u201c (Adorno, Theodor W.: \u201eKultur und Verwaltung\u201c in: Tiedemann, Rolf (Hg.), Soziologische Schriften Bd. 1, Suhrkamp, Frankfurt a. M. 1979, S. 128.)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Digitalisierung ist in aller Munde \u2013 zugleich scheint eine zweifelhafte Klarheit dar\u00fcber zu herrschen, worum es sich dabei \u00fcberhaupt handelt. Nach Ausbruch der COVID-19-Pandemie sind in diesem Zusammenhang in den vergangenen Monaten Auswirkungen und Ph\u00e4nomene sichtbar geworden, welche die spezifische&hellip; <a href=\"https:\/\/gewi.bagru.at\/gezeit\/archiv\/2020\/in-zeiten-brennender-mobilfunk-masten\/\" class=\"more-link\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"inline_featured_image":false,"footnotes":""},"categories":[58],"tags":[85,87,88],"coauthors":[86],"class_list":["post-718","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-58","tag-corona","tag-digitalisierung","tag-kritische-theorie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/gewi.bagru.at\/gezeit\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/718","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/gewi.bagru.at\/gezeit\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/gewi.bagru.at\/gezeit\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/gewi.bagru.at\/gezeit\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/gewi.bagru.at\/gezeit\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=718"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/gewi.bagru.at\/gezeit\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/718\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":725,"href":"https:\/\/gewi.bagru.at\/gezeit\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/718\/revisions\/725"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/gewi.bagru.at\/gezeit\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=718"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/gewi.bagru.at\/gezeit\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=718"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/gewi.bagru.at\/gezeit\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=718"},{"taxonomy":"author","embeddable":true,"href":"https:\/\/gewi.bagru.at\/gezeit\/wp-json\/wp\/v2\/coauthors?post=718"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}