{"id":76,"date":"2016-10-19T18:43:33","date_gmt":"2016-10-19T16:43:33","guid":{"rendered":"https:\/\/www.fv-gewi.at\/gezeit\/?p=76"},"modified":"2018-04-05T13:28:46","modified_gmt":"2018-04-05T11:28:46","slug":"rettung-vor-der-fruehsexualisierung-des-abendlandes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gewi.bagru.at\/gezeit\/archiv\/2016\/rettung-vor-der-fruehsexualisierung-des-abendlandes\/","title":{"rendered":"Rettung vor der \u201e(Fr\u00fch)sexualisierung\u201c des Abendlandes"},"content":{"rendered":"<p>Rechtsextreme Bezugnahmen auf aktuelle Geschlechterpolitiken zeichnen sich einerseits durch zutiefst biologistische Vorstellungen von Geschlecht aus, andererseits durch den un\u00fcbersehbaren Wunsch nach einer Wiederherstellung der als \u201enat\u00fcrlich\u201c imaginierten Geschlechterordnung. Dabei haben Rechtsextreme nicht nur (staatlichen) Gleichstellungsma\u00dfnahmen wie Gender-Mainstreaming oder Quoten den Kampf angesagt, sondern mobilisieren seit einigen Jahren auch gegen fr\u00fchkindliche Sexualerziehung. In diesem Zusammenhang werden auch die antifeministischen Allianzen von einschl\u00e4gig rechtsextremen Parteien und Gruppierungen auf der einen und vermeintlich besorgten Eltern auf der anderen Seite deutlich sichtbar.<\/p>\n<p>\u201eWer die Natur liebt, sollte ihre Gesetze achten!\u201c, lauten die ersten Worten einer \u201eFilm-Doku\u201c mit dem Titel \u201ePorno, Peitsche, P\u00e4dophilie \u2013 Perversion im Klassenzimmer\u201c der deutschen Wochenzeitschrift Jungen Freiheit (JF). Das rund 50 min\u00fctige Pamphlet, das auch als Teil ihrer Kampagne \u201eGender mich nicht!\u201c fungiert, nimmt damit auf jene zeitgem\u00e4\u00dfen p\u00e4dagogischen Ans\u00e4tze der Sexualerziehung im fr\u00fchen Kindesalter Bezug, die weit \u00fcber die extreme Rechte hinaus unter dem Schlagwort und Kampfbegriff \u201eFr\u00fchsexualisierung\u201c zum Bedrohungsszenarium f\u00fcr die heterosexuelle Ehe, Familie und Kinder inszeniert werden. Was in diesen Kreisen als \u201everst\u00f6rend\u201c, \u201eskandal\u00f6s\u201c oder auch \u201ebesorgniserregend\u201c verhandelt wird, meint jedoch eigentlich p\u00e4dagogische Ans\u00e4tze, die Kindern ein positives K\u00f6rpergef\u00fchl, Abbau von Schamgef\u00fchlen und die Entwicklung einer verantwortungsvollen, selbstbestimmten Sexualit\u00e4t erm\u00f6glichen und dazu bef\u00e4higen sollen, (sexualisierte) Gewalt zu erkennen und sich gegen diese zur Wehr zu setzen. In kindergerechter Weise werden Heterosexualit\u00e4t und Zweigeschlechtlichkeit nur als eine von vielen gleichberechtigten M\u00f6glichkeiten geschlechtlicher und sexueller Lebens- und Begehrensformen pr\u00e4sentiert und von \u201enat\u00fcrlichen\u201c Vorstellungen von Sexualit\u00e4t Abstand genommen. Grund genug f\u00fcr konservative und rechte Kr\u00e4fte Sturm zu laufen und die Natur gegen soziale und politische Ver\u00e4nderungen in Stellung zu bringen.<\/p>\n<p>Verlinkt wird der erw\u00e4hnte Clip n\u00e4mlich nicht nur, wie es das Leser_innenspektrum der Jungen Freiheit vermuten lassen w\u00fcrde, auf einschl\u00e4gig rechtskonservativen oder rechtsextremen Seiten. Im April 2016 ziert er auch die Startseite des Blog des stuttgarter Aktionsb\u00fcndnisses \u201eDemo f\u00fcr alle!\u201c, einem Zusammenschluss von \u201eFamilienorganisationen, politischer Vereine, engagierter Einzelpersonen und Initiativen\u201c, deren vorrangige politische Agenda sich gegen \u201eGender-Ideologie und Sexualisierung unserer Kinder\u201c richtet. [<a href=\"#note_1\" name=\"link_1\">1<\/a>] Nach franz\u00f6sischem Vorbild, wo die \u201eLa Manif Pour Tous\u201c \u00fcber 1,5 Millionen Menschen f\u00fcr homophobe Anliegen auf die Stra\u00dfe brachten, machen seit Anfang 2014 auch in Deutschland \u201ebesorgte Eltern\u201c Stimmung gegen Pl\u00e4ne, sexuelle Erziehung in den Lehrpl\u00e4nen der Sexualkunde in Schulen zu integrieren und k\u00f6nnen sich dabei einer Allianz aus konservativen Eltern, Rechtsextremen und christlichen Fundamentalist_innen als Unterst\u00fctzer_innen gewiss sein. Dass Distanzierungen von homophobem Gedankengut rein rhetorisch bleiben, verdeutlichen nicht nur einschl\u00e4gig bekannte Redner_innen auf den bundesweiten Demonstrationen, sondern vor allem auch die Ablehnung von \u201eGenderismus\u201c bzw. der \u201eGender-Ideologie\u201c, die als Ursache s\u00e4mtlichen \u00dcbels ausgemacht wird, \u201eKinderseelen zerst\u00f6ren\u201c und zu \u201eEntwurzelung\u201c f\u00fchren w\u00fcrden.<\/p>\n<h3>\u201eStaatliche Umehrziehung\u201c<\/h3>\n<p>In der Diskreditierung der beschriebenen p\u00e4dagogischen Ans\u00e4tze bedienen sich ihre Gegner_innen altbekannter Methoden, die von selektiven Darstellungen \u00fcber die Umdeutung von Diskursen hin zur Verbreitung von Unwahrheiten reichen. So ist in einschl\u00e4gigen Ver\u00f6ffentlichungen und Wortbeitr\u00e4gen von \u201eideologischer Stimmungsmache\u201c, \u201estaatlicher Umerziehung\u201c, \u201eIndoktrination\u201c,\u201eManipulation\u201c oder der \u201eTrans- und Homosexualisierung\u201c der Kinder und Schulen zu lesen und zu h\u00f6ren. Nicht selten inszenieren sich die selbsternannten Retter_innen der \u201eKernfamilien\u201c dabei als die eigentlichen Diskriminierten, da \u201eBerufsschwule\u201c und \u201eGenderbeauftragte\u201c, so die beinahe zu wahnhaften Vorstellungen, bis in die Klassenzimmer die Erziehung ihrer Kinder bestimmen k\u00f6nnten, w\u00e4hrend die Rechte der Eltern ausgehebelt w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Der Diskurs fixiere sich zudem zu stark auf \u201eDiskriminierungen, die in der sexuellen Identit\u00e4t begr\u00fcndet sind\u201c, wohingegen andere Benachteiligungen au\u00dfer Acht gelassen w\u00fcrden und so wird \u201eFr\u00fchsexualisierung\u201c von der Aufl\u00f6sung der Familie bis hin zum Niedergang des Bildungssystems und des (deutschen) Volkes f\u00fcr so ziemlich alles verantwortlich gemacht. Wenig verwunderlich auch, dass in antifeministischer Manier Vaterlosigkeit als schwerwiegenderes Problem in Stellung gebracht und in weiterer Folge bejammert wird, dass (frauenfeindliche) V\u00e4terrechtsorganisationen nicht in gleicher Weise an Schulen d\u00fcrften wie Sexualp\u00e4dagog_innen. Umschreibungen wie \u201eunnat\u00fcrlich\u201c, \u201epervers\u201c oder gar \u201ep\u00e4dophil\u201c zielen zudem nicht nur darauf ab, Homosexualit\u00e4t damit in Verbindung zu bringen, sondern alles von Heterosexualit\u00e4t abweichende zu stigmatisieren.<\/p>\n<h3>Aufrechterhaltung von Privilegien<\/h3>\n<p>Der Grund f\u00fcr das unglaubliche Mobilisierungspotential derartiger Diskurse kann vor allem darin gefunden werden, dass durch Sexualerziehung im fr\u00fchen Kindesalter tats\u00e4chlich die M\u00f6glichkeit besteht, sexistischen, homo- und transfeindlichen Denkmustern pr\u00e4ventiv vorzubeugen. In Aufruhr scheinen Rechtsextreme und ihre Verb\u00fcndeten jedoch vor allem darin gefunden werden, dass durch Sexualerziehung im fr\u00fchen Kindesalter tats\u00e4chlich die M\u00f6glichkeit besteht, sexistischen, homo- und transfeindlichen Denkmustern pr\u00e4ventiv vorzubeugen. In Aufruhr scheinen Rechtsextreme und ihre Verb\u00fcndeten jedoch vor allem deswegen zu sein, weil durch derartige Bestrebungen nicht nur dichotome Geschlechtervorstellungen ins Wanken geraten, sondern auch die traditionelle heteronormative, b\u00fcrgerliche Kleinfamilie.<\/p>\n<p>In diesem Sinne meint auch Andreas Hechler: \u201eHeterosexualit\u00e4t und Zweigeschlechtlichkeit als M\u00f6glichkeiten gleichberechtigt neben viele andere zu stellen, ist ein fundamentaler Angriff auf ein Verst\u00e4ndnis, das Sexualit\u00e4t als \u201enat\u00fcrlich\u201c fasst und es dar\u00fcber hinaus auf Fortpflanzung (der \u201aVolksgemeinschaft\u2018) verengt. Der Wunsch nach Klarheit und Eindeutigkeit l\u00f6st sich durch das Offenlassen von allen geschlechtlichen und sexuellen M\u00f6glichkeiten im Nichts auf \u2013 die \u201aVolksgemeinschaft\u2018 beginnt zu br\u00f6ckeln.\u201c [<a href=\"#note_2\" name=\"link_2\">2<\/a>]<\/p>\n<p>Aktuell versucht auch eine neu gegr\u00fcndete europ\u00e4ische B\u00fcrger_inneninitiative \u201eMum Dad &amp; Kids \/ Vater, Mutter, Kind\u201c, unterst\u00fctzt von nationalen Initiativen, eine Million Unterschriften \u201ef\u00fcr eine klare und pr\u00e4zise Definition von Ehe und Familie im EU-Recht\u201c zu sammeln \u201eum die Zerst\u00f6rung von Ehe und Familie durch Neudefinition gem\u00e4\u00df Gender-Ideologie abzuwehren\u201c. Die heterosexuelle Familie w\u00e4re, so ihre antiquierte Vorstellung, \u201edie Grundeinheit jeder Gesellschaft\u201c [<a href=\"#note_3\" name=\"link_3\">3<\/a>] zu der \u201enur ein Mann und eine Frau [in] gemeinsamer Elternschaft bef\u00e4higt\u201c seien. Die Beschw\u00f6rung dieser heterosexuellen Kleinfamilie stellt dabei jedoch nur einen kleinen Teil des Problems diskriminierender Politiken und Rhetoriken dar. Der weitaus gr\u00f6\u00dfere, dahinter stehende Bedeutungszusammenhang ergibt sich durch die damit verbundene Naturalisierung des Sozialen. Das bedeutet, dass Liebes- und Begehrensformen, Sexualit\u00e4ts- und Geschlechteridentit\u00e4ten eben nicht als sozial geformte und w\u00e4hlbare und nebeneinander gleichberechtigte anerkannt werden, sondern mit dem R\u00fcckgriff auf die Natur behauptet wird, es g\u00e4be eine nat\u00fcrliche, die als vermeintliche Norm verteidigt wird. Dementsprechend wird die Familie als \u201eKeimzelle, R\u00fcckgrat und Leistungstr\u00e4ger\u201c der Gesellschaft dagegen in Stellung gebracht um vermeintlich nat\u00fcrliche Geschlechterordnungen und die damit verbundenen Privilegien aufrechtzuerhalten und abzusichern. Das vermeintliche Wohl der Kinder hingegen wird dabei lediglich f\u00fcr die eigenen Interessen instrumentalisiert.<\/p>\n<p style=\"text-align: right\">Judith Goetz<\/p>\n<h3>Links:<\/h3>\n<ul>\n<li><a href=\"#link_1\" name=\"note_1\">1<\/a>: https:\/\/demofueralle.wordpress.com\/eine-seite\/wer-wir-sind\/<\/li>\n<li><a href=\"#link_2\" name=\"note_2\">2<\/a>: https:\/\/www.progress-online.at\/artikel\/die-volksgemeinschaft%E2%80%98%E2%80%98-br%C3%B6ckelt<\/li>\n<li><a href=\"#link_3\" name=\"note_3\">3<\/a>: http:\/\/www.mumdadandkids.eu\/<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rechtsextreme Bezugnahmen auf aktuelle Geschlechterpolitiken zeichnen sich einerseits durch zutiefst biologistische Vorstellungen von Geschlecht aus, andererseits durch den un\u00fcbersehbaren Wunsch nach einer Wiederherstellung der als \u201enat\u00fcrlich\u201c imaginierten Geschlechterordnung. 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